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Archive for the ‘Il Tedesco – Der Deutsche’ Category

…ein paar Tage später fuhr ich zu meinem Elternhaus. Das Gespräch mit meinen Eltern stand an. Der Tag hatte schon ziemlich schlecht angefangen. Nach wirren Träumen blickte ich eine vom Regen verhangene Landschaft. Die Heiztherme war kaputt, so dass ich kalt duschen musste und beim Kochen meines morgendlichen caffè verbrannte ich mir am Herd die Finger. Dieter schlich möglichst unauffällig um mich herum, er kannte mich inzwischen und wusste, dass ich jede Kleinigkeit nutzen würde, um meiner schlechten Laune Luft zu verschaffen. Ich zögerte die Abfahrt so lange wie möglich raus, aber schließlich gab es nichts mehr, womit ich noch hätte trödeln können.

Mir war klar, dass meine Eltern nicht begeistert waren, dass ich einfach verschwunden war, mich von Stefano getrennt hatte und nun irgendwo lebte. Aber ich redete mir ein, sie würden mich verstehen. Und Sefano. Wir kannten uns seit dem Sandkasten, so lange ich denken konnte. Irgendwie war immer klar gewesen, dass wir zusammen sein werden. Und viele Jahre hatte ich mir das auch schön vorgestellt. Aber wir waren so verschieden. Er mochte es, mondän zu leben. Er lag lieber an einem Pool und zeigte seine Designer-Sonnenbrille, während ich einfach ins Meer sprang. Für ihn war das nichts, er hatte Angst vor allem, was darin herum schwamm und kroch. Ich kletterte lieber in Ruinen herum und holte mir blaue Flecken, er ließ keine Party aus. Ich wünschte mir, irgendwann unseren Hof zu übernehmen, in den Weinbergen zu arbeiten, selbst einmal einen großen Wein zu schaffen. Für Stefano war auch das nichts. Er saß lieber in seinem klimatisierten Büro in der Firma seines Vaters, die er irgendwann übernehmen würde. Ein Bauernhof war der letzte Ort, an dem er leben wollte. Er ließ jetzt schon Pläne machen, für die Villa, die sein Vater uns zur Hochzeit schenken würde. Unsere Väter waren geschäftlich miteinander verbunden und die „Fusion“ der Kinder schien der perfekte Plan. Aber es war nicht mehr mein Plan, das war mir inzwischen klar geworden. Ich wollte bei Dieter bleiben, ein Haus kaufen und dort mit ihm leben. Und ich war sicher, letztlich würde Papa seinen Segen geben. Auch er hatte gegen den Widerstand seiner Familie meine Mutter geheiratet. Die Ausländerin, die Deutsche, die für ihn ihr Land und ihre Familie verlassen hatte.

Als ich auf den Hof fuhr, sprangen wie immer sofort unsere Hunde freudig wedelnd um meinen Wagen herum. Normal, wenn ich heimkomme, sind alle da, es wurde groß gekocht, ein stundenlanges Festessen mit viel Gerede, Wein und gutem Essen wartet dann auf mich. Heute schien alles recht ruhig, keiner kam heraus und als ich das Wohnzimmer betrat, wurde mir klar, dass es nicht so einfach werden würde, wie ich gehofft hatte. Mama und Papa waren da, meine Oma saß mit am Tisch, und – Stefanos Vater. Aus einem ruhigen Gespräch wurde nichts. Papa schimpfte sofort los, was ich mir gedacht hätte, einfach mitten in der Nacht zu verschwinden, was die Leute wohl reden würden. Meine Nonna murmelte etwas von „undankbar“, Stefanos Vater mischte sich ein, dass sein Sohn mit „seiner gesellschaftlichen Stellung“ schon eine verlässliche Partnerin brauche die ihm nicht Hörner aufsetzt (ital. für Fremdgehen). Ich stand mit offenem Mund da, alles was ich hatte sagen wollen, war aus meinem Kopf verschwunden, mir war schwindlig und ich wollte nur noch weg. Und da hörte ich das Motorrad auf den Hof fahren. Stefanos getunte Ducati war auf zehn Kilometer zu erkennen. Einen Augenblick später betrat Stefano den Raum. Wie immer, wenn er auf unseren Hof kam, trug er seine beschissene weiße Jeans, wohl um allen zu signalisieren, dass er sich ja nicht dreckig machen darf. Er grinste mich schief an und hielt mir linkisch einen Blumenstrauß entgegen. Ich flippte in dem Moment völlig aus. Ich nannte Stefano einen dreckigen Bastard, sagte seinem Vater, dass er sich seine gesellschaftliche Stellung sonst wohin stecken könne und keifte dann meinen Vater an, seit wann er Verstärkung brauche, um mit mir zu reden. Ich ließ die Bombe mit Dieter platzen, sagte allen, dass ich mich verliebt habe und das schon sehr lange, und dass ich fort gehen werde. Alle schrieen wild durcheinander, jeder versuchte den anderen zu übertönen. Mein Vater setzte sich durch, er herrschte mich an, dass er das nie erlauben werde und verbot mir augenblicklich den Umgang mit „diesem Mistkerl“. Ich wollte gerade zurück schreien, da schlug meine Mutter plötzlich dermaßen laut auf den Tisch, dass wir alle erschrocken still waren und sie anstarrten. Und nach einer endlos langen Pause sagte sie nur einen Satz:
„Geh, Chiara, folge deinem Herzen, ich regle das hier“. Ich sah lange in ihre ruhigen sanften Augen und schließlich nickte ich einfach. Papa erhob sich halb von seinem Stuhl und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber dann traf ihn Mamas Blick. Ihr anderer Blick, der strenge, der keinerlei Widerspruch duldet, und er ließ sich zurück auf seinen Stuhl sinken und klappte den Mund zu.
Und ich drehte mich einfach um und ging, stieg in meinen Wagen, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und fuhr los. Nach Hause, zu Dieter.

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…Dieter wohnte in einem kleinen Stadthäuschen im Dorf, in das ich mich sofort verliebte. Diese schmalen, hohen Häuser „stapeln“ ihre Zimmer über mehrere Stockwerke aufeinander. Im Erdgeschoss war die Wohnküche und ein Bad, darüber, im ersten Stock, das Wohnzimmer, darüber ein kleines Arbeitszimmer und ganz oben das Schlafzimmer. Das Haus lag in der ehemaligen Stadtmauer, mit meterdicken Wänden und zur ortsabgewandten Seite mit einem atemberaubenden Blick bis ans Meer. Er hatte das Dach aufgeschnitten – wofür er garantiert niemals eine Genehmigung bekommen hatte – und so eine kleine Dachterrasse geschaffen, winzig, aber auf ihr hatte man das Gefühl, über dem Land zu schweben.
In meiner ersten Nacht dort bei ihm schlief Dieter auf der Couch im Arbeitszimmer und überließ mir sein Bett. In der zweiten Nacht schlief ich mit ihm auf der Couch und in der dritten Nacht teilten wir uns, als wäre es nie anders gewesen, das Schlafzimmer.
Ich war nie zuvor mit einem ausländischen Mann zusammen und Dieter überraschte mich mit seiner Art, die ich so nie an einem Mann kennengelernt hatte. Er war so aufmerksam, behutsam, liebevoll zu mir, keine Spur vom Macho-Getue, das ich von Stefano und anderen Männern davor gewohnt war.
Ich hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit Stefano oder Diskussionen mit meinen Eltern und so teilte ich ihnen einfach mit, ich sei zurzeit am Borgo unabkömmlich und werde eine Weile bleiben. Dieter und die wundervolle Gegend verzauberten mich so, dass ich mich zum ersten Mal richtig frei und ungebunden fühlen konnte. Es war wie ein völlig neues Leben. Dieter war im Dorf beliebt, alle mochten „il Tedesco“- den Deutschen -wie sie ihn nannten. Seine ruhige, zuverlässige Art kam gut an. Nun, mit mir an seiner Seite, schien alles perfekt. „Er hat sich endlich eine Frau gesucht“, erzählten sie sich in der Bar. Alle schienen teilzuhaben an unserem Glück. Wir wurden zu jedem Familienfest eingeladen, unser Freundeskreis wuchs und wuchs und wir fühlten uns beide, als hätten wir nie etwas anderes gemacht, als in dieser Dorfgemeinschaft zu leben.
Wir arbeiteten viel an unserem Projekt, dem Borgo, alles verschmolz ineinander, wir waren vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen und genossen es. Wir diskutierten morgens beim Frühstück über Bauabschnitte, liebten uns tagsüber in dem kleinen Wald neben dem Borgo. Es gab keinen Feierabend, dafür aber auch keinen festgelegten Arbeitsbeginn. Mal hatten wir sonntags einen Geschäftstermin und fuhren montags spontan einen Tag ans Meer. Mein Leben wurde zu einem ruhigen, steten Fluß in dem ich mich mit Freude treiben ließ. Meine Albträume verschwanden und ich war so glücklich, wie ich mich nicht erinnern konnte, je zuvor gewesen zu sein.

Es ist seltsam. Ich schreibe diesen Teil der Geschichte an dem Haus, das Dieter und ich für uns gekauft und restauriert haben. Der Ort, an dem ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht habe. Das Haus, das bald nicht mehr meines sein wird, da ich meinen Anteil daran ihm gebe, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber ich spüre wieder dieses warme Gefühl, das ich damals in mir hatte – und muss gerade lächeln.

Unser Projekt, das Borgo, wurde ein voller Erfolg. Wir hatten es in Deutschland inseriert und viele Interessenten kamen. Ich zeigte den Deutschen die Gegend, erklärte ihnen die Möglichkeiten, die wir mit der Restaurierung hatten, und Dieter erläuterte die Kaufabwicklung. Die meisten Kunden liebten uns genauso wie die Dorfbewohner und wir lagen weit vor der eigentlichen Planung was den Abverkauf anging.

An einem Sonntag Nachmittag bestand Dieter auf einen Ausflug. Ich war müde, hatte keine Lust, aber er drängelte so lange, bis ich endlich mitfuhr. Er wollte mir nicht verraten, wo er hin wollte. Wir fuhren durch diese wundervolle Landschaft, immer weiter in die Hügel und plötzlich machte er auf der Landstraße eine Vollbremsung, fluchte, setze ein Stück zurück und bog in einen Feldweg ein, der kaum zu erkennen gewesen war. Der Weg war völlig eingewachsen und er musste den Allrad zuschalten, um das letzte Stück zu schaffen. Eine letzte Kurve und dann hielt er auf einem kleinen Plateau. Eine großes altes Herrschaftshaus stand hier. Was für eine Lage. Es thronte auf dem Hügel, der Blick in alle Richtungen war atemberaubend. Er setzte an, etwas zu sagen, aber ich war schon aus dem Auto gesprungen, bestaunte das Haus, das mindestens 200 Jahre alt sein musste. Wie ich diese alten Ruinen liebe. Es war in einem furchtbar schlechten Zustand, das Dach fast völlig eingebrochen, keine Fensterrahmen mehr, überall Löcher in den Außenmauern, sogar einige Risse, vermutlich von Erdbeben. Ringsherum wucherte das Unkraut meterhoch. Ich stand einfach da, überwältigt. In Gedanken ging ich schon die Aufteilung der Räume durch, versuchte zu erkennen, ob noch Dachbalken zu gebrauchen waren, welche Farbe passen würde. Dieter war leise von hinten an mich herangetreten, legte seine Arme um mich.
„Lass es uns kaufen, Chiara. Und hier leben. Lass es für immer sein.“
Ich erschrak. Ein Haus kaufen? Zusammen? Das war eine schwerwiegende Entscheidung. Meine Familie fiel mir ein und ganz kurz, bevor er mein Zögern bemerken konnte, dachte ich daran, wie ich ihn bei unserer ersten Begegnung zurückgestoßen hatte. Und das wollte ich nicht noch einmal tun, und so drückte ich mich einfach ganz fest an ihn und vergrub meinen Kopf an seiner Brust, so dass er meine Tränen nicht sah.

Ich war noch völlig aufgewühlt, als wir zurück ins Dorf kamen und als er gerade den Schlüssel ins Schloß steckte, klingelte das Telefon. Ich sprintete an ihm vorbei, um den Anruf nicht zu verpassen, denn nichts nervt mich mehr, als nicht zu wissen, wer angerufen hat. Es war….mein Vater. Ich hatte ihn lange nicht gesprochen, nur ein paar Mal kurz mit Mama telefoniert. Papa war ich aus dem Weg gegangen. Er ist Sizilianer, und er rastet noch schneller aus als ich, was wirklich etwas heißen will.
„Ciao Chiara“, staubtrocken.
„Ciao Papà“, distanziert.
„Es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Wir müssen reden.“
Ich schwieg lange, bis ich ein „Si, Papà“ rauspresste.
Ich würde hinfahren müssen. Noch länger konnte ich es nicht aufschieben. Und mir war klar, was ich zu hören bekommen würde…

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…der morgen war kühl, obwohl sich das Gewitter, das in der Nacht getobt hatte, schon weit raus aufs Meer zurückgezogen hatte. Ich war viel zu leicht angezogen, und als ich die Vespa am Strand abstellte, hatte ich Gänsehaut am ganzen Körper. Eigentlich war ich noch zu jung, um sie schon fahren zu dürfen, aber so früh war fast noch niemand unterwegs und ich hatte bis zum Strand darauf geachtet, nur kleine Kiesstraßen zu nehmen, auf denen normalerweise keine Polizei unterwegs ist.
Die Sonne stieg gerade aus dem Meer und wurde zum Teil noch von der Gewitterfront verdeckt, was dem Himmel ein bizarres Aussehen verlieh. Ich ließ meine Schuhe zurück und lief in großen Sprüngen runter ans Meer. Der Sand war eiskalt, so früh am morgen. Kaum zu glauben, dass man ihn gegen Mittag schon nicht mehr barfuß betreten würde können. Die Plastiktüte am Handgelenk schlurfte ich durch das seichte Wasser nah am Ufer und blieb nur gelegentlich kurz stehen, wenn ich eine brauchbare Muschel ausgraben konnte. Mama würde sie später mit Knoblauch und Kräutern kochen und als Beilage zur Pasta zum Mittagessen geben.
Ich weiß bis heute nicht, was diesen Morgen so seltsam machte, die Stimmung der aufgehenden Sonne mit den Gewitterwolken, die ungewöhnliche Kälte für Anfang September, ich habe keine Ahnung. Irgendwann wurde mir bewusst, dass viel zu wenig Menschen am Strand waren. Normalerweise sind um diese Zeit immer schon einige Muschelsucher, Jogger oder Spaziergänger auf den Beinen. Ich aber war alleine. Weil ich wenig Muscheln fand, lief ich anders als sonst auch noch weit über den Leuchtturm hinaus. Der Freistrand hier war berüchtigt, Nachts ließ sich hier niemand blicken. Dieser Abschnitt ist schmutzig, Treibgut wird nicht entfernt, Muschelreste nicht aufgesammelt. Zerbrochene Flaschen und Reste von Lagerfeuern erzählten die Geschichten von wilden Partys.

Strand

Am Strand sah ich ein Boot, ein altes Fischerboot, klein, schäbig. Drei Jungs standen dort. Als ich auf ihrer Höhe war, glotzten sie interessiert zu mir herüber.
„Was suchst Du?“
„Muscheln.“ antwortete ich zaghaft.
„Und, schon welche gefunden?“ mischte sich der Zweite ein.
„Geht so.“
Ich ging jetzt etwas schneller, ich wollte weiter.
„Schau dir das hier mal an.“ er zeigte auf das alte Boot.
„Nein, ich, ähm, habe keine Zeit.“
Unsicher. Ich war viel zu unsicher. Jedes Tier merkt, wenn du unsicher bist, hatte mir mein Vater beigebracht. Und das ist nie gut.
„Komm, es dauert nicht lang, du musst das sehen.“ er deutete wieder auf das Boot.
Ich sah mich um. Niemand weit und breit. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Vielleicht ganz kurz schauen und das dann als Anlass nehmen, direkt hoch zur Straße zu laufen, weg vom Strand…
Ich näherte mich dem Boot.
„Hier, da drin, schau.“ sagte er wieder.
Ich hatte das Boot erreicht, blieb etwas davor stehen, reckte den Kopf, um über den Rand zu blicken. Natürlich war da nichts, das Boot war leer und als ich gerade kehrt machen wollte, spürte ich die Hand des Einen an meinem Po. Ich schlug sie weg und funkelte ihn böse an. Der links von mir griff nach meiner Brust und ich trat nach ihm, verfehlte ihn aber und der Dritte nutzte diesen Moment um von hinten meine Arme zu packen und sie auf den Rücken zu drehen. Ich zappelte wie verrückt, versuchte nach den beiden anderen zu treten, erwischte den Einen zwischen den Beinen worauf er mir eine Ohrfeige verpasste, die mir ganz kurz die Besinnung nahm. Ich wurde nach hinten gezogen, konnte mich nicht auf den Beinen halten und fing an zu schreien. Die Hand, die mir der Kerl hinter mir daraufhin auf den Mund presste, roch widerlich und ich versuchte rein zu beißen, aber er drückte so fest zu, dass mir die Luft weg blieb. Während mir einer die Shorts runterriss zog der andere bereits seine Badehose herunter und dann vergewaltigten sie mich nacheinander, einer sogar zwei mal.
Ich weiß nicht mehr, was damals in mir vorging. Ich habe alle Gedanken und Gefühle daran jahrelang völlig unterdrückt. Und als ich irgendwann so weit war, dieses Erlebnis aufzuarbeiten, habe ich am Ende alles gelöscht.

Als sie von mir abgelassen hatten, lag ich wimmernd am Strand. Mir tat alles weh und als ich mich halb aufrichtete sah ich, dass meine Oberschenkel voller Blut waren. Ich versuchte mich an dem Boot hoch zu ziehen und als ich es fast geschafft hatte sackte ich wieder zusammen und schaffte es gerade noch, den Kopf zu drehen und erbrach mich mehrmals in diesen scheiss kalten Sand.

Ich habe keinerlei Erinnerung mehr daran, wie ich nach Hause kam. Ich weiß nur noch, dass ich mich tagelang in meinem Zimmer einsperrte und völlig ohne Regung Tag um Tag über mich ergehen ließ. Ich sprach mit niemandem darüber, ich wollte nicht ein Wort von diesem Erlebnis je aussprechen müssen. Ich lebte nur noch in einem Gefühl aus Ekel, Schmerz und Alpträumen.

Als ich vier Wochen später noch immer meine Regel nicht bekam, wurde zur Gewissheit, was ich schon seit Tagen gespürt hatte. Ich war schwanger.
Ich war ein minderjähriges, lediges, entjungfertes, schwangeres Mädchen in einem kleinen italienischen Dorf. Mein Leben war vorbei, noch bevor es richtig begonnen hatte…

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…ich muss Stunden so dagehockt sein, ohne mich zu bewegen, ohne zu denken, leer, kaputt, ohne irgendein Gefühl. Als ich irgendwann ins Bad wankte, wurde es draußen schon ganz leicht hell, ein zarter erster Streifen Licht am Horizont. Ich sah nur ganz kurz in den Spiegel, ich wollte gar nicht wissen, wie ich aussah. Aber der Augenblick genügte. Mein Wangenknochen war so angeschwollen, dass ich aus dem einen Auge kaum etwas sehen konnte, meine Nasenwurzel verfärbte sich bereits tiefblau und ich war blut- und tränenverschmiert. Hastig versuchte ich das gröbste mit Make-up abzudecken, aber da ich mich fast nie schminke und mit einem normalen Gesicht schon bizarre Resultate erziele, verwandelte ich mich erst recht in einen Zombie. Wütend wischte ich mir alles wieder aus dem Gesicht, machte mich etwas frisch und ging dann ein paar Sachen einpacken.

Ich denke noch heute darüber nach, ob ich richtig gehandelt habe, damals. Vermutlich wäre alles einfacher geworden, wäre ich nur zu meinen Eltern auf den Hof gefahren. Mein Vater wäre noch im gleichen Moment zu Stefanos Eltern gerast – mich im Schlepptau – und hätte dort alles in Schutt und Asche gelegt. Er ist Sizilianer. Und wer seine Tochter anrührt, ist so gut wie tot. Stefano hätte für eine lange Zeit die Gegend wechseln müssen, denn, wenn meine Brüder ihn in die Finger bekommen hätten, wäre er bestenfalls mit einem ausführlichen Arztbesuch davon gekommen. Hätte ich das getan, so würde ich vermutlich heute bereits ganz entspannt auf unserem Hof wohnen und Wein anbauen. Aber ich scheute die ganze Aufregung, das Gerede, das es geben würde. Erinnerungen an den vertuschten Skandal aus meiner Jugend stiegen wieder in mir auf. Stefano wusste davon, ich hatte irgendwann den großen Fehler begangen, es ihm zu erzählen, hatte es ihm erzählen müssen – und was, wenn er aus Rache davon Gebrauch machen würde?

So packte ich Wäsche und Kleidung ein, sperrte mechanisch das Gas und den Strom ab, verriegelte alle Fensterläden, schloß sorgfältig ab und stieg in meinen Wagen. All das lief wie ein Film ab, den ich interessiert betrachtete, in dem ich aber gar nicht vorzukommen schien.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinsollte. Wenn mich irgend jemand, den ich kannte, so sah, es würde keine Stunde dauern, bis meine Familie davon erfahren würde. In so kleinen Orten ist es unmöglich, irgendetwas geheim zu halten. Ich ging verschiedene Möglichkeiten durch, ein Hotel: keine Lust, Freunde in Turin: zu weit, Pietro: ging nicht, er war Polizist, er würde Fragen stellen. Irgendwann startete ich den Motor und fuhr einfach los, denn plötzlich hatte ich Angst, Stefano würde zurückkommen. Reumütig, mit Entschuldigungen. Der Gedanke widerte mich an. Automatisch fuhr ich Richtung Autobahn, automatisch nahm ich die Richtung nach Ancona und automatisch landete ich irgendwann am Borgo. Es war inzwischen hell, aber noch sehr kalt, aber das spürte ich gar nicht. Ich ging zu meiner Lieblingsruine, setzte mich dort inmitten der alten Grundmauern einfach ins Gras und starrte in die Hügel. Mir war kalt, ich hatte rasende Kopfschmerzen, Hunger, Durst, ich fühlte mich wie ausgespuckt. Und ich war müde, so unglaublich müde. Das Bild der Hügelkette gegenüber wurde plötzlich lebendig, fing an zu rotieren und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, war mir kotzübel und der Versuch aufzustehen wurde mit brutalstem Hämmern in meinem Kopf bestraft. Ich wartete ein paar Minuten. Der zweite Versuch löste wieder dieses Rotieren der Landschaft aus, und ich ließ mich einfach zurück ins Gras sinken. Es ging nicht. Das Handy. Das Handy fiel mir wieder ein. Pietros Handy. Ich fummelte mühsam Dieters Nummer rein, merkte, dass ich keinen Ton herausbrachte und schrieb ihm daher eine SMS: „hilfe borgo chiara“.
Es dauerte keine Minute bis das Telefon zu klingeln begann, ich wollte abheben, erwischte den „Abweisen“ Knopf, fluchte und dann wurde wieder alles schwarz.

Ich bekam durch einen dichten Nebel mit, wie sich jemand über mich beugte, auf mich einredete. Dazwischen Dieters aufgeregte Stimme mit seinem süßen Akzent. Zwei Männer, die mich dann unterfassten und mehr wegtrugen als führten. Dann eine Liege, weich und warm, eine Decke und ein Stich im Arm und plötzlich wurde alles schön und dieser Kopfschmerz ließ endlich nach und ich durfte schlafen.

Ein karges Zimmer, Putz der von der ehemals mintgrünen Wand bröckelt, ein großer Fensterflügel mit Milchglas. Ich kann nur auf einer Seite sehen, das andere Auge ist verbunden. Ein halber Mann, auf einem Stuhl, mehr erkenne ich nicht. Wieder schlafen.

Etwas später, das Licht im Zimmer ist anders. Viele Menschen. Ich erkenne Dieter, er ist blass, Pietro, seine Frau, ein Mann in weißem Kittel. Alle reden gleichzeitig los und ich schließe lieber die Augen.

Beim nächsten Augenöffnen fühle ich mich besser. Die Kopfschmerzen sind weg. Dieter steht vor dem Bett, lächelt.
„Ausgeschlafen?“
„Hmmh.“ Watte im Mund.
Er reicht mir ein Glas Wasser.
„Wie fühlst Du Dich? Was ist passiert?“
„Holzbalken.“ murmle ich.
„Der Polizist, dessen Handy Du hattest, hat ein paar Fragen.“
Das war klar. Pietro wusste, dass ich geschlagen worden war. Als Polizist sah er das sofort.
Er kam kurze Zeit später, fragte natürlich erst wie es mir ginge, ob ich etwas bräuchte und kam dann ganz plötzlich auf den Punkt:
„Wer hat das getan?“
„Holzbalken. Ich hab nicht aufgepasst.“
Er sah mich lange prüfend an. Es arbeitete in ihm.
„Chiara……?“
Ich hob die Hand.
„Pietro, bitte. Schreib in Deinen Bericht einfach, ich bin gegen einen Holzbalken gelaufen. Auf meiner eigenen Baustelle, als ich etwas kontrollieren wollte.“
Er setzte mehrmals an, brach ab, kämpfte mit sich. Schließlich nickte er.
„Ok, du musst es wissen. Also ein Holzbalken. Aber sag diesem Mistkerl, noch einmal, dann kauf ich ihn mir!“
Noch einmal, lieber Pietro, dachte ich, noch einmal, und Du kannst eine Nummer ziehen, vor Dir sind dann Papa und meine drei Brüder dran.

Am Sonntag erklärte mir die Schwester, es sei kein Arzt da, und ohne Arzt könne sie mich nicht gehen lassen. Ich nickte verständnisvoll, wartete bis sie aus dem Zimmer war und wählte Dieters Nummer…

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… die Baustelle war gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht, aber es hatte sich schon viel getan. Kleine Raupenbagger hatten das Grundstück freigelegt, die teils fast komplett mit Gestrüpp eingewachsenen Ruinen waren befreit worden und alles, was an Material umhergelegen hatte, war fein sortiert und geordnet aufgeschichtet. Hier alte Eichenbalken, dort Terrakottasteine, alte Dachpfannen, Mattone, usw. Man versucht immer, so viel wie möglich von den alten Baumaterialien wieder zu verwenden. Ich hatte die Gebäude bereits vermessen und die nächsten Wochen würde hier nicht viel passieren, zuerst musste alles auf dem Papier geplant und berechnet werden.
Diese Phase war die schönste am gesamten Projekt. Noch musste ich mich nicht mit Handwerkern streiten, über Preise feilschen und mich über nicht eingehaltene Termine ärgern.

Ich blieb einige Stunden, lief umher, hockte mich zwischen die alten Grundmauern, beobachtete die Sonnenstände zu verschiedenen Zeiten und kritzelte viele Seiten in meinem Notizbuch voll. Als die Sonne hinter der Hügelkette gegenüber versank und ich zu frösteln begann, machte ich mich auf den Heimweg.

Es war Dienstag und, wie schon so oft, hatte ich völlig vergessen, dass Stefano heute Abend für ein paar Tage nach Hause kommen wollte. Es fiel mir erst wieder ein, als ich vor meinem Haus ankam und sein Motorrad vor der Einfahrt stehen sah.
„Ciao amore“, begrüsste ich ihn.
Finsterer Blick. „Wo warst Du?“
So liefen die meisten unserer Begegnungen in letzter Zeit ab. Ich war froh, wenn er unterwegs war, er nervte mich mit seiner Eifersucht.
Ich kochte lieblos irgendetwas, er verzog sich vor den Fernseher und ich dachte wieder einmal an unsere Zukunft, wie eine Ehe mit ihm wohl aussehen würde.

Nachts träumte ich vom Borgo. Die Ruinen waren dunkel und ich irrte in fast völliger Finsternis darin umher. Ich sah Schatten, die mich verfolgten, und Lichter, die immer nur ganz kurz aufblitzen, und konnte keinen Ausgang mehr finden. Irgendwann schreckte ich hoch, atemlos, mein Herz raste und wieder einmal bekam ich Panik und rang gierig nach Luft bis ich sicher war, dass ich nicht unter Wasser war und verfluchte zum x-ten Mal meinen Tauchunfall, der mich immer noch so mitnahm.

Stefano schlief noch, und ich zog mir leise einen Pullover über und lief an den Strand – meinen üblichen Weg zum Leuchtturm. Die Situation war grässlich. Stefano ging mir auf die Nerven, meine Familie war nicht einverstanden, dass ich diesen Auftrag so weit weg angenommen hatte. Dieter war professionell und distanziert und erwähnte mit keinem Wort unsere damalige Begegnung. Die fast tägliche Fahrerei von hin und zurück knapp 300 Kilometern zerrte an meiner Substanz, aber eine Wohnung in den Marken zu nehmen ging auch nicht, denn dann hätte ich vermutlich auch noch meine zukünftigen Schwiegereltern auf dem Hals gehabt. Und irgendwo dazwischen stand ich. Und sollte dieses Borgo komplett restaurieren, was eigentlich meine gesamte Kraft erforderte. Mutlos sah ich weit raus aufs Meer und auf die Lichter der gerade vom nächtlichen Fang zurückkehrenden Fischerboote.

Mittwoch Abend waren wir bei Stefanos Eltern zum Essen. Donnerstag bei meinen Eltern auf dem Hof, um meinem Vater zu helfen, die Reben auf die hoffentlich sonnige Saison vorzubereiten. Mit Vergnügen sah ich zu, wie sich Stefano bemühte, Interesse an dieser körperlich harten Arbeit zu heucheln und wie sehr es ihn anwiderte, sich seine weißen Jeans dabei völlig zu versauen.
Freitag war ich bei Pietro eingeladen und obwohl Stefano auch damit natürlich nicht einverstanden war, machte ich ihm doch klar, dass ich da auf jeden Fall hinfahren würde und vorher den ganzen Tag auf der Baustelle zu tun hätte.

Einladungen bei einer italienischen Familie folgen strengen Ritualen, an die man sich unbedingt halten sollte. Ganz wichtig, die vereinbarte Zeit. Ein „komm doch gegen acht“ bedeutet in nördlichen Gefilden, dass man spätestens um fünf nach acht da ist. Ab Verona und südlicher würde man den Gastgeber mit übertriebener Pünktlichkeit in den Wahnsinn treiben, rechnet er doch keinesfalls vor halb neun mit dem Besuch und richtet seine Vorbereitungen entsprechend darauf aus.

Da die Marken ja schon fast Süditalien sind, kam ich um viertel vor neun bei Pietro und seiner Familie an. Auch ganz wichtig, man betritt nie eine fremde Wohnung, ohne nicht mindestens zweimal „permesso“ (darf ich) zu murmeln. Dann vergeht eine gute halbe Stunde damit, alles, aber auch wirklich alles, am Heim des Gastgebers zu loben, die Kinder (die, egal wie klein, immer noch auf sein werden) zu bewundern, die mitgebrachten Geschenke zu verteilen und sich gegenseitig zu versichern, wie wundervoll es ist, dass man sich gerade heute trifft.
Pietros Frau war mir sofort sympathisch, eine echte italienische Mamma, fast so rund wie er, in Kochschürze, mit roten Wangen, die mich sofort abküsste und mit in die Küche nahm.
Ich weiß heute nicht mehr genau, was wir alles gegessen haben, aber es zog sich über Stunden hin. Pietro hatte mehrere Weine aus der Gegend aufgefahren, die wir – immer nur ein Tröpfchen – nach und nach probierten und diskutierten. Und, obwohl ich eine Winzertochter aus der Emilia bin, gestand ich ihm meine Liebe für die schweren und tiefroten Weine aus dem Conero, dem wohl bekanntesten Anbaugebiet seiner Heimat.

Stefano fiel mir erst wieder ein, als mich Pietros Frau fragte, wie denn meine Familienpläne aussehen würden, und ich erschrak kurz, ich hatte mein Handy im Flur gelassen, und vermutlich waren schon einige Kontrollanrufe von Stefano eingegangen. Ich holte es und legte es auf den Tisch und sah erleichtert, dass noch keine Nachricht da war. Pietro stutzte, schmunzelte kurz, holte ebenfalls sein Handy und sagte, eigentlich hätte er ja Bereitschaft, aber hier würde ja eh nie etwas passieren. Das er damit falsch lag, merkte ich leider erst ein wenig später.

Nach dem Dessert, dem caffè und einem langen Abschiedsritual saß ich irgendwann kurz nach Mitternacht endlich in meinem Auto und machte mich auf den Rückweg nach Marina di Ravenna. Die Autobahn war leer, ich war müde und so fuhr ich viel zu schnell um endlich nach Haus und ins Bett zu kommen. Kurz nach Rimini klingelte mein Handy. Stefanos Kontrollanruf kam spät, aber er kam zuverlässig. Ich nahm das Handy vom Beifahrersitz „Pronto“ fauchte ich in den Hörer.
Schweigen.
„Pronto!“ noch eine Spur schärfer.
„Pietro?“ klang es zögerlich fragend an mein Ohr.
„Wer ist da?“ Ich wurde sauer.
„Pietro, was ist bei Dir los, wir haben hier einen Wildschaden?“
Ich warf kurz einen Blick auf das Handy in meiner Hand. Es war nicht meins. Es war Pietros. Scheiße.
Ich hielt am nächsten Autogrill. Rief von Pietros Handy auf meinem an (womit ich ihn weckte), erklärte ihm, seine Kollegen bräuchten ihn, entschuldigte mich tausendmal und vereinbarte, ich würde morgen kommen, um die Geräte zurück zu tauschen.
„Äh, Chiara?“
„Ja?“
„Hier hat ungefähr fünfmal ein Tesoro (Schatz) angerufen, zumindest stand das so im Display, und jedes mal sofort aufgelegt.“

Toll, unter Tesoro hatte ich Stefano gespeichert, und der hatte Pietro dran gehabt. Der Abend konnte noch lustig werden.

Der Abend wurde nicht lustig. Ich war noch nicht ganz im Haus, da schoss Stefano auf mich zu und brüllte mich an.
Er nannte mich Hure, er wollte wissen, wie oft ich mit anderen geschlafen hätte. Immer wenn ich ihm den Abend erklären wollte, schnitt er mir das Wort ab. Und dann stellte er Regeln auf, verlangte, dass ich mein Projekt aufgeben sollte, Zuhause bleiben müsste, „wie sich das gehört“. Und dann sagte er etwas, dass mich so verletzte, dass ich nicht anders konnte, als auch ihm weh zu tun. Er sagte „ich werde Dir austreiben, eine Schlampe zu sein“. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Der Hass auf ihn, der in diesem Moment in mir aufstieg, war unbeschreiblich, so groß, dass ich mehrmals schlucken musste, um überhaupt wieder sprechen zu können. Und dann sagte ich ganz ruhig, und mit voller Absicht, ihm weh zu tun „ich habe letzten Sommer jemand kennengelernt.“ Meine Worte hingen lange zwischen uns. Er starrte mich an, weiß im Gesicht, mit einer Wut in den Augen, die mir Angst machte. Und als ich dachte, wir würden nun den Rest unseres Lebens einfach so dastehen und uns anblicken, schoss plötzlich sein Handrücken heran. So schnell, dass ich mich nicht mehr wegducken konnte und traf mich mit voller Wucht im Gesicht. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf explodiert, noch während der Schmerz ein Feuerwerk an Lichtern und Sternen vor meinen Augen entzündete, schoss mir das Blut aus der Nase und ich torkelte in Zeitlupe rückwärts, bis mich die Mauer auffing, an der ich mich einfach nach unten rutschen ließ.
Stefano machte einen Schritt nach vorne, doch ich hob nur müde die Hand. Kurze Zeit später hörte ich die Haustüre ins Schloss krachen und den Motor seiner Ducati aufbrüllen. Und dann endlich kamen auch die Tränen und ich umschlang meine Beine und machte mich ganz klein und blieb einfach auf dem Boden sitzen und weinte…

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Kapitel 2

…ich fuhr durch die Hügel im Hinterland von Ancona, es war Ende Februar, aber bereits so warm, dass ich das Verdeck offen hatte. Ich war auf dem Weg zur Baustelle und genoss die Fahrt in vollen Zügen. Ich jagte den kleinen smart durch die kurvenreichen Straßen und jedes mal, wenn ein langsames Auto vor mir auftauchte drückte ich kurz auf die Hupe und schoss daran vorbei. Ich musste plötzlich an den Abend im Winter denken, als ich auf der Terrasse gesessen war und mich entschieden hatte, den Auftrag anzunehmen. Ich hatte nachts kaum geschlafen und Dieter am nächsten morgen bereits gegen 5 Uhr aus dem Bett geklingelt, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen. Wir hatten uns seitdem oft gesehen, aber nie allein, zu viele Dinge mussten geregelt werden, so dass wir meist Anwälte, Geschäftspartner oder andere Mitarbeiter aus seinem Büro bei unseren Gesprächen dabei hatten.
Stefano war ausgeflippt, als er hörte, dass ich fast 150 km entfernt einen so langfristigen Auftrag begonnen hatte. Er wollte alles über die Firma wissen und unterstellte mir wie immer sofort, dass ein anderer Mann dahinter stecken würde. Und ich, ich war froh, so viel unterwegs sein zu können und legte viele Termine extra so, dass ich ihn möglichst wenig sah.

Die nächste Kurve nahm ich etwas zu schnell und die ESP-Lampe fing wild an zu blinken, während vor mir eine verrostete Ape auftauchte. Ich riss das Lenkrad nach links und scherte recht knapp vor dem entgegenkommenden LKW wieder ein, der sich mühsam den Berg hochschleppte. Ich dachte erst, dieses komische Geräusch käme aus dem Radio, aber es war die Sirene, die das Polizeiauto hinter mir eingeschaltet hatte. Mist, ich sah wegen des heruntergeklappten Verdecks nur das Blaulicht, aber nicht, was für ein Auto es war. Im Außenspiegel sah ich die Lichthupe wild aufblinken und nach einem knappen Kilometer wurde die Option, mich mit der Ausrede, ich dachte, das Ganze gelte nicht mir, davon zu kommen, immer kleiner. Also ließ ich das Auto langsam rechts am Fahrbahnrand ausrollen. Mein Verfolger hielt ein Stück hinter mir und ich erkannte erleichtert, dass es nur die Polizia Municipale war, Gott sei Dank keine Carabinieri.

Ich habe später in Deutschland immer wieder im Fernsehen gesehen, was man sich mit der dortigen Polizei alles erlauben darf. In Italien sollte man das lieber nicht tun. Speziell, wenn es sich um Carabinieri handelt. Sie tragen diese furchteinflößenden Uniformen mit den kniehohen Lederstiefeln und nehmen ihre tiefschwarzen Sonnenbrillen nie ab. Kommt man ihnen blöd, ist ganz schnell Schluss mit Lustig. Die „Gemeinde“-Polizei ist da etwas gemütlicher, aber man sollte wirklich nie respektlos sein. Unser Land verfügt über so viele wirre Gesetze, die niemand kennt und keiner versteht. Ein Kinderspiel für jeden Polizisten dich stundenlang festzuhalten, wenn er es darauf anlegt.

Der Polizist war ausgestiegen und kam von hinten zu mir heran. Ich ging die gängigen Ausreden durch, die kranke Mama, die dringend Medizin braucht, die Oma, die im Sterben liegt, dann fiel mein Blick auf meine nackten Beine. Ich trug Shorts an diesem Tag. Ich bin nicht eingebildet, im Gegenteil, ich laufe fast immer ungeschminkt rum, achte wenig auf meine Kleidung, bin meist von irgendeiner Baustelle schmutzig oder hab vom Rumklettern in Ruinen blaue Flecken. Aber meine Beine sind toll. Auf die bin ich stolz. Viele tausend Kilometer mit dem Rennrad in unseren Hügeln pro Jahr sorgen dafür, dass sie schlank und durchtrainiert sind. So stieß ich die Türe auf, und als er fast an meinem Auto war, schwang ich beide Beine parallel aus dem Fahrzeug, ließ einen Moment verstreichen und stieg dann ganz aus. Treffer! Er bekam sein Strahlen einen Hauch zu spät wieder aus dem Gesicht, als er versuchte, mich streng anzusehen.
„Guten Morgen, Ispettore.“ Ich nahm dabei die riesige Sonnenbrille ab, sah möglichst schuldbewusst drein und ließ meine Unterlippe leicht zittern.
„Guten Morgen, Signorina.“ Pokerblick.
Unsere Augen trafen sich, jeder versuchte, den anderen einzuschätzen, seine Möglichkeiten auszuloten.
„Werden Sie mich verhaften?“ Ängstlicher Blick.
Er zog die Augenbrauen hoch, starrte mich an, ließ den Blick rauf und runter wandern. Unsere Blicke trafen sich wieder. Und dann lachte er. Erst leicht, versuchte es zu unterdrücken, lief rot an, und dann platze es aus ihm heraus, ein dröhnendes, lautes Lachen, sein Schnurrbart zitterte und seine Augen füllten sich mit Tränen. Und als ich diesen gemütlich aussehenden Mann so sympathisch lachen sah, konnte ich auch nicht mehr, und ich fing ebenfalls an. Zwei Menschen, die sich kaputt lachten. Schließlich wischte er sich die Tränen ab und grinste mich an:
„Wohin wollen Sie denn so eilig?“
„Ich muss zur Arbeit, nach Montecarotto.“
„Und Sie sind spät dran?“
„Nooo.“ Ich dehnte es lang, dieses Nein. „Ich war nur….etwas in Gedanken.“
„Was machen Sie in Montecarotto?“
Und ich erzählte ihm von dem Borgo, dass ich gerade dabei war, die Gebäude zu vermessen, dass kein Mensch dort auf mich wartet, ich keinen Termindruck habe und einfach so zu schnell gefahren war. Und er erzählte mir von seinem Urgroßvater, der hier in der Gegend Wein angebaut hatte, und wir kamen auf die Unterschiede zur Emilia Romagna zu sprechen und fingen ein wenig an zu streiten, ob der Rosso Conero aus den Marken wirklich so viel mehr Körper als ein gut ausgebauter Sangiovese aus der Emilia haben würde und er beendete die Diskussion, indem er mir von seiner Frau erzählte, und dass ich gerne einmal zum Essen kommen sollte, am besten am Freitag und ich nahm das an, nachdem er mir die Fotos von seiner Frau und den drei Kindern gezeigt hatte.
Als ich weiter fuhr, waren Pietro und ich per Du und quasi schon fast alte Freunde.
Ich fuhr ganz anständig, solange Pietro noch eine Weile hinter mir herfuhr. Und als er dann im nächsten Ort abbog gab ich wieder Gas, um endlich zum Borgo zu kommen…

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…Wir waren zurückgefahren und saßen nun in der Bar gegenüber der Agentur, diesmal zusammen. Dieter redete seit fast einer Stunde auf mich ein, beschrieb mir das Konzept, den Zeitplan, das Budget für die Ausstattung und vieles mehr. Ich hörte kaum zu, die Gedanken in meinem Kopf flogen durcheinander und wenn mich etwas beschäftigt, kann ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren.
„Hörst Du mir eigentlich zu?“
„Siiiii.“ Scheiße, jetzt fing ich schon an wie diese Trulla in seinem Büro. „Si!“ schob ich nochmals bekräftigend hinterher.
Er nickte zustimmend und redete weiter. Und plötzlich fiel mir auf, dass wir die ganze Zeit Italienisch gesprochen hatten. Im Sommer, als wir uns kennenlernten, hatte sein Wortschatz noch nicht für so ausführliche Gespräche gereicht. Noch etwas, dass sich als weiterer Gedanke in meinem Kopf zu all den anderen Gedanken mischte. Ich musste nachdenken, dringend, allein.
Wir hatten uns nach dem caffè noch Wein bestellt und ich trank mein Glas in einem Zug leer.
„Es ist spät geworden, ich habe noch eine weite Fahrt.“
Prüfender Blick, dann griff er in seine Jacke und schob mir seine Visitenkarte zu.
„Hier, ruf mich an, ruf mich auf jeden Fall an, ja?“
Ich nickte. „Ja, ich ruf Dich an. Und Du hast meine Nummer in der Bewerbungsmail, die ich euch geschickt habe.“
Er wollte sich erheben, als ich aufstand, aber ich legte kurz meine Hand auf seinen Arm, drückte ihn sanft und schüttelte den Kopf.
„Ich melde mich bei Dir. Ciao. Bis morgen.“
Das „bis morgen“ war mir so rausgerutscht. Scheinbar war mein Unterbewusstsein schon weiter als ich.
Dann ging ich schnell aus dem Lokal. Ich wollte um alles in der Welt eine Abschiedsszene auf der Straße vermeiden. Zu unsicher war ich – waren wir beide – nach dem Abend am Leuchtturm.

Ich fuhr nur zwei Straßen weiter. Dann hielt ich nochmals an und speicherte seine Telefonnummer in meinem Handy ab. Ich nannte den Eintrag „Dieter M. – Kunde“, aus Vorsicht, denn Stefano hatte die blöde Angewohnheit, regelmäßig, wann immer er mein Handy in die Finger bekam, das Adressbuch und die SMS-Nachrichten auf verdächtige Inhalte zu durchsuchen. Ich gab mir immer Mühe, mein Handy nicht herumliegen zu lassen, aber ich vergaß es einfach zu oft.

Die autostrada war um diese Zeit leer, und ich hing meinen Gedanken nach. Da war dieses Projekt, das einfach wundervoll war. Ich würde sonstwas drum geben, es machen zu dürfen. Ich könnte mich austoben, ein ganzes Borgo komplett nach meinen Ideen zu gestalten. Der Ablauf bei einzelnen Häusern war oft nicht so spannend. Die Häuser wurden prinzipiell unrenoviert angeboten. Jeder Käufer hatte dann ganz eigene Vorstellungen. Es gab die Individualisten, die sich einen Lebenstraum erfüllten. Dieser Traum beinhaltete meist auch den Plan, soviel wie möglich selbst an dem Haus zu machen. Die Arbeiten, die sie selber nicht erfüllen konnten, um diese Chaoten herum zu planen, war nervenaufreibend. Dann gab es die Besserwisser. Sie kamen mit der Einstellung, dass italienische Produkte sowieso Müll sind und wollten von der Steckdose über die Heizanlage bis zu Fenstern und Türen alles aus Deutschland kommen lassen. Das war das Schwierigste. Die vorherrschende Meinung, im Süden ist ja alles ganz locker, verführt viele dazu, zu denken, sie könnten machen was sie wollen. In Wirklichkeit haben wir so viele Auflagen und Gesetze, dass diese Häuser, vollgestopft mit ausländischer Technik, keine Abnahmebescheinigungen bekommen und somit quasi unverkäuflich werden. Zudem machen solche Baustellen Probleme ohne Ende. Ein zweihundert Jahre altes Natursteinhaus schert sich nämlich wenig um deutsche Industrienormen. Der Schreiner vor Ort, der Fenster und Türen für diese alten Häuser anfertigt, weiß das, und er passt seine Produkte entsprechend an. Dass das billiger und schneller geht, ist diesen Kunden meist nicht zu vermitteln. Und dann gibt es natürlich noch die Käufer, die eine komplette Restaurierung möchten. Das macht am meisten Spaß, aber man muss jedes Detail mühsam mit den Kunden erarbeiten, was sehr zeitaufwändig ist.
Bei diesem Borgo war es anders. Ich würde die komplette Planung nach meinen Vorstellungen machen, erst wenn alle Details feststanden, würde es in den Verkauf gehen.
Und dann war da Dieter. „Dieter“ sagte das kleine Teufelchen auf meiner rechten Schulter. „Du machst das doch nur wegen ihm.“
Ich spielte das mal durch. Ich würde also meiner Familie sagen, dass ich die nächste Zeit einen großen Auftrag bearbeiten würde. Es war ja nah genug, um zu pendeln. Von Dieter müsste ich ja nichts erzählen. Warum auch, ich hatte nichts mit ihm, es war nie etwas passiert. Und ich war schließlich vernünftig genug, dass auch nichts passieren würde. Er hatte den damaligen Abend mit keinem Wort erwähnt, keinerlei Avancen gemacht, war sehr sachlich gewesen, professionell. Er war sicher nicht so bekloppt wie ich und hatte viel darüber nachgedacht, was damals los gewesen ist. War mit pochendem Herzen am Briefkasten gestanden, oder hatte nachts in die Sterne geschaut und an mich gedacht.
„Mistkerl,“ sagte ich plötzlich laut vor mich hin. Ihm war das wohl alles egal. Ich zwang meine Gedanken wieder zurück zum Thema. Da war auch noch Stefano, mein Freund, meine Sandkastenliebe. Allen war schon immer klar, dass wir zusammengehörten. Es wurde erwartet, dass wir bald einmal heiraten, eine Familie gründen. Es war so selbstverständlich, dass wir ein Paar waren, dass ich lange Zeit nie auf die Idee gekommen war, das in Frage zu stellen. Wenn ich den Auftrag annahm, dann war ich mindestens ein Jahr sehr intensiv damit beschäftigt, ich würde Dieter oft sehen und viel Zeit mit ihm verbringen. Und das gehörte sich nicht. Es sei denn, da war wirklich nichts. Diese Gedanken machten mich langsam verrückt und ich wurde ganz kribbelig.

Ich kam sehr spät zuhause an und hatte Hunger, war aber zu faul, mir etwas zu machen, und so öffnete ich nur eine Flasche Wein und setzte mich vors Haus auf die Terrasse. Die Bilder dieses Tages flogen durch meinen Kopf und ich versuchte sie abzustellen. Die Silhouette des Leuchtturms zeichnete sich gegen den klaren Abendhimmel ab und ich versuchte, mich ganz auf dieses eine Bild zu konzentrieren. Und dann hatte ich mich plötzlich. Ja. Das war der Punkt. Das Ergebnis waberte langsam aus meinem Unterbewusstsein hoch und ich musste grinsen. „Liebe Chiara,“ sagte ich laut zu mir selbst „wenn das heute nicht Dieters Firma gewesen wäre, würdest Du dann auch nur eine Sekunde überlegen, diesen Auftrag anzunehmen?“ Ha! Das war der Punkt. Ich ließ mir doch wegen Dieter nicht diese wahnsinnige Chance entgehen, ein ganzes Borgo zu restaurieren…

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