Il Tedesco – Der Deutsche, Teil 11, Der Frühling

…ich muss Stunden so dagehockt sein, ohne mich zu bewegen, ohne zu denken, leer, kaputt, ohne irgendein Gefühl. Als ich irgendwann ins Bad wankte, wurde es draußen schon ganz leicht hell, ein zarter erster Streifen Licht am Horizont. Ich sah nur ganz kurz in den Spiegel, ich wollte gar nicht wissen, wie ich aussah. Aber der Augenblick genügte. Mein Wangenknochen war so angeschwollen, dass ich aus dem einen Auge kaum etwas sehen konnte, meine Nasenwurzel verfärbte sich bereits tiefblau und ich war blut- und tränenverschmiert. Hastig versuchte ich das gröbste mit Make-up abzudecken, aber da ich mich fast nie schminke und mit einem normalen Gesicht schon bizarre Resultate erziele, verwandelte ich mich erst recht in einen Zombie. Wütend wischte ich mir alles wieder aus dem Gesicht, machte mich etwas frisch und ging dann ein paar Sachen einpacken.

Ich denke noch heute darüber nach, ob ich richtig gehandelt habe, damals. Vermutlich wäre alles einfacher geworden, wäre ich nur zu meinen Eltern auf den Hof gefahren. Mein Vater wäre noch im gleichen Moment zu Stefanos Eltern gerast – mich im Schlepptau – und hätte dort alles in Schutt und Asche gelegt. Er ist Sizilianer. Und wer seine Tochter anrührt, ist so gut wie tot. Stefano hätte für eine lange Zeit die Gegend wechseln müssen, denn, wenn meine Brüder ihn in die Finger bekommen hätten, wäre er bestenfalls mit einem ausführlichen Arztbesuch davon gekommen. Hätte ich das getan, so würde ich vermutlich heute bereits ganz entspannt auf unserem Hof wohnen und Wein anbauen. Aber ich scheute die ganze Aufregung, das Gerede, das es geben würde. Erinnerungen an den vertuschten Skandal aus meiner Jugend stiegen wieder in mir auf. Stefano wusste davon, ich hatte irgendwann den großen Fehler begangen, es ihm zu erzählen, hatte es ihm erzählen müssen – und was, wenn er aus Rache davon Gebrauch machen würde?

So packte ich Wäsche und Kleidung ein, sperrte mechanisch das Gas und den Strom ab, verriegelte alle Fensterläden, schloß sorgfältig ab und stieg in meinen Wagen. All das lief wie ein Film ab, den ich interessiert betrachtete, in dem ich aber gar nicht vorzukommen schien.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinsollte. Wenn mich irgend jemand, den ich kannte, so sah, es würde keine Stunde dauern, bis meine Familie davon erfahren würde. In so kleinen Orten ist es unmöglich, irgendetwas geheim zu halten. Ich ging verschiedene Möglichkeiten durch, ein Hotel: keine Lust, Freunde in Turin: zu weit, Pietro: ging nicht, er war Polizist, er würde Fragen stellen. Irgendwann startete ich den Motor und fuhr einfach los, denn plötzlich hatte ich Angst, Stefano würde zurückkommen. Reumütig, mit Entschuldigungen. Der Gedanke widerte mich an. Automatisch fuhr ich Richtung Autobahn, automatisch nahm ich die Richtung nach Ancona und automatisch landete ich irgendwann am Borgo. Es war inzwischen hell, aber noch sehr kalt, aber das spürte ich gar nicht. Ich ging zu meiner Lieblingsruine, setzte mich dort inmitten der alten Grundmauern einfach ins Gras und starrte in die Hügel. Mir war kalt, ich hatte rasende Kopfschmerzen, Hunger, Durst, ich fühlte mich wie ausgespuckt. Und ich war müde, so unglaublich müde. Das Bild der Hügelkette gegenüber wurde plötzlich lebendig, fing an zu rotieren und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, war mir kotzübel und der Versuch aufzustehen wurde mit brutalstem Hämmern in meinem Kopf bestraft. Ich wartete ein paar Minuten. Der zweite Versuch löste wieder dieses Rotieren der Landschaft aus, und ich ließ mich einfach zurück ins Gras sinken. Es ging nicht. Das Handy. Das Handy fiel mir wieder ein. Pietros Handy. Ich fummelte mühsam Dieters Nummer rein, merkte, dass ich keinen Ton herausbrachte und schrieb ihm daher eine SMS: “hilfe borgo chiara”.
Es dauerte keine Minute bis das Telefon zu klingeln begann, ich wollte abheben, erwischte den “Abweisen” Knopf, fluchte und dann wurde wieder alles schwarz.

Ich bekam durch einen dichten Nebel mit, wie sich jemand über mich beugte, auf mich einredete. Dazwischen Dieters aufgeregte Stimme mit seinem süßen Akzent. Zwei Männer, die mich dann unterfassten und mehr wegtrugen als führten. Dann eine Liege, weich und warm, eine Decke und ein Stich im Arm und plötzlich wurde alles schön und dieser Kopfschmerz ließ endlich nach und ich durfte schlafen.

Ein karges Zimmer, Putz der von der ehemals mintgrünen Wand bröckelt, ein großer Fensterflügel mit Milchglas. Ich kann nur auf einer Seite sehen, das andere Auge ist verbunden. Ein halber Mann, auf einem Stuhl, mehr erkenne ich nicht. Wieder schlafen.

Etwas später, das Licht im Zimmer ist anders. Viele Menschen. Ich erkenne Dieter, er ist blass, Pietro, seine Frau, ein Mann in weißem Kittel. Alle reden gleichzeitig los und ich schließe lieber die Augen.

Beim nächsten Augenöffnen fühle ich mich besser. Die Kopfschmerzen sind weg. Dieter steht vor dem Bett, lächelt.
“Ausgeschlafen?”
“Hmmh.” Watte im Mund.
Er reicht mir ein Glas Wasser.
“Wie fühlst Du Dich? Was ist passiert?”
“Holzbalken.” murmle ich.
“Der Polizist, dessen Handy Du hattest, hat ein paar Fragen.”
Das war klar. Pietro wusste, dass ich geschlagen worden war. Als Polizist sah er das sofort.
Er kam kurze Zeit später, fragte natürlich erst wie es mir ginge, ob ich etwas bräuchte und kam dann ganz plötzlich auf den Punkt:
“Wer hat das getan?”
“Holzbalken. Ich hab nicht aufgepasst.”
Er sah mich lange prüfend an. Es arbeitete in ihm.
“Chiara……?”
Ich hob die Hand.
“Pietro, bitte. Schreib in Deinen Bericht einfach, ich bin gegen einen Holzbalken gelaufen. Auf meiner eigenen Baustelle, als ich etwas kontrollieren wollte.”
Er setzte mehrmals an, brach ab, kämpfte mit sich. Schließlich nickte er.
“Ok, du musst es wissen. Also ein Holzbalken. Aber sag diesem Mistkerl, noch einmal, dann kauf ich ihn mir!”
Noch einmal, lieber Pietro, dachte ich, noch einmal, und Du kannst eine Nummer ziehen, vor Dir sind dann Papa und meine drei Brüder dran.

Am Sonntag erklärte mir die Schwester, es sei kein Arzt da, und ohne Arzt könne sie mich nicht gehen lassen. Ich nickte verständnisvoll, wartete bis sie aus dem Zimmer war und wählte Dieters Nummer…

Il Tedesco – Der Deutsche, Teil 10, Der Frühling

… die Baustelle war gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht, aber es hatte sich schon viel getan. Kleine Raupenbagger hatten das Grundstück freigelegt, die teils fast komplett mit Gestrüpp eingewachsenen Ruinen waren befreit worden und alles, was an Material umhergelegen hatte, war fein sortiert und geordnet aufgeschichtet. Hier alte Eichenbalken, dort Terrakottasteine, alte Dachpfannen, Mattone, usw. Man versucht immer, so viel wie möglich von den alten Baumaterialien wieder zu verwenden. Ich hatte die Gebäude bereits vermessen und die nächsten Wochen würde hier nicht viel passieren, zuerst musste alles auf dem Papier geplant und berechnet werden.
Diese Phase war die schönste am gesamten Projekt. Noch musste ich mich nicht mit Handwerkern streiten, über Preise feilschen und mich über nicht eingehaltene Termine ärgern.

Ich blieb einige Stunden, lief umher, hockte mich zwischen die alten Grundmauern, beobachtete die Sonnenstände zu verschiedenen Zeiten und kritzelte viele Seiten in meinem Notizbuch voll. Als die Sonne hinter der Hügelkette gegenüber versank und ich zu frösteln begann, machte ich mich auf den Heimweg.

Es war Dienstag und, wie schon so oft, hatte ich völlig vergessen, dass Stefano heute Abend für ein paar Tage nach Hause kommen wollte. Es fiel mir erst wieder ein, als ich vor meinem Haus ankam und sein Motorrad vor der Einfahrt stehen sah.
“Ciao amore”, begrüsste ich ihn.
Finsterer Blick. “Wo warst Du?”
So liefen die meisten unserer Begegnungen in letzter Zeit ab. Ich war froh, wenn er unterwegs war, er nervte mich mit seiner Eifersucht.
Ich kochte lieblos irgendetwas, er verzog sich vor den Fernseher und ich dachte wieder einmal an unsere Zukunft, wie eine Ehe mit ihm wohl aussehen würde.

Nachts träumte ich vom Borgo. Die Ruinen waren dunkel und ich irrte in fast völliger Finsternis darin umher. Ich sah Schatten, die mich verfolgten, und Lichter, die immer nur ganz kurz aufblitzen, und konnte keinen Ausgang mehr finden. Irgendwann schreckte ich hoch, atemlos, mein Herz raste und wieder einmal bekam ich Panik und rang gierig nach Luft bis ich sicher war, dass ich nicht unter Wasser war und verfluchte zum x-ten Mal meinen Tauchunfall, der mich immer noch so mitnahm.

Stefano schlief noch, und ich zog mir leise einen Pullover über und lief an den Strand – meinen üblichen Weg zum Leuchtturm. Die Situation war grässlich. Stefano ging mir auf die Nerven, meine Familie war nicht einverstanden, dass ich diesen Auftrag so weit weg angenommen hatte. Dieter war professionell und distanziert und erwähnte mit keinem Wort unsere damalige Begegnung. Die fast tägliche Fahrerei von hin und zurück knapp 300 Kilometern zerrte an meiner Substanz, aber eine Wohnung in den Marken zu nehmen ging auch nicht, denn dann hätte ich vermutlich auch noch meine zukünftigen Schwiegereltern auf dem Hals gehabt. Und irgendwo dazwischen stand ich. Und sollte dieses Borgo komplett restaurieren, was eigentlich meine gesamte Kraft erforderte. Mutlos sah ich weit raus aufs Meer und auf die Lichter der gerade vom nächtlichen Fang zurückkehrenden Fischerboote.

Mittwoch Abend waren wir bei Stefanos Eltern zum Essen. Donnerstag bei meinen Eltern auf dem Hof, um meinem Vater zu helfen, die Reben auf die hoffentlich sonnige Saison vorzubereiten. Mit Vergnügen sah ich zu, wie sich Stefano bemühte, Interesse an dieser körperlich harten Arbeit zu heucheln und wie sehr es ihn anwiderte, sich seine weißen Jeans dabei völlig zu versauen.
Freitag war ich bei Pietro eingeladen und obwohl Stefano auch damit natürlich nicht einverstanden war, machte ich ihm doch klar, dass ich da auf jeden Fall hinfahren würde und vorher den ganzen Tag auf der Baustelle zu tun hätte.

Einladungen bei einer italienischen Familie folgen strengen Ritualen, an die man sich unbedingt halten sollte. Ganz wichtig, die vereinbarte Zeit. Ein “komm doch gegen acht” bedeutet in nördlichen Gefilden, dass man spätestens um fünf nach acht da ist. Ab Verona und südlicher würde man den Gastgeber mit übertriebener Pünktlichkeit in den Wahnsinn treiben, rechnet er doch keinesfalls vor halb neun mit dem Besuch und richtet seine Vorbereitungen entsprechend darauf aus.

Da die Marken ja schon fast Süditalien sind, kam ich um viertel vor neun bei Pietro und seiner Familie an. Auch ganz wichtig, man betritt nie eine fremde Wohnung, ohne nicht mindestens zweimal “permesso” (darf ich) zu murmeln. Dann vergeht eine gute halbe Stunde damit, alles, aber auch wirklich alles, am Heim des Gastgebers zu loben, die Kinder (die, egal wie klein, immer noch auf sein werden) zu bewundern, die mitgebrachten Geschenke zu verteilen und sich gegenseitig zu versichern, wie wundervoll es ist, dass man sich gerade heute trifft.
Pietros Frau war mir sofort sympathisch, eine echte italienische Mamma, fast so rund wie er, in Kochschürze, mit roten Wangen, die mich sofort abküsste und mit in die Küche nahm.
Ich weiß heute nicht mehr genau, was wir alles gegessen haben, aber es zog sich über Stunden hin. Pietro hatte mehrere Weine aus der Gegend aufgefahren, die wir – immer nur ein Tröpfchen – nach und nach probierten und diskutierten. Und, obwohl ich eine Winzertochter aus der Emilia bin, gestand ich ihm meine Liebe für die schweren und tiefroten Weine aus dem Conero, dem wohl bekanntesten Anbaugebiet seiner Heimat.

Stefano fiel mir erst wieder ein, als mich Pietros Frau fragte, wie denn meine Familienpläne aussehen würden, und ich erschrak kurz, ich hatte mein Handy im Flur gelassen, und vermutlich waren schon einige Kontrollanrufe von Stefano eingegangen. Ich holte es und legte es auf den Tisch und sah erleichtert, dass noch keine Nachricht da war. Pietro stutzte, schmunzelte kurz, holte ebenfalls sein Handy und sagte, eigentlich hätte er ja Bereitschaft, aber hier würde ja eh nie etwas passieren. Das er damit falsch lag, merkte ich leider erst ein wenig später.

Nach dem Dessert, dem caffè und einem langen Abschiedsritual saß ich irgendwann kurz nach Mitternacht endlich in meinem Auto und machte mich auf den Rückweg nach Marina di Ravenna. Die Autobahn war leer, ich war müde und so fuhr ich viel zu schnell um endlich nach Haus und ins Bett zu kommen. Kurz nach Rimini klingelte mein Handy. Stefanos Kontrollanruf kam spät, aber er kam zuverlässig. Ich nahm das Handy vom Beifahrersitz “Pronto” fauchte ich in den Hörer.
Schweigen.
“Pronto!” noch eine Spur schärfer.
“Pietro?” klang es zögerlich fragend an mein Ohr.
“Wer ist da?” Ich wurde sauer.
“Pietro, was ist bei Dir los, wir haben hier einen Wildschaden?”
Ich warf kurz einen Blick auf das Handy in meiner Hand. Es war nicht meins. Es war Pietros. Scheiße.
Ich hielt am nächsten Autogrill. Rief von Pietros Handy auf meinem an (womit ich ihn weckte), erklärte ihm, seine Kollegen bräuchten ihn, entschuldigte mich tausendmal und vereinbarte, ich würde morgen kommen, um die Geräte zurück zu tauschen.
“Äh, Chiara?”
“Ja?”
“Hier hat ungefähr fünfmal ein Tesoro (Schatz) angerufen, zumindest stand das so im Display, und jedes mal sofort aufgelegt.”

Toll, unter Tesoro hatte ich Stefano gespeichert, und der hatte Pietro dran gehabt. Der Abend konnte noch lustig werden.

Der Abend wurde nicht lustig. Ich war noch nicht ganz im Haus, da schoss Stefano auf mich zu und brüllte mich an.
Er nannte mich Hure, er wollte wissen, wie oft ich mit anderen geschlafen hätte. Immer wenn ich ihm den Abend erklären wollte, schnitt er mir das Wort ab. Und dann stellte er Regeln auf, verlangte, dass ich mein Projekt aufgeben sollte, Zuhause bleiben müsste, “wie sich das gehört”. Und dann sagte er etwas, dass mich so verletzte, dass ich nicht anders konnte, als auch ihm weh zu tun. Er sagte “ich werde Dir austreiben, eine Schlampe zu sein”. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Der Hass auf ihn, der in diesem Moment in mir aufstieg, war unbeschreiblich, so groß, dass ich mehrmals schlucken musste, um überhaupt wieder sprechen zu können. Und dann sagte ich ganz ruhig, und mit voller Absicht, ihm weh zu tun “ich habe letzten Sommer jemand kennengelernt.” Meine Worte hingen lange zwischen uns. Er starrte mich an, weiß im Gesicht, mit einer Wut in den Augen, die mir Angst machte. Und als ich dachte, wir würden nun den Rest unseres Lebens einfach so dastehen und uns anblicken, schoss plötzlich sein Handrücken heran. So schnell, dass ich mich nicht mehr wegducken konnte und traf mich mit voller Wucht im Gesicht. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf explodiert, noch während der Schmerz ein Feuerwerk an Lichtern und Sternen vor meinen Augen entzündete, schoss mir das Blut aus der Nase und ich torkelte in Zeitlupe rückwärts, bis mich die Mauer auffing, an der ich mich einfach nach unten rutschen ließ.
Stefano machte einen Schritt nach vorne, doch ich hob nur müde die Hand. Kurze Zeit später hörte ich die Haustüre ins Schloss krachen und den Motor seiner Ducati aufbrüllen. Und dann endlich kamen auch die Tränen und ich umschlang meine Beine und machte mich ganz klein und blieb einfach auf dem Boden sitzen und weinte…

Liebe

August 2012, Le Marche, Italien

Du bist so schön, noch viel schöner, als Dich in Erinnerung hatte. Vier Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, eine lange Zeit. Nicht für Dich. Für mich. Für Dich ist das ein Augenblick, naja, etwas mehr vielleicht. Für mich gefühlt fast ein Leben, so viel ist passiert, in dieser Zeit. Du stehst da, wie damals, stolz, archaisch, gelassen. Deine Ausstrahlung ist gewachsen in dieser Zeit. Weißt Du, dass ich es war, die Dir wieder das Leben geschenkt hat? Oder ist Dir das egal? Du scheinst mir größer, reifer als damals. Aber was mache ich mir da für Gedanken? Du bist zweihundert Jahre alt, nun, zumindest Deine Grundmauern, und das, was ich bei der Restaurierung davon übrig gelassen habe – lassen konnte.
Dein Garten ist eingewachsen, er hat ihn nicht gepflegt, er war zu wenig hier. Wo die Natur konnte, hat sie Territorium zurück erobert. Hier quietscht ein Scharnier, dort bröckelt schon wieder etwas Putz, aber das macht Deinen Charme nur größer. Gekauft haben wir Dich damals wegen des Ausblicks. Deine Lage auf einem Hügel. Der unglaubliche Blick war sofort atemberaubend. Auf der Terrasse sitzen und in die Hügel bis in die Ferne zu den Ausläufern des Apennin zu schauen ist so schön, dass mir fast die Tränen kommen. An Dir habe ich meine Meisterarbeit vollbracht, denn Du warst für mich, für uns. “Lass es für immer sein”, hatte er damals gesagt, und ich hatte es geglaubt. Hier sah ich mich alt werden, Kinder spielen, glücklich sein. Weg von den Zwängen, den Pflichten, dem Einfluß der Familie. Ich war bereit, das alles aufzugeben.
Fast zwei Jahre hat er mich bearbeitet, wieder hier her zu kommen. Die Erinnerungen zu spüren, die alten Gefühle wieder zu finden. Ich weiß bis jetzt nicht, ob es eine gute Idee war. Wie damals droht der Bruch mit der Familie. Wie damals fange ich an, mich zu widersetzen. Und wie damals sitze ich stundenlang auf der Terrasse und blicke in die Hügel, ganz weit rein, bis zu den Ausläufern des Apennin.

Die zwei Gesichter – Sattes Grün, karges Braun

Ich wurde bei einigen Fotos die letzten Tage oft erstaunt gefragt, warum die Landschaft “wie eine Wüste aussieht”. Ganz einfach, hier in Italien sind die Jahreszeiten etwas anders als in Deutschland. Ende Juli sind fast alle Felder abgeerntet, weil es dann einfach zu heiß wird. Dafür ist es bei uns schon grün, wenn in nördlicheren Ländern noch kahle Bäume zu sehen sind. Unten mal ein Vergleich. Fast der gleiche Blickwinkel, einmal kahl und dürr vor wenigen Tagen im August, das erste Bild zeigt die gleiche Gegend im März diesen Jahres.

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Im März aufgenommen

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Vor wenigen Tagen im August aufgenommen

Emilia Romagna and its Lidi

A few hours car drive from Germany, and a few steps away from the Garda Lake, you will find the “Lidi” (beaches) of the Emilia Romagna. The most famous location is for sure Rimini, known in Germany also as the “Teutonengrill” (the German grill). Beach and holiday resort in the economic boom, today it became mostly a secondary destination in Europe, and that’s a pity, because Rimini never lost its flair. My favourite destination however, is located in the Ravenna area, along the Adriatic Coast, in the so called “Lidi” and in the hinterland of the Romagna Region. In the gentle hills under the Apennine you are able to find the real Italy, among many medieval villages, ancient churches, trattorias and a fantastic nature. Ravenna, only 15 minutes from the sea, can be defined as a concentrate made of historical monuments, culture and Italian flair. The city, thanks to its wide pedestrian areas, allows you to discover and walk every day through its treasures. The “Lidi” of Ravenna have different faces like the trendy one of Milano Marittima or the typical summer resorts ones. All of this in a pleasant, quite and typical Italian atmosphere.

From now, I would like to bring you through some of the localities along the coast (I live in one of them ☺). We begin our journey in Cervia. This ancient fisher town is inhabited during all the year and in the Centuries always became bigger and bigger. The little streets of the historic town and its picturesque harbour infuse peace and harmony. Here everything is much more calm, quiet and ancient. Numerous little fish restaurants, where you will find fresh seafood from the local fish market, dot the “lungomare”. The infrastructures are modern, the beaches are wide and sandy…pure Italy! We leave Cervia and move on northbound to Milano Marittima, one of Italy’s trendiest summer destinations. Here it’s show time and the word “Milano” in its name speaks for itself. Every luxurious brand owns here a boutique, restaurants are exclusive and expensive, street bars are full of people and cool, beaches present every day a new fashion style and at night become the perfect location for a luxurious fish dinner. The most famous place of Milano Marittima is for sure the roundabout located in the heart of the city center, where from late afternoon you will be able to watch from the sofas of a café (espresso 2,50 € a glass) the fashion show of expensive cars and stars. Villa or Penthouse, here everything is really expensive and glamorous. Moving up again comes Lido di Savio, a little village on the sea. Mainly frequented by Italians during the summertime, in winter this place fells asleep. Prices are kind of the same of Milano Marittima, due to the fact that Lido di Savio lies really close to it. The same can be said of Lido di Classe, which you can reach crossing a little bridge. As Lido di Savio, Lido di Classe as well comes alive during summer time and the beach is easy to reach thanks to the wide footpaths along it. The ideal place for families.
Let’s move on to the next location. This time it takes longer because after Lido di Classe there is nothing! For 12 Km, you will find a natural reserve made of sand and pine forests, an ideal place for running and cycling. By car you have to drive around the reserve, and after 20 minutes you will reach Lido di Dante. Lido di Dante is very tiny and you will find no hotels there, but only a Camping and a lot of terraced houses. What makes Lido di Dante interesting is that it is really close to the reserve and its wide beach. In 2003 this beach was declared by Legambiente as one of the eleven most beautiful beaches in Italy. In this beach you will not find any constructions, bars or kiosks. For this reasons, if you want to spend a day on the beach here, you have to bring your own food bag, and (unusual for Italian costumes) you are also able to sunbathe naked here. Next stop of this journey is Lido Adriano. I really love this place and here you will find everything what you need (a Lidl as well) beautiful beaches and loads of real estates like sea view apartments and terraced houses with gardens. Because of the shape of this village (it stretches along the coast) every house has kind of a direct access to the beach. In addition, here you can find my favourite restaurant, where I come every time when I head back home. Hint: a little restaurant on the beach, and for “on the beach” I really mean on the beach! Looking from the window it seems like being in the middle of the sea. The food here is fantastic and low cost.

A few steps from Lido Adriano lies Punta Marina Terme. Populated all year long this town has got a thermal bath, restaurants, bars and shops. Here you will not find many hotels like in other towns of the Riviera, and driving or walking along the “lungomare” feels like magic. For many kilometres you will find the beach on the right and the pine forests on the left. Every now and then you will see a terraced house, where at night you can hear the sound of the sea. After driving for a while on this road, you reach Marina di Ravenna. It is the harbour of Ravenna and in the last years it changed its image: now you will find one of the most important yacht harbours of the Adriatic Sea. It is fascinating to see all this big Yachtes. The pedestrian area is big and you will find many shops, restaurants and bars. You can feel the maritime flavour in the air here. Marina di Ravenna is populated all year long and has got the best facilities. However, here everything is more expensive, like in Milano Marittima. To reach our next stop of this journey, Porto Corsini, you have to cross the harbour on a little ferry boat (less than 2 minutes). Porto Corsini is really small, and when you get off the ferry you can already see the road sign of Marina Romea. Marina Romea is located in the middle of a pine forest, and also in winter you can see green trees everywhere. Next stop is Casal Borsetti, a small fishing village where time seems to stand still. Here you will find a tiny harbour and a tiny fish restaurant. Nothing more and nothing less. The tiny fish restaurant is also one of my favourites (with sea view, of course). After Casal Borsetti you will find only kilometres of wide empty beaches, the delta of the river and the roads that will bring you to the hinterland. Here ends our journey along this part of the Coast, but in the hinterland as well you will be able to find the real essence of Italy, like in a bar overlooking the piazza or in a typical trattoria.
Best regards
Chiara

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L’Emilia Romagna e i suoi Lidi

A poche ore di macchina dalla Germania e a pochi passi dal lago di Garda si trovano i Lidi dell’Emilia Romagna. La meta più conosciuta è sicuramente Rimini, luogo di culto dei decenni passati, conosciuto in Germania anche come il “Teutonengrill” (la griglia dei teutoni). Spiaggia e destinazione turistica da sogno negli anni del miracolo economico, oggi è divenuta per lo più una meta secondaria, il che è un peccato, dato che Rimini conserva tutt’oggi il suo fascino. La mia meta preferita, tuttavia, si trova nel ravennate, lungo la costa, nei così detti “Lidi”, e nell’entroterra. Nelle dolci colline ai piedi dell’Appennino si trova l’Italia di una volta, con numerosi piccoli borghi medioevali, chiese antiche, trattorie e una natura fantastica. Ravenna, a soli 15 minuti dal mare, si può definire come un concentrato di monumenti storici, cultura e flair italiano. La città, grazie anche alle sue ampie aree pedonali, permette di andare ogni giorno alla scoperta dei suoi tesori. Anche i lidi ravennati offrono diverse sfaccettature: dalla mondana Milano Marittima, passando per alcuni centri abitati tutto l’anno, fino alla classica località estiva. Il tutto in un’atmosfera piacevole, tranquilla e tipicamente italiana.

Di seguito vorrei accompagnarvi alla scoperta di alcune località costiere, in una delle quali abito io ☺ Iniziamo il nostro viaggio a Cervia. Quest’antica cittadina di mare è abitata per tutto l’anno e nei secoli è cresciuta sempre di più. Le piccole vie del centro storico e il suo pittoresco molo infondono un che di pace e serenità. Qui è tutto un po’ più calmo, tranquillo e antico. Il lungomare è puntellato da tanti piccoli ristoranti di pesce, nei quali viene servito pesce fresco acquistato dal mercato locale. Le infrastrutture sono moderne, le spiagge ampie, Italia allo stato puro. Lasciamo Cervia e ci spostiamo di poco verso nord in quel di Milano Marittima, una delle località più mondane della Riviera. Qui è “showtime”, per dirla all’americana, e la parola “Milano” nel nome è tutta un programma. Ogni marchio di lusso qui ha una boutique, i ristoranti sono signorili e cari, i bar stra-frequentati e cool, le spiagge presentano ogni giorno nuove mode, e alla sera diventano la cornice ideale per una cena lussuosa di pesce. Il posto più frequentato è sicuramente la rotonda, situata nel cuore di Milano Marittima, dove dal tardo pomeriggio in poi, comodamente seduti sui divanetti fashion del bar (caffè a 2,50 €) si può osservare la sfilata delle auto di lusso. Villa o appartamento, qui tutto ha un prezzo esorbitante. Un po’ più in su si trova Lido di Savio, un piccolo paesino sul mare. Per lo più frequentato d’estate dagli italiani, mentre d’inverno se ne va in letargo. A livello di prezzi, data la vicinanza, si nota ancora l’influenza di Milano Marittima. Lo stesso vale anche per Lido di Classe, che si raggiunge attraversando un ponticello. Come Lido di Savio, anche Lido di Classe si popola, con i suoi alberghi e le sue piccole villette, durante la stagione estiva. La spiaggia è facilmente raggiungibile dagli ampi marciapiedi che si trovano lungo ad essa. È il luogo ideale per le famiglie con bambini. Avviamoci ora verso la prossima località. Questa volta ci vuole un po’ più di tempo per raggiungerla, dato che dopo Lido di Classe c’è il nulla! Per 12 Km, tra sabbia e pinete, si estende una zona protetta, vero e proprio paradiso per gli amanti della corsa a piedi o in bici.

In macchina bisogna aggirare il parco per poter, dopo circa 20 minuti, arrivare a Lido di Dante. Lido di Dante è molto piccolo e senza hotel. Vi si trovano solamente un campeggio e tante incantevoli villette. Che cosa rende Lido di Dante interessante? É la vicinanza che essa ha al parco (area protetta) con la sua lunga spiaggia deserta. Nel 2003 questa spiaggia è stata dichiarata da Legambiente una delle undici spiagge più belle d’Italia. In questa spiaggia libera non vi sono infrastrutture, bar o chioschetti. Quindi, se vi si vuole passare la giornata al mare, bisogna portare con sé una borsa frigo capiente. E, cosa rara in Italia, questa è una delle poche spiagge dove si può prendere il sole “come mamma ci ha fatti”. Il viaggio continua, e la prossima località che si incontra è Lido Adriano. A me piace questo posto, anche se qua e là si incappa in qualche abuso di cementificazione dei decenni passati. Inoltre, ha tutti i negozi di cui si ha bisogno (pure un Lidl), belle spiagge e molti tipi di immobili: dall’appartamento vista mare alla villetta con giardino. Dato che la località si espande lungo la costa, quasi ogni abitazione garantisce un facile accesso alla spiaggia. In più, qui si trova il mio locale preferito, dove vengo sempre quando torno a casa: un ristorantino sulla spiaggia, e con sulla spiaggia intendo veramente sulla spiaggia. Guardando dalla finestra sembra quasi di trovarsi veramente in mezzo al mare, e il cibo è ottimo e soprattutto a buon prezzo.

A poca distanza si raggiunge Punta Marina Terme. Abitata per tutto l’anno, questa località offre un centro termale, diversi ristoranti, bar e negozi. Qui non si trovano grandi “ammassi” di hotel. Guidare o passeggiare sul lungomare è veramente fantastico. Per molti chilometri da una parte si trova la spiaggia e dall’altra la pineta. Di tanto in tanto si può intravedere qualche villetta nascosta, dalla quale la notte si possono sentire i rumori del mare. Dopo aver guidato per un po’ su questa strada, si raggiunge Marina di Ravenna. Come si può capire dal nome, può essere definita il porto di Ravenna. Negli ultimi anni si è concessa qualche ritocco a livello d’immagine, e ora vi si trova uno dei porti turistici più importanti dell’Adriatico. È piacevole ammirare tutti questi grandi Yacht. L’area pedonale è lunga e offre negozi, ristoranti e bar. Il carattere marittimo qui si può veramente sentire sulla pelle. È abitata per tutto l’anno e dispone delle migliori infrastrutture. Tuttavia, i ristoranti qui tornano ad essere un po’ cari, rispetto a quelli citati prima. Per raggiungere la prossima meta bisogna attraversare il porto canale con il traghetto (la traversata dura poco meno di 2 minuti). Si giunge quindi a Porto Corsini, davvero un bel nome per una città, peccato che non c’è più che una casa e una chiesa. Non si fa in tempo a scendere dal traghetto che già s’intravede il cartello di Marina Romea. Marina Romea si trova in mezzo ad una pineta, e nonostante i colori grigi dell’inverno, il verde dei pini è una manna dal cielo per gli occhi e per l’animo. Questo luogo in inverno si addormenta, rimangono aperti solamente un ristorante e un bar.
La prossima fermata è Casal Borsetti, un piccolo paese di pescatori dove il tempo sembra essersi fermato, con un porticciolo e un ristorantino di pesce. Niente di più e niente di meno. Anche qui vi si trova uno dei miei ristoranti di pesce preferiti (naturalmente vista mare). Dopo Casal Borsetti s’incontrano ancora tanti chilometri di spiaggia libera, il delta del fiume e le strade che portano verso l’entroterra. Qui termina il nostro viaggio lungo questo pezzo di costa, ma anche l’entroterra merita più che una visita: un luogo dove si può trovare l’Italia vera e pura, che sia in un caffè in piazza che in una trattoria tipica.
Cari Saluti
Chiara

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Die dritte Etage

Enrico ist circa 70 Jahre alt.
Ich treffe ihn in einer Bar am Meer. Er hat am Telefon sehr geheimnisvoll getan. Eine “Immobiliensache”, mehr könne er am Telefon nicht sagen. Der Treffpunkt ist nur ein paar Orte weiter von mir. Wie sich später herausstellt, darf ich den genauen Ort aber nicht nennen. Sagen wir, es ist irgendwo zwischen Lido di Dante und Bellaria, an der Adriaküste.
Es ist früh am morgen, die Bar ist leer, bis auf einen Gast. Enrico. Er trägt eine moderne Sporthose, ein buntes T-Shirt. Sein Gesicht ist vom Wind, der Sonne, dem Salz und vom Leben in tiefe Falten gelegt. Wie ein alter Lederkoffer, der stolz die Schrammen und Spuren vieler Abenteuer zur Schau trägt. Er hat eine dieser Riesenbrillen auf, wie sie alte Männer in Mafiafilmen tragen, diese überdimensionalen Horngestelle mit den leicht getönten Gläsern. Mein Blick schweift kurz zur Bar, auch hier niemand zu sehen. Enrico schmunzelt, steht auf und sagt mit dieser leisen, krächzenden Stimme, die Marlon Brando berühmt gemacht hat: “Wir sind allein, ich habe Mario spazieren geschickt.”
Er geht wie ganz selbstverständlich hinter die Bar und bereitet mir an der Maschine einen caffè. Ich bin verwirrt, nehme die Tasse, setze mich zu ihm an den Tisch. Er schiebt mir ein Päckchen Zigaretten zu, zündet sich selbst eine an. Ok, wir sind alleine hier, und ich grinse kurz in Richtung des Schildes an der Wand, das in jedem öffentlichen Gebäude vorgeschrieben ist. Neben der durchgestrichenen Zigarette steht auch der gesamte Gesetzestext, mit allen Strafen, die auf die Nichteinhaltung drohen. Ich bin sicher, noch kein Italiener hat sich das je durchgelesen.
Enrico taxiert mich lange, seine Augen sind jung und klar, schließlich nickt er, drückt seine Zigarette aus.
“Wie geht es Deinem Vater?” wieder diese tiefe leise Stimme.
“Äh, gut.”
“Man hat mir gesagt, ich solle mich an euch wenden.”
“Äh, ok?” ich verstehe nur Bahnhof.
“Ich habe da vielleicht was für euch…”

Und dann beginnt er zu erzählen.

Enrico ist 6 Jahre alt.
Er lebt mit seinen Eltern in Norditalien, im Land, in der Nähe von Reggio Emilia. Sein Vater arbeitet bei der Post und das Gehalt reicht gerade so, die Familie über die Runden zu bringen. Sie besitzen kein Auto, Enrico trägt die alten Sachen seiner größeren Geschwister und die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in einem schäbigen Haus, das schon vor dem Krieg nicht mehr schön war. Die Sommer hier in der Po-Ebene sind heiß und feucht, die Wohnung stickig und, wenn das Thermometer über Monate auf über 30 Grad steigt, ist es fast nicht auszuhalten. Die Sommerferien, die in Italien drei Monate dauern, sind endlos und die Familie kann sich keinen Urlaub leisten.
Doch es gibt eine Einrichtung, die für diese Familien geschaffen wurde. Der Staat und auch einige große Firmen haben an den Stränden direkt am Meer Kindererholungsheime gebaut. Hier können Kinder aus dem ganzen Land einen Teil ihrer Sommerferien verbringen, wenn sie aus Familien stammen, deren Einkommen nicht für einen Urlaub reicht.
Der Sommer, in dem Enrico gerade zu Beginn der Ferien 6 Jahre alt geworden ist, ist einer der heißesten seit Jahren. Aber Enrico hat Glück, er darf ans Meer. Und so steht er eines Morgens im Juli aufgeregt am Bahnhof. Er war noch nie von seiner Familie getrennt, er hat Angst, aber er ist auch neugierig, endlich einmal das Meer zu sehen, an dem er noch nie zuvor war.

Diese Ferienheime sind riesige Gebäude, die zum Teil mehreren hundert Kindern Platz bieten. Damals war das Land am Meer noch billig, es gab wenige Hotels und Platz spielte keine Rolle. Wo heute Hotels dicht gedrängt die Küsten Italiens verschandeln, hatten diese Häuser riesige Grundstücke für sich allein.

Enrico erlebt den schönsten Sommer seines jungen Lebens. Morgens, von der Sonne geweckt, verbringt er lange heiße Tage mit vielen anderen Kindern am Strand. Die Erzieher, junge Studenten, die sich etwas dazuverdienen, haben wenig Interesse an Regeln und Aufsicht, sie sind selbst viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Sommer am Meer zu genießen, die Kommilitoninnen zu beeindrucken und sich nachts heimlich gemeinsam im Meer und am Strand zu vergnügen.

Enrico ist in einem großen Heim gelandet, über drei Etagen erbaut, mit gewaltigem Garten, der viel Raum bietet, für Fußballspielen, sich Verstecken und allerlei anderer Dinge, die Kinder in dem Alter so tun. Die Betreuer haben eigene Zimmer, die Kinder sind in gemeinschaftlichen Schlafräumen untergebracht. Regeln gibt es, wie gesagt, fast keine. Bis auf eine, die wird den Kindern immer wieder eingehämmert. Keiner darf den dritten Stock betreten. Die Treppe endet im zweiten. Der Aufgang in den dritten Stock ist zugemauert. Auch von außen ist nichts zu sehen, alle Rollläden sind verschlossen. Unter den Jungs gibt es die wildesten Spekulationen, was im dritten Stock zu finden wäre. Von Vampiren wird gemauschelt, Geistern, heimlichen Gefangenen, Goldschätzen, Waffenlagern. Keine Theorie ist zu absurd, als dass sie nicht sofort als wahrscheinlich und wahr angesehen wird.
Enrico läßt das keine Ruhe, immer wieder schleicht er an der zugemauerten Wand umher, prüft sie fachkundig auf geheime Mechanismen, klopft sie ab, drückt minutenlang sein Ohr darauf, überlegt, plant, verwirft verschiedene Möglichkeiten, irgendwie hinter das Geheimnis zu kommen. Drei Tage vor dem Ende seiner Ferien spielen sie Verstecken im Garten. Und als er besonders tief im hinteren Teil des Gartens ins Gebüsch vordringt, findet er eine alte Holzklappe. Sie ist unverschlossen und als er sie öffnet, gibt sie den Blick auf eine Kellertreppe frei. Er steigt hinab und tastet sich durch den Raum, denn er vermutet, von hier ins Erdgeschoss zu kommen und so die anderen auszutricksen. Die Treppe, die nach oben führt, ist düster, er versucht mitzuzählen, wo er sich befindet und verliert schnell den Überblick. Das Treppenhaus hat schmale Fenster, jedoch sind alle Jalousien heruntergelassen, so dass nur wenig Tageslicht durch die Ritzen fällt. Der Boden ist schmutzig und in den schräg durch die Lamellen fallenden Sonnenstrahlen tanzen kleine Staubkörner wie winzige Diamanten in der Luft. In jeder Etage will er zurück in die bekannten Räume, aber es gibt nirgends eine Türe, bis, ja, bis er plötzlich ganz oben angelangt ist. Sein Herz beginnt zu rasen, denn ihm wird plötzlich klar, dass er in der dritten Etage sein muss. Die Türe ist nur angelehnt, er stößt sie mit dem Fuß auf, lauscht, und hört…..nichts.

Ein langer Gang, düster, schmutzig, von den Wänden blättert der Putz, der Boden übersät mit Abfall. Der Grundriss ist identisch mit der Etage darunter, er betritt den ersten Schlafsaal rechts, er ist eingerichtet wie unten, circa 30 Betten, noch bezogen, die Decken verstaubt, einige zerschlissen. Er bildet sich plötzlich ein, Stimmen zu hören, eine Bewegung am Ende des Zimmers zu sehen. Seine anfängliche Beklemmung wird zu Panik. Er läuft aus dem Zimmer in Richtung Treppe. Was er vergisst ist, dass er von der anderen Seite hier hoch gekommen war, somit ist der Grundriss, den er in den letzten vier Wochen verinnerlicht hatte, seitenverkehrt. Statt zurück zu der Treppe zu laufen, die er hochgekommen war, entfernt er sich immer mehr. Als er schließlich die Treppe erreicht, ist es die, die von unten zugemauert ist. Das bemerkt er aber erst, als er sie schon hinuntergelaufen ist und plötzlich auf der anderen Seite der Mauer steht. Sein Herz rast, er dreht sich um, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und sieht hinauf. Er ist sich jetzt sicher, dass er Stimmen hört, Schritte wahrnimmt. Auf allen vieren krabbelt er die Treppe wieder hinauf, lugt über den obersten Absatz.
Er kann nichts erkennen, es ist zu düster, die Sonne ist schon zu tief, alles ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Wie in Trance torkelt er den langen Gang zurück. Die letzte Türe noch zu seiner Rechten, dann hat er die alte Treppe erreicht. Ein Geräusch, er bleibt stehen, dreht den Kopf langsam hin und blickt in das Zimmer. Er weiß nicht, wie lange er dort hinein schaut. Er kann sich nicht mehr bewegen. Bis plötzlich irgendetwas in seinem Kopf Klick macht. Da rennt er schreiend die Treppe hinunter, schrammt sich im Keller das Bein an einem alten Schrank und steht irgendwann wieder im Freien an der alten Falltüre.

Er bricht plötzlich ab, ich schaue auf die Zigarette in meiner Hand, sie ist längst ungeraucht runtergebrannt und ich werfe sie achtlos in den Aschenbecher.
“Was hast du gesehen, Enrico?”, ich duze ihn einfach.
Er schüttelt nur den Kopf, atmet tief durch, seufzt, zündet sich eine Zigarette an.
“Ich wollte gar nicht so viel darüber erzählen.”
“Warum erzählst du mir überhaupt davon?”
Er lehnt sich zurück, lächelt.
“Ich habe mich damals verliebt. In das Meer. Sobald ich volljährig war, kam ich zurück. Die Ferienheime wurden mit der Zeit geschlossen, der Staat musste sparen, und wie überall spart er zuerst an denen, die sich am wenigsten wehren können, den Kindern.”
“Warst du nochmals dort?”, ich frage es, obwohl ich die Antwort kenne.
“No!”
“Was hast du damals gesehen?”
Wieder Kopfschütteln.
“Ich gehe oft daran vorbei, aber ich war nie mehr drin.”
“Warum erzählst du mir das alles?”

Und dann wird’s interessant. Die Heime wurden alle nach und nach geschlossen. Natürlich dachte man damals, das wäre nur vorübergehend. Also lies man die Rollläden runter, vernagelte die Türen und stellte den Strom ab.
Aber niemand hatte mehr ein Interesse daran, diese Häuser wieder in Betrieb zu nehmen. Schnell war alles veraltet, zu runtergekommen, die Sanierung viel zu teuer. Die Zeit, die Stürme am Meer, das Salz in der Luft. Alles Gift für Häuser. So fing man an, die Fenster teilweise zuzumauern, um die Substanz noch irgendwie zu retten. Aber, das alles brachte nichts, die Häuser verfielen immer mehr. Und so sitzt der Staat auf alten riesigen Grundstücken in allerbester Lage, direkt am Meer. Unglaubliche Immobilienwerte. Und Enrico hatte einen Kontakt geknüpft. Eines dieser alten Ferienheime stünde zum Verkauf. Unter der Hand, die Comune würde diesen Besitz gerne versilbern. Und Enrico kannte die richtigen Leute, um zuzuschlagen, bevor eine öffentliche Ausschreibung gemacht würde.
“Kann ich es anschauen?”, ich erhob mich schon halb bei der Frage.
“Sicher!”, er bewegte sich nicht.
Ich ließ mich wieder zurücksinken. “Wann?”
Er nickte quer über die Straße, auf ein riesiges altes Gebäude. Daher also diese Bar als Treffpunkt.
“Sieh’s dir heute Abend an, alleine, es soll niemand mitbekommen, dass sich jemand dafür interessiert.”
“WAS hast du damals gesehen?”, versuchte ich es nochmal. Wobei, eigentlich glaubte ich die Antwort längst zu kennen.
Sein Lächeln erstarb, sein Blick drang tief in meine Augen, ein ganz kurzes Aufblitzen, als er fand, was er darin gesucht hatte.
“Sieh’s Dir an.”
Ein Mann betrat die Bar, tat so, als würde er mich nicht bemerken und verschwand sofort im hinteren Zimmer. Wohl Mario, der Besitzer. Und somit das Signal, aufzubrechen.

Freitag Abend. Die ersten Italiener sind bereits für das traditionelle Wochenende am Meer eingetroffen, es wird laut und voll im Ort. Ich sitze mit Freunden in einer Bar. Ich habe sie vorgeschlagen, denn sie ist relativ nah an dem alten Kinderheim. Ich bin unruhig, weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Haus genauer anzusehen. Noch ist es hell, die Dämmerung kommt langsam. Langsamer als sonst, wie ich finde. Ich muss noch kurz was erledigen, habe ich den anderen gesagt, aber mich nicht näher darüber ausgelassen. Sie denken vermutlich, ich treffe jemanden, und da ich Enrico mein Wort gegeben hatte, niemandem etwas zu erzählen, ist mir das ausnahmsweise ganz recht.

Gegen 22.00 Uhr verschwinde ich unauffällig und fahre das kurze Stück aus dem belebten Teil des Orts hinaus. Die Bagni (Strandbäder) werden hier weniger, die Abstände etwas grösser und als ich auf Höhe von Marios Bar bin, biege ich in eine Seitenstraße ein. Ich stelle die Vespa an einer dunklen Stelle ab und nähere mich dem alten Gebäude von der Rückseite. Es ist bald Vollmond und er ist schon hell genug, um das gesamte Gelände in ein unwirkliches fahles Licht zu tauchen. Erst von der Rückseite wird mir die gesamte Größe des Hauses so richtig bewußt. Der Hauptteil wird von zwei langen Seitenflügeln flankiert, die, vom Meer abgewandt, einen unglaublichen Innenhof bilden. Die Jalousien sind heruntergelassen, teilweise aber mit der Zeit auch aus ihren oberen Verankerungen gerissen und hängen an manchen Fenstern schief in den verrosteten Führungen. Manche Fenster sind auch zugemauert, aber es ist kein Muster zu erkennen, nachdem die Maurer dabei vorgegangen sind. Der morbide Charme dieser “großen alten Dame”, wie ich das Haus insgeheim ehrfürchtig nenne, ist so beeindruckend, dass ich mich von dem Anblick kaum lösen kann.
Ich überschlage in Gedanken die ungefähren Flächen, die man daraus für ein Hotel oder ein Apartmenthaus bilden könnte, und als ich diese Quadratmeter in Baukosten umrechne, stockt mir der Atem.

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Wie Enrico mir gesagt hatte, ist der Zaun an einigen Stellen aufgerissen und ich betrete das Gelände. War gerade noch das Rauschen der abendlichen Brandung zu hören gewesen, ist es hier plötzlich still. Zu still. Nichts ist zu hören, und ich kann erst nicht verstehen, was genau fehlt. Ich gehe von hinten zum Hauptteil, dort ganz nach rechts und finde sofort die kleine Türe, wohl ein Seiteneingang. Drei bröckelnde Stufen führen hinauf zum Eingang, und mir wird klar, warum Enrico immer vom dritten Stock gesprochen hatte. Das Erdgeschoss ist im Hochparterre, somit hatte er es gleich als erste Etage gezählt. Der Schlüssel liegt ebenfalls an der versprochenen Stelle, rechts von der Treppe, unter einem Stein.
Ich bilde mir ein, ein Knacken hinter mir zu hören und drehe mich hastig um, aber es ist nichts zu sehen. Und jetzt merke ich endlich, was hier fehlt. Geräusche! Hier müsste es rascheln, knacken, wispern, wuseln. Das ist ein Paradies für alle möglichen Tiere. Und es ist ungewöhnlich, dass scheinbar keine da sind.
Die kleine Türe führt direkt in die ehemalige Küche. Ich hatte keinen Platz, meine MagLite einzupacken und bin nur mit einer winzigen LED-Lampe ausgerüstet. Die alten Öfen schimmern matt im Schein der Lampe, alles was aus Holz war, Schränke, Möbel, die Arbeitsflächen, sind nicht mehr da. Ich bewege mich vorsichtig über den mit Abfall übersäten Boden durch den Speisesaal und lande schließlich in einem großen, endlos langen Flur. Unzählige Türen gehen zu beiden Seiten ab. Es riecht unglaublich muffig und abgestanden hier drin. Zudem ist es schwül und stickig und ich merke, wie mir der Schweiß ausbricht. Es ist totenstill im Haus und ich merke, wie ein Gefühl der Beklemmung in mir hochkriecht.
Ich kenne dieses Gefühl, es beschleicht mich oft in alten verlassenen Ruinen und ich kann es ganz gut ignorieren. Ich schaue nicht in die einzelnen Zimmer, letztlich würde man das Gebäude ohnehin komplett abreißen müssen, oder es zumindest völlig entkernen, daher ist die momentane Aufteilung völlig bedeutungslos. Ich möchte nur überprüfen, ob meine Schätzung von außen ungefähr hinkommt, was die Flächen anbelangt. Die Treppe in den zweiten Stock übersehe ich fast, weil hier ein Schuttberg auf den ersten Stufen abgeladen wurde. Kurze Hosen, ein Top, Sandalen. Ganz tolles Outfit für so eine Aktion, aber ich klettere trotzdem darüber und rutsche auf der anderen Seite unsanft wieder herunter. Dabei kommt der Haufen in Bewegung, und einige seitlich gelagerte Ziegel poltern herunter und ich ziehe gerade noch die Füsse weg, bevor sie zerquetscht werden.
Wieder zurück zu klettern wird schwierig. Scherben, Latten mit Nägeln, zerbrochene spitze Ziegel. Ich brauche irgendwas, um das aus dem Weg zu Schaufeln.

Ich bin schon oft in alten Ruinen in solchen Situationen gewesen, das ist nichts, was mich aufregt, meine Neugier bringt mich regelmäßig in so einen Mist. Was mir eher zu schaffen macht, ist die zunehmende Beklemmung, die sich immer mehr in mir breit macht. Ich schwitze, bin völlig verdreckt und…ja, und ich habe plötzlich eine Scheißangst. Ich steige die Treppe nach oben und finde dort die zugemauerte Wand, von der Enrico mir erzählt hatte. Kurz taucht ein Bild in mir auf, wie der kleine Enrico hier an der Wand herumschlich, aufgeregt, um das Geheimnis der dritten Etage zu lüften. Und dann fällt mir noch etwas ein. Das andere Treppenhaus, von dem er erzählt hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass es ausschließlich in den obersten Stock führt, sicher hat er damals die Zugänge in den einzelnen Etagen nur nicht gesehen. Ich spiegle in Gedanken schnell den Grundriss und gehe in die Richtung, aus der er damals gekommen sein muss, als er einen Stock höher war. Links und rechts zweigt Tür nach Tür vom Gang ab, manche sind offen, manche fehlen ganz, einige sind geschlossen. Die Luft ist hier noch schlechter als unten und ich keuche, um den Rest an Sauerstoff aus diesem Geruchsgemisch aus Abfall, Alter und Verfall herauszufiltern. Die Beklemmung weicht langsam dem Gefühl von Panik, die, wie mir klar ist, völlig irrational und unangebracht ist. Aber irgendetwas ist hier und ich weiß von anderen Situationen, dass mir nicht mehr allzuviel Zeit bleibt, in der ich diese Panik noch einigermaßen kontrollieren kann.
Ich biege um zwei Ecken, vermeide es, in die offenen Türen zu sehen, bin mir sicher, dass ich hier und da etwas Leises murmeln höre und dann ist der Gang fast zu Ende und ich überschlage nochmals den Grundriss, gleiche ihn mit dem ab, was ich von außen gesehen habe und was Enrico erzählt hatte. Es bleiben zwei Türen, die in Frage kommen, in das andere Treppenhaus zu führen und ich versuche die erste zu öffnen, die aber verschlossen ist und werfe mich fast gegen die zweite, die sofort auffliegt und mit einem lauten Knall gegen die Wand schlägt. Das Treppenhaus! Ich bin so erleichtert, dass ich kurz kichern muss, ignoriere ein vermeintliches Rascheln hinter mir, verwerfe den schwachsinnigen Gedanken, nach oben in die dritte Etage zu gehen und haste die Stufen nach unten. Bitte nicht durch den Keller, bitte nicht durch den Keller, ist alles, was ich denken kann und zähle die Stufen und Absätze automatisch mit. Und weil ich nicht mehr sechs Jahre alt bin und Architektin, verzähle ich mich auch nicht so wie damals Enrico und mache rechtzeitig Halt, als ich im Erdgeschoss sein müsste. Ich leuchte die Wände ab und sehe sofort die Türe, die, wie ich vermutet hatte, in jedem Stockwerk ist. Ein Schieberiegel hält sie von innen zu, daher kam man von außen damals hier nicht rein, das Treppenhaus zu verlassen ist aber kein Problem. Ich lande wieder in der alten Küche, sprinte durch den Raum, erreiche endlich die Türe und lehne mich draußen schwer atmend an die Hauswand. Ich würde töten für eine Zigarette, aber die liegen im Lokal und so bleibt mir nur, die Türe zu verschließen und langsam und erschöpft zurück auf die Straße zu gehen.

Draußen drehe ich mich um und blicke zurück, ich versuche zu errechnen, wo genau damals Enrico im obersten Stock vor der offenen Türe gestanden haben muss, wo das Zimmer ist, in das er so lange blickte und das ihn so verstörte, dass er bis heute nicht darüber sprechen kann, was er damals sah. Ich folge den Gebäudelinien mit den Augen, gehe meinen Weg von eben in Gedanken nochmals durch, mache ein paar Schritte nach vorne, wieder zurück, wie ein Tänzer, der eine Choreographie einstudiert. Und schließlich bin ich sicher, welches Zimmer es gewesen sein muss. Das Fenster ist eine klaffende Wunde, das Rollo oben ausgerissen und halb herunter gesackt. Das Fensterglas fehlt, der Rahmen ist geborsten. Ein dunkles, tiefschwarzes Loch. Wie ein Portal, geht mir durch den Kopf. Ich schaue nach oben, versuche etwas zu erkennen, was mir auch gelingt, aber es ist nichts, was man mit den Augen sieht. Deswegen konnte Enrico es auch bis heute nicht beschreiben. Ich hatte mir das fast gedacht. Noch lange stehe ich so da, unbewegt, äußerlich, und irgendwann nicke ich zum Abschied, glücklich jetzt, und fahre zurück zu meinen Freunden.

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il bel paese – das schöne Land

Santarcangelo di romagna

Am Montag war ich in Santarcangelo, ein kleiner Ort, ca. 15 Minuten vom Meer entfernt, in der Emilia Romagna. Ich mache ja immer um alle Reiseführer und großen Sehenswürdigkeiten einen Bogen, weil mich tiefgründige Daten und Geschichten nicht so wirklich interessieren. Eine Marotte von mir, die auch verhindert, nach Rezept zu kochen. Alles, was einem vorgegebenen Schema folgt, löst bei mir sofort Langeweile aus und ich kann mich umgehend nicht mehr darauf konzentrieren. Ich mag es, möglichst schnell die grösseren Wege zu verlassen und mich von kleinen interessanten Gassen mit ihren Winkeln und Biegungen in den Bann ziehen zu lassen. Die nachfolgenden Fotos folgen daher auch keinem Schema, zeigen meistens gar nichts furchtbar historisch interessantes, sondern sind eher so, wie ein Kind es tut, der ständigen Ablenkung geschuldet, irgendetwas entdeckt zu haben, dass einem gerade gefällt.
Santarcangelo ist neben Savignano sul rubicone einer meiner Lieblingsorte. Die Piazza von Savignano hat mich übrigens auch zu der Geschichte “Tagtraum” inspiriert, die unter dem Menüpunkt “Daily” hier im Blog zu finden ist.

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Engel links, Teufel rechts

Bushido hält mich wach während der Wagen einen Kilometer schmutzigen Asphalt nach dem anderen unter sich aufsaugt. Es ist 3.30 Uhr, nicht Tag, aber auch nicht Nacht. Ich fühle mich, als wäre ich in einem Zeitvakuum. Fast alleine auf dieser endlosen Autobahn nach Hause.
Und wieder steigt diese unbändige Wut in mir hoch. Dass ich mir das antun muss, nur um nach Hause zu kommen. Nicht einfach da sein zu dürfen, wo ich hingehöre. Und die Stimme links flüstert, beschwer Dich nicht. Und die Stimme rechts höhnt, selbst schuld, wenn Du nicht machst, was Du willst. Und dann drehe ich die Musik noch lauter, um diese Gedanken zu betäuben. Engel links, Teufel rechts.

Besserwisser

„Das kannst Du nicht machen“, sagt sie.
„Das mußt Du doch machen“, sagt er.
„Du ißt zuviel“, höre ich hier.
„Du bist zu dünn“, kommt von dort.
„Schlaf mal mehr, das ist zu wenig“, meint einer.
„Schlaf nicht so oft“, ein anderer.
„Hättest mal lieber das Auto gekauft“, sagt er.
„Wieso hast Du nicht das Auto gekauft“ sagt sie.
„Du arbeitest zu viel“. „Du arbeitest ja fast nie“.
„Zuviel Training ist ungesund“. „Beweg Dich doch mal wieder“.
„Du jammerst zu viel“, heißt es hier, „Du läßt Deine Gefühle nicht raus“, kommt von da.
„Sag doch endlich mal Deine Meinung“, „Hey, sei doch nicht immer so direkt“.
„Triff Dich doch mal mit dem“. „Was, mit dem willst Du Dich treffen“.
„Ach, so machst Du das. Naja, eigentlich macht man das ja so“.

Ich bin naiv. Bevor ich anderen mit dummen Ratschlägen komme, denke ich mir immer, hey, auch wenn sich mir der Sinn nicht erschließt, der hat sich sicher was dabei gedacht, warum er es genau so macht.

Ich hab sie so satt, diese besserwissenden Klugscheißer.

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