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… schreibt mir ein netter Follower neulich eine DirectMessage – wir hatten über Italien geschrieben – die mich bewegt hat. Und ich mag ja diese Assoziations-Ketten, die manche Worte auslösen. Ich zitiere mal, was er schrieb: „..oh ja, das Meer, der Sand, die Sonne, warmer Wind, Muscheln, Sonnenbrille, Panama-Hut, Leinenhose, barfuß, offenes Hemd, Dreitagesbart, eine kleine Bar, ein Panini, ein bisschen prosciutto, hach, ich kann Dich verstehen…“
Einer dieser Begriffe ließ mich plötzlich an einen Tag denken, viele Jahre her. Es war ein trauriger Tag. Wir waren am Meer, ganz unten, an der südlichsten Küste Siziliens. Ich saß auf einem Felsen, schaute auf das Meer. Am Horizont ballten sich dunkle, fast schwarze Wolken zusammen, die Sturm und Gewitter ankündigten. Das Wasser wechselte seine Farbe, wie ein Chamäleon, gerade noch strahlend blau wurde es langsam grünlich, schön, zuerst, wie ein Smaragd. Irgendwann hörte das Glitzern auf den kleinen Wellen auf, das Grün wurde dunkler und dunkler. Ich wußte, dass es bald in ein schmutziges grau übergehen würde. Unwetter am Meer erkennt man immer zuerst am Wasser, weil die Strömungsänderungen lange vor dem eigentlichen Inferno die Farbe des Wassers verändern. Ich saß stundenlang auf diesem Felsen, und hörte immer wieder ein Lied. „Musica é“. Nur dieses eine Lied. Immer wieder. Und beobachtete die Farbe des Wassers. Als es fast schwarz war, ging ich heim. Weil ich wusste, dass das Unwetter nicht mehr vorbei ziehen würde. Weil ich wusste, dass der, auf den ich gewartet hatte, nicht mehr kommen würde. Weil ich wusste, dass seine Chance, doch noch gefunden zu werden, mit diesem Unwetter endgültig vorbei war.
Seit einer Stunde sitze ich jetzt hier, höre „Musica é“ in Schleife und denke an diesen Tag.

Musica E'

Der Regen läuft langsam an der Scheibe herunter. Auf dem Schreibtisch stapelt sich Arbeit. Der Rotwein schwappt vom letzten Schluck träge im Glas. Am Rechner läuft Mango, „La Terra degli Aquiloni“ schleife. Meine Augen schauen aus dem Fenster, bleiben am Haus gegenüber kleben. Vermissen die Weite. Den Blick bis zum Horizont. Wo Himmel und Meer verschmelzen. Oder wenigstens den Blick in die weiten, aber sanften Hügel vom Zimmer meiner Kindheit aus. Gefangen, wie damals, in Ravenna, als ich nach wenigen Wochen aus der Stadt geflüchtet bin. Der Schleier, den die Tränen in den Augen machen, deckt sich mit den Schlieren der Regentropfen am Fenster. Der Wein hat sich beruhigt, einen Ölfilm am Glas hinterlassen, der langsam zurück ins Glas sinkt. Alles weint, geht mir durch den Kopf.

Samstag, 25.2.12

Garnelen aus Aquakultur

Esst ihr gerne Garnelen? Ich liebe sie, in jeder Variation, ob frittiert, vom Grill, zu Nudeln, ich bin verrückt danach. Und selbst in Deutschland bekommt man sie überall. Genial? Nein, Furchtbar! Auf ca. 95% aller Packungen steht „Aus Aquakultur“. Das klingt gut, könnte man meinen. Weit gefehlt. Aquakultur bedeutet, die Garnelen werden gezüchtet, meist in Asien. Während sie heranwachsen wird das Wasser nie getauscht. Damit die Tiere das überleben, werden sie mit Medikamenten vollgepumpt. Sie leben also in einer Brühe aus Fäkalien und Medizin, bis sie „geerntet“ werden. Man hat mal einen Versuch gemacht, und in diese Brühe nach dem Abfischen ein paar Fische geworfen. Diese waren quasi sofort tot.
Nächster Schritt, die Tiere werden irgendwohin geliefert, geschält und dann nach Europa auf den Markt geworfen. Reden wir mal nicht vom ökologischen Unsinn dieses hin und her Transports, reden wir nicht von der Stinkbrühe, die nach einer Saison einfach in die Umwelt abgepumpt wird, da eine zweite Saison in diesem Gift nicht mehr gezüchtet werden kann, reden wir über das Ergebnis. Man taut also diese Garnelen auf. Riecht mal daran. Sie stinken. Ich erlaube mir das mal ganz deutlich zu sagen: sie stinken nach Scheisse. Ja, dieser muffelige Geruch kommt vom Leben in den eigenen Fäkalien. Und natürlich auch von der unterbrochenen Kühlkette, denn gefroren konnten sie ja nicht geschält werden. Ich habe also ein zwischendurch aufgetautes und in Scheisse groß gezogenes Lebensmittel.
Ich weiß, es ist kein Vergnügen, Garnelen selber zu schälen, wenn ich Garnelenspieße grille und vorher 20, 30 oder mehr Tiere schälen muss, je nach Größe, aber es lohnt sich. Riecht man an diesen Tieren, dann riecht man frischen Fisch.
Und wenn ich dann hier in München in Grosshandelsläden die hunderte Meter von Gefriertruhen ablaufe, und fast nie frei gefangene Garnelen bekomme, sondern nur diesen Aquakultur-Dreck, und weiß, dass viele Lokale hier einkaufen, dann kann ich auf den Garnelencocktail oder den Luxus-Salat mit Scampi gut verzichten.
Hab ich euch den Appetit verdorben? Hoffentlich, denn lieber mal auf das eine oder andere verzichten, als diesen Abfall zu essen.

Hat man aber das Glück, fern vom Meer Garnelen aus BIO-Aquakultur oder gar frei gefangene zu bekommen, dann noch ein schnelles Rezept, dass euch in 10 Minuten einen wundervollen Snack zaubert:
Garnelen schälen, im Sieb waschen. Ca. 250 ml Olivenöl in eine Schale füllen, dazu Salz, Pfeffer, italienische Kräutermischung, zwei kleingehackte Knoblauchzehen. Gut umrühren, in die Pfanne, sobald das Öl kocht, Garnelen rein und knapp 10 Minuten braten. Immer wieder wenden, wenn das Öl braun wird die Garnelen auf den Teller, etwas Öl zum auftunken drüber. Dazu Salat oder Weißbrot und ein Glas Weißwein. Ist eine ganz schnelle Vorspeise oder ein kleiner Snack für zwischendurch.

Ich musste die Tage an eine Geschichte denken, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Ab und zu, wenn ich einen Auftrag übernehme, ziehe ich ein paar Tage in ein Haus, um ein Gefühl zu bekommen, was ich tun werde. So auch vor ein paar Jahren. Deutsche hatten das Haus etwas weiter entfernt von meinem Heimatort gekauft und waren über eine Empfehlung zu mir gekommen. Sie wollten viel ändern, und ich sollte einen Plan erstellen.

Ich kam am späten Vormittag dort an. Schon die Zufahrt war ein Abenteuer. Vom kleinen Ort bog ich auf eine Kiesstraße ab und kam irgendwann an eine Kreuzung, an der ein Hohlweg fast senkrecht den Hang hinunter ging. Selbst mit Geländeuntersetzung war der Wagen fast nicht zu bremsen und ich rumpelte über Schlaglöcher, umfuhr Felsbrocken und zerkratzte mir die Flanken des Jeeps mit seit Jahren nicht mehr zurückgeschnittenen Brombeerranken. Irgendwann lichtete sich der Weg und nach einem letzten steilen Stück stand ich vor dem Haus. Es war ein altes Herrenhaus. Ich umrundete es langsam und ließ es auf mich wirken. Die ehemalige Natursteinfassade war irgendwann verputzt worden, dann war der Putz wieder teilweise abgenommen worden, an manchen Stellen bröckelte er auch einfach ab. Die Dachpfannen waren in einem katastrophalen Zustand, viele davon schief, einige fehlten ganz. Die Fenster waren alt und nur einfach verglast, die Fensterläden ließen noch Reste von ehemals dunkler grüner Farbe erkennen, viele waren morsch.

Aber das waren nur kosmetische Probleme. Die Lage war der Hammer. Das Haus stand alleine auf einem Hügel, der Blick überwältigend in alle Richtungen, man konnte bis zum Meer sehen. Das gesamte Grundstück hatte ca. 80.000 Quadratmeter, das meiste davon zwar undurchdringliche Wildnis, aber es gehörte immerhin alles den Hausbesitzern. Ich ging nach drinnen. Auch hier war alles alt, verbraucht, lieblos. Das Haus war zwar bewohnbar, aber es gab keine Heizung, die Küche war völlig hinüber und die Bäder seit Jahrzehnten nicht renoviert. Die einzige Warmwasserquelle war ein Elektroboiler, der so verrostet war, dass ich niemandem empfohlen hätte, ihn nochmals anzuschalten. Im oberen Stockwerk hatten sich die Besitzer ein Zimmer schön hergerichtet, mit großem Landhausbett aus schwarzem Schmiedeeisen, frischen Farben an der Wand und sogar ein paar Bildern. Sie hatten mir erzählt, dass sie ein paar Mal hier Urlaub gemacht hatten, um zu überlegen, wie sie das Haus herrichten werden. Es gab viel zu viele Zimmer, man würde das alles öffnen müssen, neu aufteilen und vernünftig, aber behutsam, wieder herrichten.

Ich saß abends lange auf der Terrasse, sah in der Ferne die funkelnden Lichter der kleinen Orte, lauschte der Natur und versank in Gedanken, bis es spät und finster war. Im Haus bekam ich plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Ich bin nicht ängstlich, aber logisch betrachtet war ich hier alleine und niemand würde hier irgendwas mitbekommen. Es gab keinen Handyempfang, Telefon sowieso nicht. Ich blickte auf die Fenster im Erdgeschoss, keines davon war vergittert. Also ging ich nochmals nach draußen, um die Fensterläden anzuklappen und schloss auch die Terrassentüren-Läden zu. Dann von drinnen alle Fensterläden verriegeln, eine Heidenarbeit, es gab alleine im Erdgeschoss ca. 16 Fenster. Gitter!, notierte ich in Gedanken zur Liste der nötigen Renovierungsarbeiten.

Auf dem Weg nach oben ins Schlafzimmer verdrängte ich den Gedanken, dass ich eigentlich mal in alle 12 Zimmer sehen müsste, ob da nicht irgendein ungebetener Gast war. Ich bin selbst in einem einsamen großen Landhaus aufgewachsen. Aber dort war man nie alleine. Es lebten mehrere Generationen von uns unter einem Dach, dazu noch einige unserer Arbeiter, die auch im riesigen Haus ihre Zimmer hatten. Dort war es nachts nie ganz still. Man hörte immer irgendjemanden, der sich im Bett hin und her warf, ein Quietschen hier, ein Schnarchen dort, eine Wasserspülung, oder ein verhaltenes Stöhnen, von Bewohnern, die sich gerade liebten.
Später dann, in meinem kleinen Haus am Meer, trug mich jede Nacht das Rauschen der Brandung in den Schlaf. Hier jedoch war: NICHTS! Es war absolut still, kein Auto zu hören, keine Geräusche, kein Knacken, einfach nur nichts. Und das machte mich fertig. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr in so einer Situation ein euch unbekanntes Geräusch hört? Dann grübelt man, was es wohl ist, man geht alle Optionen durch, was das Geräusch verursacht haben könnte. Viel schlimmer ist es, wenn man absolut nichts hört, nicht das Geringste. Und dann liegt man da und denkt, egal was jetzt ist, du wirst es in dieser Stille hören. Und so lag ich da und hoffte, nicht plötzlich doch etwas zu hören und wurde fast verrückt dabei. Zum hundertsten Mal blickte ich auf mein Handy und verfluchte wieder die Anzeige „Kein Netz“.
Schließlich stand ich nochmal auf, ging nach unten, öffnete eine Flasche Wein und trank gierig das Glas leer. Dann öffnete ich eines der Fenster, stieß den Laden auf und zündete mir eine Zigarette an. Ich blies den Rauch immer ordentlich aus dem offenen Fenster, denn ich wusste nicht, ob die Besitzer Nichtraucher waren. Der lange Tag forderte schließlich seinen Tribut und ich wurde plötzlich unglaublich müde. Das wollte ich ausnutzen, ich schleppte mich zurück ins Bett und schlief tatsächlich ein.

Ich träumte unruhig, von Menschen, die versuchten, die Eingangstüre mit Äxten einzuschlagen und irgendwann schoss ich senkrecht hoch, denn die Schläge waren nicht geträumt, das Hämmern war echt! Im nächsten Moment tauchte ein Blitz das Zimmer kurz in gleissendes Licht, in der nächsten Sekunde folgte ohrenbetäubender Donner. Ein Gewitter. Ich sank erleichtert zurück. Ich knipste das Licht an, um zu sehen, wie spät es war, aber es ging nicht, der Strom war weg. Aber das war egal, das Gewitter war so laut, es übertönte alles und so rollte ich mich unter der Decke zusammen und schlief wie ein Baby.

Als ich am Morgen wieder nach unten in die Küche ging, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Nach der ganzen Panik, die ich hatte, nach all der Mühe, alle Läden zu schließen, war ich fassungslos. Das Fenster, das ich zum Rauchen geöffnet hatte, ich hatte es vergessen. Es stand sperrangelweit offen.

Mein kleines Haus steht in Italien, direkt am Meer. Es ist winzig, für Deutsche Verhältnisse sogar mickrig. Es ist weiß, also eigentlich ist es weiß, aber egal wie oft man es streicht, es hat immer abgeblätterte Stellen, von der salzigen Luft und vom Sand, den der Wind wie Schmirgelpapier nutzt, um alles alt und abgenutzt aussehen zu lassen. Im unteren Stockwerk ist nur ein Raum, er ist Wohnzimmer, Esszimmer und Küche in einem. Der große Esstisch, eine lange Couch, die Küchenzeile; alles etwas eng, aber gemütlich. Die meiste Zeit im Jahr lebe ich dort eh draußen, es gibt viele Plätze um das Haus herum, so dass man je nach Bedarf Sonne oder Schatten finden kann. Und ich habe einen gemauerten Grill, mit einem Kamin für den Rauch, der bis zum Dach hoch geht.

Oben gibt es zwei Zimmer, in einem schlafe ich, das andere habe ich als Arbeitszimmer eingerichtet. Von beiden Zimmern sieht man direkt aufs Meer, der Strand beginnt ein paar Schritte vom Garten entfernt. Nachts trägt mich das Rauschen der Brandung in den Schlaf, morgens begrüßt mich die Sonne, wenn sie glutrot aus dem Meer taucht. Ich liebe dieses Haus, schon als Kind, als es nur unser Wochenendhaus war, hab ich bereits davon geträumt, einmal ganz dort zu wohnen. Jetzt ist es beschädigt. Durch den strengen Frost der ungewöhnlicherweise auch bei uns Schnee gebracht hat, ist ein Rohr geplatzt und hat ziemlich viel Schaden angerichtet. Ich habe geweint, als ich das erfahren habe, es macht mich traurig.

Daily: Samstag, 4.02.2012 – Lebensjahre in Zentimetern

Er ist achtzig und sein Leben hat er auf seinen Feldern verbracht. Er zeigt mir seinen Hof, und will wissen, wie wir das in Italien machen. Er versteht mich nicht sehr gut, weil seine Ohren nicht mehr so wollen, ich verstehe ihn nicht so gut, weil mein Deutsch nicht für Dialekte reicht. Aber unsere Herzen sprechen die gleiche Sprache. Dann zeigt er mir den Baum. Dazu deutet er in einem der Ställe auf ein Fenster, es geht zur Nordseite, gleich gegenüber, nicht mal ein Meter, ist eine hohe Mauer. Es ist dunkel in dieser schmalen Gasse, kalt, und nie scheint dort die Sonne. Ich sehe die Spitze eines Tannenbaums, ein paar zartgrüne Ästchen. Vor vielen Jahren, erzählt er, entdeckte er dort unter dem Fenster ein kleines Tannenbäumchen, nur ein paar Nadeln, ein paar Zentimeter hoch. „Ich habe mir vorgenommen, so lange zu leben, bis das Bäumchen so hoch ist, dass ich es von hier drin aus sehen kann. Jetzt, wo es soweit ist, ist jeder Zentimeter mehr ein Geschenk.“ Er lächelt dabei, zufrieden. Ich wünsche ihm noch viele Zentimeter.

Freitag, 03.02.2012. – Offline-Tweets
Ich bin auf einem alten Bauernhof in Franken, ca. 400 Jahre alt, ein abgelegenes Haus mitten im Nichts. WLan kennt man hier nicht, das Handynetz schwankt, alle paar Minuten hat man für ein paar Sekunden Edge, 3G findet nicht statt. Zusätzliche Hürde, man muss im ersten Stock in einem bestimmten Zimmer am Fenster sein, um überhaupt diesen kurzen Korridor in die virtuelle Welt zu bekommen. Also schreib ich eben Offline-Tweets. Einzige Bedingung, ich werde sie nicht nochmal überarbeiten. Was ich schreibe, bleibt, ganz so, als wäre der Tweet gepostet. Nur die 140 Zeichnen zähl ich nicht genau ab.

 

Nach 6 Stunden endlich da, in der Zeit fahr ich fast nach Hause, heute hat’s gerade für 280 km nach Norden gereicht.

 

Ich bin so geladen, dass ich fast platze. Stau ohne ende, Jeans von einem Kind mit Saft eingesaut. Aber ich benehme mich natürlich vorbildlich.

 

Julia kennt mich, ich kann kaum zweimal blinzeln, da werde ich von ihr schon mit einem Glas Rotwein ruhig gestellt. Hach! ❤

 

Schiele ständig unauffällig abwechselnd auf Handy und iPad. Die Anzeige „Kein Netz“ macht mich wahnsinnig.

 

-14 Grad, unisoliertes Haus, Julias Zimmer hat keine Heizung, meins schon. Biete ihr einen Platz in meinem Doppelbett an. Sie wird rot. Das beunruhigt mich etwas.

 

Sehe in den Nachrichten Bilder von Rom, seit 26 Jahren schneit’s dort mal wieder etwas. Schulen haben geschlossen. Ich könnte kotzen.

 

Bin auf der Couch eingeschlafen, das Feuer ist runtergebrannt und alle anderen schon im Bett. Blick auf die Uhr: erst 23.00 Uhr. WTF

 

Das Schlafzimmer war seit meinem letzten Aufenthalt wohl nicht mehr benutzt. Die Matratze fühlt sich an wie ein Eisblock.

 

Aha, erst lachen, dass ich meine Monsterdecke mitnehme, sich dann aber drunterlegen. Mir egal, ich schlüpfe mit dazu. Julia glüht wie ein Ofen. Endlich warm 😉

Shine On

Shine On
… zwei Jahre konnte ich das Album nicht hören. „Ich höre es schleife“ hattest Du geschrieben, und es mir dann über skype geschickt. Du hast es geliebt. Ich hab es einmal gehört damals, mir gefiel es nicht. Aber jetzt, wo ich weiß, was es Dir bedeutet hat, klingt es völlig anders. Zwei Jahre hab ich es nicht gespielt. Ich sehe Dich sitzen, an Deinem Laptop, wie immer. Ein Leben Online. Ich seh Dein Gesicht, wie Du immer gespannt auf den Bildschirm schaust, ein Bild, dass ich immer in mir habe, immer wenn ich zu Dir kam. Zwei Jahre, solange habe ich gebraucht, bis ich es hören konnte. Ich höre es für Dich, Bea, ich weiß, das würde Dir gefallen. Musik aus der cloud, und ich hoffe, Du fühlst den Rhythmus, auf Deiner Wolke. Du weißt, ich werde Dich nie vergessen, auch wenn die Tränen weniger werden. Shine On.

shine on

Ich weiss noch gut, wie ich zu google+ kam, ich war in der Beta-Phase mit dabei, über eine Einladung, eine normale Anmeldung hat noch nicht funktioniert. Alle, die wir dort waren, staunten, es war schick, neu, trendy. Als hätte jemand das Social Network neu erfunden. Und ja, wir meckerten alle sofort los, über Facebook, dessen Ende sofort als sicher angesehen wurde. Good bye, Mark! Man kannte sich, entweder war der Circle-Freund ein Twitter- oder ein Facebook-Kollege. Man war plötzlich sehr gefragt, jeder wollte eine Einladung, teilhaben, an dieser großartigen Erfindung. Gegen g+ wirkte Facebook plötzlich wie ein am Wochenende mit Elternhilfe alleinerziehender Mütter selbst gestrichener Kindergarten. google+ dagegen, das war wie ein Penthouse an der Upper Eastside mit Blick auf die Skyline der virtuellen Onlinewelt. Schick, avantgardistisch, edel, fast schon protzig. Und erst das System der Circle. Plötzlich konnte man entscheiden, den Chef zwar als „Freund“ zu akzeptieren, aber er konnte nicht mehr sehen, was man im privaten Stream schrieb. Wir stolzierten herum, hatten Spass – und keinerlei Nutzen. Denn bis auf ein paar Facebook-Frustrierte ließen wir unsere gewohnten sozialen Netze natürlich weiterlaufen. Man streute immer mal was von g+ ein, damit auch bei Twitter und FB jeder kapierte, dass man jemand mit einer Einladung war. Die ersten Streber schrieben sofort umfangreiche Anleitungen, wie man seine Circles einzurichten hatte.

Und jetzt? Ohne großes Zutun bin ich in fast 1.000 Circles, kenne davon eigentlich niemanden mehr und wundere mich. Ich wundere mich, wie es sein kann, dass ein Unternehmen, das es geschafft hat, Milliarden von Internetseiten für uns aufzubereiten, nicht in der Lage ist, die paar User etwas zu zähmen. Ich bin in Deutschland Ausländerin. Das vorneweg, damit man das nicht falsch interpretiert. Aber wie kann es sein, dass mir Ali Birhina aus West-Bagdad eine Freundschaftsanfrage sendet. Als Avatar einen talibanischen Freiheitskämpfer, in der bio: nichts. Beiträge: null. Einzige Info: male. Oder diese Klarnamen-Pflicht. Mein Twitterkollege XY-Turbo darf sich so nicht registrieren, aber Peter Pornostreifen schon. Google kontrolliert alle Fotos im Web, aber ein Avatar mit einem erigierten Penis, das geht. Jedes 0815-Forum, das von privater Seite non-profit- mäßig geführt wird, hat ein paar Kontrollmechanismen. Bei g+ erhalte ich Anfragen von Menschen, die im Stream ausschliesslich Pornovideos oder Fotos von kopulierenden Menschen zeigen. „Dieser Content ist in Ihrem Land nicht verfügbar“. Geht’s um Urheberrechte, greift die Kontrolle. Geht’s darum, mich vor privatgeilen Idioten zu schützen, interessiert das keine Sau. Ich fühle mich bei g+ mittlerweile ungefähr so wohl wie eine Frau in einer dunklen Tiefgarage, in der alle Frauenparkplätze bereits belegt sind.

Bei Facebook habe ich solche Anfragen nicht. Warum? Weil das Netzwerk langsam und über Jahre gewachsen ist. Frage ich bei Facebook einen mir Fremden, ob er mein Freund sein will, bekomme ich meist als Antwort: „Wieso, kennen wir uns?“

Schreib mal bei Twitter zehn mal als Post „klick hier für meine tolle Faltencreme oder mein geniales Gewinnspiel“. Twitter suspendiert ganz schnell den Account. Selbst unter „Report User“ findet sich bei g+ nur die Frage nach dem Verstoß im Profil, nicht aber im Stream. Fatal! So generiert man schnell Mitgliederzahlen, aber keine echten User.

Und so ist das passiert, was der Worst Case für dieses neue Netzwerk ist: Streams voller Spam, Werbung, Pornos. Dazu frustrierte Benutzer, die entweder gar nicht mehr reinschauen, oder ein paar ganz beknackte, so wie ich, die gelegentlich mal über iStatus einen dreifach post starten, und ihren Senf parallel in FB, Twitter und g+ reinladen.

Dazu eine immer noch nicht funktionierende Handy-App, eine schlecht zu nutzende Web-App und dieser seltsame Messenger, der nur am Handy, nicht aber im Web funktioniert.

Schade, Mensch, ihr habt mit die besten Programmierer und mit das längste Know-how im Internet.

Da macht das Kuschel-Netzwerk „path“, das die Anzahl der „Freunde“ auf 150 begrenzt, ja fast schon alles richtig. Was hätte man aus der ansprechenden Umsetzung von path und dem Know-how eines Konzerns wie google nicht alles machen können?

Und was macht Mark? Er klaut euch die Idee, Mitteilungen auf bestimmte Nutzergruppen zu begrenzen, führt Circles ein, die er Listen nennt, erfindet noch schnell eine Chronik (komisch, kurz bevor google beschließt, sämtliche Dienste zusammenzufassen) und geht entspannt an die Börse.

Hey, google, das ist nicht bös gemeint, aber plötzlich fühl ich mich im Kindergarten fast schon wieder wohl.

…heute hatte ich ein endlos Meeting in der Innenstadt von München. In der Pause bin ich ein wenig raus gelaufen. Mich langweilen Sehenswürdigkeiten, ich will die kleinen Nebenstraßen, die engen Gassen, die wie ein Labyrinth immer tiefer ins innere der Stadt führen, die so eng sind, dass der Entgegenkommende sich zur Seite drehen muss, die düster sind und in denen deine Schritte von den alten Mauern zurückgeworfen werden, die dir einen wohligen Schauer geben, wenn sich in den Hall deiner Schritte plötzlich die eines Fremden mischen. Diese sich immer weiter verzweigenden kleinsten Gefäße des Straßennetzes, in dem du meinst, die Geschichte aus längst vergangenen Jahrhunderten heraus zu hören. Das ist es, was ich in jeder Stadt suche, das mich magisch anzieht, mich in seinen Bann schlägt. Und dann plötzlich wieder im Trubel zu sein, zurück im Lärm, bei den fotografierenden, schwätzenden gehetzten Touristen. Und dann lächeln, weil sie die wahren Kleinode nie entdecken werden…