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Italien. Mittag. Im Restaurant. Ich sitze, wie jeden Tag, vor meinem Wein und überlege, was ich essen werde. Es ist schön hier, direkt am Meer, heiß, eine laue Brise, weiße Sonnensegel, die nur zusammen mit einem tiefblauen Meer richtig zur Geltung kommen. Zwei Tische weiter nimmt gerade eine Familie Platz. Ich nenne sie mal „Nordeuropäer“, damit sich hier deutsche Touristen nicht angegriffen fühlen, denn was jetzt kommt, nun, ja, ich werde böse sein.
Er, bulliger Manager-Typ, sie, eine Zarte, nein, eher eine Pilates-Yoga-Diät-Dürre, die Tochter, Anfang zwanzig, hübsch, der Freund dazu, schon die ersten Speckansätze, Sonnenbrille aus den Achtzigern, weißes Leinenhemd. Man merkt, die „Kinder“ sind mit den Eltern zusammen im Urlaub, damit man den künftigen Schwiegersohn mal richtig kennenlernt.
Schwiegerpapa wird heute Schwiegersohn mal so ganz genau zeigen, wie das so läuft, mit ihm, am Meer, in einem guten Restaurant, und was seiner Tochter so zu bieten sein wird, wenn man sie denn heiraten darf.

Bühne frei, erster Akt:
Der beginnt gleich mit dem ersten Fehler. Papa bestellt eine Flasche Wein. Der wird am Tisch entkorkt, ein Probierschluck eingeschenkt. Sie ahnen, was kommt. Das Glas wird geschwenkt, gekippt, ins Licht gehalten. Hochkonzentriert die Farbe analysiert, geschnuppert, dann, ein winziger Schluck. Der wird gegurgelt, hin und her gespült im Manager-Mund, gezutzelt, ich warte fast darauf, dass er nun auch hochprofessionell wieder ausgespuckt wird, aber, endlich doch geschluckt. Kurzer nachdenklicher Blick….dann, das erlösende Nicken zum Kellner.
Nun muss man wissen, das war eine Flasche für vierzehn Euro. Das heisst, die kostet den Wirt im Einkauf, wenn er doof ist, vier Euro. Er ist aber nicht doof, also hat er nur zweifünfzig dafür gezahlt. Wir reden also letztlich über Supermarktware im Wert von dort vielleicht fünf Euro, also besseren Kochwein.
Ich schenke mir derweil etwas aus meinem Weinkrug nach. Denn natürlich bestellt man den Wein immer „sfuso“, also offen, im Krug. Da kostet der halbe Liter drei bis vier Euro, ist vom Bauern nebenan und entspricht vom Geschmack genau dem, was man zu einem guten Essen braucht.

Zweiter Akt:
Da ja Schwiegersöhnchen heute mal so richtig die mondäne weite Welt um die noch grünen Ohren gehauen werden soll, gibts auch richtig mondän Essen. Sie machen tatsächlich den nächsten Fehler und bestellen viermal kalte Vorspeise als Vorspeise für die Vorspeise. In Italien ist es üblich, sich das Essen am Tisch zu teilen. Die Portionen sind auch entsprechend. Viermal Vorspeise reicht von der Menge locker für sechs Italiener, vier „Nordeuropäer“ werden da an ihre Grenzen geführt. Als alle Platten, Teller, Schüsseln und Körbchen auf dem Tisch stehen, wird Mama etwas blass, denn sie überschlägt schon mal, wie viele Monate weitere Diät sie dieses Essen kosten wird, um so ausgemergelt zu bleiben, wie sie jetzt ist. Papa schüttet sicherheitshalber gleich mal ein volles Glas Wein in sich rein, während Tochter zögernd – sehr schlau – erstmal Brot isst.
Aber, als sie tapfer alles in sich reingestopft haben, kommt die nächste Runde. Die Nudeln. Wer clever ist, teilt sich eine Portion als Vorspeise. Wer sich das nicht traut, nun, der leidet. Eine Portion Nudeln ist eine Portion Nudeln. Teilt man sich diese zu zweit, häuft der Koch meist eineinhalb Portionen in die Schale. Bestellt man zu viert vier Portionen, bekommt man etwa für acht Leute Nudeln. Viel Spaß. Schwiegersohn greift Schwiegervaters Taktik auf und schüttet nun auch ein Glas Wein nach dem anderen in sich rein, und so muss schon jetzt die zweite Flasche geordert werden.

Ich will jetzt gar nicht lästern, dass sie sich einfallslos viermal Spaghetti Vongole (mit Venusmuscheln) bestellt haben, anstatt etwas durch zu variieren, nicht, dass Schwiegersöhnchen den Löffel, der hier eigentlich für die kalte Suppe liegt, die oft als Gruß aus der Küche gereicht wird, für seine Spaghetti benutzt. Aber, dass Schwiegerpapa das Fischmesser dazu benutzt, um die Vongole aus der Schale zu puhlen, das ist dann doch jenseits all meiner Toleranzgrenzen.

Selbst ich wäre jetzt, nach den Mengen, bereits platt. Aber, der Hauptgang fehlt ja noch. Zwei Portionen frittierter Fisch türmen sich in der Schale fast bis zum Sonnendach, die Platte mit den zwei Portionen gemischten gegrillten Fischen bedeckt den halben Tisch. Tochter ist inzwischen schon etwas grün im Gesicht, Schwiegermama greift auch immer öfter zum Weinglas, Schwiegerpapa versucht immer noch, mondän auszusehen, und Schwiegersöhnchen greift zur Guerilla-Taktik und verschwindet erstmal aufs Klo.

Die dritte Flasche Wein kommt. Wir haben 38 Grad, unter dem Sonnendach gefühlte 45 Grad. Papas blaues Hemd hat sich am Kragen längst in feuchtes Dunkelblau verfärbt, jeder versucht dem anderen noch ein Stück Essen auf den Teller zu schmuggeln.

Dritter Akt, Finale:
„Un dolce?“, fragt der Kellner (ein Dessert).
Tapferes Nicken. Schwiegerpapa wird heute nicht klein beigeben. Wenn ich Essen gehe, teilen wir uns meist die Desserts, so im Verhältnis ein Dessert für drei Personen. Hier werden, Sie ahnen es, vier geordert. Ich habe irgendwie den Eindruck, Schwiegersohn will gar kein Sohn dieser Familie mehr werden, Tochter überlegt, ob sie sich gleich in den Weinkübel übergeben soll, oder doch etwas diskreter in die Büsche, und Mama ist vom Wein schon so im Delirium, dass sie eh nichts mehr mitbekommt.
Der Kellner bringt nach den Desserts die Flaschen mit den Likören an den Tisch. Hier bekommt man immer Limoncello (Zitronenlikör) und eine Flasche Orangenlikör. Kostenlose Drinks? Nein, Schwiegerpapa schüttelt energisch den Kopf und bestellt eine Runde Grappa für alle. „Barolo!“, weist er den Kellner weltmännisch an.
Nun, dazu würde jetzt der übliche Espresso gut passen. Aber, auch jetzt ahnen Sie, was kommt. So ein schäbiger Schluck caffè? Nicht doch! Wir bestehen auf die Menge einer guten Tasse Kaffee und so ordern alle eine Tasse Cappuccino. Ich bin an anderer Stelle oft genug darauf eingegangen, warum das ein „no go“ ist, ich schenke mir das daher jetzt einfach. Nur so viel: ein Cappuccino ist ein Frühstückskaffee, der satt macht. Wenn man also schon satt ist, sollte man lieber zum Espresso greifen….

In der ganzen Zeit, in der diese Vier all das gegessen haben, habe ich mir mit meiner Nichte eine Portion Nudeln geteilt und danach eine gegrillte Fischplatte. Sie hatte ein Dessert, von dem ich mitgegessen habe, und den Orangenlikör haben wir in homöopathischer Dosis für den Geschmack genossen. Natürlich, bei offiziellen Essen bekommt man auch diese Mengen, die meine Tischnachbarn hatten. Aber dann nehmen wir uns auch vier bis fünf Stunden Zeit und machen viele Pausen. Denn beim Essen gilt das gleiche wie beim Sex: nicht der hat gewonnen, der als erster fertig ist 🙂

Als wir zum Strand zurück gehen, sitzen die Vier recht teilnahmslos am Tisch. Als wir später zum Parkplatz gehen, sehe ich den Riesen-Audi. Er steht in der prallen Sonne, alle Türen geöffnet. Schwiegerpapa sitzt mit glasigem Blick hinter dem Steuer, Schwiegermama hängt halb im, halb aus dem Auto, Tochter hält sich eine Flasche Wasser an die Stirn und der künftige Schwiegersohn….keine Spur von ihm.

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Es war November und der Morgen kämpfte sich mühsam durch die tiefhängende Wolkendecke. Die letzten Tage hatte es viel geregnet, und die Sonne, die sich durch die ersten zerfetzten Wolkenlöcher stahl, brachte die feuchten Felder zum Dampfen und tauchte die Erde in ein Meer aus Nebelschwaden. Ich war eine Weile nicht hier gewesen und konnte mich nicht von diesem Anblick lösen. Ich sehe von meinem Schlafzimmer aus in die sanften Hügel die sich am Horizont dann zu den gewaltigen grauen Felsen des Apennin auftürmen. Ich rauchte, wie immer Zuhause, heimlich und in meine Gedanken mischte sich plötzlich das klägliche Schreien eines Lamms. Ich versuchte, die Herde irgendwo zu sehen, aber in den Nebelschwaden der Wiesen war nichts zu erkennen. Ein zweites Lamm fing an herzzerreissend zu schreien und meine Augen tränten fast von der Anstrengung, irgendwo etwas zu sehen. Es dauerte einen Moment, bis mir auffiel, dass ich nur ein paar Lämmer hörte. Eine Schafherde macht richtig krach, aber nein, es waren nur Lämmer zu hören.

Blick

Das Haus war leer, ich war alleine und schnappte mir ein paar Stiefel um die Ausreisser zu suchen. Ich lief bestimmt zwei Stunden kreuz und quer in immer größeren Kreisen um unseren Hof. Immer wieder hörte ich ein Lamm, kämpfte mich dann über glitschigen Rasen und durch völlig aufgeweichte Felder – aber ich fand keines. Immer wenn ich sicher war, eine Stelle erreicht zu haben, wo ich etwas gehört hatte, war da…nichts.
Irgendwann erreichte ich die Straße, die zum Dorf führt. Die Sonne war inzwischen ganz durch gekommen, es war schwül, ich hatte Durst, war völlig verdreckt und guckte weiter in alle Richtungen.
Eine alte Frau kam mir entgegengeschlurft. Ich nenne solche Alten aus dem Dorf immer „Tütenläufer“. Man sieht sie überall. Fragt sich oft, wo verdammt sind die jetzt hergekommen, und vor allem, wohin wollen die noch laufen. Und immer haben sie Tüten dabei. Für Schnecken, für Kräuter, für was auch immer sie auf ihren langen Spaziergängen unterwegs finden.
„Buon dí“ begrüsste ich sie.
Sie blickte auf. Ihr Gesicht war vom langen Sommer dunkelbraun gebrannt, die Haut fest und runzelig wie Leder.
„Chiara, ciao.“ ein Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht. Sie kannte mich. Klar, die meisten Alten hier wussten, wer ich war, auch wenn ich nicht jeden Einzeln genau zuordnen kann.
„Ich suche ein Lamm.“ sagte ich
„Hier?“ erstaunter Blick
„Ja. Ich habe Lämmer schreien gehört.“
„Die letzte Herde die hier war, das war die von Pepe.“ sie überlegte, “aber das ist gute sechs Wochen her“.
Ein Lamm kann nicht sechs Wochen alleine überleben, das ist unmöglich. Aber wo sollen Lämmer herkommen. Ich verstand das nicht.
„Und wo ist Pepe dann mit seiner Herde hin?“ fragte ich sie.
Sie sah mir jetzt direkt in die Augen. Etwas unheimlich.
„WANN hast Du die Lämmer schreien gehört?“ sie betonte diese „WANN“ wie einen Schuss.
„Heute morgen, gegen zehn Uhr“ sagte ich leise.
Sie wurde blass unter ihrer gegerbten Haut.
„Dio mio!“ stieß sie hervor. Machte die Corna* und bekreuzigte sich.
„Du weißt es noch nicht, oder“ fragte sie mich schließlich.
„WAS?“ jetzt war ich es, die das Wort wie einen Schuss klingen ließ.
„Pepe ist heute morgen gegen zehn Uhr gestorben.“

(*Anm. Corna oder Mano Cornuta, abergläubische Geste zur Abwehr von Bösem)

…der morgen war kühl, obwohl sich das Gewitter, das in der Nacht getobt hatte, schon weit raus aufs Meer zurückgezogen hatte. Ich war viel zu leicht angezogen, und als ich die Vespa am Strand abstellte, hatte ich Gänsehaut am ganzen Körper. Eigentlich war ich noch zu jung, um sie schon fahren zu dürfen, aber so früh war fast noch niemand unterwegs und ich hatte bis zum Strand darauf geachtet, nur kleine Kiesstraßen zu nehmen, auf denen normalerweise keine Polizei unterwegs ist.
Die Sonne stieg gerade aus dem Meer und wurde zum Teil noch von der Gewitterfront verdeckt, was dem Himmel ein bizarres Aussehen verlieh. Ich ließ meine Schuhe zurück und lief in großen Sprüngen runter ans Meer. Der Sand war eiskalt, so früh am morgen. Kaum zu glauben, dass man ihn gegen Mittag schon nicht mehr barfuß betreten würde können. Die Plastiktüte am Handgelenk schlurfte ich durch das seichte Wasser nah am Ufer und blieb nur gelegentlich kurz stehen, wenn ich eine brauchbare Muschel ausgraben konnte. Mama würde sie später mit Knoblauch und Kräutern kochen und als Beilage zur Pasta zum Mittagessen geben.
Ich weiß bis heute nicht, was diesen Morgen so seltsam machte, die Stimmung der aufgehenden Sonne mit den Gewitterwolken, die ungewöhnliche Kälte für Anfang September, ich habe keine Ahnung. Irgendwann wurde mir bewusst, dass viel zu wenig Menschen am Strand waren. Normalerweise sind um diese Zeit immer schon einige Muschelsucher, Jogger oder Spaziergänger auf den Beinen. Ich aber war alleine. Weil ich wenig Muscheln fand, lief ich anders als sonst auch noch weit über den Leuchtturm hinaus. Der Freistrand hier war berüchtigt, Nachts ließ sich hier niemand blicken. Dieser Abschnitt ist schmutzig, Treibgut wird nicht entfernt, Muschelreste nicht aufgesammelt. Zerbrochene Flaschen und Reste von Lagerfeuern erzählten die Geschichten von wilden Partys.

Strand

Am Strand sah ich ein Boot, ein altes Fischerboot, klein, schäbig. Drei Jungs standen dort. Als ich auf ihrer Höhe war, glotzten sie interessiert zu mir herüber.
„Was suchst Du?“
„Muscheln.“ antwortete ich zaghaft.
„Und, schon welche gefunden?“ mischte sich der Zweite ein.
„Geht so.“
Ich ging jetzt etwas schneller, ich wollte weiter.
„Schau dir das hier mal an.“ er zeigte auf das alte Boot.
„Nein, ich, ähm, habe keine Zeit.“
Unsicher. Ich war viel zu unsicher. Jedes Tier merkt, wenn du unsicher bist, hatte mir mein Vater beigebracht. Und das ist nie gut.
„Komm, es dauert nicht lang, du musst das sehen.“ er deutete wieder auf das Boot.
Ich sah mich um. Niemand weit und breit. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Vielleicht ganz kurz schauen und das dann als Anlass nehmen, direkt hoch zur Straße zu laufen, weg vom Strand…
Ich näherte mich dem Boot.
„Hier, da drin, schau.“ sagte er wieder.
Ich hatte das Boot erreicht, blieb etwas davor stehen, reckte den Kopf, um über den Rand zu blicken. Natürlich war da nichts, das Boot war leer und als ich gerade kehrt machen wollte, spürte ich die Hand des Einen an meinem Po. Ich schlug sie weg und funkelte ihn böse an. Der links von mir griff nach meiner Brust und ich trat nach ihm, verfehlte ihn aber und der Dritte nutzte diesen Moment um von hinten meine Arme zu packen und sie auf den Rücken zu drehen. Ich zappelte wie verrückt, versuchte nach den beiden anderen zu treten, erwischte den Einen zwischen den Beinen worauf er mir eine Ohrfeige verpasste, die mir ganz kurz die Besinnung nahm. Ich wurde nach hinten gezogen, konnte mich nicht auf den Beinen halten und fing an zu schreien. Die Hand, die mir der Kerl hinter mir daraufhin auf den Mund presste, roch widerlich und ich versuchte rein zu beißen, aber er drückte so fest zu, dass mir die Luft weg blieb. Während mir einer die Shorts runterriss zog der andere bereits seine Badehose herunter und dann vergewaltigten sie mich nacheinander, einer sogar zwei mal.
Ich weiß nicht mehr, was damals in mir vorging. Ich habe alle Gedanken und Gefühle daran jahrelang völlig unterdrückt. Und als ich irgendwann so weit war, dieses Erlebnis aufzuarbeiten, habe ich am Ende alles gelöscht.

Als sie von mir abgelassen hatten, lag ich wimmernd am Strand. Mir tat alles weh und als ich mich halb aufrichtete sah ich, dass meine Oberschenkel voller Blut waren. Ich versuchte mich an dem Boot hoch zu ziehen und als ich es fast geschafft hatte sackte ich wieder zusammen und schaffte es gerade noch, den Kopf zu drehen und erbrach mich mehrmals in diesen scheiss kalten Sand.

Ich habe keinerlei Erinnerung mehr daran, wie ich nach Hause kam. Ich weiß nur noch, dass ich mich tagelang in meinem Zimmer einsperrte und völlig ohne Regung Tag um Tag über mich ergehen ließ. Ich sprach mit niemandem darüber, ich wollte nicht ein Wort von diesem Erlebnis je aussprechen müssen. Ich lebte nur noch in einem Gefühl aus Ekel, Schmerz und Alpträumen.

Als ich vier Wochen später noch immer meine Regel nicht bekam, wurde zur Gewissheit, was ich schon seit Tagen gespürt hatte. Ich war schwanger.
Ich war ein minderjähriges, lediges, entjungfertes, schwangeres Mädchen in einem kleinen italienischen Dorf. Mein Leben war vorbei, noch bevor es richtig begonnen hatte…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

Wir hatten Anfang Januar das erste Mal telefoniert. Es war nicht meine Idee gewesen. Ich war so aufgeregt, redete vermutlich viel zu viel und genau das Falsche. Wir wussten beide nicht so genau, wie wir damit umgehen sollten. Ich war verschlossen, obwohl ich es doch irgendwie wollte. Ich war zu fordernd, zu ungeduldig, zu zurückhaltend, zu schüchtern. Wir redeten lange, fast eine Stunde, und zum Abschied blieben wir vage. Alles in der Schwebe.
Ich verdrängte das Gespräch, analysierte es, verwarf Ideen, Gefühle, Pläne. Ich weiß nicht mehr, wie viele Mails ich anfing, bis ich die Fassung hatte, die ich dann endlich abschickte. Und dann warten…es machte mich plötzlich verrückt. Ich kontrollierte mein Postfach im Minutentakt, versuchte, mich abzulenken, Hoffnungen zu ersticken…
Die Antwort, die kam, war….unverbindlich. Ich hatte, wie beim ersten Telefonat, wieder nur Stuss von mir gegeben, alles zu offen formuliert; der Empfänger war nicht schlau daraus geworden. Ich schrieb wieder ein paar Mails, die ich alle nicht abschickte, vertrödelte eine ganze Woche und rief dann einfach an.

Ein eiskalter Januartag. Ich hatte kaum geschlafen, wusste nicht, was ich anziehen sollte, hatte niemanden, dem ich davon erzählen konnte.
Viel zu früh losgefahren, viel zu schnell einen Parkplatz gefunden, viel zu lange in der Kälte vor dem Café gewartet. Das Literaturcafé, in der Innenstadt. Ehrfürchtig stand ich draußen und stellte mir vor, dass all die Menschen, die hier in wichtige Gespräche vertieft schienen, gerade große Projekte besprechen.
Endlich elf Uhr, endlich soweit, endlich persönlich gegenüber stehen! Sie kommt mit dem Rad, strahlend, sympathisch. Das Gesicht passt zur Stimme, ich bin erleichtert, fühle mich sofort wohl. Sie ist auch Italienerin, das macht es einfacher, die Chemie stimmt; zumindest für mich. Die Espressomaschine im Café ist defekt, wir lachen, trinken Saft und fangen an zu reden. Endlos, über alles Mögliche.
Sie zerstreut meine Bedenken und nimmt mir die Angst. Ich habe das noch nie gemacht, aber meine Lust darauf ist unbeschreiblich groß. Sie drängelt nicht, sie weiß, wenn ich es wirklich will, dann tue ich es auch, wenn nicht, dann eben nicht.
Die Nachricht, dass es endlich Kaffee gibt, unterbricht unseren Redefluss. Sie wird ein bisschen ernst, aber die letzten Minuten höre ich schon nicht mehr zu. Normseiten, mindestens 250 davon, aber nicht mehr als 300 Seiten, all das rauscht an mir vorbei. Die Euphorie, die mich gepackt hat, lässt mein Blut in den Ohren rauschen. Die Verabschiedung, mir fehlt jede Erinnerung daran. Nie hätte ich gedacht, dass das mal jemand von mir will. Ein bisschen Angst habe ich immer noch, aber ich werde es tun. Ich werde schreiben.

Literaturcafe

Die Kinder unten beim Nachbarn trampeln und schreien, der Nachbar hackt morgens um 7.00 Uhr das Eis von seinem Gartenweg, Samstags! Im Bus telefoniert einer laut, ein anderer nimmt mir die Vorfahrt. Der Nächste kriecht mit 25 km/h vor mir her. Der Postbote lässt das Hoftor hinter sich offen, der Hausmeister räumt seit 2 Tagen keinen Schnee. Der Kollege schickt die versprochenen Unterlagen nicht heute, dafür verschärft sich die Krise irgendwo auf der Welt. Der Nachrichtensprecher schaut angemessen betroffen, als er über das jüngste Massaker berichtet und irgendwelche reichen Menschen werden noch reicher. Besonders dreiste Menschen schauen nicht nur Dschungelcamp, nein, sie geben es auch noch zu. Öffentlich! Ein Rentner im Supermarkt benötigt extra lang, das Kleingeld passend zu finden und andere Menschen, die nicht die Zeit haben, das abzuwarten, kollabieren fast. Im Lokal sitzt einer, der viel zu dick ist und daneben gleich einer, der viel zu hässlich ist. Blöd sind ja sowieso alle Menschen… Dann gibt es noch welche, die meinen, mit ihrer extra lauten Stimme jeden Raum füllen zu müssen, die Assistentin, die aus Dummheit nichts kapiert, den Kunden, der sowieso ein Arschloch ist und den Auftraggeber, der von nichts Ahnung hat. Dazu kommen noch diverse Idioten, die den Rasen immer dann mähen, wenn man gerade so gar keinen Nerv dazu hat, die Töchter aus gutem Haus, die ihr Klavier missbrauchen und die Nachbarn, die entweder zu laute oder ganz falsche Musik hören. Oder, ganz dreist, beim Sex stöhnen. Den haben sie entweder zu oft (Schweine), oder nie (Looser).
Mir dröhnt der Kopf. Mir dröhnt der Kopf von all dem Gejammer, dem Anprangern, dem Verurteilen, dem Hass, der verbreitet wird. Von Gutmenschen, die sicher sind, dass sie selbst alles richtig machen. Nie jemanden stören, nerven, in den Wahnsinn treiben. Sie erklären mir die Welt, nein, sogar das Universum. Sie sagen mir, wann ich etwas falsch mache, nicht richtig verstanden habe. Sie kritisieren mich hemmungslos, in der Gewissheit, selbst alles besser zu wissen.
Ganz ehrlich? Leckt mich. Heute morgen habe ich – wie jeden Tag – meditiert. Unter mir tobten zwei Kinder ab. Die Wohnung hat vibriert. Unverschämt? Um 6.30 Uhr morgens? Mir völlig egal. Mein Herz ist voller Liebe. Für Menschen. Egal ob sie dick, hässlich, dumm, langsam oder was auch immer sind. Die Kinder tobten durch die Wohnung, weil sie glücklich waren. Schön! Der Nachbar mäht jetzt den Rasen. Na und? Er wird einen Grund haben, einen Grund, der für ihn einleuchtend ist. Würde ich mich mit ihm unterhalten, würde ich vermutlich verstehen, warum er es jetzt gerade tun muss. Der vor mir her kriecht, wegen ein wenig Schnee auf der Straße? Na und. Er darf so fahren, wie er sich sicher fühlt. Vielleicht hält er mich unbewusst auf, weil mir sonst an der nächsten Ecke einer reinknallen würde. Vielleicht ist er nur mein Schutzengel. Der Rentner an der Kasse? Gott, irgendwann werde ich auch so alt sein. Jetzt geniesse ich meine Jugend. Und zwar ohne Hass und Ungeduld. Ich sage manchmal, wenn mich etwas stört. Ich sage immer, wenn mich etwas freut. Ich verbringe viel Zeit damit, Menschen für das, was sie im Rahmen ihrer Möglichkeit tun, zu loben. Ich pfeife auf Äusserlichkeiten. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, an dem ich nicht irgend ein kleines Detail liebens- oder beachtenswert fand. Ich könnte es endlos fortführen. Es nervt mich nicht. Es gibt fast nichts, was mich nervt. Wenn ich dennoch einmal kurz vorm explodieren bin, mache ich einen Schritt zurück. Denn ich weiß, es liegt in dem Moment mehr an mir, an meiner Sicht der Dinge, nicht an dem, was andere tun. Und dann atme ich durch, lasse meinen Puls runterfahren, lächle. Es heisst „Du musst Dich selbst lieben, um die Welt lieben zu können.“ Dreht man den Spruch um, wird er erschreckend: „wer die Welt hasst, hasst sich selbst.“ Traurig.

Wünscht dem unbeleuchteten Radfahrer doch einfach mal, dass er gut Zuhause ankommt, anstatt sich über ihn aufzuregen. Das tut gut. Vor allem euch.

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

4.329 Filme wurden beim Cannes Film Festival 2012 eingereicht. Dieses Blog hatte 20.000 Besucher in 2012. Wenn jeder Besucher ein Film wäre, dann würde dieses Blog 5 Film Festivals füllen

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Ein paar Impressionen von Rimini in meinem Fotoblog

Ein paar Impressionen aus San Leo von gestern sind in meinem Bildblog: San Leo

Ein paar Fotos von gestern aus San Marino sind in meinem Bildblog zu sehen: Fotoblog

AMORE

Sei così bella, ancora più bella di quanto ricordassi. Sono passati quattro anni dall’ultima volta che ci siamo viste, quanto tempo. Non per te. Per me. Per te è stato un attimo, o meglio, qualcosa di più forse. A me sembra quasi essere passata una vita intera, da quante sono le cose accadute nel frattempo. Te ne stai lì, come un tempo, fiera, arcaica, imperturbabile.
Dopo tutto questo tempo il tuo splendore è aumentato. Sai che sono stata io quella che ti ha ridato la vita? O la cosa non ti interessa? Mi sembri più grande, più matura di un tempo.
Ma quali pensieri sto a farmi? Tu hai duecento anni, o perlomeno le tue fondamenta e quello che ho potuto tralasciare nella restaurazione ne hanno duecento.
Il tuo giardino è cresciuto, lui non lo ha curato, non c’era quasi mai. Laddove la natura poteva ha riconquistato il suo territorio. Qua e là qualcosa cigola e un po’ di intonaco si sbriciola di nuovo, ma tutto ciò non fa che aumentare il tuo fascino.
Allora ti avevamo comprato per via del panorama. La tua sistemazione su di una collina proponeva una visuale mozzafiato. Sedere in quella terrazza e guardare verso le colline, lontano, fin verso i contorni dell’Appennino è così bello che mi vengono quasi le lacrime. Su di te ho conseguito il termine dei miei studi, poiché tu eri per me, per noi, un “per sempre”, così disse lui un giorno, e io ci avevo creduto. Qui mi sono vista crescere, i bambini giocare, essere felice. Via dagli obblighi, dalle costrizioni, dall’influenza della famiglia. Ero pronta nel rinunciare a tutto questo.
Quasi per due anni ha cercato di convincermi a tornare qui. Tornare ai ricordi e ritrovare le vecchie emozioni.
Non lo so neppure adesso se era stata una buona idea o no. Fa ancora male la rottura di allora con la famiglia. Come allora, ricomincio a ribellarmi. E come allora, me ne sto seduta ore e ore in terrazza e guardo verso le colline, lontano, fin verso i contorni dell’Appennino.

– altrettanto pubblicato a turismo Emilia Romagna

– Deutsche Version DAILY: Liebe

Blick von der Terrasse