Feeds:
Beiträge
Kommentare

…ich dusche mich zum dritten Mal an diesem Tag, und als ich aufs Meer schaue, ist es dunkelgrün und an manchen Stellen fast schwarz und ganz kurz kommt die Erinnerung an meinen Unfall in mir hoch, die ich aber sofort wieder unterdrücke. Ich habe Hunger und  Kopfschmerzen und bin immer noch müde und trinke einen weiteren caffè und merke, dass ich kein Aspirin mehr habe. Wegen des Sturms muss ich alle Fenster zulassen und die Luft ist so drückend, dass man kaum atmen kann und ich beschließe auszugehen und etwas zu essen.

Draußen ist die Luft jetzt klar und kühl und der Sturm kitzelt auf der Haut. Ich laufe Richtung Centro und amüsiere mich wie immer ein wenig über die Touristen, in ihren kurzen Hosen und bunten Hemden, und versuche mir vorzustellen, ob sie zuhause auch so durch ihre Städte laufen und muss lachen.

Eigentlich will ich zu Da Carlo, aber es ist noch viel zu früh für ein Abendessen und außerdem hatte ich völlig vergessen, dass die Saison schon läuft und die Lokale alle voll sein werden mit Urlaubern, die viel zu früh und viel zu hektisch die Plätze stürmen.

So gehe ich zuerst in eine Bar und finde tatsächlich einen freien Tisch und winke Paolo, dem Wirt, zu und ganz kurz blitzt ein Lächeln in seinem Gesicht auf, aber er hat Stress und muss sich wieder seiner Arbeit zuwenden. Am Nachbartisch sitzen einige Ausländer, die alle Sonnenbrand haben und ziemlich fertig aussehen, vermutlich waren sie den ganzen Nachmittag am Strand und haben dem Sandsturm bis zum bitteren Ende getrotzt. Sie winken der Bedienung und als sie bestellen, höre ich, dass sie deutsch sprechen und als Carla sie nicht versteht, wechseln sie die Sprache und versuchen, mit ein paar Brocken italienisch zu bestellen, aber damit wird es noch schwerer, weil Carla aus dem Veneto stammt und einen Hundsdialekt spricht, den ich selbst kaum verstehen kann. Ich muss wieder grinsen, denn eigentlich mag ich die Deutschen und die Österreicher gerne. Man sieht ihnen an, wie sie sich freuen, dass sie Urlaub haben, am Meer sein dürfen für kurze Zeit, das Wetter genießen, und ich mag die Väter, die plötzlich Zeit haben für ihre Kinder und ihnen alle Wünsche erfüllen. Schlimm ist es im August, wenn die Römer und Mailänder ans Meer kommen. Die sich dann im eigenen Land benehmen, als wären alle Menschen, die nicht aus diesen Metropolen stammen, nur Sklaven, die ihnen den Platz an „ihrem“ Meer wegnehmen.

Paolo kommt an meinen Tisch und bringt mir unaufgefordert ein Glas Weißwein und ein paar Kleinigkeiten als aperitivo, ein paar Weißbrotecken mit Wildschweinpastete, Erdnüsse, Oliven und etwas Käse, Pecorino, den ich besonders mag. Am Nachbartisch werden Hälse gereckt, die anderen verstehen nicht, wie ich meine Bestellung so schnell hergezaubert habe. Da ich immer noch meine dunkle Sonnenbrille aufhabe, kann ich den Tisch ungeniert beobachten. Paolo wechselt ein paar Worte mit mir, beklagt sich übers Wetter, über die schlechte Saison und was weiß ich noch. Typisch Italiener halt, wir jammern immer, aber nur, um auch immer ein Gesprächsthema zu haben. Ich lächle ihn an, nippe an meinem Wein und frage ihn, ob er ein Aspirin hat, worauf er mich fragt, ob ich spinne und kopfschüttelnd zurück in die Bar geht. Ich warte genau bis er in der Türe verschwunden ist und rufe ihn dann zurück, trinke mein Glas auf einen Zug leer, halte es ihm hin und sage lächelnd: „Un altro, grazie“. Er deutet eine Ohrfeige an, grinst und holt mir noch eins. Wir lieben diese Spielchen, damit vertreiben wir uns gerne die Zeit.

Dann laufe ich die Promenade entlang und rauche und hänge meinen Gedanken nach. Während der Saison ist es ziemlich einsam für mich, meine Freunde sind entweder in die großen Städte, nach Bologna, Modena oder noch weiter gegangen, um Arbeit zu finden. Die, die noch hier sind, arbeiten fast alle bei ihren Familien in der Gastronomie, und das heißt während der Saison die ganze Woche, sieben Tage, zwanzig Stunden am Tag, keine Pause, keine Zeit. Bis September, dann beruhigt sich wieder alles. Aber es stört mich nicht, ich habe normalerweise auch genug zu tun, außer wenn es so heiß ist wie jetzt, dann mag ich es gern etwas ruhiger. Während ich so darüber nachdenke, nähere ich mich dem Leuchtturm, und trotz des aperitivo habe ich nach wie vor Hunger. Der Wind bläst mir die Haare so ins Gesicht, dass ich fast blind laufe, und da die Sandkörner wie Schmirgelpapier fliegen, setze ich trotz der Dämmerung meine Sonnenbrille wieder auf. Am Leuchtturm schaue ich aufs Meer, die Dunkelheit kommt schnell am Meer, eben war es noch dämmrig, schon ist es Nacht. Der Sturm hat alle Wolken weggeblasen und der aufgehende Mond taucht das Wasser in ein schimmerndes Licht, das aussieht wie flüssiges Silber. Ich bin gern nachts am Meer, warte, bis die Fischer rausfahren und sehe den Lichtern zu, wie sie am Horizont verschwinden – aber heute ist es einfach zu windig.

Ich gehe zu Da Carlo, der den besten Fisch an der ganzen Küste zubereitet, aber schon in der Türe mache ich kehrt, das Lokal ist gerammelt voll und die Luft zum Schneiden dick. Ich würde bei Carlo immer einen Platz bekommen, notfalls könnte ich in der Küche essen, denn Carlo ist mein Onkel, aber der Lärm lässt meine Kopfschmerzen wieder aufflammen und ich dränge mich durch die nachströmenden Menschen zurück ins Freie. Ich schiebe und drängle mich langsam nach draußen, und als ich endlich wieder etwas von der kühlen Abendluft in die Nase bekomme, renne ich zum zweiten mal an diesem Tag voll in den Deutschen, der mir den Wein angeboten hatte.

Ich nicke kurz und setze mich in Bewegung und gehe zurück in Richtung Straße und er ruft mir nach, ob ich einen Moment Zeit habe und ich denke: „Geh weiter, dreh dich nicht um, geh einfach weiter“, aber irgendetwas in seiner Stimme rührt mich an, und obwohl ich weiß, dass ich es nicht tun sollte, und obwohl alle Sirenen in mir aufheulen, bleibe ich dennoch stehen und drehe mich langsam zu ihm und weiß in dem Moment ganz genau, dass ich einen großen Fehler mache…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

… da ich ohnehin fast nicht geschlafen hatte, weil sich die Hitze so in meinem Schlafzimmer gestaut hat, stehe ich um halb fünf auf. Die Sonne steigt bereits ein paar Millimeter aus dem Meer und die ersten Muschelsucher sind schon am Strand unterwegs. Ich dusche kalt und gehe dann, ohne mich abzutrocknen, nach unten in die Küche und koche mir mit der Caffettiera eine große Portion Espresso. Ich hatte nachts alle Fenster und Türen offen gelassen und nur die Läden geschlossen – als ich sie aufstoße, kommt mir schon jetzt nur warme Luft entgegen. Es ist so heiß zurzeit, dass sich alles nur noch in Zeitlupe abzuspielen scheint.
Wieder oben in meinem Schlafzimmer ziehe ich mich an und sehe, dass die Sonne nun glutrot aus dem Meer getaucht ist, und mir schaudert bei dem Gedanken, welche Hitze auch heute wieder auf uns wartet.
Auf der kleinen Terrasse hinter dem Haus rauche ich die erste Zigarette, die um diese Zeit zum Kotzen schmeckt und blättere in meinem Terminkalender. Eigentlich soll ich heute drei Häuser ansehen, fotografieren und vermessen, aber dafür ist es zu heiß und ich verschiebe alles auf morgen – oder irgendwann.
Ich bin um halb acht am Strand und Mario öffnet gerade die eisernen Rollos an seinem Bagno. Ich setze mich ganz nah an die Wand, um etwas Kühle abzubekommen und bestelle Caffè, ein Hörnchen und eine Flasche Wasser ohne Kohlensäure. Die Bademeister sind noch dabei, die Liegen abzuklopfen, den Sand zu rechen und die Abfallkörbe mit Mülltüten zu bestücken. Außer ein paar Alten, die vom Muschelsuchen kommen, ist noch kein Mensch da und ich schließe die Augen hinter der Sonnenbrille und genieße die Stille.
Als pünktlich nach dem Hotelfrühstück die ersten Touristen den Strand und die Bar stürmen, schrecke ich hoch, ich war eingenickt und es ist schon halb neun. Meine Füße glühen, die Sonne ist bereits über das Dach geklettert und hat sie quasi angebraten.
Ich gehe den Weg runter zum Meer und betrachte die Familien, die sich für den Tag am Strand einrichten, an ihren Hautfarben erkenne ich ziemlich genau wie lange sie schon hier sind, von schweinchenrosa bis – für italienische Verhältnisse – nur leicht angebräunt. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, nur einmal im Jahr für wenige Tage zum Urlaub ans Meer zu dürfen. Es gelingt mir nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo zu sein, wo ich das Meer nicht mehr riechen kann.
Ich gehe an den Sonnenschirmreihen entlang bis zur Absperrung, ab der man am Strand nicht mehr liegen darf, der letzte Streifen zwischen den Plätzen und dem Meer. Hier hat Mario immer ein paar weitere Liegen stehen, für Freunde und Familie, und auch ich habe hier meinen ganzjährigen Stammplatz.
Es ist Ebbe und daher unmöglich zu schwimmen, man müsste zu weit raus laufen und dazu bin ich zu faul, also versuche ich mich irgendwie unter das kleine Dach der Sonnenliege zu packen und schlafe sofort wieder ein.
Ein Ball trifft mich am Fuß und ich schrecke hoch und knalle voll gegen das Sonnendach und vor mir steht ein Junge, vielleicht 16 und grinst und nimmt den Ball und läuft zurück zu seinen Freunden. Sie tuscheln und sehen immer wieder in meine Richtung und nach einer Weile kommt er wieder auf mich zu und radebrecht irgendetwas in versuchtem Italienisch und zeigt mir seine Zigarette und will Feuer dafür. Ich gebe ihm das Feuerzeug und mustere ihn unauffällig, aber er ist mir viel zu jung und dann versucht er ein Gespräch mit mir zu beginnen und ich bin gemein und verrate ihm nicht, dass ich deutsch spreche und stelle mich blöd und irgendwann ist sein Kopf so rot und seine Freunde schütteln sich vor lachen und er verschwindet.
Das Wasser ist zurückgekommen und ich will schwimmen und auf dem Weg ins Wasser merke ich, dass ich meine Sonnenbrille noch auf habe und drehe mich um, um sie auf die Liege zu werfen und renne dabei voll in den nächsten Deutschen und als ich fluche, entschuldigt er sich höflich und er spricht mit sehr starkem Akzent, was sich aber gut anhört und lächelt mich an und ich lächle zurück, und bevor er noch etwas sagen kann, renne ich ins Wasser und werfe mich gierig in die Wellen, nur um festzustellen, dass das Wasser schon wieder viel zu warm ist, um noch Abkühlung zu bringen.
Gegen 11.00 Uhr gehe ich wieder an die Bar und bestelle mir ein Glas Weißwein und noch eine Flasche Wasser. Mario tippt gerade das Mittagsangebot in seinen Laptop, später wird das dann auf dem großen TFT über der Bar angezeigt werden, und ich ziehe ihn auf, weil er jeden Tag nur die Reihenfolge ändert, frittierten Fisch oder Fleisch vom Grill, das ist meist in der Sommerzeit seine ganze Auswahl. Ich fange aus Langeweile eine Diskussion mit ihm an, welchen Fisch er heute gekauft hat, und dass ich ihn nicht frittiert mag, sondern vom Grill, und dass er mir statt seiner Pommes einen Salat dazu machen soll und mehr Knoblauch in den Fisch packt und die Petersilie weglässt, die ich hasse. Mario grinst wie immer, er liebt diese Diskussionen mit mir, weil er immer sagt, für die Touristen könnte er genauso gut Fischstäbchen machen, die merken eh keinen Unterschied.
Ich setze mich mit meinem Weinglas in den Schatten und habe trotzdem Schweiß auf der Stirn, weil es so schwül ist, und als ich auf meine Suunto schaue, sehe ich, dass der Luftdruck abstürzt. Plötzlich steht der Deutsche von vorhin an meinem Tisch, mit einem Halbliter Krug mit Weißwein und fragt mich mit seinem Akzent – der mir immer noch gefällt – ob er mir etwas nachschenken darf und ich halte ihm mein Glas hin und dann steht er unschlüssig vor mir und bevor die Situation peinlich wird, biete ich ihm eine Zigarette an, die er nimmt und sage ihm, dass er sich setzen soll. Er versucht ein Gespräch anzufangen, aber sein Italienisch reicht nicht sehr weit und bevor ich nicht mehr zurück kann, gebe ich meine Tarnung auf und antworte ihm auf Deutsch. Wir plaudern ein wenig und ich beantworte zum tausendsten mal die Fragen, warum ich deutsch kann, und ja, ich lebe hier, und ja, das ist toll, hier zu leben, das ganze Jahr am Meer, und nein, ich war seit 20 Jahren nicht mehr in Deutschland, was soll ich auch da, da kenne ich niemanden, und nein, ich habe wirklich keine Verwandten dort, und nein, ich gehe nicht mehr zur Schule und als ich ein Gähnen unterdrücke haut er mich mit der Frage, ob ich mit ihm schlafen möchte, um. Er hat auf Italienisch gefragt und merkt an meinem Blick, dass da was falsch gelaufen ist und wiederholt die Frage auf Deutsch, und er hatte gemeint, ob ich mit ihm laufen will, und hat das Verb vertauscht und als ich ihn aufkläre, müssen wir plötzlich lachen und die Langeweile ist verflogen.
Mario schaut in unsere Richtung und ich breche das Gespräch mit einer Ausrede ab und bedanke mich für den Wein und verschwinde, bevor die Frage nach einem Treffen, oder Essen oder wie auch immer kommt.

Ich gehe kurz nach Hause und dusche und hole mein Handy, das ich vergessen hatte, und als ich die ganzen SMS und Anrufe sehe, lege ich es zurück auf den Tisch und gehe ohne es wieder an den Strand.

Ich liebe die Zeit nach dem Essen, die meisten Touristen sind in ihren Hotels und am Strand kehrt Ruhe ein. Heute ist es aber zu heiß, um hier zu bleiben, die Sonne ist unter einem Dunstschleier verschwunden und es ist so drückend, dass sich keiner mehr bewegt. Die Wellen haben lauter kleine weiße Krönchen, das sieht lustig aus, bedeutet aber, dass es ziemliches Unwetter geben wird. Ich sitze noch beim Caffè, als der erste Windstoß ohne Vorwarnung den riesigen Terrassenschirm umreißt und die Bademeister sprinten los, um die Flagge zu wechseln. Es ist nun verboten, noch Sonnenschirme zu öffnen und als mir die erste Ladung Sand ins Gesicht fliegt, habe ich genug und gehe heim.
Auf dem Weg zu meinem Haus kommen mir die Touristen entgegen, die alle an den Strand strömen und ich sehe kurz den Deutschen vom Vormittag in der Menge, aber ich schaue schnell in eine andere Richtung.
Zuhause lege ich mich nackt aufs Bett und das träge Rattern des Ventilators murmelt mich in den Schlaf. Ich träume von dem Haus, das ich eigentlich nie sehen wollte, aber Paolo hat es mir trotzdem vor ein paar Tagen gezeigt, und es war noch schlimmer als ich befürchtet hatte. Es war alles da, was eine Familie braucht, Spielsachen, Möbel, eine Mahlzeit auf dem Tisch, Kleidung, eine Zahnbürste ließ noch die Reste von Zahnpasta erkennen. Alles war da, nur die Familie nicht. Ich ahnte, was passiert sein muss und fürchtete mich vor der Antwort, wie lange das Haus in diesem Zustand leer steht. Das weiche Gefühl unter meinem Schuh ist ein Teddy und er starrt mich an und mir wird schwindlig und ich musste raus und lehnte mich keuchend an den Baum, den der Vater mit seinem Sohn gepflanzt hatte, vor 3 Jahren, während ich Bilder sehe, die ich nicht sehen will. Solche Häuser machen mich so traurig, wenn ganze Familien einfach ausgelöscht wurden und sich danach niemand gekümmert hat, um all die Sachen – weil es niemanden mehr gab.

Von diesem Haus träume ich und es ist schrecklich, weil das Kind dort erscheint und nach seinem Teddy schreit und ich muss weinen und dann wache ich endlich auf.
Der Ventilator rattert und als plötzlich Menschen schreien, schaue ich aus dem Fenster und der Sturm ist jetzt fast ein Orkan und die Menschen rennen um die Wette mit Sonnenschirmen und Liegen und schreien gegen den Wind und eine Mutter hat ihr Kind unter einem Tuch und ich schließe das Fenster, das klappert und stöhnt und denke wieder an das Haus…

iL Tedesco – Der Deutsche ist soeben als Buch erschienen:

-> Taschenbuch

-> ebook

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 13.000 mal besucht. Das entspräche etwa 5 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

HEXENJAGD

14. Februar 1499 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Die Inquisiteure hatten wenig Zeit gehabt, sie wollten vor dem Unwetter noch weiter. Daher hatten sie nicht gewartet, bis der Scheiterhaufen ganz heruntergebrannt war. Sobald sie aufgehört hatte zu schreien, machten sie sich auf den Weg.

Als die Familie sehr spät in der Nacht kam, um den Leichnam abzunehmen, stellten sie fest, dass der Regen das Feuer gelöscht hatte, bevor es ihr Gesicht zerfressen konnte. Sie hing leblos und mit abgebranntem Unterkörper am Pfahl, den Blick geradeaus gerichtet, als suche sie halt in der Ferne. Eine Wange war wohl dem Feuer zu nahe gekommen und in der Hitze aufgeplatzt, ein Auge ausgelaufen, die Spur zeichnete sich als getrocknete Masse bis zur aufgeplatzten Stelle und war dort in den Mund gelaufen. Die andere Gesichtshälfte war unversehrt – ebenso wie die langen Haare, die ihr zum Verhängnis geworden waren.

Da der Friedhof für die Hexe nicht erlaubt war, trugen sie die Leiche bis sie eine kleine Höhle fanden, direkt unter einer kleinen Landstraße. Hier betten sie sie auf Laub, kämmten ihre Haare noch ein letztes mal und versperrten den Eingang zu ihrem Grab mit schweren Steinen, die sie wie eine Mauer aufschlichteten.

13. Februar 1799 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Es hatte lange Tage geregnet, der Bauer kam mürrisch und voller Zorn ins Haus geschlurft. Seine Frau stand gebückt an der Spüle, die langen Haare wallten wie lodernde Flammen um ihren Körper. Als sie Suppe und Wein auf den Tisch vor ihn stellte, war sie etwas ungeschickt und etwas von der heißen Flüssigkeit spritze auf seine Hand. Erschrocken wich sie zurück. Er sprang auf und schrie sie an und als sie noch weiter zurückwich schleuderte er ihr den Teller mit der fast noch kochenden Suppe ins Gesicht. Sie schrie auf und taumelte nach hinten zum Herd, so dass ihre langen Haare von den Flammen entzündet wurden. Er starrte fasziniert auf die Frau, durch die Hitze riß ihre Wange auf, ein Auge quoll unter der Hitze auf und platzte schließlich mit einem leisen Plop und lief ihre Wange herunter. Sie hatte den Blick in die Ferne gerichtet, nahm ihn nicht mehr wahr. Die trockenen Strohlager entzündeten sich in der Wohnstube wie Zunder. Endlich konnte er sich von ihrem Anblick lösen. Der Weg nach draußen war längst verwehrt, so lief er ein Zimmer weiter. Hier saß er in der Falle. Das Haus war an einem Hang gebaut. Oberhalb verlief die alte Landstraße, dieses Zimmer lag unterhalb der Straße. Er sah sich gehetzt um, kein Fenster, keine Türe, draußen nur eine Wand aus Flammen. Der alte Türbogen fiel in seinen Blick. Ein Torbogen, der ins Nichts führte, der zugemauert war, mit alten schweren Natursteinen. Dahinter, was dahinter war, das wusste er nicht, aber in seiner Todesangst griff er ein schweres Werkzeug und schlug die Mauer ein, torkelte schließlich entkräftet in die Höhle dahinter – und schrie. Es war Mitternacht vorbei – der 14. Februar brach an.

14. Februar 2009 – Poggio San Marcello, Mittelitalien

Als ich das Haus sah, wusste ich sofort, dass es das Richtige war. Es war wunderschön, eine Ruine, aber mit dem Charme, den nur Jahrzehnte schaffen können. Es musste ein furchtbares Feuer gegeben haben, auf der Nordseite sah man davon nichts, sie war nahezu unversehrt. Aber die Südseite hatte gelitten, zerklüftet schob sich der Mitteteil des Hauses in den Himmel, wie ein Gesicht. An der Stirnseite war das Haus durch die Hitze aufgeplatzt, eines der runden Fenster, ein „Rottella“ – wie ein Auge, schoss es mir durch den Kopf – war durch die Hitze geborsten, irgendeine Flüssigkeit war dabei herausgelaufen, die sich als eingetrocknete Spur bis zu der aufgeplatzten Stelle abzeichnete.

Ich versuchte mir einen Weg zu bahnen, durch all das Gerümpel, das irgendwelche Bauern im lauf der Jahre im Haus abgeworfen hatten. Durch die ehemalige Wohnstube kam ich langsam voran in den hinteren Teil des Hauses. Durch die Hanglage gab es hier keine Fenster, so dass ich mich im Licht der schwächer werdenden Taschenlampe nur mühsam orientieren konnte.

Ganz am Ende war noch eine Kammer, sie musste direkt unter der alten Landstrasse liegen. Die morschen Eichenbalken waren rußgeschwärzt, der ganze Boden sah aus wie ein Kohlenkeller, an den Wänden konnte man sehen, wo das Feuer versucht hatte, noch mehr Nahrung zu finden. Ein leises rühren ließ mich aufhorchen und so fiel der alte Torbogen in meinen Blick. Er war sauber, fast schon strahlend weiß, wie ein Eingang zu einer Höhle. Die Taschenlampe gab kaum mehr als ein Glimmen von sich, ich konnte gerade so viel erkennen, dass die Türe zugemauert worden war. Gemauert ist übertrieben, es waren einfach die klassischen Natursteine aufgeschlichtet. Teilweise aber waren sie wohl herausgefallen, so dass an einigen Stellen größere Löcher entstanden waren. Neugierig tastete ich mich näher, versuchte in eines der Löcher zu leuchten, aber die Lampe strahlte nicht mehr weit genug. Ich rätselte über dieses Rührgeräusch nach, als ich mir einbildete, den Geruch von Suppe zu erahnen.

Durch die Stunden im Haus hatte ich nicht mitbekommen, wie das Unwetter aufgezogen war, als die ersten Donner losbrüllten bebte förmlich der Boden, das Gewitter musste unmittelbar über dem Haus sein. Irgendwo musste es doch einen zweiten Weg nach draußen geben, denn als die ersten Blitze sich entluden, tauchte die Kammer in gleißendes Licht, fast war es so, als könnte man minutenlang plötzlich sehen. Als wieder einer dieser besonders hellen Blitze zuckte, sah ich in der Höhle die Frau stehen, sie rührte am Herd, ihre langen Haare wallten um sie herum, sie war jung und schön. Ich konnte nur ihr Profil sehen, bis sie sich langsam mir zuwendete. Ihre mir abgewandte Gesichtshälfte war entstellt, ihre Wange war aufgerissen bis in die Mundhöhle, ihr rechtes Auge nicht mehr vorhanden. Plötzlich Dunkelheit.

Ich entzündete mein Feuerzeug, schrie in die Höhle, versuchte sie auszuleuchten – natürlich war sie leer, der Geruch, der mir entgegenschlug widerlich. Ich blickte auf den Steinhaufen, der aus der Mauer gefallen sein musste und begann hastig, die Mauer zu flicken. Alle Steine passten exakt in die Löcher, auf den Millimeter genau. Nur ein Stein blieb übrig. Er musste aus einem Teil weiter drin in der Höhle stammen. Er war keilförmig, sandigbraun. Eine kleine Spur daran sah aus wie – ein Rest Blut.

Nachdem ich irgendwie nach draußen gestolpert war, bemerkte ich, dass ich den Stein immer noch in der Hand hielt. Ich konnte nicht sagen warum, aber ich verbarg ihn am Rande der kleinen Hütte, um ihn später wieder zu finden.

Als ich mich vom Haus entfernte, drehte ich mich nochmals um. Die Blitze zuckten über den Himmel, es goss und der Sturm wuchs sich aus zum Orkan. Das Haus stand trotzig da, dahinter eine riesige Trauerweide, deren Zweige im Wind wallten und das Haus umschlossen wie langes Haar.

 

So sah die zugemauerte Türe aus:

Hexenjagd-01

Das sind die Spuren des Feuers:

Hexenjagd-02

So habe ich die zugemauerte Türe hergerichtet. Was dahinter ist, weiß ich nicht, dort landet man unter der Straße. Der weiße Fleck ließ sich nicht entfernen. Schaut man ihn lange an, finde ich sieht er aus wie ein Engel…

Hexenjagd-03

Ein lieber Twitter-Kollege hat mich neulich um ein kleines Interview gebeten, das er in seinem Blog veröffentlicht hat. Ich möchte mich auf diesem Wege nochmals herzlich bedanken.

Den Blog von WEST-SIDE-BLOGGER kann ich euch nur ans Herz legen.

Und hier gehts zum Interview

 

 

20110815-183258.jpg

Ein kleiner Abschieds-Blog-Eintrag aus München, ich fahre für ca. 3 Wochen nach Hause.

Zuerst geht es allerdings nicht zu mir, sondern ein „Bundesland“ weiter südlich, in Le Marche (sprich die Marken), die einzige Region Italiens, die im Plural steht. Die Marken beginnen in etwa bei Urbino, die größeren Städte in den Nordmarken sind Senigallia und Ancona, weiter im Süden kennt man vielleicht noch San Benedetto mit seinen Palmenstränden und, auch recht bekannt, Ascoli Piceno, etwas vom Meer weg.

In den Marken habe ich zu Beginn sehr viel gearbeitet, als ich in meiner Ecke, der Emilia Romagna, noch wenig Aufträge hatte. Nun möchte ein Deutscher, dass ich sein Haus umplane. Ich habe vor vielen Jahren die Restaurierung geleitet, als er es als Ruine gekauft hatte. Das Haus steht in der Nähe von Fano auf einem Hügel, ist ca. 5 km vom Meer entfernt und hat durch die Hügellage auch direkten Meerblick. Ich werde eine gute Woche in diesem Haus leben und mir die Umplanung überlegen. Es ist ein altes Herrenhaus, hat ca. 350 qm Wohnfläche und einen Garten mit ca. 5.000 qm. Ich freue mich, das wird lustig, mein eigenes Haus am Meer ist ja winzig, soviel Platz bin ich nicht gewohnt, aber ich freue mich darauf. Auch weil ich viele Jahre ständig in dieser Gegend war und noch viele Restaurants und Bagnos kenne.

Danach gehts dann noch in die Emilia Romagna, wobei das ein Katzensprung ist, ich werde also sicher viele Freunde zu Besuch haben. So viel Platz will ja auch genutzt werden.

Die Marken sind sehr hügelig, die erste Hügelkette beginnt schon fast am Meer, das garantiert Funklöcher, aber sicher werde ich den einen oder anderen Tweet absetzen können, schließlich werde ich die Tage natürlich am Meer verbringen.

Los gehts morgen (Donnerstag) Abend, ich fahre wieder Nachts und bin dann zum Sonnenaufgang am Meer 🙂

Ich war zum ersten Mal auf einer deutschen Hochzeit. Statt eines langen Berichts hab ich einfach mal meine Live-Tweets, die ich währenddessen schrieb, zusammenkopiert:

Hochzeitsoutfit cremefarbenes D&G Kostüm roséfarbene Bluse, ausnahmsweise Nylons dezenter Schmuck und meine größte Sonnenbrille die ich habe
1 day ago . Osfoora for iPhone

Gemein ist nur, dass eigentlich ich vorhatte diesen August zu heiraten, wenn mich dieser Mistkerl nicht abserviert hätte.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Noch ein caffè mit Kopfschmerztablette, dann muss ich los, bis später 🙂
1 day ago . Osfoora for iPhone

Interessant, ein kleines Kind das in der Kirche fröhlich brabbelt wird rausgebracht, weil das stört.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Warte jetzt auf den Sektempfang :))
1 day ago . Osfoora for iPhone

Hihi, 30 Grad, ausser mir sind fast alle schweissgebadet. Sekt auf leeren Magen tut den Rest
1 day ago . Osfoora for iPhone

Gerade wurden Reden angekündigt. Ich verhungere. Die Männer tragen ihre Sakos nun über dem Arm. Geht gar nicht.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Und ich habe die größte Sonnenbrille ;))
1 day ago . Osfoora for iPhone

Zwei Stück Torte plus Filterkaffee haut die stärkste Italienerin um. Ächz
1 day ago . Osfoora for iPhone

Cool, dass die hier ein offenes Wlan haben.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Warten aufs Abendessen……
1 day ago . Osfoora for iPhone

Der Fotograf scheucht alle Gäste weg um in Ruhe Fotos zu machen. Privatfotos durch Gäste sind unerwünscht.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Noch 30 Minuten bis zum Abendessen….
1 day ago . Osfoora for iPhone

Bis jetzt hab ich die Braut noch nicht lächeln sehen…
1 day ago . Osfoora for iPhone

Wenn die mir nicht bald Wein geben, hör ich auch auf zu lächeln….
1 day ago . Osfoora for iPhone

Italienisches Vorspeisenbuffett, ich bin hingerissen. Danach toscanischen Schweinebraten und Scampi vom Grill. so bleiben wir Freunde;)
1 day ago . Osfoora for iPhone

Dazu ein wundervoller Merlot. Nachdem ich 2x einen Schluck ins Glas bekam hab ich dem Kellner die Flasche abgenommen 😉
1 day ago . Osfoora for iPhone

Eine Zigarette vor dem Hauptgang mit Blick auf den See. HACH!
1 day ago . Osfoora for iPhone

Ein lauer Sommerabend, Musik, Wein und eine Braut die endlich lächelt. Manche Dinge brauchen Zeit und versöhnen Dich dann um so mehr.
1 day ago . Osfoora for iPhone

Der italienische Kellner quittiert meine Bestellung nach caffè und Grappa mit einem Lächeln
1 day ago . Osfoora for iPhone

So bescheuert, gerade kann ich mich wieder etwas bewegen, muss ich alle Desserts probieren: semifreddo, Tiramisu, pannacotta, obstsalat
1 day ago . Osfoora for iPhone

Und wie es sich für München gehört schüttets jetzt
1 day ago . Osfoora for iPhone

Ich kann nicht so viel Schreiben hier, aber ich beantworte alle Mentions später Gerade laufen die Spiele, ich bin auf die Terrasse geflüchtet
1 day ago . Osfoora for iPhone

Bin wieder zuhause. Die feiern noch. Aber ich will nicht schuld sein, wenn die in der Hochzeitnacht nicht das tun, was zu tun ist;)
22 hours ago . Osfoora for iPhone

Diese Briefe sind vom Oktober 2010 bis zum Frühjahr 2011 und setzen die Teile ABSCHIED I bis IV fort. Ich habe sie aus dem Italienischen übersetzt und lange überlegt, ob ich sie hier veröffentliche. Aber sie sind nun mal Teil meiner Geschichte. Bitte geht behutsam damit um.

BRIEF 2

München, 21. OKTOBER 2010

Caro Stefano,

ich bin jetzt eine gute Woche hier und habe noch immer nichts von Dir gehört. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie das ist. Ich weiß, Du bist verletzt, weil ich mich Deinem Willen widersetzt habe und hierher gegangen bin. Es tut mir so leid, Du weißt, das letzte, was ich möchte, ist, Dir weh zu tun.

Dabei ist alles ganz harmlos, Du darfst nicht denken, dass ich hier durch die Stadt ziehe und eine schöne Zeit habe. Es ist schrecklich. Noch immer kann ich so gut wie nicht schlafen. Ich bin so müde, so unendlich müde. Manchmal nicke ich ein, wenn ich auf der Couch sitze. Dann träume ich vom Sommer, vom Meer, vom Strand und von Dir, erinnere mich an die Tage im Juli und im August, an diesen nie enden wollenden Sommer, an die langen Tage und die warmen Nächte, die wir so oft am Strand verbracht haben. Dann schrecke ich hoch und merke wieder, wo ich gerade bin. Ich habe auch keine Lust mehr am Essen. Ich! Ich ernähre mich momentan nur von caffè und Zigaretten.

Ich habe versucht, die ersten Termine mit neuen Partnern zu vereinbaren. Der Rhythmus hier ist ganz anders als bei uns. Scheinbar ist jeder hier in Deutschland am Vormittag immer in einem Meeting. Wenn ich anrufe, sagt man mir meist, ich solle es gegen Mittag(!) noch mal versuchen, oder gleich morgens um 8.00 Uhr. Die Menschen fangen hier sehr früh an zu arbeiten und essen scheinbar Mittag gar nichts. Dafür läuft in den meisten Büros ab 17.00 Uhr nur noch der Anrufbeantworter. Ich blicke nicht wirklich durch.

Ich war auch schon bei ein paar Firmen, ich habe so gehofft, schnell jemanden zu finden, aber bisher war das alles nichts. Die meisten vertreiben Häuser nicht nur aus ein oder zwei Regionen, sondern haben wahllos Angebote aus ganz Italien, ein Haus in der Toscana, eines auf Sardinien, eine Wohnung am Gardasee. Und, wenn ich ein bisschen mit ihnen spreche, dann stellt sich heraus, dass sie meist gar nicht selbst vor Ort waren, die Häuser gar nicht selbst kennen. Dafür wird man von fast jedem gleich zum Essen eingeladen, für abends. Aber, Du weißt, dass ich so was nicht mache, ich habe natürlich immer abgelehnt.

Eine Firma war ganz gut, der Inhaber war verreist, aber ich habe sehr lange mit einer Mitarbeiterin telefoniert, sie war sehr nett und wir haben lange auch über Italien geredet, das tat richtig gut.

Vorgestern wollte ich abends etwas essen gehen, es gibt hier in der Nähe ein italienisches Lokal. Es war schon ein klein bisschen später, so knapp 22.00 Uhr. Die Gäste saßen alle bei Dessert und großen Tassen Kaffee. Man hat mir erklärt, ich sei zu spät, die Küche würde gerade schließen. Unglaublich!

Stefano, ich bin mir sicher, ich bin in Kürze wieder zurück, Du musst mir glauben, ich mache hier nur meine Arbeit, ich gehe nicht aus, ich denke an nichts anderes als an Dich. Bitte, melde Dich, bitte, ganz kurz. Es tut mir so weh und mein Herz ist so schwer. Ich weiß nicht, wie ich das hier noch aushalten soll. Oder sprich mit Papa und hol mich ab, egal was, aber so kann ich es nicht aushalten. Bitte!

Ich küsse Dich, Amore,

Deine

Chiara

Diese Briefe sind vom Oktober 2010 bis zum Frühjahr 2011 und setzen die Teile ABSCHIED I bis IV fort. Ich habe sie aus dem Italienischen übersetzt und lange überlegt, ob ich sie hier veröffentliche. Aber sie sind nun mal Teil meiner Geschichte. Bitte geht behutsam damit um.

BRIEF 1

 München, 14. OKTOBER 2010

Caro Stefano,

ich bin jetzt seit vier Tagen hier und habe Dich seit dem nicht erreichen können. Ich habe Deine SMS bekommen, als ich auf der Fahrt war. Ich weiß nicht, wie oft ich Deine Nummer gewählt habe, wieviele SMS ich schon geschickt habe. Ich habe seit vier Tagen nicht geschlafen und nicht gegessen. Bitte, antworte mir endlich! Du weißt, dass ich nicht hier bin, um Dich zu ärgern, dass ich nicht gerne gegangen bin! Was hättest Du an meiner Stelle getan, wenn Deine Familie Dich gebeten hätte? Es ist doch auch nicht für lange. Ich bin hier in einer großen Wohnung und werde nicht viel draußen sein, Du musst Dir also keine Sorgen machen. Es wird sich doch nichts ändern für uns. Es ist so ungewohnt, hier zu sein. Wenn ich aus dem Fenster schaue sehe ich nur kahle Bäume und Häuser. Alles ist so fremd. Ich weiß nichts von diesem Land, ich spreche die Sprache, aber ich habe das Gefühl, nichts, aber auch gar nichts, zu verstehen. Und es ist kalt hier, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr.

Ich war einkaufen, es gibt nur Dinge, die mir nicht vertraut sind, die Leute sind alle sehr beschäftigt, keiner hat Zeit, sich zu unterhalten oder für ein Lächeln. Es kommt mir vor, dass alles hier erstarrt ist.

Nachts fühle ich mich so einsam und alleine, meine Alpträume sind wieder gekommen, so dass ich versuche, erst gar nicht ins Bett zu gehen, sondern tagsüber etwas auszuruhen. Und ich habe diese lange Liste an Anrufen, die ich erledigen muss, davor graut mir auch.

Bitte, gib mir eine kurze Nachricht, nur ein Wort, einen Satz, irgend etwas. Ich komme so schnell wie möglich zurück, und dann wird alles wieder, wie es war.

Du kannst meine Tränen jetzt nicht sehen, aber ich sende Sie Dir mit.

Ich liebe und vermisse Dich

Deine Chiara