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Tja, wie versprochen (schön blöd von mir), beginnt der Countdown für Weihnachten. Nachdem der Tag heute eher aus der Hölle kam, fange ich mit dem Thema Weihnachtsbeleuchtung an. Da ich ja beim Essen und beim Rotwein zu schwerster Übertreibung neige, tue ich das natürlich auch mit der Weihnachtsdeko außen am Haus. Okay, ein bisschen schuld sind eigentlich meine Nachbarn, echt, ich schwöre, die haben mit dem Wettrüsten angefangen. Aber hey, wenn irgendein Jumbo denkt, dass sei die Landebahnbeleuchtung, dann will ich der Sieger sein, dann möchte ich ihn auch auf meiner Dachterrasse haben…
Also habe ich die letzten Jahre, die ich hier war, immer mehr Zeug gekauft, in Farbe und bunt. LED-Schläuche, Lichterketten, beleuchtete Schlitten und was es noch alles gibt. Dazu braucht man dann irgendwann natürlich auch noch diverse wetterfeste Steckdosenverteiler, um alles auch schön mit Strom zu versorgen. Jedenfalls, wenn ich abends meine Beleuchtung anschalte, dann flackern im ganzen Viertel kurz die Lichter in den Wohnungen und im für mich zuständigen AKW springt der dienst habende Servicemitarbeiter erschrocken auf und fährt ein paar zusätzliche Reaktoren hoch.

Da ich Kälte nicht vertragen kann und Pfusch am Bau hasse (ja, echt, es gibt sie, diese Italiener, wie mich, die das nicht abkönnen), warte ich immer einen möglichst sonnigen Tag Anfang Dezember ab, um das alles zu montieren. Für die Befestigung kommen nur die besten und stärksten Kabelbinder in Frage. Und nein, nicht so drei Stück auf fünfzig Meter Deko. Bei mir ist alles bombenfest, und einem Orkan lacht meine Deko nur höhnisch ins Gesicht. Die Kabelbinder werden exakt – und ich meine wirklich exakt – alle zehn Zentimeter festgezurrt. Mister Monk könnte meine Installation abnehmen, er würde keine Abweichung finden. Die Südseite habe ich ganz nett gemacht, aber die sieht man nur von der Wohnung aus. Die Nordseite der Terrasse, das ist die Seite, die sehen alle Nachbarn und auch von der Straße aus ist sie gut im Blick. Die Nordseite, die habe ich perfekt gemacht. Gefühlte acht Kilometer LED-Schläuche in allen Farben, Lichterketten, ein beleuchtetes Rentier. Das volle Programm! Ich habe Stunden gebraucht, um, ich gebe es zu, meine Eitelkeit zu befriedigen und allen anderen endlich zu zeigen, wer dem Frosch die Locken kämmt. Abends dann, es dämmerte gerade, habe ich einen guten Rotwein geöffnet, schöne Musik angemacht (Corelli) und Alessandra gerufen. Der Hauptschalter für die Südseite war nur Aufwärmprogramm. Gedrückt, genickt, nett. Aber jetzt, der große Moment: feierlich drücke ich den Hauptschalter für die Nordseite. Andächtiges Schweigen, ein kurzes Nicken, klick. Und: nichts! Kein einziges Licht ging an, null, absolute Finsternis. Ich hätte heulen können. Die ganze Arbeit, Hunderte von Kabelbindern, das jetzt alles abmachen, neu machen, austauschen? Und dann, plötzlich, dieses Glitzern, aus dem Augenwinkel nur. Die Südseite. Die, die keiner sieht, außer wir in der Wohnung. Sie erschien mir plötzlich so schön, so glitzernd, so betörend. Und das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie einfach es ist, sich an den Dingen zu freuen, die man selbst sieht, und nicht an den Dingen, die man macht, um andere zu beeindrucken…

-Fortsetzung folgt-

Deko

Alle Jahre wieder beginnt mit dem ersten Dezember die besinnliche Vorweihnachtszeit. Es werden Plätzchen gebacken, man liest mit dem Kind entspannt Weihnachtsgeschichten, hat bereits im November alle Geschenke besorgt und bereitet sich besinnlich heiter auf das größte Fest des Jahres vor. Sodann, am Vierundzwanzigsten, trifft sich die glückliche große Familie unter dem Weihnachtsbaum, um nach einem gemeinsamen Liedchen fröhlich die Geschenke auszupacken. Alle sind adrett gekleidet und haben ein völlig gechilltes Lächeln im Gesicht. Klingt wie aus einem Werbespot für Tütensuppen (den mit der „wir sind die beste Familie und lieben Mutti für ihr tolles Essen“)? Ja, genau! Denn meine Realität sieht anders aus. Pünktlich zum ersten Dezember dreht alles plötzlich dauerhaft in den roten Bereich. Meine Laune geht in den Keller (aber nicht um zu lachen), mein Körper spielt verrückt, meine Seele schmerzt und alles wird zur Last. Die tausend Kleinigkeiten, die noch zu erledigen sind, die Bedürfnisse der Familie, die einen überrollen, die Gesellschaft, die Konsum und Weihnachtsgehorsam einfordert, die unzähligen Weihnachtsfeiern, Deadlines im Job, backen soll man auch noch, die Wohnung dekorieren, den Baum aussuchen und was weiß ich nicht noch alles. Dazu Klugschwätzer, die nichts anderes zu tun haben, als der Welt den so wichtigen Unterschied zwischen Weihnachten und Heiligabend zu erklären. Jedes Jahr das Gleiche. Ich könnte kotzen (Entschuldigung), was man sich antut. Am Vierundzwanzigsten dann breche ich regelmäßig gepflegt unterm Baum zusammen und mache drei Kreuze, wenn der ganze Schmus endlich vorbei ist. Doch dieses Jahr sage ich: STOP! Ich mache das nicht mehr mit. „Du willst Weihnachten verweigern?“, kommt sofort die entsetzte Frage. Nein! Mein Plan ist viel perfider. Es ist ein „Fuck-the-system-Plan“. Hinterhältig, berechnend, genial.

Dieses Jahr schlage ich das System mit seinen eigenen Waffen. Ich werde Weihnachtsjunkie. Dieses Mal will ich den ganzen Spaß! Alles! Das komplette Programm!
Ich schmeiße mich mit einem lauten „Hurra“ in dieses Weihnachten. Ich sauge es in mir auf, überwältige es mit meiner Liebe und genieße es in vollen Zügen. Es wird mir keine Last sein, nein, es wird mir ein Vergnügen sein. Und, was kein Vergnügen ist, wird einfach nicht gemacht. Dieses Mal will ich unter dem Baum tatsächlich glücklich lächelnd stehen, mit diesem „Hach, ist das nicht wunderbar-Blick“.

Und um ganz sicher zu gehen, dass ich mich nicht wieder von Stress, Hektik und doofen Mitmenschen einlullen lasse, gibts ab heute „Chiaras-Weihnachts-Countdown“. Jeden Tag eine kleine Geschichte, was so passiert ist, entweder, um Schönes zu teilen, oder, um Nerviges zu verarbeiten, vielleicht auch, um Nachdenkliches weiterzugeben.

Was ich genau schreiben werde, weiß ich noch nicht, lasst euch einfach mal zusammen mit mir überraschen.

Viel Vergnügen. Und schon mal Dingens, äh, schöne Weihnachten!

Weihnachtskugeln

…nachdem ich die Baugenehmigung für unser Haus hatte, gab es für mich praktisch kein anderes Ziel mehr, als es bis Weihnachten fertig zu bekommen. Ich musste mich vierteilen, denn das Borgo, unser Verkaufsprojekt, hatte natürlich Vorrang. Zumindest für Dieter. Ich dagegen zog gelegentlich Arbeiter von dort ab, um sie bei unserem Haus einspringen zu lassen. Normalerweise rechnet man für eine Restaurierung circa ein Jahr. Alleine das Entkernen der Ruinen dauert schon viele Wochen. Eigentlich. Ich bezirzte jeden Handwerker, für mich Sonderschichten einzulegen, erstellte aberwitzige Zeitpläne, die eigentlich völlig unrealistisch waren und garantiert dazu führen würden, dass einige Gewerke miteinander kollidieren mussten. Aber ich liebe Chaos, und so war ich vollkommen in meinem Element. Ich hatte drei Handys, weil immer eines entweder leer war oder ich eines verlegte, schlief fast nicht mehr und pendelte nur noch zwischen der Baustelle auf dem Borgo und unserem Haus hin und her.

Als die Arbeiter das ganze Gestrüpp rund um unserer Haus mit dem Raupenbagger entfernten und all den Unrat aus dem Haus schafften, der es vorher fast unbegehbar gemacht hatte, stellte sich auch noch heraus, dass die Grundrisse vom Katasteramt wie immer falsch waren. Natürlich war auch dieses Haus in den vielen Jahrzehnten immer wieder angebaut und verändert worden. Teilweise wohl zu einer Zeit, als es noch kein Kataster gegeben hatte, und später natürlich einfach ohne Genehmigung und somit auch ohne Pläne. Was man vorher unmöglich hatte erkennen können, war, dass unser Haus gar keinen quadratischen Grundriss hatte. Irgendwann waren zwei kleine Seitenflügel angebaut worden, offensichtlich so unauffällig, dass man es von weitem nicht gleich erkennen konnte. Dadurch war in der Mitte eine Art Innenhof entstanden, der zur Hangseite hin offen war. Das war natürlich traumhaft, bedeutete aber, dass meine ganzen Pläne für die Mülltonne waren. Ich musste die gesamte Innenaufteilung neu planen, alle Zimmer neu anordnen und auch alle Installationen für die Bäder neu einteilen. Aber auch das war mir egal. Die neue Aufteilung war viel schöner, als mein erster Entwurf, und im Erdgeschoss entstand so ein weiterer Raum, den es vorher in meiner Planung nicht gegeben hatte.

Jetzt kam man zu einem der drei Eingänge direkt in die riesige Wohnküche, die fast den gesamten Erdgeschossbereich einnahm. Im Querflügel hatte ich die Innentreppe eingeplant. Viele Häuser haben nur Aussentreppen, da unten früher nur die Ställe gewesen waren, als die Häuser noch als Bauernhöfe genutzt wurden. Am Ende dieses Querflügels war das Zimmer, das vorher gar nicht existiert hatte. Ein großer Raum, der fast halb in den Hang gebaut worden war. Zur Talseite hin konnte man direkt auf die Terrasse treten, auf der gegenüberliegenden Seite war ein Rundbogen, archaisch gemauert, der die Dicke der Mauer von fast einem Meter erkennen ließ. Dahinter war der Hang, der das Haus an dieser Seite begrenzte. Ich konnte mir nicht erklären, warum man diese Türe zugemauert hatte, sicher war dahinter die Cantina, der Keller, für Lebensmittel und Wein gewesen. Aber das Geheimnis würden wir später lüften, wenn wir die Wand aufbrachen.

Zu neugierig wäre ich gewesen, was sich dahinter wohl verbergen würde. Der Rundbogen der ehemaligen Türe war so sorgfältig gemauert, ganz unüblich nur für den Zugang zu einer Cantina. Der erste Schritt bei einer Restaurierung ist immer, alle Räume sandzustrahlen. Dabei lösen sich alle Farb- und Putzreste von den Wänden, die Balken werden von ihrer äussersten Schmutzschicht befreit und man sieht danach viel besser, wo marode Stellen an Mauern, Dach oder Balken sind. Als der Arbeiter diesen Raum mit dem Sandstrahler fertig bearbeitet hatte, wartete ich, bis sich der Staub soweit gelegt hatte, das man wieder etwas erkennen konnte. Und als ich dann im Zimmer stand, und auf den Rundbogen sah, war ich fassungslos. Auf der Mauer zeichnete sich die Figur eines Engels ab. Ganz in weiß. Ein Engel, der waagrecht in der Luft zu schweben schien, die Arme nach vorne ausgestreckt hatte und dort etwas hielt, das mit etwas Phantasie eine Kerze sein könnte. Der Arbeiter war neben mich getreten.
„Ich habe keine Ahnung, was das ist. Ich bin dreimal über die Stelle gegangen, es lässt sich nicht entfernen.“
Ich nickte und trat näher heran. Als ich mit der Hand über die Zeichnung strich, ganz behutsam, konnte ich nicht ausmachen, was es war. Man fühlte keine Farbe, die sich leicht abheben würde. Die Stelle war auch nicht glatter, so dass man an Säure hätte denken können. Es war mir ein absolutes Rätsel. Es schien, als sei das Bild so tief in den Felsen eingebrannt – „als würde es von innen kommen“, ging mir kurz durch den Kopf. Ich weiß bis heute nicht, was das war, aber ich beschloss damals, dass wir den Durchgang zugemauert lassen und das Bild nicht zerstören. Nun würde ich dieses Geheimnis wohl nie mehr lüften…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

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Bogen

Ich bin fertig. Gerade eben habe ich mein Buch beendet. Meine Geschichte, oder zumindest einen Teil davon. Dieses Gefühl, es ist unbeschreiblich. Zwischendurch dachte ich, ich zerbreche daran, das alles aufzuschreiben. Und jetzt sitze ich hier, heule wie verrückt. Aus Freude, aus Trauer, aus Erleichterung, aus Dankbarkeit. Ein Gefühlsmix, der sich neu anfühlt. Aber der wunderschön ist.

Dieses Schreiben nimmt mich ganz schön mit. Die eigene Geschichte aufzuschreiben, bringt einen zwischendurch immer wieder an Grenzen, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man sie wirklich übertreten will. Dann sitze ich fast stundenlang an einem Kapitel und überlege hin und her. Begriffe wie „dichterische Freiheit“ fallen mir dann ein. Aber ist es nicht auch die Freiheit der „Dichter“, Grenzen zu ignorieren, sie zu übertreten, einfach nur, um zu sehen, was passiert?

Auszug aus Kapitel 1, von „Il Tedesco – der Deutsche“

5.

Das Ende dieser Belanglosigkeiten, über die ich noch ein paar Tage zuvor am Leuchtturm nachgedacht hatte, kam schon kurze Zeit später.

Meine Erinnerung setzt mit furchtbar grellem Neonlicht ein. Es ist ein Bild, dass ich seitdem wie eingebrannt in mir trage. Eine Frau, auf einer Liege, Menschen, die hektisch um sie herumlaufen, ihr Schläuche anlegen, Nadeln in sie stechen, aufgeregte Kommandos schreien, bis plötzlich alle zurückweichen, bis auf einen, der ihr zwei Metallteile auf die Brust hält, ein lautes Surren, ein Schlag, der Körper der Frau auf der Liege, der sich aufbäumt, wieder in sich zusammenfällt, das Ganze nochmal von vorne und plötzlich erinnere ich mich an einen Schmerz, einen so unglaublichen Schmerz, als ob der ganze Körper explodiert, und das Bild verschwimmt, und ich verschmelze mit der Frau auf der Liege.
Danach schwimme ich im Meer, sehr tief, es ist dunkel. Ich bin wie ein Fisch, ich atme das Wasser! Ich sauge es ein und aus, als hätte ich Kiemen. Es ist unglaublich, nur, dass es immer dunkler wird, und ich den Himmel über der Wasseroberfläche nicht mehr erkennen kann. Etwas später sehe ich „Zia“ (Tante) Roberta auf mich zuschwimmen. Sie ist alt, serh alt, weit über neunzig, und eigentlich schwimmt sie gar nicht gerne und ich will lächeln, aber es klappt nicht, und sie sieht mich nur an und nickt gütig, und es wirkt, als warte sie auf etwas. Ich habe viele dieser Träume, und immer haben sie mit Wasser zu tun, und irgendwann erkenne ich, dass ich ganz sicher keine Kiemen habe und Sauerstoff brauche, und ich bekomme Panik und ringe nach Luft und schreie dabei, und als ich die Augen öffne, sitze ich in einem Bett, und das Neonlicht ist grell, und ich muss mich übergeben, weil ich einen Schlauch im Hals habe, den ich zu hastig rausreisse. Während ich zitternd und keuchend im Bett sitze, kommen zwei Krankenschwestern und ein Arzt, und sie fummeln an dem Tropf herum, der in der Nadel in meinem Arm mündet und reden beruhigend auf mich ein, und ich atme ganz konzentriert, immer tief ein und wieder aus, und das mache ich so lange bis ich ganz sicher bin, dass es Luft ist, die ich atme und kein Meerwasser.

Niemand hat es bis heute geschafft, aus meinem Unterbewusstsein herauszuholen, was genau passiert ist. Ich war so dumm, die Tauchregel Nummer eins zu brechen. Ich bin alleine getaucht, wie schon so oft zuvor. Ich weiß auch noch, dass ich am alten Wrack war, aber was dort passiert ist, warum ich nicht mehr hochgekommen bin, all das liegt in der Dunkelheit des Meeres. Irgendjemand hat mich am Strand gefunden, mehr tot als lebendig und bis auf das Bild im Krankenhaus, als ich mich selbst beobachtet hatte, und die wirren Träume im Koma, setzt meine Erinnerung erst wieder ein, als ich mir diesen Schlauch aus dem Hals gerissen habe.

Vielleicht hätte ich wieder tauchen sollen, aber ich konnte mich nicht mehr dazu durchringen. Ich kann schwimmen, Boot fahren, wie früher. Ich liebe das Meer wie vor diesem Unfall, aber ich möchte nie mehr durch etwas anderes Luft holen müssen, als durch meinen Mund.

mare

…Dieter wartete zuhause auf mich, kaum dass ich die Türe öffnete, stand er im Flur. Ich sah vermutlich wie ausgespuckt aus, denn er sah mich seltsam an, während ich so was wie ein Lächeln versuchte. Er hatte mir angeboten, mitzufahren, das Gespräch zusammen zu führen, sich meinen Eltern vorzustellen. Ich war froh, dass ich das abgelehnt hatte. Mein Vater wäre vermutlich noch mehr ausgerastet, als er es ohnehin schon getan hatte und bei dem Gedanken musste ich plötzlich lachen. Dieter sah mich noch eine Spur seltsamer an und ich konnte plötzlich nicht mehr aufhören. Ich lachte so sehr, dass ich Schluckauf bekam und mir die Augen tränten und irgendwann fiel er mit ein und da standen wir in der winzigen Diele und lachten uns kaputt. Irgendwann wischte ich mir die Tränen aus den Augen und sah liebevoll in sein vom Lachen noch ganz rotes Gesicht. So also fühlte es sich an, endlich frei zu sein.

Der Sommer begann langsam und ich hatte nur ein Ziel, ich wollte Weihnachten in unserem neuen Haus sein. Das war fast unmöglich, aber ich wollte es unbedingt. Das Haus zu kaufen war schnell abgewickelt. Ich räumte alles an Geld leer, was ich die letzten Jahre zusammengespart hatte und schaffte es tatsächlich, meinen Anteil aufzubringen.

Das größte Problem war die Baugenehmigung, die alleine schon leicht ein halbes Jahr dauert – wenn man Glück hat. Diese alten Häuser sind fast immer gleich aufgebaut, unten waren früher die Ställe, oben wurde gewohnt. Man benötigt eine Umwidmung für Wohnzwecke und eine Genehmigung für die Restaurierung. Dieter bremste mich daher ein, aber ich wusste schon, wie ich das lösen konnte.

Ich zeichnete und plante fast drei Tage am Stück, ich aß nichts, ich füllte nur einen caffè nach dem anderen in mich rein und als ich alle Unterlagen zusammen hatte fuhr ich zur Gemeindeverwaltung. Ich sah furchtbar aus. Drei Tage fast ohne Schlaf, die Haare wirr, blass, Augenringe, schwach auf den Beinen vor Hunger. Aber all das gehörte mit zu meinem Plan.

Die Verwaltung war im municipio, dem Rathaus, das wie in jedem kleinen Ort auf der Piazza steht. Ein altes, ehrwürdiges Gebäude, mit Flaggen, großem Holzportal, Stuck und einem Beamten vor dem Eingang. Ich setzte mehrmals an, hinein zu gehen und drehte im letzten Moment immer wieder um, weil mein Herz vor Aufregung plötzlich pochte.
Als ich schließlich in das Büro des zuständigen Sachbearbeiters mehr wankte als ging, muss es so ausgesehen haben, als würde ich gleich unter meiner Planungsmappe zusammenbrechen. Guiseppe sah mich erschrocken an, klappte den Mund auf, wieder zu. Setzte nochmals neu an.
„Chiara, geht’s dir gut?“ fragte er schließlich.
Ich stöhnte nur und ließ mich schwer auf den Besucherstuhl sinken.
„Möchtest du ein Glas Wasser?“
Ich hob nur die Hand, betrachtete sie erstaunt und ließ sie wieder sinken.
„Chiara, soll ich einen…“
„Nein, Guiseppe, nein, mir geht’s toll, echt.“ Ich flüsterte es mehr, als dass ich sprach.
Er wurde richtig unruhig. Und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht los zu lachen.
„Guiseppe, ich bin erledigt!“, diesmal schrie ich fast.
„Was ist passiert?“ Volle Aufmerksamkeit jetzt bei ihm.
„Ich habe Mist gebaut. Am Borgo. Ich bin erledigt.“ Ich ließ meine Unterlippe zittern.
„Warum, was ist passiert, nun sag doch!“
„Ich habe…“, hier ließ ich meine Stimme kurz abbrechen, „ich habe ein ganzes Haus vergessen, bei der Genehmigung. Verstehst Du? Einfach vergessen. Die werfen mich raus!“, wieder zitternde Unterlippe.

„Du hast ein Haus vergessen, am Borgo?“
„Ja, ein ganzes Gebäude. Ich habe es nicht mit eingereicht, jetzt fehlt die Genehmigung und ich bin am Arsch“, eine Träne kullerte langsam aus meinem Auge.
Er sah mich verständnislos an. „Wenn Du es nur vergessen hast, mit beizulegen, dann können wir es in die bestehende Genehmigung einfügen. Das ist doch kein Problem.“
„Das, das würde noch gehen?“, stotterte ich.
„Ja, klar. Kein Problem. Hast Du die Pläne dabei?“

Klar hatte ich die Pläne dabei. Es war ja auch gar nicht mal so sehr geschwindelt. Bis auf die Kleinigkeit, dass es sich um unser Haus handelte, dass natürlich nicht zum Borgo gehörte. Aber, nun ja, meine Planung ansich entsprach allen Vorschriften und wäre eh so genehmigt worden. Irgendwann. In einem halben Jahr, vielleicht, oder so.
Guiseppe holte die Mappe vom Borgo, stempelte mir alles ab, unterschrieb alle Formulare, heftete die Pläne dazu, gab mir meinen Satz und ich hatte die Baugenehmigung für unser Haus in der Tasche.

Zurück auf der Piazza ging ich noch ein wenig verhalten, bis ich außer Sichtweite war, dann ließ ich einen Jubelschrei los, der einige der Alten, die wie immer auf ihren weißen Plastikstühlen das Geschehen beobachteten, zusammenzucken ließ und kaufte mir in der nächsten Bar erst einmal ein Frühstück…

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Il-Tedesco

…ein paar Tage später fuhr ich zu meinem Elternhaus. Das Gespräch mit meinen Eltern stand an. Der Tag hatte schon ziemlich schlecht angefangen. Nach wirren Träumen blickte ich eine vom Regen verhangene Landschaft. Die Heiztherme war kaputt, so dass ich kalt duschen musste und beim Kochen meines morgendlichen caffè verbrannte ich mir am Herd die Finger. Dieter schlich möglichst unauffällig um mich herum, er kannte mich inzwischen und wusste, dass ich jede Kleinigkeit nutzen würde, um meiner schlechten Laune Luft zu verschaffen. Ich zögerte die Abfahrt so lange wie möglich raus, aber schließlich gab es nichts mehr, womit ich noch hätte trödeln können.

Mir war klar, dass meine Eltern nicht begeistert waren, dass ich einfach verschwunden war, mich von Stefano getrennt hatte und nun irgendwo lebte. Aber ich redete mir ein, sie würden mich verstehen. Und Sefano. Wir kannten uns seit dem Sandkasten, so lange ich denken konnte. Irgendwie war immer klar gewesen, dass wir zusammen sein werden. Und viele Jahre hatte ich mir das auch schön vorgestellt. Aber wir waren so verschieden. Er mochte es, mondän zu leben. Er lag lieber an einem Pool und zeigte seine Designer-Sonnenbrille, während ich einfach ins Meer sprang. Für ihn war das nichts, er hatte Angst vor allem, was darin herum schwamm und kroch. Ich kletterte lieber in Ruinen herum und holte mir blaue Flecken, er ließ keine Party aus. Ich wünschte mir, irgendwann unseren Hof zu übernehmen, in den Weinbergen zu arbeiten, selbst einmal einen großen Wein zu schaffen. Für Stefano war auch das nichts. Er saß lieber in seinem klimatisierten Büro in der Firma seines Vaters, die er irgendwann übernehmen würde. Ein Bauernhof war der letzte Ort, an dem er leben wollte. Er ließ jetzt schon Pläne machen, für die Villa, die sein Vater uns zur Hochzeit schenken würde. Unsere Väter waren geschäftlich miteinander verbunden und die „Fusion“ der Kinder schien der perfekte Plan. Aber es war nicht mehr mein Plan, das war mir inzwischen klar geworden. Ich wollte bei Dieter bleiben, ein Haus kaufen und dort mit ihm leben. Und ich war sicher, letztlich würde Papa seinen Segen geben. Auch er hatte gegen den Widerstand seiner Familie meine Mutter geheiratet. Die Ausländerin, die Deutsche, die für ihn ihr Land und ihre Familie verlassen hatte.

Als ich auf den Hof fuhr, sprangen wie immer sofort unsere Hunde freudig wedelnd um meinen Wagen herum. Normal, wenn ich heimkomme, sind alle da, es wurde groß gekocht, ein stundenlanges Festessen mit viel Gerede, Wein und gutem Essen wartet dann auf mich. Heute schien alles recht ruhig, keiner kam heraus und als ich das Wohnzimmer betrat, wurde mir klar, dass es nicht so einfach werden würde, wie ich gehofft hatte. Mama und Papa waren da, meine Oma saß mit am Tisch, und – Stefanos Vater. Aus einem ruhigen Gespräch wurde nichts. Papa schimpfte sofort los, was ich mir gedacht hätte, einfach mitten in der Nacht zu verschwinden, was die Leute wohl reden würden. Meine Nonna murmelte etwas von „undankbar“, Stefanos Vater mischte sich ein, dass sein Sohn mit „seiner gesellschaftlichen Stellung“ schon eine verlässliche Partnerin brauche die ihm nicht Hörner aufsetzt (ital. für Fremdgehen). Ich stand mit offenem Mund da, alles was ich hatte sagen wollen, war aus meinem Kopf verschwunden, mir war schwindlig und ich wollte nur noch weg. Und da hörte ich das Motorrad auf den Hof fahren. Stefanos getunte Ducati war auf zehn Kilometer zu erkennen. Einen Augenblick später betrat Stefano den Raum. Wie immer, wenn er auf unseren Hof kam, trug er seine beschissene weiße Jeans, wohl um allen zu signalisieren, dass er sich ja nicht dreckig machen darf. Er grinste mich schief an und hielt mir linkisch einen Blumenstrauß entgegen. Ich flippte in dem Moment völlig aus. Ich nannte Stefano einen dreckigen Bastard, sagte seinem Vater, dass er sich seine gesellschaftliche Stellung sonst wohin stecken könne und keifte dann meinen Vater an, seit wann er Verstärkung brauche, um mit mir zu reden. Ich ließ die Bombe mit Dieter platzen, sagte allen, dass ich mich verliebt habe und das schon sehr lange, und dass ich fort gehen werde. Alle schrieen wild durcheinander, jeder versuchte den anderen zu übertönen. Mein Vater setzte sich durch, er herrschte mich an, dass er das nie erlauben werde und verbot mir augenblicklich den Umgang mit „diesem Mistkerl“. Ich wollte gerade zurück schreien, da schlug meine Mutter plötzlich dermaßen laut auf den Tisch, dass wir alle erschrocken still waren und sie anstarrten. Und nach einer endlos langen Pause sagte sie nur einen Satz:
„Geh, Chiara, folge deinem Herzen, ich regle das hier“. Ich sah lange in ihre ruhigen sanften Augen und schließlich nickte ich einfach. Papa erhob sich halb von seinem Stuhl und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber dann traf ihn Mamas Blick. Ihr anderer Blick, der strenge, der keinerlei Widerspruch duldet, und er ließ sich zurück auf seinen Stuhl sinken und klappte den Mund zu.
Und ich drehte mich einfach um und ging, stieg in meinen Wagen, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und fuhr los. Nach Hause, zu Dieter.

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…Dieter wohnte in einem kleinen Stadthäuschen im Dorf, in das ich mich sofort verliebte. Diese schmalen, hohen Häuser „stapeln“ ihre Zimmer über mehrere Stockwerke aufeinander. Im Erdgeschoss war die Wohnküche und ein Bad, darüber, im ersten Stock, das Wohnzimmer, darüber ein kleines Arbeitszimmer und ganz oben das Schlafzimmer. Das Haus lag in der ehemaligen Stadtmauer, mit meterdicken Wänden und zur ortsabgewandten Seite mit einem atemberaubenden Blick bis ans Meer. Er hatte das Dach aufgeschnitten – wofür er garantiert niemals eine Genehmigung bekommen hatte – und so eine kleine Dachterrasse geschaffen, winzig, aber auf ihr hatte man das Gefühl, über dem Land zu schweben.
In meiner ersten Nacht dort bei ihm schlief Dieter auf der Couch im Arbeitszimmer und überließ mir sein Bett. In der zweiten Nacht schlief ich mit ihm auf der Couch und in der dritten Nacht teilten wir uns, als wäre es nie anders gewesen, das Schlafzimmer.
Ich war nie zuvor mit einem ausländischen Mann zusammen und Dieter überraschte mich mit seiner Art, die ich so nie an einem Mann kennengelernt hatte. Er war so aufmerksam, behutsam, liebevoll zu mir, keine Spur vom Macho-Getue, das ich von Stefano und anderen Männern davor gewohnt war.
Ich hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit Stefano oder Diskussionen mit meinen Eltern und so teilte ich ihnen einfach mit, ich sei zurzeit am Borgo unabkömmlich und werde eine Weile bleiben. Dieter und die wundervolle Gegend verzauberten mich so, dass ich mich zum ersten Mal richtig frei und ungebunden fühlen konnte. Es war wie ein völlig neues Leben. Dieter war im Dorf beliebt, alle mochten „il Tedesco“- den Deutschen -wie sie ihn nannten. Seine ruhige, zuverlässige Art kam gut an. Nun, mit mir an seiner Seite, schien alles perfekt. „Er hat sich endlich eine Frau gesucht“, erzählten sie sich in der Bar. Alle schienen teilzuhaben an unserem Glück. Wir wurden zu jedem Familienfest eingeladen, unser Freundeskreis wuchs und wuchs und wir fühlten uns beide, als hätten wir nie etwas anderes gemacht, als in dieser Dorfgemeinschaft zu leben.
Wir arbeiteten viel an unserem Projekt, dem Borgo, alles verschmolz ineinander, wir waren vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen und genossen es. Wir diskutierten morgens beim Frühstück über Bauabschnitte, liebten uns tagsüber in dem kleinen Wald neben dem Borgo. Es gab keinen Feierabend, dafür aber auch keinen festgelegten Arbeitsbeginn. Mal hatten wir sonntags einen Geschäftstermin und fuhren montags spontan einen Tag ans Meer. Mein Leben wurde zu einem ruhigen, steten Fluß in dem ich mich mit Freude treiben ließ. Meine Albträume verschwanden und ich war so glücklich, wie ich mich nicht erinnern konnte, je zuvor gewesen zu sein.

Es ist seltsam. Ich schreibe diesen Teil der Geschichte an dem Haus, das Dieter und ich für uns gekauft und restauriert haben. Der Ort, an dem ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht habe. Das Haus, das bald nicht mehr meines sein wird, da ich meinen Anteil daran ihm gebe, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber ich spüre wieder dieses warme Gefühl, das ich damals in mir hatte – und muss gerade lächeln.

Unser Projekt, das Borgo, wurde ein voller Erfolg. Wir hatten es in Deutschland inseriert und viele Interessenten kamen. Ich zeigte den Deutschen die Gegend, erklärte ihnen die Möglichkeiten, die wir mit der Restaurierung hatten, und Dieter erläuterte die Kaufabwicklung. Die meisten Kunden liebten uns genauso wie die Dorfbewohner und wir lagen weit vor der eigentlichen Planung was den Abverkauf anging.

An einem Sonntag Nachmittag bestand Dieter auf einen Ausflug. Ich war müde, hatte keine Lust, aber er drängelte so lange, bis ich endlich mitfuhr. Er wollte mir nicht verraten, wo er hin wollte. Wir fuhren durch diese wundervolle Landschaft, immer weiter in die Hügel und plötzlich machte er auf der Landstraße eine Vollbremsung, fluchte, setze ein Stück zurück und bog in einen Feldweg ein, der kaum zu erkennen gewesen war. Der Weg war völlig eingewachsen und er musste den Allrad zuschalten, um das letzte Stück zu schaffen. Eine letzte Kurve und dann hielt er auf einem kleinen Plateau. Eine großes altes Herrschaftshaus stand hier. Was für eine Lage. Es thronte auf dem Hügel, der Blick in alle Richtungen war atemberaubend. Er setzte an, etwas zu sagen, aber ich war schon aus dem Auto gesprungen, bestaunte das Haus, das mindestens 200 Jahre alt sein musste. Wie ich diese alten Ruinen liebe. Es war in einem furchtbar schlechten Zustand, das Dach fast völlig eingebrochen, keine Fensterrahmen mehr, überall Löcher in den Außenmauern, sogar einige Risse, vermutlich von Erdbeben. Ringsherum wucherte das Unkraut meterhoch. Ich stand einfach da, überwältigt. In Gedanken ging ich schon die Aufteilung der Räume durch, versuchte zu erkennen, ob noch Dachbalken zu gebrauchen waren, welche Farbe passen würde. Dieter war leise von hinten an mich herangetreten, legte seine Arme um mich.
„Lass es uns kaufen, Chiara. Und hier leben. Lass es für immer sein.“
Ich erschrak. Ein Haus kaufen? Zusammen? Das war eine schwerwiegende Entscheidung. Meine Familie fiel mir ein und ganz kurz, bevor er mein Zögern bemerken konnte, dachte ich daran, wie ich ihn bei unserer ersten Begegnung zurückgestoßen hatte. Und das wollte ich nicht noch einmal tun, und so drückte ich mich einfach ganz fest an ihn und vergrub meinen Kopf an seiner Brust, so dass er meine Tränen nicht sah.

Ich war noch völlig aufgewühlt, als wir zurück ins Dorf kamen und als er gerade den Schlüssel ins Schloß steckte, klingelte das Telefon. Ich sprintete an ihm vorbei, um den Anruf nicht zu verpassen, denn nichts nervt mich mehr, als nicht zu wissen, wer angerufen hat. Es war….mein Vater. Ich hatte ihn lange nicht gesprochen, nur ein paar Mal kurz mit Mama telefoniert. Papa war ich aus dem Weg gegangen. Er ist Sizilianer, und er rastet noch schneller aus als ich, was wirklich etwas heißen will.
„Ciao Chiara“, staubtrocken.
„Ciao Papà“, distanziert.
„Es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Wir müssen reden.“
Ich schwieg lange, bis ich ein „Si, Papà“ rauspresste.
Ich würde hinfahren müssen. Noch länger konnte ich es nicht aufschieben. Und mir war klar, was ich zu hören bekommen würde…

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Gestern hab ich ja recht frech über ein paar Touristen abgelästert, die neben mir im Restaurant saßen. Ich hatte allerdings auch noch ein weiteres Erlebnis dort.
Ich ging zur Toilette, es gibt zwei große Kabinen, eine für Damen, eine für Herren. Groß deswegen, weil aus Platzgründen beide behindertengerecht ausgebaut sind. Die Damenkabine war besetzt, also wusch ich mir zum Zeitvertreib erstmal im Vorraum die Hände, rüttelte dann mal sicherheitshalber an der verschlossenen Türe, probierte vorm Spiegel ein paar verschiedene Frisuren aus, schnitt ein paar Grimassen….. Endlich, Bewegung! Es krachte an der Türe, als von innen versucht wurde, das Schloß zu entsperren. Ein Kratzen, Klappern, Schleifen. Sie hatte sich wohl eingesperrt. Was sollte ich tun? Da öffnete sich die Türe. Eine Krücke erschien, eine Zweite, dann schlurfte ein Mann heraus. Aha, dachte ich, hat sich wohl in der Kabine geirrt. Dann sah ich die beiden Hände, die von hinten auf seinen Schultern lagen. Sie schoben ihn vorwärts, eine Frau ging hinter ihm und führte ihn. Obwohl, nein, sie schob ihn zwar ein bisschen, aber ich hatte den Eindruck, ohne seine Krücken wäre auch sie aufgeschmissen. Denn sie stützte sich auch auf ihm ab. Die beiden bewegten sich so mühsam und langsam, aber, sie bewegten sich aus eigener Kraft. Und mir wurde klar, sie waren zusammen auf der Toilette gewesen, weil einer alleine es gar nicht hätte schaffen können. Die beiden waren weit über achtzig. Sicher hatten sie mit zwanzig geheiratet und so über sechzig Jahre ihres Lebens zusammen verbracht. Nicht nur die aufregende Verliebtheit, nein, all die Jahre, mit Freude, Kummer, Ängsten, Alter und Verfall. Sie waren sich treu geblieben, halfen sich jetzt und standen auch den Rest gemeinsam durch. Plötzlich erkannte ich die ganze Tragweite, die Liebe bedeutet. Echte Liebe. Und als ich in der Kabine war, wischte ich mir die Tränen aus den Augen.