Die Emilia Romagna und ihre “Lidi”
Die Emilia Romagna und ihre „Lidi“
Oberhalb der Marken gelegen, ist die Emilia Romagna neben der Toskana und dem Gardasee sicherlich mit der am häufigsten bereiste Landstrich Italiens. Schon in wenigen Autostunden von Deutschland aus zu erreichen und nur noch einen „Katzensprung“ vom Gardasee weiter südlich findet man hier schnell erreichbare Sandstrände, die südlich genug sind, um eine ausgedehnte Bade- und Sommersaison zu gewährleisten. Vielen bekannt ist sicherlich Rimini, der „Kultort“ aus vergangenen Jahrzehnten, der irgendwann mit dem gar nicht hübschen Spitznamen „Teutonengrill“ quasi inflationär geworden ist. Einst noch Badeparadies und Urlaubsziel in den Jahren des Wirtschaftswunders, heute fast schon ein Urlaubsziel, dass man mehr hinter vorgehaltener Hand nennt. Was eigentlich schade ist, denn Rimini hat auch durchaus heute noch seine Reize.
Mein bevorzugtes Gebiet ist jedoch bei Ravenna, am Meer, an den sogenannten „Lidi“ und im Hinterland. In den sanften Hügeln, den Ausläufern des Apennin, findet sich ein ursprüngliches Italien, mit zahlreichen kleinen historischen Dörfern, alten Kirchen, Landgasthöfen und wundervoller Natur.
Ravenna, nur ca. 15 Minuten vom Meer entfernt, ist quasi ein Konzentrat von Sehenswürdigkeiten, Kultur und italienischem Ambiente. Die für italienische Verhältnisse große Stadt bietet mit weitläufigen Fußgängerzonen Stil und Raum für tagelange Erkundungen.
Die Lidi (= Strände) von Ravenna bieten vielfältigste Gesichter, vom mondänen Milano Marittima, über ganzjährig bewohnte Orte mit perfekter Infrastruktur, bis hin zum klassischen Sommerbad. Alles jedoch sehr ruhig, angenehm und typisch italienisch, ohne große Betonburgen und Bausünden.
Nachfolgend möchte ich mit euch ein paar der Orte direkt am Meer besuchen. In einem davon lebe ich selbst
Wir beginnen unsere Reise in Cervia. Cervia ist ganzjährig bewohnt. Die historische Hafenstadt ist jedoch über die Jahrhunderte gewachsen. Die kleinen Gassen im Zentrum und die wunderbare Hafenmole strahlen Ruhe aus. Hier ist alles ein wenig ruhiger, gediegener, historischer. Die Lungomare ist geprägt von vielen kleinen Restaurants, in denen der fangfrische Fisch vom kleinen Fischmarkt des Ortes serviert wird. Die Infrastruktur ist hervorragend, die Strände weitläufig. Italien pur.
Wir verlassen Cervia in Richtung Norden und kommen in wenigen Minuten nach Milano Marittima. Milano Marittima, wohl einer der mondänsten Orte an der Adria. Hier ist „Showtime“ angesagt. Das „Milano“ im Namen ist Programm. Jedes Luxuslabel leistet sich hier eine Boutique, die Restaurants sind nobel und teuer, die Bars angesagt und cool, die Strände setzen tagsüber Trends und bieten abends den Rahmen für ein Fischessen der Extraklasse. Lieblingsplatz ist das Rondell in der Mitte des Orts, ein kleiner Palmengarten ziert den zentralen Kreisverkehr. Vom stylischen Loungingmöbel aus lässt sich beim Espresso (für 2,50 Euro der Schluck) am Spätnachmittag beobachten, welche Automarke und welcher Designer gerade angesagt ist. Ob Villa oder Penthouse, hier kostet alles exorbitant viel, Preise auf Weltstadtniveau.
Ein wenig weiter gelangen wir nach Lido di Savio. Ein kleiner Ort, direkt am Meer. Von den Italienern lediglich zur Sommerzeit genutzt, liegt der Ort außerhalb der Saison im Winterschlaf. Preislich merkt man jedoch auch hier immer noch die Nähe zu Milano Marittima. Das gilt auch für den nächsten Ort, der über eine kleine Brücke zu erreichen ist, Lido di Classe.
Lido di Classe, ein kleiner verträumter Badeort. Auch hier, nur während der Sommersaison aktiv, finden sich einige größere Hotels und viele kleine bezaubernde Häuschen. Wunderbar ist hier die schnelle Erreichbarkeit des Strandes, da eine Fußgängerzone genau am Strand vorbeiläuft. Ideal für Familien mit Kindern.
Fahren wir einen Ort weiter. Diesmal dauert es etwas länger. Denn nach Lido di Classe kommt erstmal: nichts! Circa 12 Kilometer Freistrand trennen uns vom nächsten Ort. Als Naturschutzpark grenzt direkt an den Strand ein Pininenhain, durchzogen von kleinen Wegen, ein Paradies für Läufer und Radfahrer. Mit dem Auto muss man diesen Park weiträumig umfahren, um nach ca. 20 Minuten in Lido di Dante anzukommen.
Lido di Dante ist winzig, ein Ort ohne Hotels. Nur ein Campingplatz und viele entzückende kleine „Villettas“ sind hier zu finden. Was Lido di Dante besonders interessant macht, ist die Nähe zum Naturschutzpark mit den langen einsamen Stränden. Im Jahr 2003 wurde der Strand von der Umweltschutzorganisation Legambiente zu einem der elf schönsten Stränden Italiens erklärt. An diesem „Freistarnd“ gibt es keinerlei Infrastruktur, keine Bar, keinen Kiosk. Man sollte also die Kühltasche dabei haben. Dafür kann man hier noch einen ganzen Tag wirklich allein am Strand verbringen. Und, selten in Italien, hier nutzen viele auch die Möglichkeit, ihre Sonnenbräune „nahtlos“ aufzufrischen.
Weiter geht die Reise in den Nachbarort, nach Lido Adriano. Ich mag diesen Ort, auch wenn hier ein paar Bausünden aus früheren Jahren stehen. Dennoch, der Ort ist relativ groß, hat alles an Geschäften, was man sich nur denken kann (sogar einen Lidl), schöne Strände und viele, viele Varianten von Immobilien, von der Wohnung mit Meerblick bis hin zur Villetta mit Garten. Da der Ort sehr lang gezogen ist, bietet fast jede Immobilie direkte Erreichbarkeit des Strandes. Außerdem gibt es hier mein Lieblingslokal, in das ich immer wieder gerne einkehre. Mein Geheimtipp: ein Restaurant direkt am Strand, und mit direkt meine ich wirklich direkt. Man greift vom Fenster aus quasi ins Meer, und das Essen ist preiswert und phänomenal zugleich.
Direkt im fließenden Übergang erreichen wir nun Punta Marina Therme. Ebenfalls ganzjährig bewohnt und dazu noch mit einem Thermalbad, vielen kleinen Restaurants, Bars und Geschäften. Hier gibt es keinerlei große Hotelklötze. Die Lungomare entlang zu fahren ist Genuss pur. Über mehrere Kilometer ist auf der einen Seite der Strand, auf der anderen Seite Pinienwälder, dazwischen immer wieder versteckt kleine Häuschen, in denen man nachts das Meer rauschen hört.
Fährt man lange genug diese Straße entlang, erreicht man Marina die Ravenna. Wie der Name sagt, haben wir hier quasi den Hafen Ravennas. Der Ort hat sich in den letzten Jahren fein gemacht. Es entstand einer der größten Sportboothäfen der Adria. Es macht Spass, die großen Yachten zu bewundern. Die Fußgängerzone ist lang und bietet Geschäfte, Restaurants und Bars. Der maritime Charakter ist hier deutlich zu spüren. Zudem ist der Ort ganzjährig bewohnt und verfügt daher auch über beste Infrastruktur. Allerdings sind die Restaurants preislich hier wieder deutlich teurer.
Weiter zum nächsten Ort wartet ein kleines Hindernis auf uns: die Fähre. Mit ihr überquert man in weniger als 2 Minuten den Hafenkanal, um nach Porto Corsini zu gelangen.
Porto Corsini, dieser Name klingt in meinen Ohren wundervoll. Leider besteht der Ort jedoch nur aus ein paar Häusern. Kaum hat man ihn erreicht, kommt schon das Ortsschild des nächsten Ortes: Marina Romea.
Marina Romea liegt eingebettet in einen Pinienhain, selbst in der kalten Jahreszeit findet sich hier viel Grün fürs Auge und fürs Gemüt. Der Ort ist ein reiner Saison-Ort. Viele haben hier eines der zahlreichen Ferienhäuser, die aber nur im Sommer genutzt werden. Im Winter liegt der Ort im Dornrößchenschlaf, dann hat nur ein kleines Restaurant und eine einzige Bar geöffnet. Immerhin, Marina Romea hat kaum Hotels, damit auch nicht die oft am Meer gefürchtete „Beton-Skyline“, stattdessen ist das Meer vom Ort durch einen Pinienpark getrennt.
Abschließend erreichen wir nach kurzer Fahrtzeit nun Casal Borsetti. Ein kleiner Ort, hier ist alles ganz ruhig, ganz wie früher, kleiner Hafen, kleines Fischrestaurant. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auch hier ist eines meiner Lieblingsrestaurants, man ißt unvergleichlich – und dass mit Blick direkt aufs Meer.
Danach kommen erstmal wieder kilometerlange Freistrände, Flussdeltas und Straßen, die alle weg vom Meer führen. So beenden wir hier unsere kleine Küstenreise.
Immer auch einen Ausflug wert sind die nahe gelegenen Hügel der Emilia Romagna, in der man noch unberührtes Italien erlebt, ob beim caffè auf der Piazza oder in einem der traditionellen Landgasthäuser mit Spezialitäten aus der Region und dem Meer.