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Sehr aufregend für mich war eine Anfrage einer italienischen Zeitschrift, die mich zu meinem gerade erschienenen Roman interviewt hat. Das Interview wurde auf italienisch geführt. Da es nicht in Deutschland erscheinen wird, darf ich einen von mir übersetzten Abdruck hier veröffentlichen.

F: Chiara, sind Sie nicht etwas zu jung für eine Biografie?

A: Ja, natürlich. Eine Biografie schreibt man eigentlich rückblickend, auf ein ganzes Leben. Soweit bin ich hoffentlich noch lange nicht. Ich würde es auch nicht Biografie nennen, ich sage lieber, es ist ein biografischer Roman.

F: Sie legen in Ihrem Roman einige Geheimnisse offen, zu Ihrer Person, aber auch Ihre Familie betreffend. War die Entscheidung dazu schwierig für Sie?

A: Ja, diese Entscheidung war sehr schwierig für mich. Ich habe auch lange gezögert, aber schließlich war es mir einfach wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Es war wichtig für mich, aber auch wichtig für Alessandra, meine Nichte, die eine große Rolle im Roman spielt.

F: Weil Sie Alessandra gerade erwähnen, Sie haben, wie Sie am Ende des Buchs schreiben, einige Namen und Orte abgeändert, aber Alessandra scheint tatsächlich so zu heißen?

A: Ja. Ich habe das mit ihr besprochen und es war ihr eigener Wunsch, dass ich ihren Namen nicht ändere. Sie sagte mir, sie wolle nicht irgendwann ihren Kindern erklären müssen, warum im Buch nicht ihr richtiger Name steht.

F: Wie hat Ihre Familie auf das Buch reagiert?

A: Fast muss ich sagen, noch schlimmer, als ich es ohnehin erwartet hatte. Aber sie brauchen natürlich auch etwas Zeit, damit umzugehen. Zuerst, als es nur als Ebook erschien, waren sie schon ziemlich geschockt. Aber das war irgendwie noch nicht richtig greifbar. Nun ist die Taschenbuchausgabe erschienen und eine Veröffentlichung in Italien ist bereits fest geplant. Unser Verhältnis ist derzeit etwas…angespannt. Aber das wusste ich vorher.

F: Wann dürfen wir mit einer Veröffentlichung in Italien rechnen?

A: Ich werde mich nach Weihnachten nach einem Übersetzer umsehen, da ich bereits am zweiten Teil schreibe, kann ich es nicht selbst machen. Ich plane, circa im Frühjahr so weit zu sein, dass wir in Italien starten.

F: Warum haben Sie zuerst in Deutschland veröffentlicht?

A: Eine gute Frage. Als ich hierher kam, begann ich einen Blog zu schreiben. Ich habe mir einfach mein Heimweh von der Seele geschrieben. Irgendwann fing ich an, auch Teile aus meinem Leben darin zu veröffentlichen. Und immer mehr Menschen sagten plötzlich, sie wollten die ganze Geschichte hören. Und ich merkte, dass es mir gut tat, sie aufzuschreiben. Als mir dann klar wurde, dass letztlich alles hier in Deutschland begonnen hat, dachte ich mir, nun, warum nicht hier zuerst. Aber eine Veröffentlichung in Italien stand nie außer Frage. Die Reihenfolge hat sich einfach so ergeben.

F: In Deutschland dürfte niemand Ihre Familie näher kennen, zumal sie nur den Mädchennamen Ihrer Mutter verwenden. In Italien dagegen wird es nicht ganz so schwer sein, zu erraten, wer Sie sind. Wir haben natürlich auch schon die eine oder andere Idee…

A: Ja, das ist durchaus möglich. Andererseits hat es meine Familie über all die Jahre geschafft, sich, und vor allem auch uns Kinder, möglichst aus Presseberichten herauszuhalten. Unsere Regel Nummer eins, die für alle galt, war: nie irgendwelche öffentlichen Fotos. Sicher ist unser Familienname relativ bekannt. Aber den Zusammenhang zu mir herzustellen, nun, das ist eher unwahrscheinlich.

F: Sie leben derzeit in Deutschland, in München. Wie ist das Leben dort?

A: Deutschland ist ein ungeheuer beeindruckendes Land. Wäre ich nicht so kälteempfindlich, würde ich es noch viel mehr genießen. Aber, was es besonders angenehm macht, ist, dass die Deutschen absolut bescheidene Menschen sind. In jedem anderen Land, das über diese Wirtschaftsleistung, diesen hohen Standard und Lebenskomfort verfügte, würden die Menschen vor Stolz auf dem Kopf laufen. Die Deutschen dagegen sind sich dessen gar nicht bewusst. Eine Eigenschaft, die es sehr, sehr leicht macht, sich hier wohlzufühlen.

F: Lassen Sie uns über „Il Tedesco“ reden, der Deutsche, der Ihrem Buch den Titel gab. Wie hat er auf die Veröffentlichung reagiert?

A: Bis jetzt noch gar nicht. Wir hatten keinen Kontakt mehr, auch nicht, als ich nach Deutschland kam. Bis er mich dann über Twitter gefunden hat. Im Vorfeld, als er mitbekam, dass ich dieses Buch schreibe, war er nicht begeistert und hat versucht, mich davon abzuhalten. Aber ich denke, es gibt nichts darin, was ihn angreift, daher denke ich, es ist in Ordnung für ihn.

F: Am Ende des Buchs erwähnen Sie eine Fortsetzung, auch der Titel steht schon fest, ist dort zu lesen. “La Tedesca – Die Deutsche”. Meinen Sie damit sich?

A: Ja. Trotz italienischem Pass und wenig Erfahrung hier in Deutschland, kommt ein Teil meiner Wurzeln ja auch von hier. Und ich habe gemerkt, dass sich Herkunft nie verleugnen lässt. Natürlich hat mich mein Leben in Italien geprägt. Aber, ich merke immer wieder, dass ich auch sehr „deutsch“ reagieren kann, gerade in meinem Job. Und da ich hier, bis Alessandra im August zu mir gezogen ist, eigentlich nur deutsch gesprochen habe, mich mit Deutschen getroffen habe, wurde mein Leben teilweise eben auch das einer „Tedesca“. Darum wird es auch im zweiten Teil gehen, meine Erlebnisse, die ich hier hatte.

F: Stichpunkt zweiter Teil. Das wirft die Frage nach einem dritten Teil auf?

A: Ja, das ist richtig, einen dritten Teil habe ich ebenfalls bereits geplant. Auch da steht der Titel schon fest. Aber den verrate ich noch nicht, das erfahrt ihr am Ende von „La Tedesca“.

F: Chiara, danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, uns so ausführlich zu antworten. Wir wünschen Dir alles Gute.

A: Ich danke euch!

(Das Interview wird voraussichtlich Januar/ Februar 2014 in italienischer Sprache erscheinen.)

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

iL Tedesco

Wieder hab ich es nicht geschafft, die guten Vorsätze auch tatsächlich zu leben. Gestern war wieder einer dieser „Big-Points“, diese Termine, bei denen es ja jedesmal wieder um „den großen Deal“ geht. Wie ich es hasse! Wochenlange Vorbereitungen – und dann einen Termin zur Unterschrift, genau am Montag. Und, wie jedesmal, kommt am Freitag in letzter Sekunde noch ein Problem um die Ecke, mit einem großen Schild auf der Stirn: „Ich bin der Deal-Breaker“. Es lacht dir höhnisch ins Gesicht, stürzt die ganze Tagesplanung über den Haufen und schickt dich dann Freitagabend, wenn du alles versucht hast, in ein ungewisses Wochenende. Der Montag dann begann mit Magenschmerzen und einem Mammutprogramm, um den Fünfzehn-Uhr-Termin zu retten. Auf dem Weg zum Meeting dann gnadenloser Stau. Nervös auf das Lenkrad trommelnd, eine Zigarette nach der anderen aus dem Fenster blasend, blickt man um sich herum in andere angespannte Gesichter. Scheinbar fährt die ganze Welt entweder für wichtige Deals oder für wichtige Geschenke in die Innenstadt. Der Blick fokussiert sich nur noch auf den Abstand zum Vordermann. Nur keinen Millimeter verschenken, keinen reindrängen lassen, die Uhr ignorieren, die gnadenlos runterzählt, zum Meetingbeginn. Auch nach drei Jahren hier bin ich immer noch nicht orstkundig genug, die geheimen Schleichwege zu kennen. Nutze ich die Seitenstraßen, lande ich jedesmal fluchend in Sackgassen oder in noch mehr Stau. Beim Termin dann das Gute-Laune-Gesicht aufsetzen und jede Pause mit sinnlosem smalltalk füllen, damit nur ja keiner auf die Idee kommt, das Ganze doch noch platzen zu lassen. Natürlich geht, wie immer, alles glatt. Und, wie immer, verliert man Nerven, die einem wochenlang fehlen werden, bis sie sich regeneriert haben. Zurück am Auto dann, sieht man plötzlich die festlichen Lichter, mit denen sich die Stadt fein gemacht hat. Eine Weihnachtsdeko in einem Schaufenster fällt auf, der kleine beleuchtete Baum im Fenster einer Wohnung, ganz oben, wird einem plötzlich bewusst. Im Stau, zurück nach Hause, lächelt man plötzlich alle anderen an, die immer noch verbissen vor sich hin starren. Und dann kommt plötzlich die Erkenntnis. Was wäre gewesen, man hätte die ganzen vier Tage gelächelt? Sich gar keine Sorgen gemacht? Keine Ängste gehabt? Keine Nerven verloren? Wie einfach hätte man es haben können, hätte man einfach vertraut.
Aber das nächste Mal, das nächste Mal schaffe ich das. Ganz bestimmt.

xmas

Ich liebe ja Adventskalender. Warum? Weil sie die Tage des Vorweihnachtswahnsinns runterzählen und man somit weiß, wann der ganze Irrsinn endlich vorbei ist. Kinder dagegen lieben die Dinger wegen des Inhalts. Klar, jeden Tag ein Stück Schokolade und die Vorfreude, endlich das große Türchen zu öffnen. Das große Bonusstück zu essen und zu wissen, endlich gibts Geschenke. Ich neige ja in vielem zur Übertreibung, und das ist bei Adventskalendern nicht anders. Alessandra hat einen “normalen” mit Schokolade (aber natürlich den Big-Pack-Kalender, mit extra großen Stücken), dazu dann den zum Aufhängen, mit den Täschchen, die ich prall gefüllt habe, mit zusätzlichen Leckereien. Dann noch den, der statt Schokolade kleine Gadgets für Mädchen enthält. Modeschmuck, Schminksachen und anderen Kram. Es ist richtig Arbeit, die ganzen Kalender jeden Tag zu leeren. Aber, und darum erzähle ich das eigentlich, es gibt noch einen Kalender. Und das ist der Favorit. Er ist aus Karton. Wie alt er ist, weiß ich nicht. Vermutlich so siebzig oder achtzig Jahre. Er hat auch keine vierundzwanzig Türchen, sondern beginnt erst am sechsten Dezember. Meine Mutter hatte ihn als Kind. Er war praktisch, weil er nichts enthielt, so konnte man ihn jedes Jahr wiederverwenden. Er zeigt ein Bild mit einer Krippe und einem wundervollen dunkelblauen Sternenhimmel. Auf der Rückseite sind Schieber, aus Papier. Jeden Tag betätigt man einen, und dann erscheint etwas Neues auf der Vorderseite. Mal ein Vogel, ein Eichhörnchen, ein Weihnachtsstern. Wenn ich den Kalender betrachte, kann ich mir vorstellen, wie es gewesen sein muss, für die Kinder, damals, als es nichts gab, außer dieses Bild, das sich langsam füllte, bis zum heiligen Abend. Und dann habe ich manchmal Tränen in den Augen und denke, das ist es eigentlich, worum es gehen sollte. Sein Herz zu füllen, mit schönen Kleinigkeiten, jeden Tag ein bisschen.

Adventszeit

Tja, wie versprochen (schön blöd von mir), beginnt der Countdown für Weihnachten. Nachdem der Tag heute eher aus der Hölle kam, fange ich mit dem Thema Weihnachtsbeleuchtung an. Da ich ja beim Essen und beim Rotwein zu schwerster Übertreibung neige, tue ich das natürlich auch mit der Weihnachtsdeko außen am Haus. Okay, ein bisschen schuld sind eigentlich meine Nachbarn, echt, ich schwöre, die haben mit dem Wettrüsten angefangen. Aber hey, wenn irgendein Jumbo denkt, dass sei die Landebahnbeleuchtung, dann will ich der Sieger sein, dann möchte ich ihn auch auf meiner Dachterrasse haben…
Also habe ich die letzten Jahre, die ich hier war, immer mehr Zeug gekauft, in Farbe und bunt. LED-Schläuche, Lichterketten, beleuchtete Schlitten und was es noch alles gibt. Dazu braucht man dann irgendwann natürlich auch noch diverse wetterfeste Steckdosenverteiler, um alles auch schön mit Strom zu versorgen. Jedenfalls, wenn ich abends meine Beleuchtung anschalte, dann flackern im ganzen Viertel kurz die Lichter in den Wohnungen und im für mich zuständigen AKW springt der dienst habende Servicemitarbeiter erschrocken auf und fährt ein paar zusätzliche Reaktoren hoch.

Da ich Kälte nicht vertragen kann und Pfusch am Bau hasse (ja, echt, es gibt sie, diese Italiener, wie mich, die das nicht abkönnen), warte ich immer einen möglichst sonnigen Tag Anfang Dezember ab, um das alles zu montieren. Für die Befestigung kommen nur die besten und stärksten Kabelbinder in Frage. Und nein, nicht so drei Stück auf fünfzig Meter Deko. Bei mir ist alles bombenfest, und einem Orkan lacht meine Deko nur höhnisch ins Gesicht. Die Kabelbinder werden exakt – und ich meine wirklich exakt – alle zehn Zentimeter festgezurrt. Mister Monk könnte meine Installation abnehmen, er würde keine Abweichung finden. Die Südseite habe ich ganz nett gemacht, aber die sieht man nur von der Wohnung aus. Die Nordseite der Terrasse, das ist die Seite, die sehen alle Nachbarn und auch von der Straße aus ist sie gut im Blick. Die Nordseite, die habe ich perfekt gemacht. Gefühlte acht Kilometer LED-Schläuche in allen Farben, Lichterketten, ein beleuchtetes Rentier. Das volle Programm! Ich habe Stunden gebraucht, um, ich gebe es zu, meine Eitelkeit zu befriedigen und allen anderen endlich zu zeigen, wer dem Frosch die Locken kämmt. Abends dann, es dämmerte gerade, habe ich einen guten Rotwein geöffnet, schöne Musik angemacht (Corelli) und Alessandra gerufen. Der Hauptschalter für die Südseite war nur Aufwärmprogramm. Gedrückt, genickt, nett. Aber jetzt, der große Moment: feierlich drücke ich den Hauptschalter für die Nordseite. Andächtiges Schweigen, ein kurzes Nicken, klick. Und: nichts! Kein einziges Licht ging an, null, absolute Finsternis. Ich hätte heulen können. Die ganze Arbeit, Hunderte von Kabelbindern, das jetzt alles abmachen, neu machen, austauschen? Und dann, plötzlich, dieses Glitzern, aus dem Augenwinkel nur. Die Südseite. Die, die keiner sieht, außer wir in der Wohnung. Sie erschien mir plötzlich so schön, so glitzernd, so betörend. Und das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie einfach es ist, sich an den Dingen zu freuen, die man selbst sieht, und nicht an den Dingen, die man macht, um andere zu beeindrucken…

-Fortsetzung folgt-

Deko

Alle Jahre wieder beginnt mit dem ersten Dezember die besinnliche Vorweihnachtszeit. Es werden Plätzchen gebacken, man liest mit dem Kind entspannt Weihnachtsgeschichten, hat bereits im November alle Geschenke besorgt und bereitet sich besinnlich heiter auf das größte Fest des Jahres vor. Sodann, am Vierundzwanzigsten, trifft sich die glückliche große Familie unter dem Weihnachtsbaum, um nach einem gemeinsamen Liedchen fröhlich die Geschenke auszupacken. Alle sind adrett gekleidet und haben ein völlig gechilltes Lächeln im Gesicht. Klingt wie aus einem Werbespot für Tütensuppen (den mit der „wir sind die beste Familie und lieben Mutti für ihr tolles Essen“)? Ja, genau! Denn meine Realität sieht anders aus. Pünktlich zum ersten Dezember dreht alles plötzlich dauerhaft in den roten Bereich. Meine Laune geht in den Keller (aber nicht um zu lachen), mein Körper spielt verrückt, meine Seele schmerzt und alles wird zur Last. Die tausend Kleinigkeiten, die noch zu erledigen sind, die Bedürfnisse der Familie, die einen überrollen, die Gesellschaft, die Konsum und Weihnachtsgehorsam einfordert, die unzähligen Weihnachtsfeiern, Deadlines im Job, backen soll man auch noch, die Wohnung dekorieren, den Baum aussuchen und was weiß ich nicht noch alles. Dazu Klugschwätzer, die nichts anderes zu tun haben, als der Welt den so wichtigen Unterschied zwischen Weihnachten und Heiligabend zu erklären. Jedes Jahr das Gleiche. Ich könnte kotzen (Entschuldigung), was man sich antut. Am Vierundzwanzigsten dann breche ich regelmäßig gepflegt unterm Baum zusammen und mache drei Kreuze, wenn der ganze Schmus endlich vorbei ist. Doch dieses Jahr sage ich: STOP! Ich mache das nicht mehr mit. „Du willst Weihnachten verweigern?“, kommt sofort die entsetzte Frage. Nein! Mein Plan ist viel perfider. Es ist ein „Fuck-the-system-Plan“. Hinterhältig, berechnend, genial.

Dieses Jahr schlage ich das System mit seinen eigenen Waffen. Ich werde Weihnachtsjunkie. Dieses Mal will ich den ganzen Spaß! Alles! Das komplette Programm!
Ich schmeiße mich mit einem lauten „Hurra“ in dieses Weihnachten. Ich sauge es in mir auf, überwältige es mit meiner Liebe und genieße es in vollen Zügen. Es wird mir keine Last sein, nein, es wird mir ein Vergnügen sein. Und, was kein Vergnügen ist, wird einfach nicht gemacht. Dieses Mal will ich unter dem Baum tatsächlich glücklich lächelnd stehen, mit diesem „Hach, ist das nicht wunderbar-Blick“.

Und um ganz sicher zu gehen, dass ich mich nicht wieder von Stress, Hektik und doofen Mitmenschen einlullen lasse, gibts ab heute „Chiaras-Weihnachts-Countdown“. Jeden Tag eine kleine Geschichte, was so passiert ist, entweder, um Schönes zu teilen, oder, um Nerviges zu verarbeiten, vielleicht auch, um Nachdenkliches weiterzugeben.

Was ich genau schreiben werde, weiß ich noch nicht, lasst euch einfach mal zusammen mit mir überraschen.

Viel Vergnügen. Und schon mal Dingens, äh, schöne Weihnachten!

Weihnachtskugeln

…nachdem ich die Baugenehmigung für unser Haus hatte, gab es für mich praktisch kein anderes Ziel mehr, als es bis Weihnachten fertig zu bekommen. Ich musste mich vierteilen, denn das Borgo, unser Verkaufsprojekt, hatte natürlich Vorrang. Zumindest für Dieter. Ich dagegen zog gelegentlich Arbeiter von dort ab, um sie bei unserem Haus einspringen zu lassen. Normalerweise rechnet man für eine Restaurierung circa ein Jahr. Alleine das Entkernen der Ruinen dauert schon viele Wochen. Eigentlich. Ich bezirzte jeden Handwerker, für mich Sonderschichten einzulegen, erstellte aberwitzige Zeitpläne, die eigentlich völlig unrealistisch waren und garantiert dazu führen würden, dass einige Gewerke miteinander kollidieren mussten. Aber ich liebe Chaos, und so war ich vollkommen in meinem Element. Ich hatte drei Handys, weil immer eines entweder leer war oder ich eines verlegte, schlief fast nicht mehr und pendelte nur noch zwischen der Baustelle auf dem Borgo und unserem Haus hin und her.

Als die Arbeiter das ganze Gestrüpp rund um unserer Haus mit dem Raupenbagger entfernten und all den Unrat aus dem Haus schafften, der es vorher fast unbegehbar gemacht hatte, stellte sich auch noch heraus, dass die Grundrisse vom Katasteramt wie immer falsch waren. Natürlich war auch dieses Haus in den vielen Jahrzehnten immer wieder angebaut und verändert worden. Teilweise wohl zu einer Zeit, als es noch kein Kataster gegeben hatte, und später natürlich einfach ohne Genehmigung und somit auch ohne Pläne. Was man vorher unmöglich hatte erkennen können, war, dass unser Haus gar keinen quadratischen Grundriss hatte. Irgendwann waren zwei kleine Seitenflügel angebaut worden, offensichtlich so unauffällig, dass man es von weitem nicht gleich erkennen konnte. Dadurch war in der Mitte eine Art Innenhof entstanden, der zur Hangseite hin offen war. Das war natürlich traumhaft, bedeutete aber, dass meine ganzen Pläne für die Mülltonne waren. Ich musste die gesamte Innenaufteilung neu planen, alle Zimmer neu anordnen und auch alle Installationen für die Bäder neu einteilen. Aber auch das war mir egal. Die neue Aufteilung war viel schöner, als mein erster Entwurf, und im Erdgeschoss entstand so ein weiterer Raum, den es vorher in meiner Planung nicht gegeben hatte.

Jetzt kam man zu einem der drei Eingänge direkt in die riesige Wohnküche, die fast den gesamten Erdgeschossbereich einnahm. Im Querflügel hatte ich die Innentreppe eingeplant. Viele Häuser haben nur Aussentreppen, da unten früher nur die Ställe gewesen waren, als die Häuser noch als Bauernhöfe genutzt wurden. Am Ende dieses Querflügels war das Zimmer, das vorher gar nicht existiert hatte. Ein großer Raum, der fast halb in den Hang gebaut worden war. Zur Talseite hin konnte man direkt auf die Terrasse treten, auf der gegenüberliegenden Seite war ein Rundbogen, archaisch gemauert, der die Dicke der Mauer von fast einem Meter erkennen ließ. Dahinter war der Hang, der das Haus an dieser Seite begrenzte. Ich konnte mir nicht erklären, warum man diese Türe zugemauert hatte, sicher war dahinter die Cantina, der Keller, für Lebensmittel und Wein gewesen. Aber das Geheimnis würden wir später lüften, wenn wir die Wand aufbrachen.

Zu neugierig wäre ich gewesen, was sich dahinter wohl verbergen würde. Der Rundbogen der ehemaligen Türe war so sorgfältig gemauert, ganz unüblich nur für den Zugang zu einer Cantina. Der erste Schritt bei einer Restaurierung ist immer, alle Räume sandzustrahlen. Dabei lösen sich alle Farb- und Putzreste von den Wänden, die Balken werden von ihrer äussersten Schmutzschicht befreit und man sieht danach viel besser, wo marode Stellen an Mauern, Dach oder Balken sind. Als der Arbeiter diesen Raum mit dem Sandstrahler fertig bearbeitet hatte, wartete ich, bis sich der Staub soweit gelegt hatte, das man wieder etwas erkennen konnte. Und als ich dann im Zimmer stand, und auf den Rundbogen sah, war ich fassungslos. Auf der Mauer zeichnete sich die Figur eines Engels ab. Ganz in weiß. Ein Engel, der waagrecht in der Luft zu schweben schien, die Arme nach vorne ausgestreckt hatte und dort etwas hielt, das mit etwas Phantasie eine Kerze sein könnte. Der Arbeiter war neben mich getreten.
„Ich habe keine Ahnung, was das ist. Ich bin dreimal über die Stelle gegangen, es lässt sich nicht entfernen.“
Ich nickte und trat näher heran. Als ich mit der Hand über die Zeichnung strich, ganz behutsam, konnte ich nicht ausmachen, was es war. Man fühlte keine Farbe, die sich leicht abheben würde. Die Stelle war auch nicht glatter, so dass man an Säure hätte denken können. Es war mir ein absolutes Rätsel. Es schien, als sei das Bild so tief in den Felsen eingebrannt – „als würde es von innen kommen“, ging mir kurz durch den Kopf. Ich weiß bis heute nicht, was das war, aber ich beschloss damals, dass wir den Durchgang zugemauert lassen und das Bild nicht zerstören. Nun würde ich dieses Geheimnis wohl nie mehr lüften…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

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Bogen

Ich bin fertig. Gerade eben habe ich mein Buch beendet. Meine Geschichte, oder zumindest einen Teil davon. Dieses Gefühl, es ist unbeschreiblich. Zwischendurch dachte ich, ich zerbreche daran, das alles aufzuschreiben. Und jetzt sitze ich hier, heule wie verrückt. Aus Freude, aus Trauer, aus Erleichterung, aus Dankbarkeit. Ein Gefühlsmix, der sich neu anfühlt. Aber der wunderschön ist.

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