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Bevor ich meine erste Restaurant-Rezension hier im Blog schreibe, vorneweg, die werden alle nicht so detailliert ausfallen, wie man das vielleicht tun sollte. Aber, ich bin keine Restaurantkritikerin. Ich gehe essen, weil ich es liebe, nicht um nur für eine Rezension die ganze Speisekarte durchzuarbeiten.

Beginnen möchte ich mit dem „Casal San Sergio“ in der Nähe von Fossombrone, in den Marken, im Hinterland von Fano.

Entdeckt habe ich es zufällig, an einem dieser Sonntage, an dem ich zum Schrecken aller anderen gegen 11.00 Uhr beschließe, den aperitivo ausfallen zu lassen, um auf die Suche nach einem neuen Restaurant zu gehen. Meine Freunde hassen und lieben diese Vorhaben zugleich. Hassen, weil es passieren kann, dass ich auch nach drei Stunden sofort wieder aus dem x-ten Lokal gehe, weil mir etwas nicht gefällt, während alle schon fast am Verhungern sind. Lieben, weil ich ein untrügliches Gespür dafür habe, selbst in der verlassensten Gegend noch eine Perle von Restaurant aufzutun.

Die kritische Grenze in Italien ist ca. 13.30 Uhr. Bis dahin sollte man wissen, wo man isst, denn ein vernünftiges Mittagessen benötigt nun mal mindestens zwei, eher knapp drei Stunden – und dann wird es einfach zu spät.

An diesem Sonntag ging die Uhr schon auf Richtung zwei Uhr zu, wir waren bestimmt schon an die hundert Kilometer kreuz und quer durch die Hügel gefahren, hatten bei zwei Restaurants nicht mal das Auto verlassen, eins hatte geschlossen, eins, das ich von früher kannte, war abgerissen worden und eins war beim Betreten wegen der dreisprachigen Speisekarte sofort durchs Raster gefallen.

Dann, wie gesagt, es war fast schon zu spät und die Ersten von uns sahen sich schon an einem Piadina-Stand notdürftig eine minderwertige Stärkung einnehmen, sah ich aus dem Augenwinkel ein Schild. Ich trat voll auf die Bremse, knallte den Rückwärtsgang rein und las irgendwas mit „Rocca“. Nun sind Schilder in Italien eine Wissenschaft für sich. Sie zeigen in alle möglichen Richtungen, sagen dir was von 4 km und nach 2 km kommt das nächste Schild, auf dem es zum gleichen Ziel plötzlich noch 6 km sein sollen. Restaurantschilder werden gerne irgendwo aufgestellt, dann aber nicht konsequent bis zum Ziel fortgesetzt und Entfernungsangaben stehen meist eh nicht drauf. Kurz, Restaurantschildern folge ich normalerweise nie. Diesmal schon, die Verzweiflung war bereits groß genug. Und so traute ich meinen Augen kaum, als nach einem Kilometer bereits tatsächlich das Ziel erreicht war. Zwar, wie sich später herausstellte, nicht das Lokal, auf das das Schild hingewiesen hatte, aber egal. Wir bekamen Essen.

Bevor ich der Übersichtlichkeit halber für dieses Lokal einen eigenen Blogabschnitt eröffne, ein paar grundsätzliche Dinge, zum Essen in Italien, die es vielleicht vereinfachen, das Essen besser genießen zu können.

Beim Betreten:

Es ist unüblich, sich seinen Platz selber zu suchen. Einfach warten, bis ein Kellner kommt, der euch einen Tisch vorschlägt. Diesen muss man natürlich nicht sofort akzeptieren. Ein kurzes Zögern und dabei den Wunschtisch ins Auge fassen, genügt fast immer.

Italiener essen VIEL:

Ja, aaaber, nicht immer. Nur weil im Reiseführer steht, dass ein vernünftiges Menü aus einer großen Nudelvorspeise gefolgt von einem Hauptgang und davor am besten noch ein paar antipasti besteht, erwartet niemand, dass man mehr isst, als man kann. Es ist absolut üblich, sich z.B. ein Nudelgericht zu zweit als Vorspeise zu teilen. Oder auch das Hauptgericht, oder auch nur aus der Rubrik Vorspeisen etwas auszuwählen. Kein Stress, da meckert niemand.

Die Weinkarte:

Du bist Weinkenner und möchtest gerne gute Weine probieren. Ja, mach das. Auf dem Weingut um die Ecke. Im Lokal ignoriere ich die Weinkarte prinzipiell. Man bestellt 1/4 (quarto) oder 1/2 (mezzo). Diese offenen Weine sind vom Weinbauern in der Nähe, ehrlich, gut und entsprechend preisgünstig. Im Fischlokal nimmt man entsprechend Weißwein, hier wird die Frage kommen „frizzante oder fermo“ (leicht mit Kohlensäure versetzt oder still).

Die Flasche Wasser zum Essen ist obligatorisch, es wird auch nicht lange gefragt, ob man eine möchte, sondern nur, wie man sie haben will – still oder sprudelnd (naturale oder frizzante).

Und in der Pizzeria?

Die gute Pizzeria auf dem Land wird nur abends Pizza anbieten, da der Steinofen nicht zweimal am Tag angeschürt wird. Zur Pizza trinkt man in Italien übrigens Bier, Rotwein dazu ist eine Deutsche Erfindung und in Italien absolut unüblich. Bier bekommt man (zu horrenden Preisen) in drei Größen: klein (piccola) 0,2 Liter, mittel (media) 0,4 Liter oder, aber bitte nur, wenn man zu mehreren ist, groß (grande) 1 Liter. Der Liter wird nicht wie in Bayern üblich im Maßkrug für einen Gast gebracht, sondern im Krug mit entsprechend vielen Gläsern, so dass sich alle am Tisch aus diesem Krug nachschenken können (das ist übrigens der Grund für die alkoholischen Ausfälle meiner Landsleute auf dem Oktoberfest, die sich nie vorstellen konnten, bei der Bestellung von einem Liter Bier dieses in EINEM Glas für EINE Person serviert zu bekommen).

Die Beilagen:

Anders als in Nordeuropa üblich, gibt es standardmässig keine Beilagen zum Essen. Man kann diese, je nach Laune, separat bestellen, muss das aber nicht. Darin liegt auch das Geheimnis, nicht völlig überfressen aus dem Lokal zu wanken. Fisch und Fleisch alleine, ohne brutale Sättigungsbeilagen, sind viel leichter zu verdauen und machen auch nicht dick.

Die Speisenfolge:

Klingt blöd, aber die Speisenfolge ist nicht variabel und folgt einer strengen Abfolge. Zuerst Antipasti, kalt oder warm. Dann der erste Gang (il primo), in der Regel diverse Nudelgerichte. Zu Nudeln mit Fleisch oder Gemüse gehört Parmesan, der in der Regel unaufgefordert gebracht wird. Nudelgerichte mit Fisch bitte niemals damit bestreuen. Der zweite Gang (il secondo), der Beilagen zulässt. Geheimtipp ist hier Salat oder Gemüse vom Grill, Pommes kann man schliesslich in den diversen Schnellrestaurantketten essen. Nach dem Hauptgang kommt das Dessert (dolce). Kein Schnaps, kein Kaffee. Kein Dessert MIT Kaffee. Ich habe einen Wirt erlebt, da hatte ich schon den Espresso vor mir, sah am Nachbartisch ein Tiramisu, das ich einfach haben musste. Er brachte es und nahm den Kaffee wieder mit. Nach dem Süßen gibt’s dann endlich Koffein. BITTE, und das meine ich ernst, keinen Cappuccino bestellen. Jedem Italiener dreht sich beim Gedanken daran der Magen um. Und zudem gilt es als grobe Beleidigung für den Wirt. Der Cappuccino ist ein Frühstückskaffee. Er macht satt. Ihn nach dem Essen zu ordern, signalisiert dem Koch, sein Essen war entweder zu wenig oder zu schlecht. Man bestellt einen caffè (=espresso). Danach kommt dann zur Belohnung und zur Abrundung ein kleiner Grappa oder Limoncello.

Wichtig, die Reihenfolge ist einzuhalten, einen oder mehrere Gänge wegzulassen aber üblich.

Die Speisekarte:

Richtig gute Lokale haben gar keine. Weil sich der Koch nicht festlegen lässt, was ihm morgens auf dem Markt gefallen wird. Gibt es eine Karte, hat sie informativen Charakter. Ich habe schon Ausländer schier verzweifeln sehen, als sie versuchten, eine Übersetzung zu finden, in ihren Wörterbüchern. Es gibt unzählige Namen für Gerichte, die sind nicht übersetzbar. Die sind regional. Ich muss selbst immerzu nachfragen, was was ist. „Fenchel nach Omas Art“ oder „Wildschweinragout des Chefs“ kann alles bedeuten. Wichtig vielleicht, vorher die Begriffe für Schwein, Rind, Lamm und Huhn nachschlagen. Dann hat man eine grobe Orientierung.

Die Rechnung:

In den meisten Lokalen geht man mit der Rechnung an die Kasse und zahlt dort, ganz selten direkt am Tisch. Die Rechnung beläuft sich auf 56 € und ihr sagt, wie in Deutschland gewohnt „mach 60“, ihr werdet dennoch Wechselgeld auf 56 zurück bekommen. Warum? Ganz einfach. Trinkgeld ist völlig unüblich. Auch wenn das immer wieder pauschal im Reiseführer steht. In Touristenzentren ist dass Trinkgeld über das „Gedeck“ (coperto) bezahlt, in Lokalen, in denen üblicherweise nur Einheimische verkehren, wird keins gegeben. Wer damit nicht leben mag, lässt beim Gehen ein paar Münzen direkt auf dem Tisch liegen. Übrigens, Italiener in einer Gruppe zahlen gemeinsam, das heisst, die Rechnung wird einfach durch die Anzahl der Teilnehmer geteilt, ohne viel herum zu rechnen.

Kleine Extras:

Rauchen ist in Italien überall verboten, es gibt auch keine Raucherlokale. Aber jeder Wirt hat irgendwo draußen eine gemütliche Lounge dafür bereitgestellt. Wenn ihr die Toilette sucht, einfach nach dem „Bagno“ (sprich banjo) fragen.

So, bestens gerüstet, wird es Zeit, ein paar Lokale auszuprobieren. Das erste folgt in Kürze.

Das erste Meeting nach vier Wochen in Italien. Zu spät dran, wie immer. Die Sonnenbrille noch im anderen Auto, als ich sie im Fiat in den Halter klipse, bricht der Bügel ab, die Büroschlüssel unauffindbar, also nochmal in die Wohnung, Ersatzschlüssel suchen. Zurück im Auto fällt mir das geheime Dokumentenfach im Fiat wieder ein, klar, da hatte ich sie hingetan. Motor läuft schon, vergessen, dass ich hier wieder kuppeln muss, Gang rein, Motor aus. Raus aus der Garage, vollgas, die üblichen 30 km/h zu schnell. Atemlos, Streß, Adrenalin. An der Ampel den iPod an den Stecker fummeln, die Mediaplayersteuerung verfluchen. Endlich Musik. Emma. Cercavo Amore. Blick in den Innenspiegel, der gehetzte Blick. Tunnelblick. „Spinnst Du?“ denke ich plötzlich. Vier Wochen Italien. An jeder Ecke Polizei, gelernt, jedes Tempolimit exakt einzuhalten. Warum das jetzt wieder ändern? Fuß vom Gas. Blick aufs Aussenthermometer: 23 Grad. Keine Sonne. Deutschland kann so effektiv sein. Dach auf, Musik laut, pfeif auf die Sonnenbrille. Zigarette an, durchatmen. Genießen.

 

…ich muss Stunden so dagehockt sein, ohne mich zu bewegen, ohne zu denken, leer, kaputt, ohne irgendein Gefühl. Als ich irgendwann ins Bad wankte, wurde es draußen schon ganz leicht hell, ein zarter erster Streifen Licht am Horizont. Ich sah nur ganz kurz in den Spiegel, ich wollte gar nicht wissen, wie ich aussah. Aber der Augenblick genügte. Mein Wangenknochen war so angeschwollen, dass ich aus dem einen Auge kaum etwas sehen konnte, meine Nasenwurzel verfärbte sich bereits tiefblau und ich war blut- und tränenverschmiert. Hastig versuchte ich das gröbste mit Make-up abzudecken, aber da ich mich fast nie schminke und mit einem normalen Gesicht schon bizarre Resultate erziele, verwandelte ich mich erst recht in einen Zombie. Wütend wischte ich mir alles wieder aus dem Gesicht, machte mich etwas frisch und ging dann ein paar Sachen einpacken.

Ich denke noch heute darüber nach, ob ich richtig gehandelt habe, damals. Vermutlich wäre alles einfacher geworden, wäre ich nur zu meinen Eltern auf den Hof gefahren. Mein Vater wäre noch im gleichen Moment zu Stefanos Eltern gerast – mich im Schlepptau – und hätte dort alles in Schutt und Asche gelegt. Er ist Sizilianer. Und wer seine Tochter anrührt, ist so gut wie tot. Stefano hätte für eine lange Zeit die Gegend wechseln müssen, denn, wenn meine Brüder ihn in die Finger bekommen hätten, wäre er bestenfalls mit einem ausführlichen Arztbesuch davon gekommen. Hätte ich das getan, so würde ich vermutlich heute bereits ganz entspannt auf unserem Hof wohnen und Wein anbauen. Aber ich scheute die ganze Aufregung, das Gerede, das es geben würde. Erinnerungen an den vertuschten Skandal aus meiner Jugend stiegen wieder in mir auf. Stefano wusste davon, ich hatte irgendwann den großen Fehler begangen, es ihm zu erzählen, hatte es ihm erzählen müssen – und was, wenn er aus Rache davon Gebrauch machen würde?

So packte ich Wäsche und Kleidung ein, sperrte mechanisch das Gas und den Strom ab, verriegelte alle Fensterläden, schloß sorgfältig ab und stieg in meinen Wagen. All das lief wie ein Film ab, den ich interessiert betrachtete, in dem ich aber gar nicht vorzukommen schien.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinsollte. Wenn mich irgend jemand, den ich kannte, so sah, es würde keine Stunde dauern, bis meine Familie davon erfahren würde. In so kleinen Orten ist es unmöglich, irgendetwas geheim zu halten. Ich ging verschiedene Möglichkeiten durch, ein Hotel: keine Lust, Freunde in Turin: zu weit, Pietro: ging nicht, er war Polizist, er würde Fragen stellen. Irgendwann startete ich den Motor und fuhr einfach los, denn plötzlich hatte ich Angst, Stefano würde zurückkommen. Reumütig, mit Entschuldigungen. Der Gedanke widerte mich an. Automatisch fuhr ich Richtung Autobahn, automatisch nahm ich die Richtung nach Ancona und automatisch landete ich irgendwann am Borgo. Es war inzwischen hell, aber noch sehr kalt, aber das spürte ich gar nicht. Ich ging zu meiner Lieblingsruine, setzte mich dort inmitten der alten Grundmauern einfach ins Gras und starrte in die Hügel. Mir war kalt, ich hatte rasende Kopfschmerzen, Hunger, Durst, ich fühlte mich wie ausgespuckt. Und ich war müde, so unglaublich müde. Das Bild der Hügelkette gegenüber wurde plötzlich lebendig, fing an zu rotieren und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, war mir kotzübel und der Versuch aufzustehen wurde mit brutalstem Hämmern in meinem Kopf bestraft. Ich wartete ein paar Minuten. Der zweite Versuch löste wieder dieses Rotieren der Landschaft aus, und ich ließ mich einfach zurück ins Gras sinken. Es ging nicht. Das Handy. Das Handy fiel mir wieder ein. Pietros Handy. Ich fummelte mühsam Dieters Nummer rein, merkte, dass ich keinen Ton herausbrachte und schrieb ihm daher eine SMS: „hilfe borgo chiara“.
Es dauerte keine Minute bis das Telefon zu klingeln begann, ich wollte abheben, erwischte den „Abweisen“ Knopf, fluchte und dann wurde wieder alles schwarz.

Ich bekam durch einen dichten Nebel mit, wie sich jemand über mich beugte, auf mich einredete. Dazwischen Dieters aufgeregte Stimme mit seinem süßen Akzent. Zwei Männer, die mich dann unterfassten und mehr wegtrugen als führten. Dann eine Liege, weich und warm, eine Decke und ein Stich im Arm und plötzlich wurde alles schön und dieser Kopfschmerz ließ endlich nach und ich durfte schlafen.

Ein karges Zimmer, Putz der von der ehemals mintgrünen Wand bröckelt, ein großer Fensterflügel mit Milchglas. Ich kann nur auf einer Seite sehen, das andere Auge ist verbunden. Ein halber Mann, auf einem Stuhl, mehr erkenne ich nicht. Wieder schlafen.

Etwas später, das Licht im Zimmer ist anders. Viele Menschen. Ich erkenne Dieter, er ist blass, Pietro, seine Frau, ein Mann in weißem Kittel. Alle reden gleichzeitig los und ich schließe lieber die Augen.

Beim nächsten Augenöffnen fühle ich mich besser. Die Kopfschmerzen sind weg. Dieter steht vor dem Bett, lächelt.
„Ausgeschlafen?“
„Hmmh.“ Watte im Mund.
Er reicht mir ein Glas Wasser.
„Wie fühlst Du Dich? Was ist passiert?“
„Holzbalken.“ murmle ich.
„Der Polizist, dessen Handy Du hattest, hat ein paar Fragen.“
Das war klar. Pietro wusste, dass ich geschlagen worden war. Als Polizist sah er das sofort.
Er kam kurze Zeit später, fragte natürlich erst wie es mir ginge, ob ich etwas bräuchte und kam dann ganz plötzlich auf den Punkt:
„Wer hat das getan?“
„Holzbalken. Ich hab nicht aufgepasst.“
Er sah mich lange prüfend an. Es arbeitete in ihm.
„Chiara……?“
Ich hob die Hand.
„Pietro, bitte. Schreib in Deinen Bericht einfach, ich bin gegen einen Holzbalken gelaufen. Auf meiner eigenen Baustelle, als ich etwas kontrollieren wollte.“
Er setzte mehrmals an, brach ab, kämpfte mit sich. Schließlich nickte er.
„Ok, du musst es wissen. Also ein Holzbalken. Aber sag diesem Mistkerl, noch einmal, dann kauf ich ihn mir!“
Noch einmal, lieber Pietro, dachte ich, noch einmal, und Du kannst eine Nummer ziehen, vor Dir sind dann Papa und meine drei Brüder dran.

Am Sonntag erklärte mir die Schwester, es sei kein Arzt da, und ohne Arzt könne sie mich nicht gehen lassen. Ich nickte verständnisvoll, wartete bis sie aus dem Zimmer war und wählte Dieters Nummer…

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… die Baustelle war gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht, aber es hatte sich schon viel getan. Kleine Raupenbagger hatten das Grundstück freigelegt, die teils fast komplett mit Gestrüpp eingewachsenen Ruinen waren befreit worden und alles, was an Material umhergelegen hatte, war fein sortiert und geordnet aufgeschichtet. Hier alte Eichenbalken, dort Terrakottasteine, alte Dachpfannen, Mattone, usw. Man versucht immer, so viel wie möglich von den alten Baumaterialien wieder zu verwenden. Ich hatte die Gebäude bereits vermessen und die nächsten Wochen würde hier nicht viel passieren, zuerst musste alles auf dem Papier geplant und berechnet werden.
Diese Phase war die schönste am gesamten Projekt. Noch musste ich mich nicht mit Handwerkern streiten, über Preise feilschen und mich über nicht eingehaltene Termine ärgern.

Ich blieb einige Stunden, lief umher, hockte mich zwischen die alten Grundmauern, beobachtete die Sonnenstände zu verschiedenen Zeiten und kritzelte viele Seiten in meinem Notizbuch voll. Als die Sonne hinter der Hügelkette gegenüber versank und ich zu frösteln begann, machte ich mich auf den Heimweg.

Es war Dienstag und, wie schon so oft, hatte ich völlig vergessen, dass Stefano heute Abend für ein paar Tage nach Hause kommen wollte. Es fiel mir erst wieder ein, als ich vor meinem Haus ankam und sein Motorrad vor der Einfahrt stehen sah.
„Ciao amore“, begrüsste ich ihn.
Finsterer Blick. „Wo warst Du?“
So liefen die meisten unserer Begegnungen in letzter Zeit ab. Ich war froh, wenn er unterwegs war, er nervte mich mit seiner Eifersucht.
Ich kochte lieblos irgendetwas, er verzog sich vor den Fernseher und ich dachte wieder einmal an unsere Zukunft, wie eine Ehe mit ihm wohl aussehen würde.

Nachts träumte ich vom Borgo. Die Ruinen waren dunkel und ich irrte in fast völliger Finsternis darin umher. Ich sah Schatten, die mich verfolgten, und Lichter, die immer nur ganz kurz aufblitzen, und konnte keinen Ausgang mehr finden. Irgendwann schreckte ich hoch, atemlos, mein Herz raste und wieder einmal bekam ich Panik und rang gierig nach Luft bis ich sicher war, dass ich nicht unter Wasser war und verfluchte zum x-ten Mal meinen Tauchunfall, der mich immer noch so mitnahm.

Stefano schlief noch, und ich zog mir leise einen Pullover über und lief an den Strand – meinen üblichen Weg zum Leuchtturm. Die Situation war grässlich. Stefano ging mir auf die Nerven, meine Familie war nicht einverstanden, dass ich diesen Auftrag so weit weg angenommen hatte. Dieter war professionell und distanziert und erwähnte mit keinem Wort unsere damalige Begegnung. Die fast tägliche Fahrerei von hin und zurück knapp 300 Kilometern zerrte an meiner Substanz, aber eine Wohnung in den Marken zu nehmen ging auch nicht, denn dann hätte ich vermutlich auch noch meine zukünftigen Schwiegereltern auf dem Hals gehabt. Und irgendwo dazwischen stand ich. Und sollte dieses Borgo komplett restaurieren, was eigentlich meine gesamte Kraft erforderte. Mutlos sah ich weit raus aufs Meer und auf die Lichter der gerade vom nächtlichen Fang zurückkehrenden Fischerboote.

Mittwoch Abend waren wir bei Stefanos Eltern zum Essen. Donnerstag bei meinen Eltern auf dem Hof, um meinem Vater zu helfen, die Reben auf die hoffentlich sonnige Saison vorzubereiten. Mit Vergnügen sah ich zu, wie sich Stefano bemühte, Interesse an dieser körperlich harten Arbeit zu heucheln und wie sehr es ihn anwiderte, sich seine weißen Jeans dabei völlig zu versauen.
Freitag war ich bei Pietro eingeladen und obwohl Stefano auch damit natürlich nicht einverstanden war, machte ich ihm doch klar, dass ich da auf jeden Fall hinfahren würde und vorher den ganzen Tag auf der Baustelle zu tun hätte.

Einladungen bei einer italienischen Familie folgen strengen Ritualen, an die man sich unbedingt halten sollte. Ganz wichtig, die vereinbarte Zeit. Ein „komm doch gegen acht“ bedeutet in nördlichen Gefilden, dass man spätestens um fünf nach acht da ist. Ab Verona und südlicher würde man den Gastgeber mit übertriebener Pünktlichkeit in den Wahnsinn treiben, rechnet er doch keinesfalls vor halb neun mit dem Besuch und richtet seine Vorbereitungen entsprechend darauf aus.

Da die Marken ja schon fast Süditalien sind, kam ich um viertel vor neun bei Pietro und seiner Familie an. Auch ganz wichtig, man betritt nie eine fremde Wohnung, ohne nicht mindestens zweimal „permesso“ (darf ich) zu murmeln. Dann vergeht eine gute halbe Stunde damit, alles, aber auch wirklich alles, am Heim des Gastgebers zu loben, die Kinder (die, egal wie klein, immer noch auf sein werden) zu bewundern, die mitgebrachten Geschenke zu verteilen und sich gegenseitig zu versichern, wie wundervoll es ist, dass man sich gerade heute trifft.
Pietros Frau war mir sofort sympathisch, eine echte italienische Mamma, fast so rund wie er, in Kochschürze, mit roten Wangen, die mich sofort abküsste und mit in die Küche nahm.
Ich weiß heute nicht mehr genau, was wir alles gegessen haben, aber es zog sich über Stunden hin. Pietro hatte mehrere Weine aus der Gegend aufgefahren, die wir – immer nur ein Tröpfchen – nach und nach probierten und diskutierten. Und, obwohl ich eine Winzertochter aus der Emilia bin, gestand ich ihm meine Liebe für die schweren und tiefroten Weine aus dem Conero, dem wohl bekanntesten Anbaugebiet seiner Heimat.

Stefano fiel mir erst wieder ein, als mich Pietros Frau fragte, wie denn meine Familienpläne aussehen würden, und ich erschrak kurz, ich hatte mein Handy im Flur gelassen, und vermutlich waren schon einige Kontrollanrufe von Stefano eingegangen. Ich holte es und legte es auf den Tisch und sah erleichtert, dass noch keine Nachricht da war. Pietro stutzte, schmunzelte kurz, holte ebenfalls sein Handy und sagte, eigentlich hätte er ja Bereitschaft, aber hier würde ja eh nie etwas passieren. Das er damit falsch lag, merkte ich leider erst ein wenig später.

Nach dem Dessert, dem caffè und einem langen Abschiedsritual saß ich irgendwann kurz nach Mitternacht endlich in meinem Auto und machte mich auf den Rückweg nach Marina di Ravenna. Die Autobahn war leer, ich war müde und so fuhr ich viel zu schnell um endlich nach Haus und ins Bett zu kommen. Kurz nach Rimini klingelte mein Handy. Stefanos Kontrollanruf kam spät, aber er kam zuverlässig. Ich nahm das Handy vom Beifahrersitz „Pronto“ fauchte ich in den Hörer.
Schweigen.
„Pronto!“ noch eine Spur schärfer.
„Pietro?“ klang es zögerlich fragend an mein Ohr.
„Wer ist da?“ Ich wurde sauer.
„Pietro, was ist bei Dir los, wir haben hier einen Wildschaden?“
Ich warf kurz einen Blick auf das Handy in meiner Hand. Es war nicht meins. Es war Pietros. Scheiße.
Ich hielt am nächsten Autogrill. Rief von Pietros Handy auf meinem an (womit ich ihn weckte), erklärte ihm, seine Kollegen bräuchten ihn, entschuldigte mich tausendmal und vereinbarte, ich würde morgen kommen, um die Geräte zurück zu tauschen.
„Äh, Chiara?“
„Ja?“
„Hier hat ungefähr fünfmal ein Tesoro (Schatz) angerufen, zumindest stand das so im Display, und jedes mal sofort aufgelegt.“

Toll, unter Tesoro hatte ich Stefano gespeichert, und der hatte Pietro dran gehabt. Der Abend konnte noch lustig werden.

Der Abend wurde nicht lustig. Ich war noch nicht ganz im Haus, da schoss Stefano auf mich zu und brüllte mich an.
Er nannte mich Hure, er wollte wissen, wie oft ich mit anderen geschlafen hätte. Immer wenn ich ihm den Abend erklären wollte, schnitt er mir das Wort ab. Und dann stellte er Regeln auf, verlangte, dass ich mein Projekt aufgeben sollte, Zuhause bleiben müsste, „wie sich das gehört“. Und dann sagte er etwas, dass mich so verletzte, dass ich nicht anders konnte, als auch ihm weh zu tun. Er sagte „ich werde Dir austreiben, eine Schlampe zu sein“. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Der Hass auf ihn, der in diesem Moment in mir aufstieg, war unbeschreiblich, so groß, dass ich mehrmals schlucken musste, um überhaupt wieder sprechen zu können. Und dann sagte ich ganz ruhig, und mit voller Absicht, ihm weh zu tun „ich habe letzten Sommer jemand kennengelernt.“ Meine Worte hingen lange zwischen uns. Er starrte mich an, weiß im Gesicht, mit einer Wut in den Augen, die mir Angst machte. Und als ich dachte, wir würden nun den Rest unseres Lebens einfach so dastehen und uns anblicken, schoss plötzlich sein Handrücken heran. So schnell, dass ich mich nicht mehr wegducken konnte und traf mich mit voller Wucht im Gesicht. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf explodiert, noch während der Schmerz ein Feuerwerk an Lichtern und Sternen vor meinen Augen entzündete, schoss mir das Blut aus der Nase und ich torkelte in Zeitlupe rückwärts, bis mich die Mauer auffing, an der ich mich einfach nach unten rutschen ließ.
Stefano machte einen Schritt nach vorne, doch ich hob nur müde die Hand. Kurze Zeit später hörte ich die Haustüre ins Schloss krachen und den Motor seiner Ducati aufbrüllen. Und dann endlich kamen auch die Tränen und ich umschlang meine Beine und machte mich ganz klein und blieb einfach auf dem Boden sitzen und weinte…

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Liebe

August 2012, Le Marche, Italien

Du bist so schön, noch viel schöner, als Dich in Erinnerung hatte. Vier Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, eine lange Zeit. Nicht für Dich. Für mich. Für Dich ist das ein Augenblick, naja, etwas mehr vielleicht. Für mich gefühlt fast ein Leben, so viel ist passiert, in dieser Zeit. Du stehst da, wie damals, stolz, archaisch, gelassen. Deine Ausstrahlung ist gewachsen in dieser Zeit. Weißt Du, dass ich es war, die Dir wieder das Leben geschenkt hat? Oder ist Dir das egal? Du scheinst mir größer, reifer als damals. Aber was mache ich mir da für Gedanken? Du bist zweihundert Jahre alt, nun, zumindest Deine Grundmauern, und das, was ich bei der Restaurierung davon übrig gelassen habe – lassen konnte.
Dein Garten ist eingewachsen, er hat ihn nicht gepflegt, er war zu wenig hier. Wo die Natur konnte, hat sie Territorium zurück erobert. Hier quietscht ein Scharnier, dort bröckelt schon wieder etwas Putz, aber das macht Deinen Charme nur größer. Gekauft haben wir Dich damals wegen des Ausblicks. Deine Lage auf einem Hügel. Der unglaubliche Blick war sofort atemberaubend. Auf der Terrasse sitzen und in die Hügel bis in die Ferne zu den Ausläufern des Apennin zu schauen ist so schön, dass mir fast die Tränen kommen. An Dir habe ich meine Meisterarbeit vollbracht, denn Du warst für mich, für uns. „Lass es für immer sein“, hatte er damals gesagt, und ich hatte es geglaubt. Hier sah ich mich alt werden, Kinder spielen, glücklich sein. Weg von den Zwängen, den Pflichten, dem Einfluß der Familie. Ich war bereit, das alles aufzugeben.
Fast zwei Jahre hat er mich bearbeitet, wieder hier her zu kommen. Die Erinnerungen zu spüren, die alten Gefühle wieder zu finden. Ich weiß bis jetzt nicht, ob es eine gute Idee war. Wie damals droht der Bruch mit der Familie. Wie damals fange ich an, mich zu widersetzen. Und wie damals sitze ich stundenlang auf der Terrasse und blicke in die Hügel, ganz weit rein, bis zu den Ausläufern des Apennin.
Blick

Ich wurde bei einigen Fotos die letzten Tage oft erstaunt gefragt, warum die Landschaft „wie eine Wüste aussieht“. Ganz einfach, hier in Italien sind die Jahreszeiten etwas anders als in Deutschland. Ende Juli sind fast alle Felder abgeerntet, weil es dann einfach zu heiß wird. Dafür ist es bei uns schon grün, wenn in nördlicheren Ländern noch kahle Bäume zu sehen sind. Unten mal ein Vergleich. Fast der gleiche Blickwinkel, einmal kahl und dürr vor wenigen Tagen im August, das erste Bild zeigt die gleiche Gegend im März diesen Jahres.

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Im März aufgenommen

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Vor wenigen Tagen im August aufgenommen

Enrico ist circa 70 Jahre alt.
Ich treffe ihn in einer Bar am Meer. Er hat am Telefon sehr geheimnisvoll getan. Eine „Immobiliensache“, mehr könne er am Telefon nicht sagen. Der Treffpunkt ist nur ein paar Orte weiter von mir. Wie sich später herausstellt, darf ich den genauen Ort aber nicht nennen. Sagen wir, es ist irgendwo zwischen Lido di Dante und Bellaria, an der Adriaküste.
Es ist früh am morgen, die Bar ist leer, bis auf einen Gast. Enrico. Er trägt eine moderne Sporthose, ein buntes T-Shirt. Sein Gesicht ist vom Wind, der Sonne, dem Salz und vom Leben in tiefe Falten gelegt. Wie ein alter Lederkoffer, der stolz die Schrammen und Spuren vieler Abenteuer zur Schau trägt. Er hat eine dieser Riesenbrillen auf, wie sie alte Männer in Mafiafilmen tragen, diese überdimensionalen Horngestelle mit den leicht getönten Gläsern. Mein Blick schweift kurz zur Bar, auch hier niemand zu sehen. Enrico schmunzelt, steht auf und sagt mit dieser leisen, krächzenden Stimme, die Marlon Brando berühmt gemacht hat: „Wir sind allein, ich habe Mario spazieren geschickt.“
Er geht wie ganz selbstverständlich hinter die Bar und bereitet mir an der Maschine einen caffè. Ich bin verwirrt, nehme die Tasse, setze mich zu ihm an den Tisch. Er schiebt mir ein Päckchen Zigaretten zu, zündet sich selbst eine an. Ok, wir sind alleine hier, und ich grinse kurz in Richtung des Schildes an der Wand, das in jedem öffentlichen Gebäude vorgeschrieben ist. Neben der durchgestrichenen Zigarette steht auch der gesamte Gesetzestext, mit allen Strafen, die auf die Nichteinhaltung drohen. Ich bin sicher, noch kein Italiener hat sich das je durchgelesen.
Enrico taxiert mich lange, seine Augen sind jung und klar, schließlich nickt er, drückt seine Zigarette aus.
„Wie geht es Deinem Vater?“ wieder diese tiefe leise Stimme.
„Äh, gut.“
„Man hat mir gesagt, ich solle mich an euch wenden.“
„Äh, ok?“ ich verstehe nur Bahnhof.
„Ich habe da vielleicht was für euch…“

Und dann beginnt er zu erzählen.

Enrico ist 6 Jahre alt.
Er lebt mit seinen Eltern in Norditalien, im Land, in der Nähe von Reggio Emilia. Sein Vater arbeitet bei der Post und das Gehalt reicht gerade so, die Familie über die Runden zu bringen. Sie besitzen kein Auto, Enrico trägt die alten Sachen seiner größeren Geschwister und die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in einem schäbigen Haus, das schon vor dem Krieg nicht mehr schön war. Die Sommer hier in der Po-Ebene sind heiß und feucht, die Wohnung stickig und, wenn das Thermometer über Monate auf über 30 Grad steigt, ist es fast nicht auszuhalten. Die Sommerferien, die in Italien drei Monate dauern, sind endlos und die Familie kann sich keinen Urlaub leisten.
Doch es gibt eine Einrichtung, die für diese Familien geschaffen wurde. Der Staat und auch einige große Firmen haben an den Stränden direkt am Meer Kindererholungsheime gebaut. Hier können Kinder aus dem ganzen Land einen Teil ihrer Sommerferien verbringen, wenn sie aus Familien stammen, deren Einkommen nicht für einen Urlaub reicht.
Der Sommer, in dem Enrico gerade zu Beginn der Ferien 6 Jahre alt geworden ist, ist einer der heißesten seit Jahren. Aber Enrico hat Glück, er darf ans Meer. Und so steht er eines Morgens im Juli aufgeregt am Bahnhof. Er war noch nie von seiner Familie getrennt, er hat Angst, aber er ist auch neugierig, endlich einmal das Meer zu sehen, an dem er noch nie zuvor war.

Diese Ferienheime sind riesige Gebäude, die zum Teil mehreren hundert Kindern Platz bieten. Damals war das Land am Meer noch billig, es gab wenige Hotels und Platz spielte keine Rolle. Wo heute Hotels dicht gedrängt die Küsten Italiens verschandeln, hatten diese Häuser riesige Grundstücke für sich allein.

Enrico erlebt den schönsten Sommer seines jungen Lebens. Morgens, von der Sonne geweckt, verbringt er lange heiße Tage mit vielen anderen Kindern am Strand. Die Erzieher, junge Studenten, die sich etwas dazuverdienen, haben wenig Interesse an Regeln und Aufsicht, sie sind selbst viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Sommer am Meer zu genießen, die Kommilitoninnen zu beeindrucken und sich nachts heimlich gemeinsam im Meer und am Strand zu vergnügen.

Enrico ist in einem großen Heim gelandet, über drei Etagen erbaut, mit gewaltigem Garten, der viel Raum bietet, für Fußballspielen, sich Verstecken und allerlei anderer Dinge, die Kinder in dem Alter so tun. Die Betreuer haben eigene Zimmer, die Kinder sind in gemeinschaftlichen Schlafräumen untergebracht. Regeln gibt es, wie gesagt, fast keine. Bis auf eine, die wird den Kindern immer wieder eingehämmert. Keiner darf den dritten Stock betreten. Die Treppe endet im zweiten. Der Aufgang in den dritten Stock ist zugemauert. Auch von außen ist nichts zu sehen, alle Rollläden sind verschlossen. Unter den Jungs gibt es die wildesten Spekulationen, was im dritten Stock zu finden wäre. Von Vampiren wird gemauschelt, Geistern, heimlichen Gefangenen, Goldschätzen, Waffenlagern. Keine Theorie ist zu absurd, als dass sie nicht sofort als wahrscheinlich und wahr angesehen wird.
Enrico läßt das keine Ruhe, immer wieder schleicht er an der zugemauerten Wand umher, prüft sie fachkundig auf geheime Mechanismen, klopft sie ab, drückt minutenlang sein Ohr darauf, überlegt, plant, verwirft verschiedene Möglichkeiten, irgendwie hinter das Geheimnis zu kommen. Drei Tage vor dem Ende seiner Ferien spielen sie Verstecken im Garten. Und als er besonders tief im hinteren Teil des Gartens ins Gebüsch vordringt, findet er eine alte Holzklappe. Sie ist unverschlossen und als er sie öffnet, gibt sie den Blick auf eine Kellertreppe frei. Er steigt hinab und tastet sich durch den Raum, denn er vermutet, von hier ins Erdgeschoss zu kommen und so die anderen auszutricksen. Die Treppe, die nach oben führt, ist düster, er versucht mitzuzählen, wo er sich befindet und verliert schnell den Überblick. Das Treppenhaus hat schmale Fenster, jedoch sind alle Jalousien heruntergelassen, so dass nur wenig Tageslicht durch die Ritzen fällt. Der Boden ist schmutzig und in den schräg durch die Lamellen fallenden Sonnenstrahlen tanzen kleine Staubkörner wie winzige Diamanten in der Luft. In jeder Etage will er zurück in die bekannten Räume, aber es gibt nirgends eine Türe, bis, ja, bis er plötzlich ganz oben angelangt ist. Sein Herz beginnt zu rasen, denn ihm wird plötzlich klar, dass er in der dritten Etage sein muss. Die Türe ist nur angelehnt, er stößt sie mit dem Fuß auf, lauscht, und hört…..nichts.

Ein langer Gang, düster, schmutzig, von den Wänden blättert der Putz, der Boden übersät mit Abfall. Der Grundriss ist identisch mit der Etage darunter, er betritt den ersten Schlafsaal rechts, er ist eingerichtet wie unten, circa 30 Betten, noch bezogen, die Decken verstaubt, einige zerschlissen. Er bildet sich plötzlich ein, Stimmen zu hören, eine Bewegung am Ende des Zimmers zu sehen. Seine anfängliche Beklemmung wird zu Panik. Er läuft aus dem Zimmer in Richtung Treppe. Was er vergisst ist, dass er von der anderen Seite hier hoch gekommen war, somit ist der Grundriss, den er in den letzten vier Wochen verinnerlicht hatte, seitenverkehrt. Statt zurück zu der Treppe zu laufen, die er hochgekommen war, entfernt er sich immer mehr. Als er schließlich die Treppe erreicht, ist es die, die von unten zugemauert ist. Das bemerkt er aber erst, als er sie schon hinuntergelaufen ist und plötzlich auf der anderen Seite der Mauer steht. Sein Herz rast, er dreht sich um, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und sieht hinauf. Er ist sich jetzt sicher, dass er Stimmen hört, Schritte wahrnimmt. Auf allen vieren krabbelt er die Treppe wieder hinauf, lugt über den obersten Absatz.
Er kann nichts erkennen, es ist zu düster, die Sonne ist schon zu tief, alles ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Wie in Trance torkelt er den langen Gang zurück. Die letzte Türe noch zu seiner Rechten, dann hat er die alte Treppe erreicht. Ein Geräusch, er bleibt stehen, dreht den Kopf langsam hin und blickt in das Zimmer. Er weiß nicht, wie lange er dort hinein schaut. Er kann sich nicht mehr bewegen. Bis plötzlich irgendetwas in seinem Kopf Klick macht. Da rennt er schreiend die Treppe hinunter, schrammt sich im Keller das Bein an einem alten Schrank und steht irgendwann wieder im Freien an der alten Falltüre.

Er bricht plötzlich ab, ich schaue auf die Zigarette in meiner Hand, sie ist längst ungeraucht runtergebrannt und ich werfe sie achtlos in den Aschenbecher.
„Was hast du gesehen, Enrico?“, ich duze ihn einfach.
Er schüttelt nur den Kopf, atmet tief durch, seufzt, zündet sich eine Zigarette an.
„Ich wollte gar nicht so viel darüber erzählen.“
„Warum erzählst du mir überhaupt davon?“
Er lehnt sich zurück, lächelt.
„Ich habe mich damals verliebt. In das Meer. Sobald ich volljährig war, kam ich zurück. Die Ferienheime wurden mit der Zeit geschlossen, der Staat musste sparen, und wie überall spart er zuerst an denen, die sich am wenigsten wehren können, den Kindern.“
„Warst du nochmals dort?“, ich frage es, obwohl ich die Antwort kenne.
„No!“
„Was hast du damals gesehen?“
Wieder Kopfschütteln.
„Ich gehe oft daran vorbei, aber ich war nie mehr drin.“
„Warum erzählst du mir das alles?“

Und dann wird’s interessant. Die Heime wurden alle nach und nach geschlossen. Natürlich dachte man damals, das wäre nur vorübergehend. Also lies man die Rollläden runter, vernagelte die Türen und stellte den Strom ab.
Aber niemand hatte mehr ein Interesse daran, diese Häuser wieder in Betrieb zu nehmen. Schnell war alles veraltet, zu runtergekommen, die Sanierung viel zu teuer. Die Zeit, die Stürme am Meer, das Salz in der Luft. Alles Gift für Häuser. So fing man an, die Fenster teilweise zuzumauern, um die Substanz noch irgendwie zu retten. Aber, das alles brachte nichts, die Häuser verfielen immer mehr. Und so sitzt der Staat auf alten riesigen Grundstücken in allerbester Lage, direkt am Meer. Unglaubliche Immobilienwerte. Und Enrico hatte einen Kontakt geknüpft. Eines dieser alten Ferienheime stünde zum Verkauf. Unter der Hand, die Comune würde diesen Besitz gerne versilbern. Und Enrico kannte die richtigen Leute, um zuzuschlagen, bevor eine öffentliche Ausschreibung gemacht würde.
„Kann ich es anschauen?“, ich erhob mich schon halb bei der Frage.
„Sicher!“, er bewegte sich nicht.
Ich ließ mich wieder zurücksinken. „Wann?“
Er nickte quer über die Straße, auf ein riesiges altes Gebäude. Daher also diese Bar als Treffpunkt.
„Sieh’s dir heute Abend an, alleine, es soll niemand mitbekommen, dass sich jemand dafür interessiert.“
„WAS hast du damals gesehen?“, versuchte ich es nochmal. Wobei, eigentlich glaubte ich die Antwort längst zu kennen.
Sein Lächeln erstarb, sein Blick drang tief in meine Augen, ein ganz kurzes Aufblitzen, als er fand, was er darin gesucht hatte.
„Sieh’s Dir an.“
Ein Mann betrat die Bar, tat so, als würde er mich nicht bemerken und verschwand sofort im hinteren Zimmer. Wohl Mario, der Besitzer. Und somit das Signal, aufzubrechen.

Freitag Abend. Die ersten Italiener sind bereits für das traditionelle Wochenende am Meer eingetroffen, es wird laut und voll im Ort. Ich sitze mit Freunden in einer Bar. Ich habe sie vorgeschlagen, denn sie ist relativ nah an dem alten Kinderheim. Ich bin unruhig, weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Haus genauer anzusehen. Noch ist es hell, die Dämmerung kommt langsam. Langsamer als sonst, wie ich finde. Ich muss noch kurz was erledigen, habe ich den anderen gesagt, aber mich nicht näher darüber ausgelassen. Sie denken vermutlich, ich treffe jemanden, und da ich Enrico mein Wort gegeben hatte, niemandem etwas zu erzählen, ist mir das ausnahmsweise ganz recht.

Gegen 22.00 Uhr verschwinde ich unauffällig und fahre das kurze Stück aus dem belebten Teil des Orts hinaus. Die Bagni (Strandbäder) werden hier weniger, die Abstände etwas grösser und als ich auf Höhe von Marios Bar bin, biege ich in eine Seitenstraße ein. Ich stelle die Vespa an einer dunklen Stelle ab und nähere mich dem alten Gebäude von der Rückseite. Es ist bald Vollmond und er ist schon hell genug, um das gesamte Gelände in ein unwirkliches fahles Licht zu tauchen. Erst von der Rückseite wird mir die gesamte Größe des Hauses so richtig bewußt. Der Hauptteil wird von zwei langen Seitenflügeln flankiert, die, vom Meer abgewandt, einen unglaublichen Innenhof bilden. Die Jalousien sind heruntergelassen, teilweise aber mit der Zeit auch aus ihren oberen Verankerungen gerissen und hängen an manchen Fenstern schief in den verrosteten Führungen. Manche Fenster sind auch zugemauert, aber es ist kein Muster zu erkennen, nachdem die Maurer dabei vorgegangen sind. Der morbide Charme dieser „großen alten Dame“, wie ich das Haus insgeheim ehrfürchtig nenne, ist so beeindruckend, dass ich mich von dem Anblick kaum lösen kann.
Ich überschlage in Gedanken die ungefähren Flächen, die man daraus für ein Hotel oder ein Apartmenthaus bilden könnte, und als ich diese Quadratmeter in Baukosten umrechne, stockt mir der Atem.

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Wie Enrico mir gesagt hatte, ist der Zaun an einigen Stellen aufgerissen und ich betrete das Gelände. War gerade noch das Rauschen der abendlichen Brandung zu hören gewesen, ist es hier plötzlich still. Zu still. Nichts ist zu hören, und ich kann erst nicht verstehen, was genau fehlt. Ich gehe von hinten zum Hauptteil, dort ganz nach rechts und finde sofort die kleine Türe, wohl ein Seiteneingang. Drei bröckelnde Stufen führen hinauf zum Eingang, und mir wird klar, warum Enrico immer vom dritten Stock gesprochen hatte. Das Erdgeschoss ist im Hochparterre, somit hatte er es gleich als erste Etage gezählt. Der Schlüssel liegt ebenfalls an der versprochenen Stelle, rechts von der Treppe, unter einem Stein.
Ich bilde mir ein, ein Knacken hinter mir zu hören und drehe mich hastig um, aber es ist nichts zu sehen. Und jetzt merke ich endlich, was hier fehlt. Geräusche! Hier müsste es rascheln, knacken, wispern, wuseln. Das ist ein Paradies für alle möglichen Tiere. Und es ist ungewöhnlich, dass scheinbar keine da sind.
Die kleine Türe führt direkt in die ehemalige Küche. Ich hatte keinen Platz, meine MagLite einzupacken und bin nur mit einer winzigen LED-Lampe ausgerüstet. Die alten Öfen schimmern matt im Schein der Lampe, alles was aus Holz war, Schränke, Möbel, die Arbeitsflächen, sind nicht mehr da. Ich bewege mich vorsichtig über den mit Abfall übersäten Boden durch den Speisesaal und lande schließlich in einem großen, endlos langen Flur. Unzählige Türen gehen zu beiden Seiten ab. Es riecht unglaublich muffig und abgestanden hier drin. Zudem ist es schwül und stickig und ich merke, wie mir der Schweiß ausbricht. Es ist totenstill im Haus und ich merke, wie ein Gefühl der Beklemmung in mir hochkriecht.
Ich kenne dieses Gefühl, es beschleicht mich oft in alten verlassenen Ruinen und ich kann es ganz gut ignorieren. Ich schaue nicht in die einzelnen Zimmer, letztlich würde man das Gebäude ohnehin komplett abreißen müssen, oder es zumindest völlig entkernen, daher ist die momentane Aufteilung völlig bedeutungslos. Ich möchte nur überprüfen, ob meine Schätzung von außen ungefähr hinkommt, was die Flächen anbelangt. Die Treppe in den zweiten Stock übersehe ich fast, weil hier ein Schuttberg auf den ersten Stufen abgeladen wurde. Kurze Hosen, ein Top, Sandalen. Ganz tolles Outfit für so eine Aktion, aber ich klettere trotzdem darüber und rutsche auf der anderen Seite unsanft wieder herunter. Dabei kommt der Haufen in Bewegung, und einige seitlich gelagerte Ziegel poltern herunter und ich ziehe gerade noch die Füsse weg, bevor sie zerquetscht werden.
Wieder zurück zu klettern wird schwierig. Scherben, Latten mit Nägeln, zerbrochene spitze Ziegel. Ich brauche irgendwas, um das aus dem Weg zu Schaufeln.

Ich bin schon oft in alten Ruinen in solchen Situationen gewesen, das ist nichts, was mich aufregt, meine Neugier bringt mich regelmäßig in so einen Mist. Was mir eher zu schaffen macht, ist die zunehmende Beklemmung, die sich immer mehr in mir breit macht. Ich schwitze, bin völlig verdreckt und…ja, und ich habe plötzlich eine Scheißangst. Ich steige die Treppe nach oben und finde dort die zugemauerte Wand, von der Enrico mir erzählt hatte. Kurz taucht ein Bild in mir auf, wie der kleine Enrico hier an der Wand herumschlich, aufgeregt, um das Geheimnis der dritten Etage zu lüften. Und dann fällt mir noch etwas ein. Das andere Treppenhaus, von dem er erzählt hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass es ausschließlich in den obersten Stock führt, sicher hat er damals die Zugänge in den einzelnen Etagen nur nicht gesehen. Ich spiegle in Gedanken schnell den Grundriss und gehe in die Richtung, aus der er damals gekommen sein muss, als er einen Stock höher war. Links und rechts zweigt Tür nach Tür vom Gang ab, manche sind offen, manche fehlen ganz, einige sind geschlossen. Die Luft ist hier noch schlechter als unten und ich keuche, um den Rest an Sauerstoff aus diesem Geruchsgemisch aus Abfall, Alter und Verfall herauszufiltern. Die Beklemmung weicht langsam dem Gefühl von Panik, die, wie mir klar ist, völlig irrational und unangebracht ist. Aber irgendetwas ist hier und ich weiß von anderen Situationen, dass mir nicht mehr allzuviel Zeit bleibt, in der ich diese Panik noch einigermaßen kontrollieren kann.
Ich biege um zwei Ecken, vermeide es, in die offenen Türen zu sehen, bin mir sicher, dass ich hier und da etwas Leises murmeln höre und dann ist der Gang fast zu Ende und ich überschlage nochmals den Grundriss, gleiche ihn mit dem ab, was ich von außen gesehen habe und was Enrico erzählt hatte. Es bleiben zwei Türen, die in Frage kommen, in das andere Treppenhaus zu führen und ich versuche die erste zu öffnen, die aber verschlossen ist und werfe mich fast gegen die zweite, die sofort auffliegt und mit einem lauten Knall gegen die Wand schlägt. Das Treppenhaus! Ich bin so erleichtert, dass ich kurz kichern muss, ignoriere ein vermeintliches Rascheln hinter mir, verwerfe den schwachsinnigen Gedanken, nach oben in die dritte Etage zu gehen und haste die Stufen nach unten. Bitte nicht durch den Keller, bitte nicht durch den Keller, ist alles, was ich denken kann und zähle die Stufen und Absätze automatisch mit. Und weil ich nicht mehr sechs Jahre alt bin und Architektin, verzähle ich mich auch nicht so wie damals Enrico und mache rechtzeitig Halt, als ich im Erdgeschoss sein müsste. Ich leuchte die Wände ab und sehe sofort die Türe, die, wie ich vermutet hatte, in jedem Stockwerk ist. Ein Schieberiegel hält sie von innen zu, daher kam man von außen damals hier nicht rein, das Treppenhaus zu verlassen ist aber kein Problem. Ich lande wieder in der alten Küche, sprinte durch den Raum, erreiche endlich die Türe und lehne mich draußen schwer atmend an die Hauswand. Ich würde töten für eine Zigarette, aber die liegen im Lokal und so bleibt mir nur, die Türe zu verschließen und langsam und erschöpft zurück auf die Straße zu gehen.

Draußen drehe ich mich um und blicke zurück, ich versuche zu errechnen, wo genau damals Enrico im obersten Stock vor der offenen Türe gestanden haben muss, wo das Zimmer ist, in das er so lange blickte und das ihn so verstörte, dass er bis heute nicht darüber sprechen kann, was er damals sah. Ich folge den Gebäudelinien mit den Augen, gehe meinen Weg von eben in Gedanken nochmals durch, mache ein paar Schritte nach vorne, wieder zurück, wie ein Tänzer, der eine Choreographie einstudiert. Und schließlich bin ich sicher, welches Zimmer es gewesen sein muss. Das Fenster ist eine klaffende Wunde, das Rollo oben ausgerissen und halb herunter gesackt. Das Fensterglas fehlt, der Rahmen ist geborsten. Ein dunkles, tiefschwarzes Loch. Wie ein Portal, geht mir durch den Kopf. Ich schaue nach oben, versuche etwas zu erkennen, was mir auch gelingt, aber es ist nichts, was man mit den Augen sieht. Deswegen konnte Enrico es auch bis heute nicht beschreiben. Ich hatte mir das fast gedacht. Noch lange stehe ich so da, unbewegt, äußerlich, und irgendwann nicke ich zum Abschied, glücklich jetzt, und fahre zurück zu meinen Freunden.

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Santarcangelo di romagna

Am Montag war ich in Santarcangelo, ein kleiner Ort, ca. 15 Minuten vom Meer entfernt, in der Emilia Romagna. Ich mache ja immer um alle Reiseführer und großen Sehenswürdigkeiten einen Bogen, weil mich tiefgründige Daten und Geschichten nicht so wirklich interessieren. Eine Marotte von mir, die auch verhindert, nach Rezept zu kochen. Alles, was einem vorgegebenen Schema folgt, löst bei mir sofort Langeweile aus und ich kann mich umgehend nicht mehr darauf konzentrieren. Ich mag es, möglichst schnell die grösseren Wege zu verlassen und mich von kleinen interessanten Gassen mit ihren Winkeln und Biegungen in den Bann ziehen zu lassen. Die nachfolgenden Fotos folgen daher auch keinem Schema, zeigen meistens gar nichts furchtbar historisch interessantes, sondern sind eher so, wie ein Kind es tut, der ständigen Ablenkung geschuldet, irgendetwas entdeckt zu haben, dass einem gerade gefällt.
Santarcangelo ist neben Savignano sul rubicone einer meiner Lieblingsorte. Die Piazza von Savignano hat mich übrigens auch zu der Geschichte „Tagtraum“ inspiriert, die unter dem Menüpunkt „Daily“ hier im Blog zu finden ist.

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Bushido hält mich wach während der Wagen einen Kilometer schmutzigen Asphalt nach dem anderen unter sich aufsaugt. Es ist 3.30 Uhr, nicht Tag, aber auch nicht Nacht. Ich fühle mich, als wäre ich in einem Zeitvakuum. Fast alleine auf dieser endlosen Autobahn nach Hause.
Und wieder steigt diese unbändige Wut in mir hoch. Dass ich mir das antun muss, nur um nach Hause zu kommen. Nicht einfach da sein zu dürfen, wo ich hingehöre. Und die Stimme links flüstert, beschwer Dich nicht. Und die Stimme rechts höhnt, selbst schuld, wenn Du nicht machst, was Du willst. Und dann drehe ich die Musik noch lauter, um diese Gedanken zu betäuben. Engel links, Teufel rechts.

„Das kannst Du nicht machen“, sagt sie.
„Das mußt Du doch machen“, sagt er.
„Du ißt zuviel“, höre ich hier.
„Du bist zu dünn“, kommt von dort.
„Schlaf mal mehr, das ist zu wenig“, meint einer.
„Schlaf nicht so oft“, ein anderer.
„Hättest mal lieber das Auto gekauft“, sagt er.
„Wieso hast Du nicht das Auto gekauft“ sagt sie.
„Du arbeitest zu viel“. „Du arbeitest ja fast nie“.
„Zuviel Training ist ungesund“. „Beweg Dich doch mal wieder“.
„Du jammerst zu viel“, heißt es hier, „Du läßt Deine Gefühle nicht raus“, kommt von da.
„Sag doch endlich mal Deine Meinung“, „Hey, sei doch nicht immer so direkt“.
„Triff Dich doch mal mit dem“. „Was, mit dem willst Du Dich treffen“.
„Ach, so machst Du das. Naja, eigentlich macht man das ja so“.

Ich bin naiv. Bevor ich anderen mit dummen Ratschlägen komme, denke ich mir immer, hey, auch wenn sich mir der Sinn nicht erschließt, der hat sich sicher was dabei gedacht, warum er es genau so macht.

Ich hab sie so satt, diese besserwissenden Klugscheißer.