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Posts Tagged ‘Emilia Romagna’

Heute Morgen schrieb ich auf Twitter, dass ich meine Augenringe nach einer
schlaflosen Nacht dem Sturm in München, der schwülen Luft und dem kommenden Vollmond zu verdanken habe. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Kurz bevor ich schlafen gehen wollte, habe ich noch nach meinem Roman geschaut. Und der stand bei Amazon auf einer neuen Rekordmarke. Platz 2.751 mag zwar nicht berauschend klingen, aber von mehreren Millionen Büchern, die dort angeboten werden, ist das für mich als Autorin schlicht atemberaubend. Denn das das ist das Ranking wirklich aller Bücher, also nicht nach Kategorien. Dort war ich nämlich sogar auf Platz 56, in Belletristik.

Warum ich das hier so ausführlich schreibe? Weil das nur möglich ist, weil Menschen mein Buch tatsächlich lesen. Und diesen Lesern möchte ich DANKE sagen, Danke fürs Lesen, Danke für das schöne Feedback, dass ihr mir gebt. Danke dafür, dass ihr euch die Mühe macht, mir zu schreiben, dass euch das Buch gefallen hat, Danke für die vielen Fotos, die ihr mir schickt, mit euch und meinem Buch darauf. Das rührt mein Herz!

Ich war mir kurz nach der Veröffentlichung von „iL Tedesco“ nicht sicher, ob ich wirklich die angekündigte Fortsetzung schreiben werde. Aber nach all den schönen Erlebnissen, dem vielen Lob und der häufigen Frage, wann Teil zwei kommt, ist natürlich klar, dass ich die Fortsetzung ebenfalls veröffentlichen werde. Ich arbeite fleißig daran!

Herzliche Grüße

Chiara

Cover

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Ein paar Impressionen von Rimini in meinem Fotoblog

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Ein paar Impressionen aus San Leo von gestern sind in meinem Bildblog: San Leo

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San Marino – Fotoblog

Ein paar Fotos von gestern aus San Marino sind in meinem Bildblog zu sehen: Fotoblog

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Enrico ist circa 70 Jahre alt.
Ich treffe ihn in einer Bar am Meer. Er hat am Telefon sehr geheimnisvoll getan. Eine „Immobiliensache“, mehr könne er am Telefon nicht sagen. Der Treffpunkt ist nur ein paar Orte weiter von mir. Wie sich später herausstellt, darf ich den genauen Ort aber nicht nennen. Sagen wir, es ist irgendwo zwischen Lido di Dante und Bellaria, an der Adriaküste.
Es ist früh am morgen, die Bar ist leer, bis auf einen Gast. Enrico. Er trägt eine moderne Sporthose, ein buntes T-Shirt. Sein Gesicht ist vom Wind, der Sonne, dem Salz und vom Leben in tiefe Falten gelegt. Wie ein alter Lederkoffer, der stolz die Schrammen und Spuren vieler Abenteuer zur Schau trägt. Er hat eine dieser Riesenbrillen auf, wie sie alte Männer in Mafiafilmen tragen, diese überdimensionalen Horngestelle mit den leicht getönten Gläsern. Mein Blick schweift kurz zur Bar, auch hier niemand zu sehen. Enrico schmunzelt, steht auf und sagt mit dieser leisen, krächzenden Stimme, die Marlon Brando berühmt gemacht hat: „Wir sind allein, ich habe Mario spazieren geschickt.“
Er geht wie ganz selbstverständlich hinter die Bar und bereitet mir an der Maschine einen caffè. Ich bin verwirrt, nehme die Tasse, setze mich zu ihm an den Tisch. Er schiebt mir ein Päckchen Zigaretten zu, zündet sich selbst eine an. Ok, wir sind alleine hier, und ich grinse kurz in Richtung des Schildes an der Wand, das in jedem öffentlichen Gebäude vorgeschrieben ist. Neben der durchgestrichenen Zigarette steht auch der gesamte Gesetzestext, mit allen Strafen, die auf die Nichteinhaltung drohen. Ich bin sicher, noch kein Italiener hat sich das je durchgelesen.
Enrico taxiert mich lange, seine Augen sind jung und klar, schließlich nickt er, drückt seine Zigarette aus.
„Wie geht es Deinem Vater?“ wieder diese tiefe leise Stimme.
„Äh, gut.“
„Man hat mir gesagt, ich solle mich an euch wenden.“
„Äh, ok?“ ich verstehe nur Bahnhof.
„Ich habe da vielleicht was für euch…“

Und dann beginnt er zu erzählen.

Enrico ist 6 Jahre alt.
Er lebt mit seinen Eltern in Norditalien, im Land, in der Nähe von Reggio Emilia. Sein Vater arbeitet bei der Post und das Gehalt reicht gerade so, die Familie über die Runden zu bringen. Sie besitzen kein Auto, Enrico trägt die alten Sachen seiner größeren Geschwister und die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in einem schäbigen Haus, das schon vor dem Krieg nicht mehr schön war. Die Sommer hier in der Po-Ebene sind heiß und feucht, die Wohnung stickig und, wenn das Thermometer über Monate auf über 30 Grad steigt, ist es fast nicht auszuhalten. Die Sommerferien, die in Italien drei Monate dauern, sind endlos und die Familie kann sich keinen Urlaub leisten.
Doch es gibt eine Einrichtung, die für diese Familien geschaffen wurde. Der Staat und auch einige große Firmen haben an den Stränden direkt am Meer Kindererholungsheime gebaut. Hier können Kinder aus dem ganzen Land einen Teil ihrer Sommerferien verbringen, wenn sie aus Familien stammen, deren Einkommen nicht für einen Urlaub reicht.
Der Sommer, in dem Enrico gerade zu Beginn der Ferien 6 Jahre alt geworden ist, ist einer der heißesten seit Jahren. Aber Enrico hat Glück, er darf ans Meer. Und so steht er eines Morgens im Juli aufgeregt am Bahnhof. Er war noch nie von seiner Familie getrennt, er hat Angst, aber er ist auch neugierig, endlich einmal das Meer zu sehen, an dem er noch nie zuvor war.

Diese Ferienheime sind riesige Gebäude, die zum Teil mehreren hundert Kindern Platz bieten. Damals war das Land am Meer noch billig, es gab wenige Hotels und Platz spielte keine Rolle. Wo heute Hotels dicht gedrängt die Küsten Italiens verschandeln, hatten diese Häuser riesige Grundstücke für sich allein.

Enrico erlebt den schönsten Sommer seines jungen Lebens. Morgens, von der Sonne geweckt, verbringt er lange heiße Tage mit vielen anderen Kindern am Strand. Die Erzieher, junge Studenten, die sich etwas dazuverdienen, haben wenig Interesse an Regeln und Aufsicht, sie sind selbst viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Sommer am Meer zu genießen, die Kommilitoninnen zu beeindrucken und sich nachts heimlich gemeinsam im Meer und am Strand zu vergnügen.

Enrico ist in einem großen Heim gelandet, über drei Etagen erbaut, mit gewaltigem Garten, der viel Raum bietet, für Fußballspielen, sich Verstecken und allerlei anderer Dinge, die Kinder in dem Alter so tun. Die Betreuer haben eigene Zimmer, die Kinder sind in gemeinschaftlichen Schlafräumen untergebracht. Regeln gibt es, wie gesagt, fast keine. Bis auf eine, die wird den Kindern immer wieder eingehämmert. Keiner darf den dritten Stock betreten. Die Treppe endet im zweiten. Der Aufgang in den dritten Stock ist zugemauert. Auch von außen ist nichts zu sehen, alle Rollläden sind verschlossen. Unter den Jungs gibt es die wildesten Spekulationen, was im dritten Stock zu finden wäre. Von Vampiren wird gemauschelt, Geistern, heimlichen Gefangenen, Goldschätzen, Waffenlagern. Keine Theorie ist zu absurd, als dass sie nicht sofort als wahrscheinlich und wahr angesehen wird.
Enrico läßt das keine Ruhe, immer wieder schleicht er an der zugemauerten Wand umher, prüft sie fachkundig auf geheime Mechanismen, klopft sie ab, drückt minutenlang sein Ohr darauf, überlegt, plant, verwirft verschiedene Möglichkeiten, irgendwie hinter das Geheimnis zu kommen. Drei Tage vor dem Ende seiner Ferien spielen sie Verstecken im Garten. Und als er besonders tief im hinteren Teil des Gartens ins Gebüsch vordringt, findet er eine alte Holzklappe. Sie ist unverschlossen und als er sie öffnet, gibt sie den Blick auf eine Kellertreppe frei. Er steigt hinab und tastet sich durch den Raum, denn er vermutet, von hier ins Erdgeschoss zu kommen und so die anderen auszutricksen. Die Treppe, die nach oben führt, ist düster, er versucht mitzuzählen, wo er sich befindet und verliert schnell den Überblick. Das Treppenhaus hat schmale Fenster, jedoch sind alle Jalousien heruntergelassen, so dass nur wenig Tageslicht durch die Ritzen fällt. Der Boden ist schmutzig und in den schräg durch die Lamellen fallenden Sonnenstrahlen tanzen kleine Staubkörner wie winzige Diamanten in der Luft. In jeder Etage will er zurück in die bekannten Räume, aber es gibt nirgends eine Türe, bis, ja, bis er plötzlich ganz oben angelangt ist. Sein Herz beginnt zu rasen, denn ihm wird plötzlich klar, dass er in der dritten Etage sein muss. Die Türe ist nur angelehnt, er stößt sie mit dem Fuß auf, lauscht, und hört…..nichts.

Ein langer Gang, düster, schmutzig, von den Wänden blättert der Putz, der Boden übersät mit Abfall. Der Grundriss ist identisch mit der Etage darunter, er betritt den ersten Schlafsaal rechts, er ist eingerichtet wie unten, circa 30 Betten, noch bezogen, die Decken verstaubt, einige zerschlissen. Er bildet sich plötzlich ein, Stimmen zu hören, eine Bewegung am Ende des Zimmers zu sehen. Seine anfängliche Beklemmung wird zu Panik. Er läuft aus dem Zimmer in Richtung Treppe. Was er vergisst ist, dass er von der anderen Seite hier hoch gekommen war, somit ist der Grundriss, den er in den letzten vier Wochen verinnerlicht hatte, seitenverkehrt. Statt zurück zu der Treppe zu laufen, die er hochgekommen war, entfernt er sich immer mehr. Als er schließlich die Treppe erreicht, ist es die, die von unten zugemauert ist. Das bemerkt er aber erst, als er sie schon hinuntergelaufen ist und plötzlich auf der anderen Seite der Mauer steht. Sein Herz rast, er dreht sich um, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und sieht hinauf. Er ist sich jetzt sicher, dass er Stimmen hört, Schritte wahrnimmt. Auf allen vieren krabbelt er die Treppe wieder hinauf, lugt über den obersten Absatz.
Er kann nichts erkennen, es ist zu düster, die Sonne ist schon zu tief, alles ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Wie in Trance torkelt er den langen Gang zurück. Die letzte Türe noch zu seiner Rechten, dann hat er die alte Treppe erreicht. Ein Geräusch, er bleibt stehen, dreht den Kopf langsam hin und blickt in das Zimmer. Er weiß nicht, wie lange er dort hinein schaut. Er kann sich nicht mehr bewegen. Bis plötzlich irgendetwas in seinem Kopf Klick macht. Da rennt er schreiend die Treppe hinunter, schrammt sich im Keller das Bein an einem alten Schrank und steht irgendwann wieder im Freien an der alten Falltüre.

Er bricht plötzlich ab, ich schaue auf die Zigarette in meiner Hand, sie ist längst ungeraucht runtergebrannt und ich werfe sie achtlos in den Aschenbecher.
„Was hast du gesehen, Enrico?“, ich duze ihn einfach.
Er schüttelt nur den Kopf, atmet tief durch, seufzt, zündet sich eine Zigarette an.
„Ich wollte gar nicht so viel darüber erzählen.“
„Warum erzählst du mir überhaupt davon?“
Er lehnt sich zurück, lächelt.
„Ich habe mich damals verliebt. In das Meer. Sobald ich volljährig war, kam ich zurück. Die Ferienheime wurden mit der Zeit geschlossen, der Staat musste sparen, und wie überall spart er zuerst an denen, die sich am wenigsten wehren können, den Kindern.“
„Warst du nochmals dort?“, ich frage es, obwohl ich die Antwort kenne.
„No!“
„Was hast du damals gesehen?“
Wieder Kopfschütteln.
„Ich gehe oft daran vorbei, aber ich war nie mehr drin.“
„Warum erzählst du mir das alles?“

Und dann wird’s interessant. Die Heime wurden alle nach und nach geschlossen. Natürlich dachte man damals, das wäre nur vorübergehend. Also lies man die Rollläden runter, vernagelte die Türen und stellte den Strom ab.
Aber niemand hatte mehr ein Interesse daran, diese Häuser wieder in Betrieb zu nehmen. Schnell war alles veraltet, zu runtergekommen, die Sanierung viel zu teuer. Die Zeit, die Stürme am Meer, das Salz in der Luft. Alles Gift für Häuser. So fing man an, die Fenster teilweise zuzumauern, um die Substanz noch irgendwie zu retten. Aber, das alles brachte nichts, die Häuser verfielen immer mehr. Und so sitzt der Staat auf alten riesigen Grundstücken in allerbester Lage, direkt am Meer. Unglaubliche Immobilienwerte. Und Enrico hatte einen Kontakt geknüpft. Eines dieser alten Ferienheime stünde zum Verkauf. Unter der Hand, die Comune würde diesen Besitz gerne versilbern. Und Enrico kannte die richtigen Leute, um zuzuschlagen, bevor eine öffentliche Ausschreibung gemacht würde.
„Kann ich es anschauen?“, ich erhob mich schon halb bei der Frage.
„Sicher!“, er bewegte sich nicht.
Ich ließ mich wieder zurücksinken. „Wann?“
Er nickte quer über die Straße, auf ein riesiges altes Gebäude. Daher also diese Bar als Treffpunkt.
„Sieh’s dir heute Abend an, alleine, es soll niemand mitbekommen, dass sich jemand dafür interessiert.“
„WAS hast du damals gesehen?“, versuchte ich es nochmal. Wobei, eigentlich glaubte ich die Antwort längst zu kennen.
Sein Lächeln erstarb, sein Blick drang tief in meine Augen, ein ganz kurzes Aufblitzen, als er fand, was er darin gesucht hatte.
„Sieh’s Dir an.“
Ein Mann betrat die Bar, tat so, als würde er mich nicht bemerken und verschwand sofort im hinteren Zimmer. Wohl Mario, der Besitzer. Und somit das Signal, aufzubrechen.

Freitag Abend. Die ersten Italiener sind bereits für das traditionelle Wochenende am Meer eingetroffen, es wird laut und voll im Ort. Ich sitze mit Freunden in einer Bar. Ich habe sie vorgeschlagen, denn sie ist relativ nah an dem alten Kinderheim. Ich bin unruhig, weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Haus genauer anzusehen. Noch ist es hell, die Dämmerung kommt langsam. Langsamer als sonst, wie ich finde. Ich muss noch kurz was erledigen, habe ich den anderen gesagt, aber mich nicht näher darüber ausgelassen. Sie denken vermutlich, ich treffe jemanden, und da ich Enrico mein Wort gegeben hatte, niemandem etwas zu erzählen, ist mir das ausnahmsweise ganz recht.

Gegen 22.00 Uhr verschwinde ich unauffällig und fahre das kurze Stück aus dem belebten Teil des Orts hinaus. Die Bagni (Strandbäder) werden hier weniger, die Abstände etwas grösser und als ich auf Höhe von Marios Bar bin, biege ich in eine Seitenstraße ein. Ich stelle die Vespa an einer dunklen Stelle ab und nähere mich dem alten Gebäude von der Rückseite. Es ist bald Vollmond und er ist schon hell genug, um das gesamte Gelände in ein unwirkliches fahles Licht zu tauchen. Erst von der Rückseite wird mir die gesamte Größe des Hauses so richtig bewußt. Der Hauptteil wird von zwei langen Seitenflügeln flankiert, die, vom Meer abgewandt, einen unglaublichen Innenhof bilden. Die Jalousien sind heruntergelassen, teilweise aber mit der Zeit auch aus ihren oberen Verankerungen gerissen und hängen an manchen Fenstern schief in den verrosteten Führungen. Manche Fenster sind auch zugemauert, aber es ist kein Muster zu erkennen, nachdem die Maurer dabei vorgegangen sind. Der morbide Charme dieser „großen alten Dame“, wie ich das Haus insgeheim ehrfürchtig nenne, ist so beeindruckend, dass ich mich von dem Anblick kaum lösen kann.
Ich überschlage in Gedanken die ungefähren Flächen, die man daraus für ein Hotel oder ein Apartmenthaus bilden könnte, und als ich diese Quadratmeter in Baukosten umrechne, stockt mir der Atem.

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Wie Enrico mir gesagt hatte, ist der Zaun an einigen Stellen aufgerissen und ich betrete das Gelände. War gerade noch das Rauschen der abendlichen Brandung zu hören gewesen, ist es hier plötzlich still. Zu still. Nichts ist zu hören, und ich kann erst nicht verstehen, was genau fehlt. Ich gehe von hinten zum Hauptteil, dort ganz nach rechts und finde sofort die kleine Türe, wohl ein Seiteneingang. Drei bröckelnde Stufen führen hinauf zum Eingang, und mir wird klar, warum Enrico immer vom dritten Stock gesprochen hatte. Das Erdgeschoss ist im Hochparterre, somit hatte er es gleich als erste Etage gezählt. Der Schlüssel liegt ebenfalls an der versprochenen Stelle, rechts von der Treppe, unter einem Stein.
Ich bilde mir ein, ein Knacken hinter mir zu hören und drehe mich hastig um, aber es ist nichts zu sehen. Und jetzt merke ich endlich, was hier fehlt. Geräusche! Hier müsste es rascheln, knacken, wispern, wuseln. Das ist ein Paradies für alle möglichen Tiere. Und es ist ungewöhnlich, dass scheinbar keine da sind.
Die kleine Türe führt direkt in die ehemalige Küche. Ich hatte keinen Platz, meine MagLite einzupacken und bin nur mit einer winzigen LED-Lampe ausgerüstet. Die alten Öfen schimmern matt im Schein der Lampe, alles was aus Holz war, Schränke, Möbel, die Arbeitsflächen, sind nicht mehr da. Ich bewege mich vorsichtig über den mit Abfall übersäten Boden durch den Speisesaal und lande schließlich in einem großen, endlos langen Flur. Unzählige Türen gehen zu beiden Seiten ab. Es riecht unglaublich muffig und abgestanden hier drin. Zudem ist es schwül und stickig und ich merke, wie mir der Schweiß ausbricht. Es ist totenstill im Haus und ich merke, wie ein Gefühl der Beklemmung in mir hochkriecht.
Ich kenne dieses Gefühl, es beschleicht mich oft in alten verlassenen Ruinen und ich kann es ganz gut ignorieren. Ich schaue nicht in die einzelnen Zimmer, letztlich würde man das Gebäude ohnehin komplett abreißen müssen, oder es zumindest völlig entkernen, daher ist die momentane Aufteilung völlig bedeutungslos. Ich möchte nur überprüfen, ob meine Schätzung von außen ungefähr hinkommt, was die Flächen anbelangt. Die Treppe in den zweiten Stock übersehe ich fast, weil hier ein Schuttberg auf den ersten Stufen abgeladen wurde. Kurze Hosen, ein Top, Sandalen. Ganz tolles Outfit für so eine Aktion, aber ich klettere trotzdem darüber und rutsche auf der anderen Seite unsanft wieder herunter. Dabei kommt der Haufen in Bewegung, und einige seitlich gelagerte Ziegel poltern herunter und ich ziehe gerade noch die Füsse weg, bevor sie zerquetscht werden.
Wieder zurück zu klettern wird schwierig. Scherben, Latten mit Nägeln, zerbrochene spitze Ziegel. Ich brauche irgendwas, um das aus dem Weg zu Schaufeln.

Ich bin schon oft in alten Ruinen in solchen Situationen gewesen, das ist nichts, was mich aufregt, meine Neugier bringt mich regelmäßig in so einen Mist. Was mir eher zu schaffen macht, ist die zunehmende Beklemmung, die sich immer mehr in mir breit macht. Ich schwitze, bin völlig verdreckt und…ja, und ich habe plötzlich eine Scheißangst. Ich steige die Treppe nach oben und finde dort die zugemauerte Wand, von der Enrico mir erzählt hatte. Kurz taucht ein Bild in mir auf, wie der kleine Enrico hier an der Wand herumschlich, aufgeregt, um das Geheimnis der dritten Etage zu lüften. Und dann fällt mir noch etwas ein. Das andere Treppenhaus, von dem er erzählt hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass es ausschließlich in den obersten Stock führt, sicher hat er damals die Zugänge in den einzelnen Etagen nur nicht gesehen. Ich spiegle in Gedanken schnell den Grundriss und gehe in die Richtung, aus der er damals gekommen sein muss, als er einen Stock höher war. Links und rechts zweigt Tür nach Tür vom Gang ab, manche sind offen, manche fehlen ganz, einige sind geschlossen. Die Luft ist hier noch schlechter als unten und ich keuche, um den Rest an Sauerstoff aus diesem Geruchsgemisch aus Abfall, Alter und Verfall herauszufiltern. Die Beklemmung weicht langsam dem Gefühl von Panik, die, wie mir klar ist, völlig irrational und unangebracht ist. Aber irgendetwas ist hier und ich weiß von anderen Situationen, dass mir nicht mehr allzuviel Zeit bleibt, in der ich diese Panik noch einigermaßen kontrollieren kann.
Ich biege um zwei Ecken, vermeide es, in die offenen Türen zu sehen, bin mir sicher, dass ich hier und da etwas Leises murmeln höre und dann ist der Gang fast zu Ende und ich überschlage nochmals den Grundriss, gleiche ihn mit dem ab, was ich von außen gesehen habe und was Enrico erzählt hatte. Es bleiben zwei Türen, die in Frage kommen, in das andere Treppenhaus zu führen und ich versuche die erste zu öffnen, die aber verschlossen ist und werfe mich fast gegen die zweite, die sofort auffliegt und mit einem lauten Knall gegen die Wand schlägt. Das Treppenhaus! Ich bin so erleichtert, dass ich kurz kichern muss, ignoriere ein vermeintliches Rascheln hinter mir, verwerfe den schwachsinnigen Gedanken, nach oben in die dritte Etage zu gehen und haste die Stufen nach unten. Bitte nicht durch den Keller, bitte nicht durch den Keller, ist alles, was ich denken kann und zähle die Stufen und Absätze automatisch mit. Und weil ich nicht mehr sechs Jahre alt bin und Architektin, verzähle ich mich auch nicht so wie damals Enrico und mache rechtzeitig Halt, als ich im Erdgeschoss sein müsste. Ich leuchte die Wände ab und sehe sofort die Türe, die, wie ich vermutet hatte, in jedem Stockwerk ist. Ein Schieberiegel hält sie von innen zu, daher kam man von außen damals hier nicht rein, das Treppenhaus zu verlassen ist aber kein Problem. Ich lande wieder in der alten Küche, sprinte durch den Raum, erreiche endlich die Türe und lehne mich draußen schwer atmend an die Hauswand. Ich würde töten für eine Zigarette, aber die liegen im Lokal und so bleibt mir nur, die Türe zu verschließen und langsam und erschöpft zurück auf die Straße zu gehen.

Draußen drehe ich mich um und blicke zurück, ich versuche zu errechnen, wo genau damals Enrico im obersten Stock vor der offenen Türe gestanden haben muss, wo das Zimmer ist, in das er so lange blickte und das ihn so verstörte, dass er bis heute nicht darüber sprechen kann, was er damals sah. Ich folge den Gebäudelinien mit den Augen, gehe meinen Weg von eben in Gedanken nochmals durch, mache ein paar Schritte nach vorne, wieder zurück, wie ein Tänzer, der eine Choreographie einstudiert. Und schließlich bin ich sicher, welches Zimmer es gewesen sein muss. Das Fenster ist eine klaffende Wunde, das Rollo oben ausgerissen und halb herunter gesackt. Das Fensterglas fehlt, der Rahmen ist geborsten. Ein dunkles, tiefschwarzes Loch. Wie ein Portal, geht mir durch den Kopf. Ich schaue nach oben, versuche etwas zu erkennen, was mir auch gelingt, aber es ist nichts, was man mit den Augen sieht. Deswegen konnte Enrico es auch bis heute nicht beschreiben. Ich hatte mir das fast gedacht. Noch lange stehe ich so da, unbewegt, äußerlich, und irgendwann nicke ich zum Abschied, glücklich jetzt, und fahre zurück zu meinen Freunden.

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Santarcangelo di romagna

Am Montag war ich in Santarcangelo, ein kleiner Ort, ca. 15 Minuten vom Meer entfernt, in der Emilia Romagna. Ich mache ja immer um alle Reiseführer und großen Sehenswürdigkeiten einen Bogen, weil mich tiefgründige Daten und Geschichten nicht so wirklich interessieren. Eine Marotte von mir, die auch verhindert, nach Rezept zu kochen. Alles, was einem vorgegebenen Schema folgt, löst bei mir sofort Langeweile aus und ich kann mich umgehend nicht mehr darauf konzentrieren. Ich mag es, möglichst schnell die grösseren Wege zu verlassen und mich von kleinen interessanten Gassen mit ihren Winkeln und Biegungen in den Bann ziehen zu lassen. Die nachfolgenden Fotos folgen daher auch keinem Schema, zeigen meistens gar nichts furchtbar historisch interessantes, sondern sind eher so, wie ein Kind es tut, der ständigen Ablenkung geschuldet, irgendetwas entdeckt zu haben, dass einem gerade gefällt.
Santarcangelo ist neben Savignano sul rubicone einer meiner Lieblingsorte. Die Piazza von Savignano hat mich übrigens auch zu der Geschichte „Tagtraum“ inspiriert, die unter dem Menüpunkt „Daily“ hier im Blog zu finden ist.

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TAGTRAUM

Es ist Mittag vorbei, ich schaue aus dem Fenster, in München, auf den Kirschbaum. Seine Blüten sind weiß. Ok, eigentlich sind sie eher schmutzig-weiß-grau. Ich kann nicht einmal erkennen, ob das Blüten sein sollen, die JETZT blühen, oder ob das schon verblühte sind. Ich fürchte aber, es sollen aktuelle sein…
Es ist Mittag, gegenüber hat ein Rentner begonnen, Holz zu sägen, pünktlich zur Mittagsruhe. Eine alte Frau sitzt im Garten, ihr Radio auf volle Lautstärke, nebenan wird wütend ein Fenster zugeschlagen. Mich stört es nicht, ich mag Geräusche. Sie bedeuten, dass um mich herum Leben stattfindet. Dass da andere Menschen sind, die jetzt gerade etwas tun, von dem sie denken, es ist richtig, es jetzt zu tun.
Ich bin müde. So unglaublich müde. Ich schließe für einen Moment die Augen, spüre die wärme im Zimmer, es ist heiß hier drin, die Sonne knallt in die großen Panoramafenster. Die Geräusche werden zu einem Murmeln, einem Brei aus verschiedenen Quellen, die sich langsam und träge vermischen, mich in einen Strudel spülen. Wenn ich die Augen ganz fest zudrücke, explodieren Farben, die sich in Wellen vor meinem Geist schwingen, pulsieren, sich erneuern, intensiver werden.
Ich lasse mich im Stuhl nach hinten sinken und sehe eine Piazza, eine große Piazza, mit Kopfsteinpflaster. Das Bild gefällt mir, ich beschließe, zu bleiben.
Es ist Mittag. Die Piazza ist fast quadratisch, alte historische Gebäude umringen sie an an allen vier Seiten. Wie üblich sind fast alle Fensterläden angeklappt. Das Kopfsteinpflaster glüht, die Sonne brennt darauf und setzt allerlei Gerüche frei, die sich dort angesammelt haben. Es muss August sein, oder wenigstens Juli. Die obligatorische Bar hat ihre Markise ganz ausgefahren, der Schuster hat geschlossen, er ist wohl Zuhause, bei seiner Familie, Mittagessen, danach ein Schläfchen machen. Eine Katze, dort an der abgebröckelten Mauer, starrt stur auf eine Ritze, bewegungslos, hypnotisierend, hoffnungsvoll. Es geht ein ganz leichter Wind, der vom Meer her zieht. Aber der Wind ist warm, er reicht gerade so, den Schweiß etwas zu trocknen. Ein Hund läuft ganz dicht an der Mauer entlang, sucht den nicht vorhandenen Schatten, er hechelt. Eine alte Frau kommt aus der Kirche, ganz in schwarz, sie schlurft über den Platz, die Hitze scheint sie nicht zu bemerken. Vor mir steht ein Glas Weißwein, der Wein war eiskalt, als er kam. Das Glas ist beschlagen, Kondenswasser läuft aussen herab, in kleinen Perlen, er schwitzt, denke ich. In der Bar dudelt Musik, schält sich plötzlich aus dem Geräuschebrei heraus, ich drehe langsam etwas den Kopf, versuche es zu verstehen. Es ist eine Verkehrsdurchsage. Auf Deutsch. Ich bin an meinem Schreibtisch. Zurück. Und so unglaublich müde.

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