Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Storys’ Category

Ich musste die Tage an eine Geschichte denken, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Ab und zu, wenn ich einen Auftrag übernehme, ziehe ich ein paar Tage in ein Haus, um ein Gefühl zu bekommen, was ich tun werde. So auch vor ein paar Jahren. Deutsche hatten das Haus etwas weiter entfernt von meinem Heimatort gekauft und waren über eine Empfehlung zu mir gekommen. Sie wollten viel ändern, und ich sollte einen Plan erstellen.

Ich kam am späten Vormittag dort an. Schon die Zufahrt war ein Abenteuer. Vom kleinen Ort bog ich auf eine Kiesstraße ab und kam irgendwann an eine Kreuzung, an der ein Hohlweg fast senkrecht den Hang hinunter ging. Selbst mit Geländeuntersetzung war der Wagen fast nicht zu bremsen und ich rumpelte über Schlaglöcher, umfuhr Felsbrocken und zerkratzte mir die Flanken des Jeeps mit seit Jahren nicht mehr zurückgeschnittenen Brombeerranken. Irgendwann lichtete sich der Weg und nach einem letzten steilen Stück stand ich vor dem Haus. Es war ein altes Herrenhaus. Ich umrundete es langsam und ließ es auf mich wirken. Die ehemalige Natursteinfassade war irgendwann verputzt worden, dann war der Putz wieder teilweise abgenommen worden, an manchen Stellen bröckelte er auch einfach ab. Die Dachpfannen waren in einem katastrophalen Zustand, viele davon schief, einige fehlten ganz. Die Fenster waren alt und nur einfach verglast, die Fensterläden ließen noch Reste von ehemals dunkler grüner Farbe erkennen, viele waren morsch.

Aber das waren nur kosmetische Probleme. Die Lage war der Hammer. Das Haus stand alleine auf einem Hügel, der Blick überwältigend in alle Richtungen, man konnte bis zum Meer sehen. Das gesamte Grundstück hatte ca. 80.000 Quadratmeter, das meiste davon zwar undurchdringliche Wildnis, aber es gehörte immerhin alles den Hausbesitzern. Ich ging nach drinnen. Auch hier war alles alt, verbraucht, lieblos. Das Haus war zwar bewohnbar, aber es gab keine Heizung, die Küche war völlig hinüber und die Bäder seit Jahrzehnten nicht renoviert. Die einzige Warmwasserquelle war ein Elektroboiler, der so verrostet war, dass ich niemandem empfohlen hätte, ihn nochmals anzuschalten. Im oberen Stockwerk hatten sich die Besitzer ein Zimmer schön hergerichtet, mit großem Landhausbett aus schwarzem Schmiedeeisen, frischen Farben an der Wand und sogar ein paar Bildern. Sie hatten mir erzählt, dass sie ein paar Mal hier Urlaub gemacht hatten, um zu überlegen, wie sie das Haus herrichten werden. Es gab viel zu viele Zimmer, man würde das alles öffnen müssen, neu aufteilen und vernünftig, aber behutsam, wieder herrichten.

Ich saß abends lange auf der Terrasse, sah in der Ferne die funkelnden Lichter der kleinen Orte, lauschte der Natur und versank in Gedanken, bis es spät und finster war. Im Haus bekam ich plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Ich bin nicht ängstlich, aber logisch betrachtet war ich hier alleine und niemand würde hier irgendwas mitbekommen. Es gab keinen Handyempfang, Telefon sowieso nicht. Ich blickte auf die Fenster im Erdgeschoss, keines davon war vergittert. Also ging ich nochmals nach draußen, um die Fensterläden anzuklappen und schloss auch die Terrassentüren-Läden zu. Dann von drinnen alle Fensterläden verriegeln, eine Heidenarbeit, es gab alleine im Erdgeschoss ca. 16 Fenster. Gitter!, notierte ich in Gedanken zur Liste der nötigen Renovierungsarbeiten.

Auf dem Weg nach oben ins Schlafzimmer verdrängte ich den Gedanken, dass ich eigentlich mal in alle 12 Zimmer sehen müsste, ob da nicht irgendein ungebetener Gast war. Ich bin selbst in einem einsamen großen Landhaus aufgewachsen. Aber dort war man nie alleine. Es lebten mehrere Generationen von uns unter einem Dach, dazu noch einige unserer Arbeiter, die auch im riesigen Haus ihre Zimmer hatten. Dort war es nachts nie ganz still. Man hörte immer irgendjemanden, der sich im Bett hin und her warf, ein Quietschen hier, ein Schnarchen dort, eine Wasserspülung, oder ein verhaltenes Stöhnen, von Bewohnern, die sich gerade liebten.
Später dann, in meinem kleinen Haus am Meer, trug mich jede Nacht das Rauschen der Brandung in den Schlaf. Hier jedoch war: NICHTS! Es war absolut still, kein Auto zu hören, keine Geräusche, kein Knacken, einfach nur nichts. Und das machte mich fertig. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr in so einer Situation ein euch unbekanntes Geräusch hört? Dann grübelt man, was es wohl ist, man geht alle Optionen durch, was das Geräusch verursacht haben könnte. Viel schlimmer ist es, wenn man absolut nichts hört, nicht das Geringste. Und dann liegt man da und denkt, egal was jetzt ist, du wirst es in dieser Stille hören. Und so lag ich da und hoffte, nicht plötzlich doch etwas zu hören und wurde fast verrückt dabei. Zum hundertsten Mal blickte ich auf mein Handy und verfluchte wieder die Anzeige „Kein Netz“.
Schließlich stand ich nochmal auf, ging nach unten, öffnete eine Flasche Wein und trank gierig das Glas leer. Dann öffnete ich eines der Fenster, stieß den Laden auf und zündete mir eine Zigarette an. Ich blies den Rauch immer ordentlich aus dem offenen Fenster, denn ich wusste nicht, ob die Besitzer Nichtraucher waren. Der lange Tag forderte schließlich seinen Tribut und ich wurde plötzlich unglaublich müde. Das wollte ich ausnutzen, ich schleppte mich zurück ins Bett und schlief tatsächlich ein.

Ich träumte unruhig, von Menschen, die versuchten, die Eingangstüre mit Äxten einzuschlagen und irgendwann schoss ich senkrecht hoch, denn die Schläge waren nicht geträumt, das Hämmern war echt! Im nächsten Moment tauchte ein Blitz das Zimmer kurz in gleissendes Licht, in der nächsten Sekunde folgte ohrenbetäubender Donner. Ein Gewitter. Ich sank erleichtert zurück. Ich knipste das Licht an, um zu sehen, wie spät es war, aber es ging nicht, der Strom war weg. Aber das war egal, das Gewitter war so laut, es übertönte alles und so rollte ich mich unter der Decke zusammen und schlief wie ein Baby.

Als ich am Morgen wieder nach unten in die Küche ging, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Nach der ganzen Panik, die ich hatte, nach all der Mühe, alle Läden zu schließen, war ich fassungslos. Das Fenster, das ich zum Rauchen geöffnet hatte, ich hatte es vergessen. Es stand sperrangelweit offen.

Read Full Post »

HEXENJAGD

14. Februar 1499 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Die Inquisiteure hatten wenig Zeit gehabt, sie wollten vor dem Unwetter noch weiter. Daher hatten sie nicht gewartet, bis der Scheiterhaufen ganz heruntergebrannt war. Sobald sie aufgehört hatte zu schreien, machten sie sich auf den Weg.

Als die Familie sehr spät in der Nacht kam, um den Leichnam abzunehmen, stellten sie fest, dass der Regen das Feuer gelöscht hatte, bevor es ihr Gesicht zerfressen konnte. Sie hing leblos und mit abgebranntem Unterkörper am Pfahl, den Blick geradeaus gerichtet, als suche sie halt in der Ferne. Eine Wange war wohl dem Feuer zu nahe gekommen und in der Hitze aufgeplatzt, ein Auge ausgelaufen, die Spur zeichnete sich als getrocknete Masse bis zur aufgeplatzten Stelle und war dort in den Mund gelaufen. Die andere Gesichtshälfte war unversehrt – ebenso wie die langen Haare, die ihr zum Verhängnis geworden waren.

Da der Friedhof für die Hexe nicht erlaubt war, trugen sie die Leiche bis sie eine kleine Höhle fanden, direkt unter einer kleinen Landstraße. Hier betten sie sie auf Laub, kämmten ihre Haare noch ein letztes mal und versperrten den Eingang zu ihrem Grab mit schweren Steinen, die sie wie eine Mauer aufschlichteten.

13. Februar 1799 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Es hatte lange Tage geregnet, der Bauer kam mürrisch und voller Zorn ins Haus geschlurft. Seine Frau stand gebückt an der Spüle, die langen Haare wallten wie lodernde Flammen um ihren Körper. Als sie Suppe und Wein auf den Tisch vor ihn stellte, war sie etwas ungeschickt und etwas von der heißen Flüssigkeit spritze auf seine Hand. Erschrocken wich sie zurück. Er sprang auf und schrie sie an und als sie noch weiter zurückwich schleuderte er ihr den Teller mit der fast noch kochenden Suppe ins Gesicht. Sie schrie auf und taumelte nach hinten zum Herd, so dass ihre langen Haare von den Flammen entzündet wurden. Er starrte fasziniert auf die Frau, durch die Hitze riß ihre Wange auf, ein Auge quoll unter der Hitze auf und platzte schließlich mit einem leisen Plop und lief ihre Wange herunter. Sie hatte den Blick in die Ferne gerichtet, nahm ihn nicht mehr wahr. Die trockenen Strohlager entzündeten sich in der Wohnstube wie Zunder. Endlich konnte er sich von ihrem Anblick lösen. Der Weg nach draußen war längst verwehrt, so lief er ein Zimmer weiter. Hier saß er in der Falle. Das Haus war an einem Hang gebaut. Oberhalb verlief die alte Landstraße, dieses Zimmer lag unterhalb der Straße. Er sah sich gehetzt um, kein Fenster, keine Türe, draußen nur eine Wand aus Flammen. Der alte Türbogen fiel in seinen Blick. Ein Torbogen, der ins Nichts führte, der zugemauert war, mit alten schweren Natursteinen. Dahinter, was dahinter war, das wusste er nicht, aber in seiner Todesangst griff er ein schweres Werkzeug und schlug die Mauer ein, torkelte schließlich entkräftet in die Höhle dahinter – und schrie. Es war Mitternacht vorbei – der 14. Februar brach an.

14. Februar 2009 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Als ich das Haus sah, wusste ich sofort, dass es das Richtige war. Es war wunderschön, eine Ruine, aber mit dem Charme, den nur Jahrzehnte schaffen können. Es musste ein furchtbares Feuer gegeben haben, auf der Nordseite sah man davon nichts, sie war nahezu unversehrt. Aber die Südseite hatte gelitten, zerklüftet schob sich der Mitteteil des Hauses in den Himmel, wie ein Gesicht. An der Stirnseite war das Haus durch die Hitze aufgeplatzt, eines der runden Fenster, ein „Rottella“ – wie ein Auge, schoss es mir durch den Kopf – war durch die Hitze geborsten, irgendeine Flüssigkeit war dabei herausgelaufen, die sich als eingetrocknete Spur bis zu der aufgeplatzten Stelle abzeichnete.

Ich versuchte mir einen Weg zu bahnen, durch all das Gerümpel, das irgendwelche Bauern im lauf der Jahre im Haus abgeworfen hatten. Durch die ehemalige Wohnstube kam ich langsam voran in den hinteren Teil des Hauses. Durch die Hanglage gab es hier keine Fenster, so dass ich mich im Licht der schwächer werdenden Taschenlampe nur mühsam orientieren konnte.

Ganz am Ende war noch eine Kammer, sie musste direkt unter der alten Landstrasse liegen. Die morschen Eichenbalken waren rußgeschwärzt, der ganze Boden sah aus wie ein Kohlenkeller, an den Wänden konnte man sehen, wo das Feuer versucht hatte, noch mehr Nahrung zu finden. Ein leises rühren ließ mich aufhorchen und so fiel der alte Torbogen in meinen Blick. Er war sauber, fast schon strahlend weiß, wie ein Eingang zu einer Höhle. Die Taschenlampe gab kaum mehr als ein Glimmen von sich, ich konnte gerade so viel erkennen, dass die Türe zugemauert worden war. Gemauert ist übertrieben, es waren einfach die klassischen Natursteine aufgeschlichtet. Teilweise aber waren sie wohl herausgefallen, so dass an einigen Stellen größere Löcher entstanden waren. Neugierig tastete ich mich näher, versuchte in eines der Löcher zu leuchten, aber die Lampe strahlte nicht mehr weit genug. Ich rätselte über dieses Rührgeräusch nach, als ich mir einbildete, den Geruch von Suppe zu erahnen.

Durch die Stunden im Haus hatte ich nicht mitbekommen, wie das Unwetter aufgezogen war, als die ersten Donner losbrüllten bebte förmlich der Boden, das Gewitter musste unmittelbar über dem Haus sein. Irgendwo musste es doch einen zweiten Weg nach draußen geben, denn als die ersten Blitze sich entluden, tauchte die Kammer in gleißendes Licht, fast war es so, als könnte man minutenlang plötzlich sehen. Als wieder einer dieser besonders hellen Blitze zuckte, sah ich in der Höhle die Frau stehen, sie rührte am Herd, ihre langen Haare wallten um sie herum, sie war jung und schön. Ich konnte nur ihr Profil sehen, bis sie sich langsam mir zuwendete. Ihre mir abgewandte Gesichtshälfte war entstellt, ihre Wange war aufgerissen bis in die Mundhöhle, ihr rechtes Auge nicht mehr vorhanden. Plötzlich Dunkelheit.

Ich entzündete mein Feuerzeug, schrie in die Höhle, versuchte sie auszuleuchten – natürlich war sie leer, der Geruch, der mir entgegenschlug widerlich. Ich blickte auf den Steinhaufen, der aus der Mauer gefallen sein musste und begann hastig, die Mauer zu flicken. Alle Steine passten exakt in die Löcher, auf den Millimeter genau. Nur ein Stein blieb übrig. Er musste aus einem Teil weiter drin in der Höhle stammen. Er war keilförmig, sandigbraun. Eine kleine Spur daran sah aus wie – ein Rest Blut.

Nachdem ich irgendwie nach draußen gestolpert war, bemerkte ich, dass ich den Stein immer noch in der Hand hielt. Ich konnte nicht sagen warum, aber ich verbarg ihn am Rande der kleinen Hütte, um ihn später wieder zu finden.

Als ich mich vom Haus entfernte, drehte ich mich nochmals um. Die Blitze zuckten über den Himmel, es goss und der Sturm wuchs sich aus zum Orkan. Das Haus stand trotzig da, dahinter eine riesige Trauerweide, deren Zweige im Wind wallten und das Haus umschlossen wie langes Haar.

 

So sah die zugemauerte Türe aus:

Hexenjagd-01

Das sind die Spuren des Feuers:

Hexenjagd-02

So habe ich die zugemauerte Türe hergerichtet. Was dahinter ist, weiß ich nicht, dort landet man unter der Straße. Der weiße Fleck ließ sich nicht entfernen. Schaut man ihn lange an, finde ich sieht er aus wie ein Engel…

Hexenjagd-03

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: