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Posts Tagged ‘Conero’

… die Baustelle war gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht, aber es hatte sich schon viel getan. Kleine Raupenbagger hatten das Grundstück freigelegt, die teils fast komplett mit Gestrüpp eingewachsenen Ruinen waren befreit worden und alles, was an Material umhergelegen hatte, war fein sortiert und geordnet aufgeschichtet. Hier alte Eichenbalken, dort Terrakottasteine, alte Dachpfannen, Mattone, usw. Man versucht immer, so viel wie möglich von den alten Baumaterialien wieder zu verwenden. Ich hatte die Gebäude bereits vermessen und die nächsten Wochen würde hier nicht viel passieren, zuerst musste alles auf dem Papier geplant und berechnet werden.
Diese Phase war die schönste am gesamten Projekt. Noch musste ich mich nicht mit Handwerkern streiten, über Preise feilschen und mich über nicht eingehaltene Termine ärgern.

Ich blieb einige Stunden, lief umher, hockte mich zwischen die alten Grundmauern, beobachtete die Sonnenstände zu verschiedenen Zeiten und kritzelte viele Seiten in meinem Notizbuch voll. Als die Sonne hinter der Hügelkette gegenüber versank und ich zu frösteln begann, machte ich mich auf den Heimweg.

Es war Dienstag und, wie schon so oft, hatte ich völlig vergessen, dass Stefano heute Abend für ein paar Tage nach Hause kommen wollte. Es fiel mir erst wieder ein, als ich vor meinem Haus ankam und sein Motorrad vor der Einfahrt stehen sah.
„Ciao amore“, begrüsste ich ihn.
Finsterer Blick. „Wo warst Du?“
So liefen die meisten unserer Begegnungen in letzter Zeit ab. Ich war froh, wenn er unterwegs war, er nervte mich mit seiner Eifersucht.
Ich kochte lieblos irgendetwas, er verzog sich vor den Fernseher und ich dachte wieder einmal an unsere Zukunft, wie eine Ehe mit ihm wohl aussehen würde.

Nachts träumte ich vom Borgo. Die Ruinen waren dunkel und ich irrte in fast völliger Finsternis darin umher. Ich sah Schatten, die mich verfolgten, und Lichter, die immer nur ganz kurz aufblitzen, und konnte keinen Ausgang mehr finden. Irgendwann schreckte ich hoch, atemlos, mein Herz raste und wieder einmal bekam ich Panik und rang gierig nach Luft bis ich sicher war, dass ich nicht unter Wasser war und verfluchte zum x-ten Mal meinen Tauchunfall, der mich immer noch so mitnahm.

Stefano schlief noch, und ich zog mir leise einen Pullover über und lief an den Strand – meinen üblichen Weg zum Leuchtturm. Die Situation war grässlich. Stefano ging mir auf die Nerven, meine Familie war nicht einverstanden, dass ich diesen Auftrag so weit weg angenommen hatte. Dieter war professionell und distanziert und erwähnte mit keinem Wort unsere damalige Begegnung. Die fast tägliche Fahrerei von hin und zurück knapp 300 Kilometern zerrte an meiner Substanz, aber eine Wohnung in den Marken zu nehmen ging auch nicht, denn dann hätte ich vermutlich auch noch meine zukünftigen Schwiegereltern auf dem Hals gehabt. Und irgendwo dazwischen stand ich. Und sollte dieses Borgo komplett restaurieren, was eigentlich meine gesamte Kraft erforderte. Mutlos sah ich weit raus aufs Meer und auf die Lichter der gerade vom nächtlichen Fang zurückkehrenden Fischerboote.

Mittwoch Abend waren wir bei Stefanos Eltern zum Essen. Donnerstag bei meinen Eltern auf dem Hof, um meinem Vater zu helfen, die Reben auf die hoffentlich sonnige Saison vorzubereiten. Mit Vergnügen sah ich zu, wie sich Stefano bemühte, Interesse an dieser körperlich harten Arbeit zu heucheln und wie sehr es ihn anwiderte, sich seine weißen Jeans dabei völlig zu versauen.
Freitag war ich bei Pietro eingeladen und obwohl Stefano auch damit natürlich nicht einverstanden war, machte ich ihm doch klar, dass ich da auf jeden Fall hinfahren würde und vorher den ganzen Tag auf der Baustelle zu tun hätte.

Einladungen bei einer italienischen Familie folgen strengen Ritualen, an die man sich unbedingt halten sollte. Ganz wichtig, die vereinbarte Zeit. Ein „komm doch gegen acht“ bedeutet in nördlichen Gefilden, dass man spätestens um fünf nach acht da ist. Ab Verona und südlicher würde man den Gastgeber mit übertriebener Pünktlichkeit in den Wahnsinn treiben, rechnet er doch keinesfalls vor halb neun mit dem Besuch und richtet seine Vorbereitungen entsprechend darauf aus.

Da die Marken ja schon fast Süditalien sind, kam ich um viertel vor neun bei Pietro und seiner Familie an. Auch ganz wichtig, man betritt nie eine fremde Wohnung, ohne nicht mindestens zweimal „permesso“ (darf ich) zu murmeln. Dann vergeht eine gute halbe Stunde damit, alles, aber auch wirklich alles, am Heim des Gastgebers zu loben, die Kinder (die, egal wie klein, immer noch auf sein werden) zu bewundern, die mitgebrachten Geschenke zu verteilen und sich gegenseitig zu versichern, wie wundervoll es ist, dass man sich gerade heute trifft.
Pietros Frau war mir sofort sympathisch, eine echte italienische Mamma, fast so rund wie er, in Kochschürze, mit roten Wangen, die mich sofort abküsste und mit in die Küche nahm.
Ich weiß heute nicht mehr genau, was wir alles gegessen haben, aber es zog sich über Stunden hin. Pietro hatte mehrere Weine aus der Gegend aufgefahren, die wir – immer nur ein Tröpfchen – nach und nach probierten und diskutierten. Und, obwohl ich eine Winzertochter aus der Emilia bin, gestand ich ihm meine Liebe für die schweren und tiefroten Weine aus dem Conero, dem wohl bekanntesten Anbaugebiet seiner Heimat.

Stefano fiel mir erst wieder ein, als mich Pietros Frau fragte, wie denn meine Familienpläne aussehen würden, und ich erschrak kurz, ich hatte mein Handy im Flur gelassen, und vermutlich waren schon einige Kontrollanrufe von Stefano eingegangen. Ich holte es und legte es auf den Tisch und sah erleichtert, dass noch keine Nachricht da war. Pietro stutzte, schmunzelte kurz, holte ebenfalls sein Handy und sagte, eigentlich hätte er ja Bereitschaft, aber hier würde ja eh nie etwas passieren. Das er damit falsch lag, merkte ich leider erst ein wenig später.

Nach dem Dessert, dem caffè und einem langen Abschiedsritual saß ich irgendwann kurz nach Mitternacht endlich in meinem Auto und machte mich auf den Rückweg nach Marina di Ravenna. Die Autobahn war leer, ich war müde und so fuhr ich viel zu schnell um endlich nach Haus und ins Bett zu kommen. Kurz nach Rimini klingelte mein Handy. Stefanos Kontrollanruf kam spät, aber er kam zuverlässig. Ich nahm das Handy vom Beifahrersitz „Pronto“ fauchte ich in den Hörer.
Schweigen.
„Pronto!“ noch eine Spur schärfer.
„Pietro?“ klang es zögerlich fragend an mein Ohr.
„Wer ist da?“ Ich wurde sauer.
„Pietro, was ist bei Dir los, wir haben hier einen Wildschaden?“
Ich warf kurz einen Blick auf das Handy in meiner Hand. Es war nicht meins. Es war Pietros. Scheiße.
Ich hielt am nächsten Autogrill. Rief von Pietros Handy auf meinem an (womit ich ihn weckte), erklärte ihm, seine Kollegen bräuchten ihn, entschuldigte mich tausendmal und vereinbarte, ich würde morgen kommen, um die Geräte zurück zu tauschen.
„Äh, Chiara?“
„Ja?“
„Hier hat ungefähr fünfmal ein Tesoro (Schatz) angerufen, zumindest stand das so im Display, und jedes mal sofort aufgelegt.“

Toll, unter Tesoro hatte ich Stefano gespeichert, und der hatte Pietro dran gehabt. Der Abend konnte noch lustig werden.

Der Abend wurde nicht lustig. Ich war noch nicht ganz im Haus, da schoss Stefano auf mich zu und brüllte mich an.
Er nannte mich Hure, er wollte wissen, wie oft ich mit anderen geschlafen hätte. Immer wenn ich ihm den Abend erklären wollte, schnitt er mir das Wort ab. Und dann stellte er Regeln auf, verlangte, dass ich mein Projekt aufgeben sollte, Zuhause bleiben müsste, „wie sich das gehört“. Und dann sagte er etwas, dass mich so verletzte, dass ich nicht anders konnte, als auch ihm weh zu tun. Er sagte „ich werde Dir austreiben, eine Schlampe zu sein“. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Der Hass auf ihn, der in diesem Moment in mir aufstieg, war unbeschreiblich, so groß, dass ich mehrmals schlucken musste, um überhaupt wieder sprechen zu können. Und dann sagte ich ganz ruhig, und mit voller Absicht, ihm weh zu tun „ich habe letzten Sommer jemand kennengelernt.“ Meine Worte hingen lange zwischen uns. Er starrte mich an, weiß im Gesicht, mit einer Wut in den Augen, die mir Angst machte. Und als ich dachte, wir würden nun den Rest unseres Lebens einfach so dastehen und uns anblicken, schoss plötzlich sein Handrücken heran. So schnell, dass ich mich nicht mehr wegducken konnte und traf mich mit voller Wucht im Gesicht. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf explodiert, noch während der Schmerz ein Feuerwerk an Lichtern und Sternen vor meinen Augen entzündete, schoss mir das Blut aus der Nase und ich torkelte in Zeitlupe rückwärts, bis mich die Mauer auffing, an der ich mich einfach nach unten rutschen ließ.
Stefano machte einen Schritt nach vorne, doch ich hob nur müde die Hand. Kurze Zeit später hörte ich die Haustüre ins Schloss krachen und den Motor seiner Ducati aufbrüllen. Und dann endlich kamen auch die Tränen und ich umschlang meine Beine und machte mich ganz klein und blieb einfach auf dem Boden sitzen und weinte…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

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