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Tränen – Dienstag

Der Regen läuft langsam an der Scheibe herunter. Auf dem Schreibtisch stapelt sich Arbeit. Der Rotwein schwappt vom letzten Schluck träge im Glas. Am Rechner läuft Mango, „La Terra degli Aquiloni“ schleife. Meine Augen schauen aus dem Fenster, bleiben am Haus gegenüber kleben. Vermissen die Weite. Den Blick bis zum Horizont. Wo Himmel und Meer verschmelzen. Oder wenigstens den Blick in die weiten, aber sanften Hügel vom Zimmer meiner Kindheit aus. Gefangen, wie damals, in Ravenna, als ich nach wenigen Wochen aus der Stadt geflüchtet bin. Der Schleier, den die Tränen in den Augen machen, deckt sich mit den Schlieren der Regentropfen am Fenster. Der Wein hat sich beruhigt, einen Ölfilm am Glas hinterlassen, der langsam zurück ins Glas sinkt. Alles weint, geht mir durch den Kopf.

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Ich musste die Tage an eine Geschichte denken, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Ab und zu, wenn ich einen Auftrag übernehme, ziehe ich ein paar Tage in ein Haus, um ein Gefühl zu bekommen, was ich tun werde. So auch vor ein paar Jahren. Deutsche hatten das Haus etwas weiter entfernt von meinem Heimatort gekauft und waren über eine Empfehlung zu mir gekommen. Sie wollten viel ändern, und ich sollte einen Plan erstellen.

Ich kam am späten Vormittag dort an. Schon die Zufahrt war ein Abenteuer. Vom kleinen Ort bog ich auf eine Kiesstraße ab und kam irgendwann an eine Kreuzung, an der ein Hohlweg fast senkrecht den Hang hinunter ging. Selbst mit Geländeuntersetzung war der Wagen fast nicht zu bremsen und ich rumpelte über Schlaglöcher, umfuhr Felsbrocken und zerkratzte mir die Flanken des Jeeps mit seit Jahren nicht mehr zurückgeschnittenen Brombeerranken. Irgendwann lichtete sich der Weg und nach einem letzten steilen Stück stand ich vor dem Haus. Es war ein altes Herrenhaus. Ich umrundete es langsam und ließ es auf mich wirken. Die ehemalige Natursteinfassade war irgendwann verputzt worden, dann war der Putz wieder teilweise abgenommen worden, an manchen Stellen bröckelte er auch einfach ab. Die Dachpfannen waren in einem katastrophalen Zustand, viele davon schief, einige fehlten ganz. Die Fenster waren alt und nur einfach verglast, die Fensterläden ließen noch Reste von ehemals dunkler grüner Farbe erkennen, viele waren morsch.

Aber das waren nur kosmetische Probleme. Die Lage war der Hammer. Das Haus stand alleine auf einem Hügel, der Blick überwältigend in alle Richtungen, man konnte bis zum Meer sehen. Das gesamte Grundstück hatte ca. 80.000 Quadratmeter, das meiste davon zwar undurchdringliche Wildnis, aber es gehörte immerhin alles den Hausbesitzern. Ich ging nach drinnen. Auch hier war alles alt, verbraucht, lieblos. Das Haus war zwar bewohnbar, aber es gab keine Heizung, die Küche war völlig hinüber und die Bäder seit Jahrzehnten nicht renoviert. Die einzige Warmwasserquelle war ein Elektroboiler, der so verrostet war, dass ich niemandem empfohlen hätte, ihn nochmals anzuschalten. Im oberen Stockwerk hatten sich die Besitzer ein Zimmer schön hergerichtet, mit großem Landhausbett aus schwarzem Schmiedeeisen, frischen Farben an der Wand und sogar ein paar Bildern. Sie hatten mir erzählt, dass sie ein paar Mal hier Urlaub gemacht hatten, um zu überlegen, wie sie das Haus herrichten werden. Es gab viel zu viele Zimmer, man würde das alles öffnen müssen, neu aufteilen und vernünftig, aber behutsam, wieder herrichten.

Ich saß abends lange auf der Terrasse, sah in der Ferne die funkelnden Lichter der kleinen Orte, lauschte der Natur und versank in Gedanken, bis es spät und finster war. Im Haus bekam ich plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Ich bin nicht ängstlich, aber logisch betrachtet war ich hier alleine und niemand würde hier irgendwas mitbekommen. Es gab keinen Handyempfang, Telefon sowieso nicht. Ich blickte auf die Fenster im Erdgeschoss, keines davon war vergittert. Also ging ich nochmals nach draußen, um die Fensterläden anzuklappen und schloss auch die Terrassentüren-Läden zu. Dann von drinnen alle Fensterläden verriegeln, eine Heidenarbeit, es gab alleine im Erdgeschoss ca. 16 Fenster. Gitter!, notierte ich in Gedanken zur Liste der nötigen Renovierungsarbeiten.

Auf dem Weg nach oben ins Schlafzimmer verdrängte ich den Gedanken, dass ich eigentlich mal in alle 12 Zimmer sehen müsste, ob da nicht irgendein ungebetener Gast war. Ich bin selbst in einem einsamen großen Landhaus aufgewachsen. Aber dort war man nie alleine. Es lebten mehrere Generationen von uns unter einem Dach, dazu noch einige unserer Arbeiter, die auch im riesigen Haus ihre Zimmer hatten. Dort war es nachts nie ganz still. Man hörte immer irgendjemanden, der sich im Bett hin und her warf, ein Quietschen hier, ein Schnarchen dort, eine Wasserspülung, oder ein verhaltenes Stöhnen, von Bewohnern, die sich gerade liebten.
Später dann, in meinem kleinen Haus am Meer, trug mich jede Nacht das Rauschen der Brandung in den Schlaf. Hier jedoch war: NICHTS! Es war absolut still, kein Auto zu hören, keine Geräusche, kein Knacken, einfach nur nichts. Und das machte mich fertig. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr in so einer Situation ein euch unbekanntes Geräusch hört? Dann grübelt man, was es wohl ist, man geht alle Optionen durch, was das Geräusch verursacht haben könnte. Viel schlimmer ist es, wenn man absolut nichts hört, nicht das Geringste. Und dann liegt man da und denkt, egal was jetzt ist, du wirst es in dieser Stille hören. Und so lag ich da und hoffte, nicht plötzlich doch etwas zu hören und wurde fast verrückt dabei. Zum hundertsten Mal blickte ich auf mein Handy und verfluchte wieder die Anzeige „Kein Netz“.
Schließlich stand ich nochmal auf, ging nach unten, öffnete eine Flasche Wein und trank gierig das Glas leer. Dann öffnete ich eines der Fenster, stieß den Laden auf und zündete mir eine Zigarette an. Ich blies den Rauch immer ordentlich aus dem offenen Fenster, denn ich wusste nicht, ob die Besitzer Nichtraucher waren. Der lange Tag forderte schließlich seinen Tribut und ich wurde plötzlich unglaublich müde. Das wollte ich ausnutzen, ich schleppte mich zurück ins Bett und schlief tatsächlich ein.

Ich träumte unruhig, von Menschen, die versuchten, die Eingangstüre mit Äxten einzuschlagen und irgendwann schoss ich senkrecht hoch, denn die Schläge waren nicht geträumt, das Hämmern war echt! Im nächsten Moment tauchte ein Blitz das Zimmer kurz in gleissendes Licht, in der nächsten Sekunde folgte ohrenbetäubender Donner. Ein Gewitter. Ich sank erleichtert zurück. Ich knipste das Licht an, um zu sehen, wie spät es war, aber es ging nicht, der Strom war weg. Aber das war egal, das Gewitter war so laut, es übertönte alles und so rollte ich mich unter der Decke zusammen und schlief wie ein Baby.

Als ich am Morgen wieder nach unten in die Küche ging, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Nach der ganzen Panik, die ich hatte, nach all der Mühe, alle Läden zu schließen, war ich fassungslos. Das Fenster, das ich zum Rauchen geöffnet hatte, ich hatte es vergessen. Es stand sperrangelweit offen.

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… ich stolperte in das Büro und muss grässlich ausgesehen haben, denn die Frau hinter dem Schreibtisch am Eingang musterte mich mit hoch gezogenen Augenbrauen. Tätowierten hoch gezogenen Augenbrauen, wie ich feststellte. Es musste die sein, mit der ich gestern telefoniert hatte, denn genau so hatte ich sie mir vorgestellt. Die Haare etwas zu blond, die Schminke etwas zu dick, der Rock etwas zu kurz, die Absätze etwas zu hoch. Genau die Art Frau, die angeblich jeder schrecklich findet. Genau die Art Frau, die dir aber den Mann wegnimmt, wenn Du nicht aufpasst. Vielleicht sollte ich sie mal mit Stefano bekannt machen. All das ging mir in den wenigen Sekunden durch den Kopf, typisch für mich, meine Gedanken können jederzeit so wirr abschweifen, dass ich manchmal selber lachen muss.
„Vorstellungstermin, ähm, ich hab den Termin“, presste ich mühsam raus.
„Si“. Wieder dieses langgezogene Siiiiii. Ihr Blick sprach Bände. Kurzes Nicken, vage in Richtung einer halb offenen Tür. „Sie können da drin warten.“
Es war ein schöner Raum, sehr hoch, mindestens vier Meter, ein alter großer Schreibtisch aus dunklem Holz, der Boden gefliest mit Terrakotta, schöne, handgeschlagene Fliesen, keine Industrieware. Ein altes Gemälde, das die Toskana zeigte, erkennbar an den Zypressen, die es hier auf dieser Seite Italiens nicht so häufig gibt. Auf der Arbeitsplatte alles fein sortiert, keine Unordnung. Am Boden der typische Heizlüfter, der im Winter in jedem italienischem Büro steht, weil unsere Heizungen aufgrund eines völlig veralteten Gesetzes immer viel zu schwach ausgelegt sind. Mein Puls ging langsam runter und ich sehnte mich nach einer Zigarette. Auf dem Schreibtisch stand ein Aschenbecher, benutzt, wie ich feststellte. Rauchen ist in Italien auch in Büros verboten, völlig egal, wie groß das Unternehmen ist. Theoretisch darf selbst ein Einmannbetrieb nicht an seinem Schreibtisch rauchen, selbst wenn er sonst niemanden beschäftigt. Aber Theorie und Praxis liegen bei uns zum Glück oft weit auseinander.
Die Tür wurde aufgerissen, ein Mann hastete rein, setzte an, etwas zu sagen, erstarrte, blieb bewegungslos stehen, als hätte jemand die Pausentaste gedrückt. Ich war halb aufgestanden, starrte zurück, und so blickten wir uns eine ganze Weile einfach nur völlig dämlich an. Mein Herz hämmerte so sehr, dass ich jeden Schlag dröhnend in meinen Ohren wahrnahm und irgendwann ließ ich mich einfach kraftlos zurück auf den Stuhl sinken. Er war blass geworden, schloss dann sehr langsam die Türe, schob sie sorgfältig zu, versuchte Zeit zu gewinnen. Dann drehte er sich ganz zu mir um, blickte abwechselnd auf die Bewerbungsmappe in seiner Hand und auf mich und versuchte den Zusammenhang zu begreifen.
„Ciao Dieter.“
„Chiara…“ Kaum mehr als ein Flüstern
„Ich..“ mein Hals war so trocken, ich musste nochmals ansetzen, „Ich wußte nicht..“
Er hob die Hand, ließ sich schwer in seinen Stuhl fallen. Sah mich an.
„Ich wußte nicht, dass die Anzeige von Dir war.“
„Wärst du sonst nicht gekommen?“ es klang verletzend. Und so war es wohl auch gedacht.
„Dieter, ich… es tut mir leid.“ Ich stand auf, wollte gehen, raus, weg, irgendwas.
„Chiara, warte.“
Und dann: „Bitte.“
Da war es wieder. Dieser Zauber in seiner Stimme. Dieser Zauber, der mich auch im Sommer schon gefangen hatte, der mich so anrührte, etwas in mir weckte, von dem ich selbst nicht verstand, was es eigentlich war.
Ich sah ihn an, lange, wie damals. Und wie damals entschied ich mich gegen alle Vernunft und setze mich wieder hin.
„Ich kann nicht für dich arbeiten, Dieter, das geht nicht.“
Er sah mich wieder lange an, dann kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück.
„Hast Du Zeit, ich möchte Dir was zeigen?“

Wir nahmen seinen Wagen und fuhren schweigend über die kleinen Landstraßen. Wir wussten wohl beide, dass jetzt nicht die richtige Zeit war, um über den Abend am Leuchtturm zu sprechen. Er sah konzentriert auf die Straße und ich ließ meinen Blick über die Landschaft schweifen. Die Marken werden auch „die grüne Toskana“ genannt. Die Vegetation ist so üppig, dass selbst jetzt im Winter alles noch grün ist. Bis auf die weiten Felder natürlich, die ab August, wenn es zu heiß wird, abgeerntet sind. Um sich hier zurechtzufinden, muss man das System der Straßen kapieren. Es reiht sich Hügelkette an Hügelkette, in den Tälern sind die großen Straßen, auf denen man ewig unterwegs ist. Einheimische kreuzen die Hügel auf kleinen holprigen Straßen, die mehr aus Schlaglöchern denn aus Teer bestehen. Auf solchen Straßen waren wir unterwegs und schraubten uns immer weiter in die Hügel hinauf. Wir erreichten Castelplanio, ein kleines Dorf, wie alle Orte hier mit historischer Altstadt und Häusern, die so aussehen, als sei die Zeit vor 200 Jahren stehen geblieben. Kurz nach dem Ort bog er rechts ab, in einen Feldweg, der fast senkrecht nach oben zu führen schien. Der schwere Geländewagen schaukelte und sprang langsam über den Rest Straße, der hier kaum noch zu erkennen war. Eine Kurve noch, dann öffnete sich das Gelände plötzlich zu einem Plateau und wir standen vor einem kleinen Borgo. Ein Borgo ist eine Ansammlung Häuser, zu wenige, um sich schon Dorf zu nennen.
Ich stand beeindruckt vor dieser Ansammlung Ruinen. Es waren sechs oder sieben Häuser, ein paar Nebengebäude. Manche sahen noch ganz gut aus, das heißt, sie hatten noch Fensterhöhlen und ein paar morsche Balken, wo einmal das Dach gewesen war. Andere waren nur mehr ein paar Grundmauern, eingewachsen über die Jahre. Der Platz war traumhaft schön, wir waren so weit oben, dass man rundum in die Landschaft sehen konnte. Nach Osten bis an die Küste, das Meer bildete einen zweiten Horizont, sah aus dieser Entfernung ganz ruhig aus. Nach Westen konnte man tief in die Hügel und ganz am Ende bis zu den schroffen Ausläufern des Apennin sehen. Tief unter uns lag Castelplanio, der letzte Ort, durch den wir gefahren waren.
„Dafür habe ich das Inserat aufgegeben.“ Dieter. Ich schrak zusammen, hatte ihn für einen Moment ganz vergessen, so sehr war ich in die Magie dieses Ortes eingetaucht gewesen.
Er räusperte sich, sah mich wieder lange an.
„Wir haben das hier gekauft.“ Pause.
„Und, wenn Du möchtest, darfst Du es restaurieren.“…

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… die Luft war kalt und roch nach Salz und Fisch und bis ich in der Bar ankam, war ich wieder durchgefroren. Paolo begrüßte mich mit einem breiten Lächeln und stellte unaufgefordert die Espressotasse unter die Maschine. Mein übliches Frühstück besteht immer aus einem Brioche (ein Hörnchen) und einem caffè; so wie bei fast allen Italienern. Ich schnappte mir die Zeitung und setze mich an meinen üblichen Platz.

In der Nische neben mir saß ein älteres Paar, Engländer, wie ich schnell hörte. Die kamen oft ausserhalb der Saison, weil ihnen das Wetter scheinbar egal war. An zwei anderen Tischen saßen ein paar alte Männer, die in ihr Kartenspiel vertieft waren und ab und zu zur Uhr schielten, um zu sehen, ob es schon spät genug war, endlich das erste Glas Wein zu bestellen. Der Fernseher an der Decke lief, wie meist von niemandem beachtet, vor sich hin und am Tresen standen einige Männer in Anzügen, die vor dem Büro noch einen caffè tranken und fast alle in ihre Handys starrten. Am Nebentisch kämpfte das Engländerpaar mittlerweile mit Carla, um eine Bestellung aufzugeben. Wie immer verstand Carla nichts von den paar Brocken Italienisch der ausländischen Gäste, und die Gäste konnten mit ihrem venezianischen Dialekt noch weniger anfangen. Ich grinste amüsiert vor mich hin und schaute dann wieder aus dem Fenster. Die Bar liegt genau gegenüber vom Strand und wie immer gab mir das triste Aussehen einen Stich, und ich sehnte mich nach dem Sommer, wenn ich morgens schon mit leichten Sachen draussen sitzen konnte. Ganz vorne, das erste Bagno, ist das von Mario, dort hatte ich den Deutschen kennengelernt, als ich ihn am Strand fast umgerannt hatte.

Ich winkte Paolo, dass er mir noch einen weiteren caffè machen sollte. Ich hatte es nicht eilig, ins Büro zu kommen. Es gab wenig zu tun im Moment. Die Idee, dass wir alte Häuser verkaufen, hatte ganz gut funktioniert. Die Idee, dass ich diese Ruinen als geometra dann umplane und die Restaurierung begleite, hatte auch gut funktioniert. Paolo, der andere Paolo, der Freund meines Vaters, der diese Idee hatte, hat nicht ganz so gut funktioniert. Wir hatten nämlich fast nur die Häuser verkauft, die uns gehörten. Was nicht schlecht war, denn wir hatten gedacht, die sind nichts mehr wert. Aber wir besaßen nicht endlos viele davon. Und Paolo hatte versprochen, neue Häuser zu suchen. Und er hatte uns von guten Kontakten erzählt, in Deutschland, von Agenturen, die die Käufer schicken würden. Leider machte er sich nie die Mühe, Häuser zu suchen und die Kontakte in Deutschland waren auch eher nicht ganz so gut. So setzte sich unser kleines Angebot fast nur aus dem zusammen, was mein Vater über Freunde oder Bekannte angeboten bekam. Mir gefiel das alles nicht besonders, denn entweder hatte ich richtig gut zu tun, oder ich konnte gleich wieder nach Hause gehen und auf unserem Hof mitarbeiten. Nur um Zeit totzuschlagen muss ich mich nicht in ein Büro setzen. Ich blätterte mit diesen trüben Gedanken gelangweilt die Zeitung durch, der Wetterbericht war unerfreulich, die politischen Nachrichten las ich eh nie, und als ich die Zeitung gerade angewidert wegschieben wollte, fiel mein Blick auf eine Anzeige. Geometra/ Architekt gesucht, stand da. Erfahrung in Restauration erforderlich, Englisch Bedingung, Deutsch von Vorteil. Hm, ich kannte die Firma nicht, es war keine Adresse dabei, aber die Vorwahl war aus der Nähe von Ancona.

Paolo stand plötzlich mit der frischen Tasse vor mir und ich zuckte zusammen. Er grinste, tat so als hätte er nicht genau gesehen, was ich da gerade las und ging pfeifend zurück zu seiner Bar. Ancona, in den Marken, einem „Bundesland“ südlich der Emilia Romagna. Ich kannte die Gegend gut, hatte einige Freunde dort.

Als ich auf der Straße stand, peitschte mir der Regen ins Gesicht und als ich zurück in die Bar schaute, sah ich die Zeitung immer noch an meinem Platz liegen und sie schien plötzlich riesengroß, wie ein Plakat und mir ging plötzlich der Gedanke durch den Kopf, wie viele ausgebildete Architekten mit Erfahrung in Restaurierung und mit Deutschkenntnissen es hier in der Gegend wohl geben wird. Vermutlich keine drei. Und ein bisschen Abstand zu Stefano würde mir auch gefallen, und so stiess ich die Tür erneut auf, nahm mir Zeitung vom Tisch, ignorierte den grinsenden Paolo und duckte mich dann unter dem Regen, um ins Büro zu kommen.

Im Büro war nichts los und so ging ich nach ein paar Minuten wieder nach Hause zurück. Den ganzen Nachmittag lag die Zeitung auf dem Tisch und ich versuchte, sie zu übersehen. Gegen 15.00 Uhr fiel mir endgültig die Decke auf den Kopf und ich ging zum Strand. Es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, die Wolken standen bedrohlich dunkel ganz dicht über dem Meer, die Wellen peitschten wütend über die Felsen. Der Strand war übersät mit Treibholz, toten Fischen und Abfall, den die Schiffe weit draußen einfach über Bord kippten. Der Sturm trieb mir Tränen in die Augen und ich torkelte mehr als ich lief. Wie immer kam ich irgendwann am Leuchtturm an. Er ist schon lange nicht mehr in Betrieb, seine Mauern sind vom Salz zerfressen und mit Algen bewachsen. Aber er steht immer da, er trotzt jedem Sturm und er gibt mir dieses beruhigende Gefühl von Sicherheit. Wenn ich meine Hände auf seine alten starken Mauern lege, erzähle ich ihm oft, was mich beschäftigt oder bedrückt; er kennt alle meine Geheimnisse, Wünsche, Sorgen, und er hat schon viele Tränen von mir aufgefangen. Hier hatte ich auch den Deutschen das letzte Mal gesehen, als ich ihn zurückgestoßen hatte. Und kurz kommt wieder dieses Gefühl von damals in mir hoch, diese Mischung aus Verzweiflung, Trauer und Wut.

Als ich auf dem Rückweg bin, weiß ich, dass ich noch heute die Nummer in der Anzeige anrufen werde…

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…der Sommer war relativ belanglos vorübergegangen. Ende September waren die letzten Interessenten weg, denen ich Häuser zeigen konnte, und als die Strandbäder, Boutiquen und Strandzubehörläden geschlossen waren, kehrte Ruhe ein, in meinen kleinen Ort.
Ich konnte jetzt nicht mehr wie gewohnt am Strand frühstücken und wich schon morgens in die kleine Bar aus, in der ich normalerweise erst am Nachmittag einen aperitivo zu mir nahm. Es war jeden Morgen das gleiche Bild, ein paar der Alten saßen schon jetzt beim Kartenspielen, ein paar Geschäftsleute nahmen ihren Caffè und ihr Gebäck an der Bar. Da wir unter uns waren, war es Paolo egal, wer in seiner Bar rauchte, obwohl darauf eine exorbitant hohe Strafe stand.

Im November wurde das Wetter richtig schlecht, die Herbststürme kamen, und mit ihnen Regen und Kälte. Die Strände waren abgebaut, was sich die Urlauber gar nicht vorstellen können, die wohl denken, es sieht das ganze Jahr gleich aus. Jede Wegplatte, jeder Schirmhalter, einfach alles, wird im Herbst abgebaut. Selbst wenn im Oktober noch sonnige Tage sind, kein Italiener käme auf die Idee, sich bei unter 30 Grad am Strand aufzuhalten. Die Strandcafés werden mit Brettern verschalt und zuletzt kommen die Bagger, die hohe Sanddünen aufschaufeln, um das Wasser daran zu hindern, den Ort zu überschwemmen.

Alles ist so ruhig, so friedlich, so langweilig. So sehr uns die ganzen Besucher in der Saison auch stressen, wenn der Trubel plötzlich abbricht, legt sich eine Art Melancholie über den Ort. Alle, die irgendwie vom Tourismus leben, wissen erst einmal nichts mit sich anzufangen.

Ich schrecke hoch, weil der Sturm einen Fensterladen mit voller Wucht gegen die Hausmauer geschlagen hat, und das Adrenalin lässt mich keuchend atmen. Ich versuche, meine Uhr abzulesen und kriege, wie immer, wenn ich im Dunklen aufwache, kurz Panik, bis ich sicher bin, nicht unter Wasser zu sein und atmen zu können. Es ist halb sechs und draussen noch stockfinster. Ich taste neben mich, bis mir einfällt, dass Stefano nicht hier ist. Er leistet seinen Militärdienst ab und ich schäme mich wieder einmal dafür, darüber froh zu sein.

Es ist kalt in meinem kleinen Haus. Ich habe weder isolierte Wände noch Fenster, die das Haus warm halten würden. Diese Häuser direkt am Meer sind für den Sommerurlaub gebaut worden, nicht um darin das ganze Jahr zu leben. Ich wickle mich in die Bettdecke und fasse den Heizkörper an, der eiskalt ist. Fluchend gehe ich nach unten um caffè zu kochen, einschlafen kann ich sowieso nicht mehr.

Als es endlich hell wird, sitze ich beim dritten caffè und schaue auf das Meer, das dunkelgrün unter einer dichten Wolkendecke hohe Wellen schlägt. Der Tag wird trüb bleiben und ich versuche, mich an den Sommer zu erinnern, als es heiß war und ich morgens nicht wusste, wie ich den Tag überstehen soll, bei fast 40 Grad. Und dann fällt mir, wie immer, wenn ich an den Sommer denke, der Deutsche wieder ein. Und ich überlege, was er wohl gerade macht. Seit dem Abend am Leuchtturm war er mir nicht mehr begegnet. Weder am Strand, noch vor einem der Hotels, die ich unauffällig abgelaufen war, in der Hoffnung, eine zufällige Begegnung zu provozieren. Ich wusste nichts von ihm, keinen Nachnamen, keine Telefonnummer, keine Adresse. Nicht mal, aus welcher Stadt er war, wir hatten so viel geredet, aber diese Dinge völlig vergessen. Er kannte immerhin meine Anschrift, wir hatten mein Auto bei mir geholt, und manchmal, wenn ein Brief mit unbekanntem Absender im Briefkasten lag, ertappte ich mich dabei, wie mein Herz anfing zu pochen, und ich einen kurzen Moment dachte – nein, hoffte – es sei ein Brief von ihm.
Ich hatte Stefano nichts von meiner Begegnung erzählt, aber natürlich hatte er es erfahren, in einem so kleinen Ort kann man nichts geheim halten. Und ich hatte gelogen, hatte gesagt, es war ein Kunde, der ein Haus umbauen möchte und er hatte getobt, weil ich abends nicht mit Kunden unterwegs zu sein habe, und wir hatten einen der größten Streits gehabt, an die ich mich erinnern kann. Und als er mich Hure geheissen hatte, schmiss ich eine volle Weinflasche nach ihm, die an der Wand zerbarst und wenn man genau hinsieht, dann schimmert die rote Farbe der Trauben immer noch ein wenig durch die frisch gestrichene Stelle durch.

Als ich die Gastherme endlich wieder zum Laufen bekomme dusche ich endlos lange kochend heiß, bis ich endlich aufhöre zu frösteln. Ich werde später ins Büro fahren, aber vorher, wie jeden Morgen, zu Paolo in die Bar gehen, um die neuesten Gerüchte zu erfahren, einen caffè zu trinken und etwas zu essen. Ich hatte keine Ahnung, welche Überraschung mich in der Bar erwarten würde…

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