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Archive for the ‘DAILY’ Category

Landwein

Gestern habe ich Rotwein getrunken. Das ist an sich nicht weiter erwähnenswert, ich trinke ständig Rotwein. Ich wusste gar nicht mehr, wo die Flasche herkam. Es war ein französischer Wein. Literflasche. Mit Schraubverschluss. Landwein. Vermutlich Plörre. Keine großartigen Angaben auf dem Etikett. Ich gebe zu, ich habe kurz gezögert, bevor ich ihn aufgemacht habe. Die Farbe: blass. Ich mag keine Weine, durch die man durchsehen kann, ich mag die dunklen, schweren Weine, die fast wie dickes schwarzes Blut aussehen. Ich habe vorsichtig daran gerochen. Ein Wirrwarr an Aromen schlug mir aus dem Glas entgegen. Dann, ein vorsichtiger erster Schluck, während ich eigentlich schon überlegte, welchen „echten“ Wein ich mir aus dem Keller hole. Aber irgendetwas an dem Geschmack löste eine ganz entfernte Assoziation bei mir aus. Ich nahm das Glas mit auf die Terrasse, nippte ein paar Mal daran und schloss dann die Augen. Gerade noch war es kühl, aber plötzlich fühlte ich die Sonne auf meiner Haut, sah weite Felder, mit Sonnenblumen, Lavendel und Weizen. Und ich ließ mich in dieses Bild fallen, war plötzlich in der Provence, stellte mir den Bauern vor, der diesen Wein gemacht hatte. Der vielleicht wußte, dass das nie ein großer Jahrgang werden würde, aber der sich bemühte, das, was sein Feld und seine Reben hergeben, so gut wie möglich zu nutzen. Ich sah ihn vor mir, wie er abends vom Feld heimkam, die schweren Stiefel abstreifte, sich ein Glas von diesem Wein einschenkte, eine Gauloise dazu anbrannte und in den Sonnenuntergang blickte. Und wie er sich daran freute, dass es sein Wein war, sein eigener Wein. Den er die nächsten Jahre immer besser machen würde, so lange, bis er zufrieden damit war. Und in Gedanken lächelte ich ihn an, sagte „salute“ zu ihm und freute mich mit ihm darauf.

Feld

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Ich bin fertig. Gerade eben habe ich mein Buch beendet. Meine Geschichte, oder zumindest einen Teil davon. Dieses Gefühl, es ist unbeschreiblich. Zwischendurch dachte ich, ich zerbreche daran, das alles aufzuschreiben. Und jetzt sitze ich hier, heule wie verrückt. Aus Freude, aus Trauer, aus Erleichterung, aus Dankbarkeit. Ein Gefühlsmix, der sich neu anfühlt. Aber der wunderschön ist.

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Zwischen den Zeilen gedacht

Dieses Schreiben nimmt mich ganz schön mit. Die eigene Geschichte aufzuschreiben, bringt einen zwischendurch immer wieder an Grenzen, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man sie wirklich übertreten will. Dann sitze ich fast stundenlang an einem Kapitel und überlege hin und her. Begriffe wie „dichterische Freiheit“ fallen mir dann ein. Aber ist es nicht auch die Freiheit der „Dichter“, Grenzen zu ignorieren, sie zu übertreten, einfach nur, um zu sehen, was passiert?

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Alte Liebe

Gestern hab ich ja recht frech über ein paar Touristen abgelästert, die neben mir im Restaurant saßen. Ich hatte allerdings auch noch ein weiteres Erlebnis dort.
Ich ging zur Toilette, es gibt zwei große Kabinen, eine für Damen, eine für Herren. Groß deswegen, weil aus Platzgründen beide behindertengerecht ausgebaut sind. Die Damenkabine war besetzt, also wusch ich mir zum Zeitvertreib erstmal im Vorraum die Hände, rüttelte dann mal sicherheitshalber an der verschlossenen Türe, probierte vorm Spiegel ein paar verschiedene Frisuren aus, schnitt ein paar Grimassen….. Endlich, Bewegung! Es krachte an der Türe, als von innen versucht wurde, das Schloß zu entsperren. Ein Kratzen, Klappern, Schleifen. Sie hatte sich wohl eingesperrt. Was sollte ich tun? Da öffnete sich die Türe. Eine Krücke erschien, eine Zweite, dann schlurfte ein Mann heraus. Aha, dachte ich, hat sich wohl in der Kabine geirrt. Dann sah ich die beiden Hände, die von hinten auf seinen Schultern lagen. Sie schoben ihn vorwärts, eine Frau ging hinter ihm und führte ihn. Obwohl, nein, sie schob ihn zwar ein bisschen, aber ich hatte den Eindruck, ohne seine Krücken wäre auch sie aufgeschmissen. Denn sie stützte sich auch auf ihm ab. Die beiden bewegten sich so mühsam und langsam, aber, sie bewegten sich aus eigener Kraft. Und mir wurde klar, sie waren zusammen auf der Toilette gewesen, weil einer alleine es gar nicht hätte schaffen können. Die beiden waren weit über achtzig. Sicher hatten sie mit zwanzig geheiratet und so über sechzig Jahre ihres Lebens zusammen verbracht. Nicht nur die aufregende Verliebtheit, nein, all die Jahre, mit Freude, Kummer, Ängsten, Alter und Verfall. Sie waren sich treu geblieben, halfen sich jetzt und standen auch den Rest gemeinsam durch. Plötzlich erkannte ich die ganze Tragweite, die Liebe bedeutet. Echte Liebe. Und als ich in der Kabine war, wischte ich mir die Tränen aus den Augen.

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Es war November und der Morgen kämpfte sich mühsam durch die tiefhängende Wolkendecke. Die letzten Tage hatte es viel geregnet, und die Sonne, die sich durch die ersten zerfetzten Wolkenlöcher stahl, brachte die feuchten Felder zum Dampfen und tauchte die Erde in ein Meer aus Nebelschwaden. Ich war eine Weile nicht hier gewesen und konnte mich nicht von diesem Anblick lösen. Ich sehe von meinem Schlafzimmer aus in die sanften Hügel die sich am Horizont dann zu den gewaltigen grauen Felsen des Apennin auftürmen. Ich rauchte, wie immer Zuhause, heimlich und in meine Gedanken mischte sich plötzlich das klägliche Schreien eines Lamms. Ich versuchte, die Herde irgendwo zu sehen, aber in den Nebelschwaden der Wiesen war nichts zu erkennen. Ein zweites Lamm fing an herzzerreissend zu schreien und meine Augen tränten fast von der Anstrengung, irgendwo etwas zu sehen. Es dauerte einen Moment, bis mir auffiel, dass ich nur ein paar Lämmer hörte. Eine Schafherde macht richtig krach, aber nein, es waren nur Lämmer zu hören.

Blick

Das Haus war leer, ich war alleine und schnappte mir ein paar Stiefel um die Ausreisser zu suchen. Ich lief bestimmt zwei Stunden kreuz und quer in immer größeren Kreisen um unseren Hof. Immer wieder hörte ich ein Lamm, kämpfte mich dann über glitschigen Rasen und durch völlig aufgeweichte Felder – aber ich fand keines. Immer wenn ich sicher war, eine Stelle erreicht zu haben, wo ich etwas gehört hatte, war da…nichts.
Irgendwann erreichte ich die Straße, die zum Dorf führt. Die Sonne war inzwischen ganz durch gekommen, es war schwül, ich hatte Durst, war völlig verdreckt und guckte weiter in alle Richtungen.
Eine alte Frau kam mir entgegengeschlurft. Ich nenne solche Alten aus dem Dorf immer „Tütenläufer“. Man sieht sie überall. Fragt sich oft, wo verdammt sind die jetzt hergekommen, und vor allem, wohin wollen die noch laufen. Und immer haben sie Tüten dabei. Für Schnecken, für Kräuter, für was auch immer sie auf ihren langen Spaziergängen unterwegs finden.
„Buon dí“ begrüsste ich sie.
Sie blickte auf. Ihr Gesicht war vom langen Sommer dunkelbraun gebrannt, die Haut fest und runzelig wie Leder.
„Chiara, ciao.“ ein Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht. Sie kannte mich. Klar, die meisten Alten hier wussten, wer ich war, auch wenn ich nicht jeden Einzeln genau zuordnen kann.
„Ich suche ein Lamm.“ sagte ich
„Hier?“ erstaunter Blick
„Ja. Ich habe Lämmer schreien gehört.“
„Die letzte Herde die hier war, das war die von Pepe.“ sie überlegte, “aber das ist gute sechs Wochen her“.
Ein Lamm kann nicht sechs Wochen alleine überleben, das ist unmöglich. Aber wo sollen Lämmer herkommen. Ich verstand das nicht.
„Und wo ist Pepe dann mit seiner Herde hin?“ fragte ich sie.
Sie sah mir jetzt direkt in die Augen. Etwas unheimlich.
„WANN hast Du die Lämmer schreien gehört?“ sie betonte diese „WANN“ wie einen Schuss.
„Heute morgen, gegen zehn Uhr“ sagte ich leise.
Sie wurde blass unter ihrer gegerbten Haut.
„Dio mio!“ stieß sie hervor. Machte die Corna* und bekreuzigte sich.
„Du weißt es noch nicht, oder“ fragte sie mich schließlich.
„WAS?“ jetzt war ich es, die das Wort wie einen Schuss klingen ließ.
„Pepe ist heute morgen gegen zehn Uhr gestorben.“

(*Anm. Corna oder Mano Cornuta, abergläubische Geste zur Abwehr von Bösem)

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Das Date meines Lebens

Wir hatten Anfang Januar das erste Mal telefoniert. Es war nicht meine Idee gewesen. Ich war so aufgeregt, redete vermutlich viel zu viel und genau das Falsche. Wir wussten beide nicht so genau, wie wir damit umgehen sollten. Ich war verschlossen, obwohl ich es doch irgendwie wollte. Ich war zu fordernd, zu ungeduldig, zu zurückhaltend, zu schüchtern. Wir redeten lange, fast eine Stunde, und zum Abschied blieben wir vage. Alles in der Schwebe.
Ich verdrängte das Gespräch, analysierte es, verwarf Ideen, Gefühle, Pläne. Ich weiß nicht mehr, wie viele Mails ich anfing, bis ich die Fassung hatte, die ich dann endlich abschickte. Und dann warten…es machte mich plötzlich verrückt. Ich kontrollierte mein Postfach im Minutentakt, versuchte, mich abzulenken, Hoffnungen zu ersticken…
Die Antwort, die kam, war….unverbindlich. Ich hatte, wie beim ersten Telefonat, wieder nur Stuss von mir gegeben, alles zu offen formuliert; der Empfänger war nicht schlau daraus geworden. Ich schrieb wieder ein paar Mails, die ich alle nicht abschickte, vertrödelte eine ganze Woche und rief dann einfach an.

Ein eiskalter Januartag. Ich hatte kaum geschlafen, wusste nicht, was ich anziehen sollte, hatte niemanden, dem ich davon erzählen konnte.
Viel zu früh losgefahren, viel zu schnell einen Parkplatz gefunden, viel zu lange in der Kälte vor dem Café gewartet. Das Literaturcafé, in der Innenstadt. Ehrfürchtig stand ich draußen und stellte mir vor, dass all die Menschen, die hier in wichtige Gespräche vertieft schienen, gerade große Projekte besprechen.
Endlich elf Uhr, endlich soweit, endlich persönlich gegenüber stehen! Sie kommt mit dem Rad, strahlend, sympathisch. Das Gesicht passt zur Stimme, ich bin erleichtert, fühle mich sofort wohl. Sie ist auch Italienerin, das macht es einfacher, die Chemie stimmt; zumindest für mich. Die Espressomaschine im Café ist defekt, wir lachen, trinken Saft und fangen an zu reden. Endlos, über alles Mögliche.
Sie zerstreut meine Bedenken und nimmt mir die Angst. Ich habe das noch nie gemacht, aber meine Lust darauf ist unbeschreiblich groß. Sie drängelt nicht, sie weiß, wenn ich es wirklich will, dann tue ich es auch, wenn nicht, dann eben nicht.
Die Nachricht, dass es endlich Kaffee gibt, unterbricht unseren Redefluss. Sie wird ein bisschen ernst, aber die letzten Minuten höre ich schon nicht mehr zu. Normseiten, mindestens 250 davon, aber nicht mehr als 300 Seiten, all das rauscht an mir vorbei. Die Euphorie, die mich gepackt hat, lässt mein Blut in den Ohren rauschen. Die Verabschiedung, mir fehlt jede Erinnerung daran. Nie hätte ich gedacht, dass das mal jemand von mir will. Ein bisschen Angst habe ich immer noch, aber ich werde es tun. Ich werde schreiben.

Literaturcafe

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September, zurück in München

Das erste Meeting nach vier Wochen in Italien. Zu spät dran, wie immer. Die Sonnenbrille noch im anderen Auto, als ich sie im Fiat in den Halter klipse, bricht der Bügel ab, die Büroschlüssel unauffindbar, also nochmal in die Wohnung, Ersatzschlüssel suchen. Zurück im Auto fällt mir das geheime Dokumentenfach im Fiat wieder ein, klar, da hatte ich sie hingetan. Motor läuft schon, vergessen, dass ich hier wieder kuppeln muss, Gang rein, Motor aus. Raus aus der Garage, vollgas, die üblichen 30 km/h zu schnell. Atemlos, Streß, Adrenalin. An der Ampel den iPod an den Stecker fummeln, die Mediaplayersteuerung verfluchen. Endlich Musik. Emma. Cercavo Amore. Blick in den Innenspiegel, der gehetzte Blick. Tunnelblick. „Spinnst Du?“ denke ich plötzlich. Vier Wochen Italien. An jeder Ecke Polizei, gelernt, jedes Tempolimit exakt einzuhalten. Warum das jetzt wieder ändern? Fuß vom Gas. Blick aufs Aussenthermometer: 23 Grad. Keine Sonne. Deutschland kann so effektiv sein. Dach auf, Musik laut, pfeif auf die Sonnenbrille. Zigarette an, durchatmen. Genießen.

 

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