Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Strand’

endless summer

Tja nun. Am Ende des Sommers geht es mir wie jedes Jahr. So viele Bilder in meinem Kopf, von so vielen Kleinigkeiten. Meist waren es in dem Moment, als ich sie erlebt habe, völlig unbedeutende Szenen, kurze Sequenzen. Zum Beispiel der Geruch einer von der Sonne verbrannten Wiese, das Geräusch, wenn in der Ferne ein Traktor fleißig seine Arbeit verrichtete, während alles sonst in absoluter Stille lag, weil sich niemand bewegen wollte, bei der Hitze. Das Zirpen der Zikaden nachts, am offenen Fenster, die mich in den Schlaf gesungen haben, der Tag, an dem es so heiß war, dass man sich im Sand schon vormittags die Füße verbrannt hat, der Geruch nach Fisch, wenn man am Hafen vorbeilief. Ein Blick hier, eine Geste da, das Rauschen der Brandung, wenn wir nachts schwimmen waren, die Schwalben, die aufgeregt das Gewitter angekündigt haben, die Sonnenblumenfelder, die verdorrt, aber immer noch gelb, im lauen Wind wogten.
Und jetzt ist es kühl. Der Herbst ist da. Und ich bin auch wieder zurück. Zurück aus einem Sommer, der diesmal so lang war, dass ich anfangs dem Gefühl nachgab, er würde niemals enden.
Mein Kopf platzt fast von all den Bildern, Emotionen, Gedanken, Eindrücken, die ich diesmal ganz bewusst gesammelt habe, nur für mich, in dem ich nicht online war, nichts geteilt habe, alles nur in mich aufgesogen habe.
Und jetzt, wo der Herbst beginnt, man wieder viel im Haus ist, sich mit einem Glas Rotwein tröstet, ist es an der Zeit – an der Zeit, ein neues Buch zu beginnen.

summer

Read Full Post »

…der morgen war kühl, obwohl sich das Gewitter, das in der Nacht getobt hatte, schon weit raus aufs Meer zurückgezogen hatte. Ich war viel zu leicht angezogen, und als ich die Vespa am Strand abstellte, hatte ich Gänsehaut am ganzen Körper. Eigentlich war ich noch zu jung, um sie schon fahren zu dürfen, aber so früh war fast noch niemand unterwegs und ich hatte bis zum Strand darauf geachtet, nur kleine Kiesstraßen zu nehmen, auf denen normalerweise keine Polizei unterwegs ist.
Die Sonne stieg gerade aus dem Meer und wurde zum Teil noch von der Gewitterfront verdeckt, was dem Himmel ein bizarres Aussehen verlieh. Ich ließ meine Schuhe zurück und lief in großen Sprüngen runter ans Meer. Der Sand war eiskalt, so früh am morgen. Kaum zu glauben, dass man ihn gegen Mittag schon nicht mehr barfuß betreten würde können. Die Plastiktüte am Handgelenk schlurfte ich durch das seichte Wasser nah am Ufer und blieb nur gelegentlich kurz stehen, wenn ich eine brauchbare Muschel ausgraben konnte. Mama würde sie später mit Knoblauch und Kräutern kochen und als Beilage zur Pasta zum Mittagessen geben.
Ich weiß bis heute nicht, was diesen Morgen so seltsam machte, die Stimmung der aufgehenden Sonne mit den Gewitterwolken, die ungewöhnliche Kälte für Anfang September, ich habe keine Ahnung. Irgendwann wurde mir bewusst, dass viel zu wenig Menschen am Strand waren. Normalerweise sind um diese Zeit immer schon einige Muschelsucher, Jogger oder Spaziergänger auf den Beinen. Ich aber war alleine. Weil ich wenig Muscheln fand, lief ich anders als sonst auch noch weit über den Leuchtturm hinaus. Der Freistrand hier war berüchtigt, Nachts ließ sich hier niemand blicken. Dieser Abschnitt ist schmutzig, Treibgut wird nicht entfernt, Muschelreste nicht aufgesammelt. Zerbrochene Flaschen und Reste von Lagerfeuern erzählten die Geschichten von wilden Partys.

Strand

Am Strand sah ich ein Boot, ein altes Fischerboot, klein, schäbig. Drei Jungs standen dort. Als ich auf ihrer Höhe war, glotzten sie interessiert zu mir herüber.
„Was suchst Du?“
„Muscheln.“ antwortete ich zaghaft.
„Und, schon welche gefunden?“ mischte sich der Zweite ein.
„Geht so.“
Ich ging jetzt etwas schneller, ich wollte weiter.
„Schau dir das hier mal an.“ er zeigte auf das alte Boot.
„Nein, ich, ähm, habe keine Zeit.“
Unsicher. Ich war viel zu unsicher. Jedes Tier merkt, wenn du unsicher bist, hatte mir mein Vater beigebracht. Und das ist nie gut.
„Komm, es dauert nicht lang, du musst das sehen.“ er deutete wieder auf das Boot.
Ich sah mich um. Niemand weit und breit. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Vielleicht ganz kurz schauen und das dann als Anlass nehmen, direkt hoch zur Straße zu laufen, weg vom Strand…
Ich näherte mich dem Boot.
„Hier, da drin, schau.“ sagte er wieder.
Ich hatte das Boot erreicht, blieb etwas davor stehen, reckte den Kopf, um über den Rand zu blicken. Natürlich war da nichts, das Boot war leer und als ich gerade kehrt machen wollte, spürte ich die Hand des Einen an meinem Po. Ich schlug sie weg und funkelte ihn böse an. Der links von mir griff nach meiner Brust und ich trat nach ihm, verfehlte ihn aber und der Dritte nutzte diesen Moment um von hinten meine Arme zu packen und sie auf den Rücken zu drehen. Ich zappelte wie verrückt, versuchte nach den beiden anderen zu treten, erwischte den Einen zwischen den Beinen worauf er mir eine Ohrfeige verpasste, die mir ganz kurz die Besinnung nahm. Ich wurde nach hinten gezogen, konnte mich nicht auf den Beinen halten und fing an zu schreien. Die Hand, die mir der Kerl hinter mir daraufhin auf den Mund presste, roch widerlich und ich versuchte rein zu beißen, aber er drückte so fest zu, dass mir die Luft weg blieb. Während mir einer die Shorts runterriss zog der andere bereits seine Badehose herunter und dann vergewaltigten sie mich nacheinander, einer sogar zwei mal.
Ich weiß nicht mehr, was damals in mir vorging. Ich habe alle Gedanken und Gefühle daran jahrelang völlig unterdrückt. Und als ich irgendwann so weit war, dieses Erlebnis aufzuarbeiten, habe ich am Ende alles gelöscht.

Als sie von mir abgelassen hatten, lag ich wimmernd am Strand. Mir tat alles weh und als ich mich halb aufrichtete sah ich, dass meine Oberschenkel voller Blut waren. Ich versuchte mich an dem Boot hoch zu ziehen und als ich es fast geschafft hatte sackte ich wieder zusammen und schaffte es gerade noch, den Kopf zu drehen und erbrach mich mehrmals in diesen scheiss kalten Sand.

Ich habe keinerlei Erinnerung mehr daran, wie ich nach Hause kam. Ich weiß nur noch, dass ich mich tagelang in meinem Zimmer einsperrte und völlig ohne Regung Tag um Tag über mich ergehen ließ. Ich sprach mit niemandem darüber, ich wollte nicht ein Wort von diesem Erlebnis je aussprechen müssen. Ich lebte nur noch in einem Gefühl aus Ekel, Schmerz und Alpträumen.

Als ich vier Wochen später noch immer meine Regel nicht bekam, wurde zur Gewissheit, was ich schon seit Tagen gespürt hatte. Ich war schwanger.
Ich war ein minderjähriges, lediges, entjungfertes, schwangeres Mädchen in einem kleinen italienischen Dorf. Mein Leben war vorbei, noch bevor es richtig begonnen hatte…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

Read Full Post »

Enrico ist circa 70 Jahre alt.
Ich treffe ihn in einer Bar am Meer. Er hat am Telefon sehr geheimnisvoll getan. Eine „Immobiliensache“, mehr könne er am Telefon nicht sagen. Der Treffpunkt ist nur ein paar Orte weiter von mir. Wie sich später herausstellt, darf ich den genauen Ort aber nicht nennen. Sagen wir, es ist irgendwo zwischen Lido di Dante und Bellaria, an der Adriaküste.
Es ist früh am morgen, die Bar ist leer, bis auf einen Gast. Enrico. Er trägt eine moderne Sporthose, ein buntes T-Shirt. Sein Gesicht ist vom Wind, der Sonne, dem Salz und vom Leben in tiefe Falten gelegt. Wie ein alter Lederkoffer, der stolz die Schrammen und Spuren vieler Abenteuer zur Schau trägt. Er hat eine dieser Riesenbrillen auf, wie sie alte Männer in Mafiafilmen tragen, diese überdimensionalen Horngestelle mit den leicht getönten Gläsern. Mein Blick schweift kurz zur Bar, auch hier niemand zu sehen. Enrico schmunzelt, steht auf und sagt mit dieser leisen, krächzenden Stimme, die Marlon Brando berühmt gemacht hat: „Wir sind allein, ich habe Mario spazieren geschickt.“
Er geht wie ganz selbstverständlich hinter die Bar und bereitet mir an der Maschine einen caffè. Ich bin verwirrt, nehme die Tasse, setze mich zu ihm an den Tisch. Er schiebt mir ein Päckchen Zigaretten zu, zündet sich selbst eine an. Ok, wir sind alleine hier, und ich grinse kurz in Richtung des Schildes an der Wand, das in jedem öffentlichen Gebäude vorgeschrieben ist. Neben der durchgestrichenen Zigarette steht auch der gesamte Gesetzestext, mit allen Strafen, die auf die Nichteinhaltung drohen. Ich bin sicher, noch kein Italiener hat sich das je durchgelesen.
Enrico taxiert mich lange, seine Augen sind jung und klar, schließlich nickt er, drückt seine Zigarette aus.
„Wie geht es Deinem Vater?“ wieder diese tiefe leise Stimme.
„Äh, gut.“
„Man hat mir gesagt, ich solle mich an euch wenden.“
„Äh, ok?“ ich verstehe nur Bahnhof.
„Ich habe da vielleicht was für euch…“

Und dann beginnt er zu erzählen.

Enrico ist 6 Jahre alt.
Er lebt mit seinen Eltern in Norditalien, im Land, in der Nähe von Reggio Emilia. Sein Vater arbeitet bei der Post und das Gehalt reicht gerade so, die Familie über die Runden zu bringen. Sie besitzen kein Auto, Enrico trägt die alten Sachen seiner größeren Geschwister und die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in einem schäbigen Haus, das schon vor dem Krieg nicht mehr schön war. Die Sommer hier in der Po-Ebene sind heiß und feucht, die Wohnung stickig und, wenn das Thermometer über Monate auf über 30 Grad steigt, ist es fast nicht auszuhalten. Die Sommerferien, die in Italien drei Monate dauern, sind endlos und die Familie kann sich keinen Urlaub leisten.
Doch es gibt eine Einrichtung, die für diese Familien geschaffen wurde. Der Staat und auch einige große Firmen haben an den Stränden direkt am Meer Kindererholungsheime gebaut. Hier können Kinder aus dem ganzen Land einen Teil ihrer Sommerferien verbringen, wenn sie aus Familien stammen, deren Einkommen nicht für einen Urlaub reicht.
Der Sommer, in dem Enrico gerade zu Beginn der Ferien 6 Jahre alt geworden ist, ist einer der heißesten seit Jahren. Aber Enrico hat Glück, er darf ans Meer. Und so steht er eines Morgens im Juli aufgeregt am Bahnhof. Er war noch nie von seiner Familie getrennt, er hat Angst, aber er ist auch neugierig, endlich einmal das Meer zu sehen, an dem er noch nie zuvor war.

Diese Ferienheime sind riesige Gebäude, die zum Teil mehreren hundert Kindern Platz bieten. Damals war das Land am Meer noch billig, es gab wenige Hotels und Platz spielte keine Rolle. Wo heute Hotels dicht gedrängt die Küsten Italiens verschandeln, hatten diese Häuser riesige Grundstücke für sich allein.

Enrico erlebt den schönsten Sommer seines jungen Lebens. Morgens, von der Sonne geweckt, verbringt er lange heiße Tage mit vielen anderen Kindern am Strand. Die Erzieher, junge Studenten, die sich etwas dazuverdienen, haben wenig Interesse an Regeln und Aufsicht, sie sind selbst viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Sommer am Meer zu genießen, die Kommilitoninnen zu beeindrucken und sich nachts heimlich gemeinsam im Meer und am Strand zu vergnügen.

Enrico ist in einem großen Heim gelandet, über drei Etagen erbaut, mit gewaltigem Garten, der viel Raum bietet, für Fußballspielen, sich Verstecken und allerlei anderer Dinge, die Kinder in dem Alter so tun. Die Betreuer haben eigene Zimmer, die Kinder sind in gemeinschaftlichen Schlafräumen untergebracht. Regeln gibt es, wie gesagt, fast keine. Bis auf eine, die wird den Kindern immer wieder eingehämmert. Keiner darf den dritten Stock betreten. Die Treppe endet im zweiten. Der Aufgang in den dritten Stock ist zugemauert. Auch von außen ist nichts zu sehen, alle Rollläden sind verschlossen. Unter den Jungs gibt es die wildesten Spekulationen, was im dritten Stock zu finden wäre. Von Vampiren wird gemauschelt, Geistern, heimlichen Gefangenen, Goldschätzen, Waffenlagern. Keine Theorie ist zu absurd, als dass sie nicht sofort als wahrscheinlich und wahr angesehen wird.
Enrico läßt das keine Ruhe, immer wieder schleicht er an der zugemauerten Wand umher, prüft sie fachkundig auf geheime Mechanismen, klopft sie ab, drückt minutenlang sein Ohr darauf, überlegt, plant, verwirft verschiedene Möglichkeiten, irgendwie hinter das Geheimnis zu kommen. Drei Tage vor dem Ende seiner Ferien spielen sie Verstecken im Garten. Und als er besonders tief im hinteren Teil des Gartens ins Gebüsch vordringt, findet er eine alte Holzklappe. Sie ist unverschlossen und als er sie öffnet, gibt sie den Blick auf eine Kellertreppe frei. Er steigt hinab und tastet sich durch den Raum, denn er vermutet, von hier ins Erdgeschoss zu kommen und so die anderen auszutricksen. Die Treppe, die nach oben führt, ist düster, er versucht mitzuzählen, wo er sich befindet und verliert schnell den Überblick. Das Treppenhaus hat schmale Fenster, jedoch sind alle Jalousien heruntergelassen, so dass nur wenig Tageslicht durch die Ritzen fällt. Der Boden ist schmutzig und in den schräg durch die Lamellen fallenden Sonnenstrahlen tanzen kleine Staubkörner wie winzige Diamanten in der Luft. In jeder Etage will er zurück in die bekannten Räume, aber es gibt nirgends eine Türe, bis, ja, bis er plötzlich ganz oben angelangt ist. Sein Herz beginnt zu rasen, denn ihm wird plötzlich klar, dass er in der dritten Etage sein muss. Die Türe ist nur angelehnt, er stößt sie mit dem Fuß auf, lauscht, und hört…..nichts.

Ein langer Gang, düster, schmutzig, von den Wänden blättert der Putz, der Boden übersät mit Abfall. Der Grundriss ist identisch mit der Etage darunter, er betritt den ersten Schlafsaal rechts, er ist eingerichtet wie unten, circa 30 Betten, noch bezogen, die Decken verstaubt, einige zerschlissen. Er bildet sich plötzlich ein, Stimmen zu hören, eine Bewegung am Ende des Zimmers zu sehen. Seine anfängliche Beklemmung wird zu Panik. Er läuft aus dem Zimmer in Richtung Treppe. Was er vergisst ist, dass er von der anderen Seite hier hoch gekommen war, somit ist der Grundriss, den er in den letzten vier Wochen verinnerlicht hatte, seitenverkehrt. Statt zurück zu der Treppe zu laufen, die er hochgekommen war, entfernt er sich immer mehr. Als er schließlich die Treppe erreicht, ist es die, die von unten zugemauert ist. Das bemerkt er aber erst, als er sie schon hinuntergelaufen ist und plötzlich auf der anderen Seite der Mauer steht. Sein Herz rast, er dreht sich um, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und sieht hinauf. Er ist sich jetzt sicher, dass er Stimmen hört, Schritte wahrnimmt. Auf allen vieren krabbelt er die Treppe wieder hinauf, lugt über den obersten Absatz.
Er kann nichts erkennen, es ist zu düster, die Sonne ist schon zu tief, alles ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Wie in Trance torkelt er den langen Gang zurück. Die letzte Türe noch zu seiner Rechten, dann hat er die alte Treppe erreicht. Ein Geräusch, er bleibt stehen, dreht den Kopf langsam hin und blickt in das Zimmer. Er weiß nicht, wie lange er dort hinein schaut. Er kann sich nicht mehr bewegen. Bis plötzlich irgendetwas in seinem Kopf Klick macht. Da rennt er schreiend die Treppe hinunter, schrammt sich im Keller das Bein an einem alten Schrank und steht irgendwann wieder im Freien an der alten Falltüre.

Er bricht plötzlich ab, ich schaue auf die Zigarette in meiner Hand, sie ist längst ungeraucht runtergebrannt und ich werfe sie achtlos in den Aschenbecher.
„Was hast du gesehen, Enrico?“, ich duze ihn einfach.
Er schüttelt nur den Kopf, atmet tief durch, seufzt, zündet sich eine Zigarette an.
„Ich wollte gar nicht so viel darüber erzählen.“
„Warum erzählst du mir überhaupt davon?“
Er lehnt sich zurück, lächelt.
„Ich habe mich damals verliebt. In das Meer. Sobald ich volljährig war, kam ich zurück. Die Ferienheime wurden mit der Zeit geschlossen, der Staat musste sparen, und wie überall spart er zuerst an denen, die sich am wenigsten wehren können, den Kindern.“
„Warst du nochmals dort?“, ich frage es, obwohl ich die Antwort kenne.
„No!“
„Was hast du damals gesehen?“
Wieder Kopfschütteln.
„Ich gehe oft daran vorbei, aber ich war nie mehr drin.“
„Warum erzählst du mir das alles?“

Und dann wird’s interessant. Die Heime wurden alle nach und nach geschlossen. Natürlich dachte man damals, das wäre nur vorübergehend. Also lies man die Rollläden runter, vernagelte die Türen und stellte den Strom ab.
Aber niemand hatte mehr ein Interesse daran, diese Häuser wieder in Betrieb zu nehmen. Schnell war alles veraltet, zu runtergekommen, die Sanierung viel zu teuer. Die Zeit, die Stürme am Meer, das Salz in der Luft. Alles Gift für Häuser. So fing man an, die Fenster teilweise zuzumauern, um die Substanz noch irgendwie zu retten. Aber, das alles brachte nichts, die Häuser verfielen immer mehr. Und so sitzt der Staat auf alten riesigen Grundstücken in allerbester Lage, direkt am Meer. Unglaubliche Immobilienwerte. Und Enrico hatte einen Kontakt geknüpft. Eines dieser alten Ferienheime stünde zum Verkauf. Unter der Hand, die Comune würde diesen Besitz gerne versilbern. Und Enrico kannte die richtigen Leute, um zuzuschlagen, bevor eine öffentliche Ausschreibung gemacht würde.
„Kann ich es anschauen?“, ich erhob mich schon halb bei der Frage.
„Sicher!“, er bewegte sich nicht.
Ich ließ mich wieder zurücksinken. „Wann?“
Er nickte quer über die Straße, auf ein riesiges altes Gebäude. Daher also diese Bar als Treffpunkt.
„Sieh’s dir heute Abend an, alleine, es soll niemand mitbekommen, dass sich jemand dafür interessiert.“
„WAS hast du damals gesehen?“, versuchte ich es nochmal. Wobei, eigentlich glaubte ich die Antwort längst zu kennen.
Sein Lächeln erstarb, sein Blick drang tief in meine Augen, ein ganz kurzes Aufblitzen, als er fand, was er darin gesucht hatte.
„Sieh’s Dir an.“
Ein Mann betrat die Bar, tat so, als würde er mich nicht bemerken und verschwand sofort im hinteren Zimmer. Wohl Mario, der Besitzer. Und somit das Signal, aufzubrechen.

Freitag Abend. Die ersten Italiener sind bereits für das traditionelle Wochenende am Meer eingetroffen, es wird laut und voll im Ort. Ich sitze mit Freunden in einer Bar. Ich habe sie vorgeschlagen, denn sie ist relativ nah an dem alten Kinderheim. Ich bin unruhig, weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Haus genauer anzusehen. Noch ist es hell, die Dämmerung kommt langsam. Langsamer als sonst, wie ich finde. Ich muss noch kurz was erledigen, habe ich den anderen gesagt, aber mich nicht näher darüber ausgelassen. Sie denken vermutlich, ich treffe jemanden, und da ich Enrico mein Wort gegeben hatte, niemandem etwas zu erzählen, ist mir das ausnahmsweise ganz recht.

Gegen 22.00 Uhr verschwinde ich unauffällig und fahre das kurze Stück aus dem belebten Teil des Orts hinaus. Die Bagni (Strandbäder) werden hier weniger, die Abstände etwas grösser und als ich auf Höhe von Marios Bar bin, biege ich in eine Seitenstraße ein. Ich stelle die Vespa an einer dunklen Stelle ab und nähere mich dem alten Gebäude von der Rückseite. Es ist bald Vollmond und er ist schon hell genug, um das gesamte Gelände in ein unwirkliches fahles Licht zu tauchen. Erst von der Rückseite wird mir die gesamte Größe des Hauses so richtig bewußt. Der Hauptteil wird von zwei langen Seitenflügeln flankiert, die, vom Meer abgewandt, einen unglaublichen Innenhof bilden. Die Jalousien sind heruntergelassen, teilweise aber mit der Zeit auch aus ihren oberen Verankerungen gerissen und hängen an manchen Fenstern schief in den verrosteten Führungen. Manche Fenster sind auch zugemauert, aber es ist kein Muster zu erkennen, nachdem die Maurer dabei vorgegangen sind. Der morbide Charme dieser „großen alten Dame“, wie ich das Haus insgeheim ehrfürchtig nenne, ist so beeindruckend, dass ich mich von dem Anblick kaum lösen kann.
Ich überschlage in Gedanken die ungefähren Flächen, die man daraus für ein Hotel oder ein Apartmenthaus bilden könnte, und als ich diese Quadratmeter in Baukosten umrechne, stockt mir der Atem.

20120603-180754.jpg

Wie Enrico mir gesagt hatte, ist der Zaun an einigen Stellen aufgerissen und ich betrete das Gelände. War gerade noch das Rauschen der abendlichen Brandung zu hören gewesen, ist es hier plötzlich still. Zu still. Nichts ist zu hören, und ich kann erst nicht verstehen, was genau fehlt. Ich gehe von hinten zum Hauptteil, dort ganz nach rechts und finde sofort die kleine Türe, wohl ein Seiteneingang. Drei bröckelnde Stufen führen hinauf zum Eingang, und mir wird klar, warum Enrico immer vom dritten Stock gesprochen hatte. Das Erdgeschoss ist im Hochparterre, somit hatte er es gleich als erste Etage gezählt. Der Schlüssel liegt ebenfalls an der versprochenen Stelle, rechts von der Treppe, unter einem Stein.
Ich bilde mir ein, ein Knacken hinter mir zu hören und drehe mich hastig um, aber es ist nichts zu sehen. Und jetzt merke ich endlich, was hier fehlt. Geräusche! Hier müsste es rascheln, knacken, wispern, wuseln. Das ist ein Paradies für alle möglichen Tiere. Und es ist ungewöhnlich, dass scheinbar keine da sind.
Die kleine Türe führt direkt in die ehemalige Küche. Ich hatte keinen Platz, meine MagLite einzupacken und bin nur mit einer winzigen LED-Lampe ausgerüstet. Die alten Öfen schimmern matt im Schein der Lampe, alles was aus Holz war, Schränke, Möbel, die Arbeitsflächen, sind nicht mehr da. Ich bewege mich vorsichtig über den mit Abfall übersäten Boden durch den Speisesaal und lande schließlich in einem großen, endlos langen Flur. Unzählige Türen gehen zu beiden Seiten ab. Es riecht unglaublich muffig und abgestanden hier drin. Zudem ist es schwül und stickig und ich merke, wie mir der Schweiß ausbricht. Es ist totenstill im Haus und ich merke, wie ein Gefühl der Beklemmung in mir hochkriecht.
Ich kenne dieses Gefühl, es beschleicht mich oft in alten verlassenen Ruinen und ich kann es ganz gut ignorieren. Ich schaue nicht in die einzelnen Zimmer, letztlich würde man das Gebäude ohnehin komplett abreißen müssen, oder es zumindest völlig entkernen, daher ist die momentane Aufteilung völlig bedeutungslos. Ich möchte nur überprüfen, ob meine Schätzung von außen ungefähr hinkommt, was die Flächen anbelangt. Die Treppe in den zweiten Stock übersehe ich fast, weil hier ein Schuttberg auf den ersten Stufen abgeladen wurde. Kurze Hosen, ein Top, Sandalen. Ganz tolles Outfit für so eine Aktion, aber ich klettere trotzdem darüber und rutsche auf der anderen Seite unsanft wieder herunter. Dabei kommt der Haufen in Bewegung, und einige seitlich gelagerte Ziegel poltern herunter und ich ziehe gerade noch die Füsse weg, bevor sie zerquetscht werden.
Wieder zurück zu klettern wird schwierig. Scherben, Latten mit Nägeln, zerbrochene spitze Ziegel. Ich brauche irgendwas, um das aus dem Weg zu Schaufeln.

Ich bin schon oft in alten Ruinen in solchen Situationen gewesen, das ist nichts, was mich aufregt, meine Neugier bringt mich regelmäßig in so einen Mist. Was mir eher zu schaffen macht, ist die zunehmende Beklemmung, die sich immer mehr in mir breit macht. Ich schwitze, bin völlig verdreckt und…ja, und ich habe plötzlich eine Scheißangst. Ich steige die Treppe nach oben und finde dort die zugemauerte Wand, von der Enrico mir erzählt hatte. Kurz taucht ein Bild in mir auf, wie der kleine Enrico hier an der Wand herumschlich, aufgeregt, um das Geheimnis der dritten Etage zu lüften. Und dann fällt mir noch etwas ein. Das andere Treppenhaus, von dem er erzählt hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass es ausschließlich in den obersten Stock führt, sicher hat er damals die Zugänge in den einzelnen Etagen nur nicht gesehen. Ich spiegle in Gedanken schnell den Grundriss und gehe in die Richtung, aus der er damals gekommen sein muss, als er einen Stock höher war. Links und rechts zweigt Tür nach Tür vom Gang ab, manche sind offen, manche fehlen ganz, einige sind geschlossen. Die Luft ist hier noch schlechter als unten und ich keuche, um den Rest an Sauerstoff aus diesem Geruchsgemisch aus Abfall, Alter und Verfall herauszufiltern. Die Beklemmung weicht langsam dem Gefühl von Panik, die, wie mir klar ist, völlig irrational und unangebracht ist. Aber irgendetwas ist hier und ich weiß von anderen Situationen, dass mir nicht mehr allzuviel Zeit bleibt, in der ich diese Panik noch einigermaßen kontrollieren kann.
Ich biege um zwei Ecken, vermeide es, in die offenen Türen zu sehen, bin mir sicher, dass ich hier und da etwas Leises murmeln höre und dann ist der Gang fast zu Ende und ich überschlage nochmals den Grundriss, gleiche ihn mit dem ab, was ich von außen gesehen habe und was Enrico erzählt hatte. Es bleiben zwei Türen, die in Frage kommen, in das andere Treppenhaus zu führen und ich versuche die erste zu öffnen, die aber verschlossen ist und werfe mich fast gegen die zweite, die sofort auffliegt und mit einem lauten Knall gegen die Wand schlägt. Das Treppenhaus! Ich bin so erleichtert, dass ich kurz kichern muss, ignoriere ein vermeintliches Rascheln hinter mir, verwerfe den schwachsinnigen Gedanken, nach oben in die dritte Etage zu gehen und haste die Stufen nach unten. Bitte nicht durch den Keller, bitte nicht durch den Keller, ist alles, was ich denken kann und zähle die Stufen und Absätze automatisch mit. Und weil ich nicht mehr sechs Jahre alt bin und Architektin, verzähle ich mich auch nicht so wie damals Enrico und mache rechtzeitig Halt, als ich im Erdgeschoss sein müsste. Ich leuchte die Wände ab und sehe sofort die Türe, die, wie ich vermutet hatte, in jedem Stockwerk ist. Ein Schieberiegel hält sie von innen zu, daher kam man von außen damals hier nicht rein, das Treppenhaus zu verlassen ist aber kein Problem. Ich lande wieder in der alten Küche, sprinte durch den Raum, erreiche endlich die Türe und lehne mich draußen schwer atmend an die Hauswand. Ich würde töten für eine Zigarette, aber die liegen im Lokal und so bleibt mir nur, die Türe zu verschließen und langsam und erschöpft zurück auf die Straße zu gehen.

Draußen drehe ich mich um und blicke zurück, ich versuche zu errechnen, wo genau damals Enrico im obersten Stock vor der offenen Türe gestanden haben muss, wo das Zimmer ist, in das er so lange blickte und das ihn so verstörte, dass er bis heute nicht darüber sprechen kann, was er damals sah. Ich folge den Gebäudelinien mit den Augen, gehe meinen Weg von eben in Gedanken nochmals durch, mache ein paar Schritte nach vorne, wieder zurück, wie ein Tänzer, der eine Choreographie einstudiert. Und schließlich bin ich sicher, welches Zimmer es gewesen sein muss. Das Fenster ist eine klaffende Wunde, das Rollo oben ausgerissen und halb herunter gesackt. Das Fensterglas fehlt, der Rahmen ist geborsten. Ein dunkles, tiefschwarzes Loch. Wie ein Portal, geht mir durch den Kopf. Ich schaue nach oben, versuche etwas zu erkennen, was mir auch gelingt, aber es ist nichts, was man mit den Augen sieht. Deswegen konnte Enrico es auch bis heute nicht beschreiben. Ich hatte mir das fast gedacht. Noch lange stehe ich so da, unbewegt, äußerlich, und irgendwann nicke ich zum Abschied, glücklich jetzt, und fahre zurück zu meinen Freunden.

20120603-180557.jpg

20120603-180927.jpg

Read Full Post »

…der Sommer war relativ belanglos vorübergegangen. Ende September waren die letzten Interessenten weg, denen ich Häuser zeigen konnte, und als die Strandbäder, Boutiquen und Strandzubehörläden geschlossen waren, kehrte Ruhe ein, in meinen kleinen Ort.
Ich konnte jetzt nicht mehr wie gewohnt am Strand frühstücken und wich schon morgens in die kleine Bar aus, in der ich normalerweise erst am Nachmittag einen aperitivo zu mir nahm. Es war jeden Morgen das gleiche Bild, ein paar der Alten saßen schon jetzt beim Kartenspielen, ein paar Geschäftsleute nahmen ihren Caffè und ihr Gebäck an der Bar. Da wir unter uns waren, war es Paolo egal, wer in seiner Bar rauchte, obwohl darauf eine exorbitant hohe Strafe stand.

Im November wurde das Wetter richtig schlecht, die Herbststürme kamen, und mit ihnen Regen und Kälte. Die Strände waren abgebaut, was sich die Urlauber gar nicht vorstellen können, die wohl denken, es sieht das ganze Jahr gleich aus. Jede Wegplatte, jeder Schirmhalter, einfach alles, wird im Herbst abgebaut. Selbst wenn im Oktober noch sonnige Tage sind, kein Italiener käme auf die Idee, sich bei unter 30 Grad am Strand aufzuhalten. Die Strandcafés werden mit Brettern verschalt und zuletzt kommen die Bagger, die hohe Sanddünen aufschaufeln, um das Wasser daran zu hindern, den Ort zu überschwemmen.

Alles ist so ruhig, so friedlich, so langweilig. So sehr uns die ganzen Besucher in der Saison auch stressen, wenn der Trubel plötzlich abbricht, legt sich eine Art Melancholie über den Ort. Alle, die irgendwie vom Tourismus leben, wissen erst einmal nichts mit sich anzufangen.

Ich schrecke hoch, weil der Sturm einen Fensterladen mit voller Wucht gegen die Hausmauer geschlagen hat, und das Adrenalin lässt mich keuchend atmen. Ich versuche, meine Uhr abzulesen und kriege, wie immer, wenn ich im Dunklen aufwache, kurz Panik, bis ich sicher bin, nicht unter Wasser zu sein und atmen zu können. Es ist halb sechs und draussen noch stockfinster. Ich taste neben mich, bis mir einfällt, dass Stefano nicht hier ist. Er leistet seinen Militärdienst ab und ich schäme mich wieder einmal dafür, darüber froh zu sein.

Es ist kalt in meinem kleinen Haus. Ich habe weder isolierte Wände noch Fenster, die das Haus warm halten würden. Diese Häuser direkt am Meer sind für den Sommerurlaub gebaut worden, nicht um darin das ganze Jahr zu leben. Ich wickle mich in die Bettdecke und fasse den Heizkörper an, der eiskalt ist. Fluchend gehe ich nach unten um caffè zu kochen, einschlafen kann ich sowieso nicht mehr.

Als es endlich hell wird, sitze ich beim dritten caffè und schaue auf das Meer, das dunkelgrün unter einer dichten Wolkendecke hohe Wellen schlägt. Der Tag wird trüb bleiben und ich versuche, mich an den Sommer zu erinnern, als es heiß war und ich morgens nicht wusste, wie ich den Tag überstehen soll, bei fast 40 Grad. Und dann fällt mir, wie immer, wenn ich an den Sommer denke, der Deutsche wieder ein. Und ich überlege, was er wohl gerade macht. Seit dem Abend am Leuchtturm war er mir nicht mehr begegnet. Weder am Strand, noch vor einem der Hotels, die ich unauffällig abgelaufen war, in der Hoffnung, eine zufällige Begegnung zu provozieren. Ich wusste nichts von ihm, keinen Nachnamen, keine Telefonnummer, keine Adresse. Nicht mal, aus welcher Stadt er war, wir hatten so viel geredet, aber diese Dinge völlig vergessen. Er kannte immerhin meine Anschrift, wir hatten mein Auto bei mir geholt, und manchmal, wenn ein Brief mit unbekanntem Absender im Briefkasten lag, ertappte ich mich dabei, wie mein Herz anfing zu pochen, und ich einen kurzen Moment dachte – nein, hoffte – es sei ein Brief von ihm.
Ich hatte Stefano nichts von meiner Begegnung erzählt, aber natürlich hatte er es erfahren, in einem so kleinen Ort kann man nichts geheim halten. Und ich hatte gelogen, hatte gesagt, es war ein Kunde, der ein Haus umbauen möchte und er hatte getobt, weil ich abends nicht mit Kunden unterwegs zu sein habe, und wir hatten einen der größten Streits gehabt, an die ich mich erinnern kann. Und als er mich Hure geheissen hatte, schmiss ich eine volle Weinflasche nach ihm, die an der Wand zerbarst und wenn man genau hinsieht, dann schimmert die rote Farbe der Trauben immer noch ein wenig durch die frisch gestrichene Stelle durch.

Als ich die Gastherme endlich wieder zum Laufen bekomme dusche ich endlos lange kochend heiß, bis ich endlich aufhöre zu frösteln. Ich werde später ins Büro fahren, aber vorher, wie jeden Morgen, zu Paolo in die Bar gehen, um die neuesten Gerüchte zu erfahren, einen caffè zu trinken und etwas zu essen. Ich hatte keine Ahnung, welche Überraschung mich in der Bar erwarten würde…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: