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Der Morgen, als mein Vater und Paolo beschlossen, alte Bauernhäuser an deutsche Kunden zu verkaufen, ist nun schon ein paar Jahre her. Inzwischen bin ich geometra, das ist eine Mischung aus Bautechniker und Architekt. Ich bin berechtigt, die Planung für Restaurierungen zu erstellen und auch bei der Gemeinde zugelassen, diese Pläne als Bauanträge einzureichen. Ich liebe diese Arbeit, besteht sie doch zum größten Teil darin, in alten verfallenen Ruinen herum zu steigen, diese zu vermessen, zu fotografieren und später die Umbauplanung zu erstellen, um diese alten Häuser wieder mit alten Materialien liebevoll zu restaurieren. Ich würde euch einladen, einen Tag mit mir in den Hügeln zu verbringen, wo ich drei neue Häuser begutachten soll. Lust dazu? Dann los.

…Der Morgen ist grau in grau, und der gestrige Abend hat sich als wirrer Traum in meinem Kopf festgesetzt, als ich aufwache. Wie fast immer weckt mich meine innere Uhr um 6.00 Uhr. Das ist schön, wenn ich der Sonne zusehen kann, wie sie aus dem Meer klettert, heute ist nichts von ihr zu sehen. Ich werde heute nachholen, was ich die letzten Tage wegen der Hitze immer wieder aufgeschoben habe und ein Stück ins Land fahren, um drei neue Häuser anzusehen, von denen wir gehört haben.

Ich nehme die Superstrada in Richtung Ancona und fahre eine Weile mit Blick aufs Meer entlang. Bei San Mauro biege ich ab in Richtung Hügel. Ich will zuerst nach Savignano, das schon etwas höher liegt. Ich mag diesen Ort sehr, eine so romantische Fußgängerzone die auf der großen Piazza endet. Ich setze mich dort in die Bar und bestelle mir einen caffè und ein Hörnchen, als zweites Frühstück. Ich diskutiere mit dem Besitzer ein wenig über das grässliche Wetter, und weil er behauptet es wird regnen, sage ich das Gegenteil, und drei alte Männer mischen sich begeistert in die Diskussion ein. Sie freuen sich über die Abwechslung und gewinnen so ein wenig Zeit bis die nächste Runde Wein für den viel zu frühen aperitivo bestellt werden muss.

Hinter dem Ort steigt die Straße sofort steil an und ich schraube mich die Serpentinen hoch in die Hügel der Emilia Romagna. Ich suche die erste Abzweigung und als ich sehe, dass die letzten Kilometer zum ersten Haus geteert sind, ahne ich schon, dass das nichts sein wird. Zu den alten Ruinen, die wirklich gut liegen, führen keine Teerstraßen. Und richtig, als ich an der Adresse ankomme, sehe ich als erstes Rollladen! Absolut daneben, das Haus ist ein klassisches Betonhaus aus den Siebzigern, völlig uninteressant, so dass ich nur kurz halte, das Navi neu füttere und direkt zum nächsten Haus weiterfahre.

Es gibt drei Arten von Straßen hier in den Hügeln, einmal die geteerten Straßen, die meist voller Schlaglöcher sind, dann die strade bianche, die weißen Straßen, das sind gekieste Wege, die ebenfalls von den Gemeinden gepflegt werden. Diese Straßen durchziehen das Hinterland wie kleine Adern und verbinden meist auch noch den abgelegensten Hof. Sie sind aus weißem Kies, da Teer im Sommer bei uns viel zu weich wird, wenn die Sonne draufknallt und die schweren Traktoren die Teerstraßen in kürzester Zeit zerstören. Die dritte Art sind die Privatstraßen, die zu ganz abgelegenen Häusern führen, sie sind meist bessere Feldwege. Es gibt nichts Teureres, als eine Privatstraße zu unterhalten.

Das Navi hat schon lange aufgegeben und ich fahre eine Straße zum dritten Mal auf und ab, als ich endlich die beschriebene Abzweigung entdecke. Es geht in einen Hohlweg, steil nach oben. Nach der ersten Kurve endet die feste Kiesdecke bereits und der Weg ist nun mit losem Split bedeckt. Das ist tückisch. Unter der dünnen Kiesdecke lauert fango, so heißt diese Lehmart bei uns, die in Verbindung mit Regen zu Schmierseife wird, fast tonartig, eine feste, wasserundurchlässige Schicht, in die es kein Reifenprofil schafft, einzudringen. Daher haben wir in den Weinbergen auch meist Raupenfahrzeuge im Einsatz, ein Traktor kommt oft nicht weit. Ich lege die Geländeuntersetzung ein und streichle das Gaspedal. Wenn das Auto stehen bleibt, kommt man nicht mehr wieder los. Die großen Geländereifen schieben die Kiesschicht locker beiseite und schlittern auf der Lehmschicht langsam nach oben. Nach der nächsten Kurve öffnet sich der Hohlweg zur Hangseite, es geht ca. 150 Meter steil nach unten, links ragen schroffe Felsen aus der Wand. Der Blick ist atemberaubend, die Wolken hängen tief, der Blick ins Tal ist verwehrt, aber einige der Hügelspitzen ragen aus den Wolken heraus und bieten ein wundervolles Schauspiel. Der schwere Wagen rutscht immer wieder zur Seite weg und ich versuche ihn, fast im Standgas, alleine kriechen zu lassen. In Gedanken kalkuliere ich bereits die Kosten, dieses Stück Straße wieder befahrbar zu machen und übersehe den großen Brocken, der aus dem Boden steht und fahre halb über ihn drüber, woraufhin das Auto beginnt parallel zur Straße Richtung Abhang zu gleiten. Ich nehme das Gas ganz weg, stelle die Vorderräder quer und hoffe, dass der Wagen rechtzeitig anhält, während der Hang in Zeitlupe auf mich zukommt. Ich schnalle mich prinzipiell nie an beim Fahren und denke noch, dass das vielleicht ein Fehler sein könnte, da bleibt der Wagen endlich stehen. Ich nehme den Gang raus, ziehe die Handbremse bis zum Anschlag, warte bis mein Puls etwas runter ist und das Adrenalin verfliegt. Dann steige ich aus, ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter. Dieser fango ist unglaublich. Ein Kind wäre in der Lage, ein Zweitonnen Auto alleine von der Stelle zu schieben. Der Wagen hängt hinten rechts an einem Felsbrocken fest. Was für ein Scheißtag! Ich würde zu gerne gegen die Karre treten, aber ich habe Angst, dass ich sie damit den Hang runter schieben könnte. Ich werde das Auto nie über den Felsen fahren können, ohne zu riskieren, den Hang herab zu stürzen, rückwärts kann ich nicht fahren, weil ich dann ins Rutschen kommen werde und Hilfe kann ich keine holen, weil hier kein Handyempfang ist. Ich gehe die Straße ein Stück weiter und sehe in einiger Entfernung das Haus, das ich suche. Ich funkle es böse an und rauche die nächste Zigarette. Ich werde mich rauswinschen müssen, aber es gibt nirgends etwas, wo ich das Seil festmachen könnte, das heißt, ich muss einen Anker eingraben und es wird mich endlos Zeit kosten. Ich hab schon oft Anker vergraben und mit Seilwinden gearbeitet, wir brauchen das häufig in den Weinbergen, an besonders steilen Stellen, aber alleine und in den harten Lehmboden ist es eine Strafe. Ich komme mit dem kleinen Notspaten kaum in den Boden rein und werde so wütend, dass ich irgendwann den großen „high lift“ aus dem Auto hole und den Anker damit in den Boden dresche. Davon wird er zwar ziemlich hinüber sein, aber ich habe eh nicht vor, das Ding noch mal auszugraben. Mit der Winde ist es relativ einfach, nach oben zu kommen, kritisch ist der erste Moment, als sich der Reifen wehrt, über den Felsen zu kommen, aber als er gerade so drüber ist und wieder zur Seite rutscht, arbeitet die Winde richtig gut und zieht in gerade hoch. Als ich beim Haus ankomme, sehe ich aus wie ein Schwein, komplett voll Schlamm, verschwitzt, die Haare wirr im Gesicht und eine Stelle an meiner Hand blutet. Aber ich bin hier allein, keiner sieht mich so.

Das Haus ist eine Offenbarung. Ein klassisches altes Herrenhaus, zwei Stockwerke, dazu ein Seitenflügel, der irgendwann angebaut worden ist. Es steht auf einer Anhöhe, ganz alleine, vom Stil her schätze ich es auf Minimum 100 Jahre, wahrscheinlich sogar älter. Die Fenster sind längst heraus gefault, es gibt nur noch die leeren Öffnungen, sein Dach ist gut zur Hälfte eingestürzt, die Fassade von Rissen durchzogen. Aber es strahlt eine Eleganz aus, wie eine alte Dame, die einmal unglaublich schön gewesen ist.

Als erstes sehe ich mir die Risse genauer an. Man sieht an ihnen gut, ob der Boden ungleichmäßig abgesackt ist und die Fundamente stabilisiert werden müssen, aber das Haus steht hier oben auf Fels, das sollte kein Problem sein. Auch Erdbebenschäden kann ich auf den ersten Blick nicht sehen, der Dachkranz ist gut erhalten, und das obwohl keine Verspannungen eingebaut sind. Das Haus ist halb eingewachsen, so dass ich nicht ganz herumlaufen kann. Das bedeutet, dass ich die Grundfläche innen vermessen muss, was aufwändiger ist, aber geht halt nicht anders.

Ich nehme die Taschenlampe, das Laser-Meßgerät und ein Klemmbrett und betrete das Haus. Schon in der Halle bekomme ich Gänsehaut, es ist kühl hier drin und mir läuft ganz kurz ein Schauer über den Rücken. Nach links und rechts gehen Türen ab, ich gehe zuerst nach links, in die ehemaligen Ställe. Bis auf die gemauerten Futterbecken ist nichts mehr vorhanden. Die meisten Bauernhäuser sind so aufgeteilt. Im Erdgeschoss sind die Ställe gewesen, oben wurde gewohnt. In Italien müssen Wohnräume per Gesetz eine Mindesthöhe von2,70 Meterhaben, daher muss man die alten niedrigen Ställe nach unten ausgraben, um die Raumhöhe so zu erreichen. Auf der anderen Seite der Halle sind mehrere Kammern, ungewöhnlich leer, normalerweise findet man in den alten Häusern immer Spuren von Menschen, die hier irgendwann mal ein paar Tage Unterschlupf gefunden haben.

Die alte Steintreppe ist gut erhalten, oben finde ich Terrakottaböden. Die Fußböden wurden ganz einfach gebaut, auf großen Eichenbalken, die im Abstand von einigen Metern von Außenmauer zu Außenmauer gehen, wurden dünnere Holzlatten gelegt. In diese Lattung wurden dann die Terrakotta-Steine gedeckt. Fertig. Zweckmäßig, billig und nach den vielen Jahren saugefährlich. Denn die Latten werden morsch, und der Boden bricht dann ein wie nichts. Man muss versuchen, sich im Erdgeschoß die ungefähre Lage der alten Eichenbalken einzuprägen, nur auf ihnen kann man im oberen Stockwerk sicher laufen. Ich muss oft schmunzeln, wenn ausländische Kunden von uns die Adressen der Ruinen möchten, um die Häuser „erstmal alleine“ anzusehen. Abgesehen davon, dass diese Häuser gar keine Adressen mehr haben, es ist lebensgefährlich, sich darin unbedarft zu bewegen.

Das Haus ist riesig, die Treppe endet in einem großen Raum mit altem offenen Kamin, eher einer Feuerstelle. Das Dach ist hier eingebrochen und ich kann in den diesigen Himmel über mir blicken. Vom Kamin ist nichts mehr übrig, aber die Ziegel an der Wand sind rußgeschwärzt, so tief in den Stein eingegraben, dass kein Regen den Stein je mehr sauber bekommen hat. Fünf Türen gehen von hier ab, es ist ganz still hier drin, und ich bekomme wieder Gänsehaut, diesmal so stark, dass mir fast die Haut vom Körper gezogen wird. Ich kenne dieses Gefühl schon, ich habe es oft in diesen Häusern. Diese alten Mauern sind wie große Speicher. Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich habe immer wieder darauf geachtet, es liegt nie an mir, was ich gerade empfinde, in manchen Häusern werde ich traurig, in einigen bekomme ich Angst und manchmal könnte ich geradezu lostanzen.

Ich gehe langsam in den ersten Raum und hoffe, dass ich den Balken unter mir auch richtig im Gedächtnis habe, kleine Schritte, immer erst vorsichtig tastend. Hinter der Türe ist das erste Zimmer auch leer, der Putz ist abgebröselt, die alten Dachbalken sind zerfressen, aber noch dick genug, man wird sie lassen können, der zweite Raum ist ebenfalls leer, abgesehen von ein paar alten Zeitungen, die in einer Ecke liegen, ganz vergilbt, alte Schrift, ich blättere sie durch und suche nach einem Datum und kann es nicht glauben, 1964, wow.

Auf der anderen Seite sind noch drei Türen, zwei davon kann ich nicht erreichen, der Boden ist eingebrochen und es ist zu gefährlich, ungesichert drüber zu steigen. Die letzte Türe. Meine Gänsehaut kommt wieder, ganz stark jetzt, mir wird kalt und dann stehe ich im Zimmer. Es ist komplett eingerichtet, ein einfacher Kleiderschrank, ein Bett, zwei Heiligenbilder, auf dem Nachttisch eine Marienstatue mit einem Rosenkranz. Das Bett ist gemacht, die Bettdecke hängt in Fetzen runter, das Kopfkissen, sicher einmal blütenweiß ist nur noch grau und staubig. Auf dem Kopfkissen liegt eine kleine Spitzendecke, darauf ein kleines Kreuz, ordentlich hingebettet. Ich kenne solche Zimmer, ich finde sie immer wieder. Der letzte der hier wohnenden ist in diesem Zimmer verstorben. Und die Kinder räumen irgendwann das Haus aus, aber sie bringen es nicht über sich, das Sterbezimmer zu entrümpeln, also machen sie das Bett, legen ein Kreuz auf das Kissen und kommen meist nie wieder her. Ich stehe lange da und versuche mir vorzustellen, wer hier gelebt hat, und als ich anfange, traurig zu werden, bekreuzige ich mich und verlasse das Zimmer. Ich will nach draußen, an die Luft, ans Licht, zurück ins Leben.

Freitag, das Telefon klingelt.
„Pronto!“
„Hallo, Chiara?“ Ah, eine Freundin von mir. Sie kennt doch meine Stimme, aber jedes Mal fragt sie noch mal nach.
„Si, was gibt’s?“
„Wir wollten dich einladen, morgen, zum Mittagessen. Gibt da nen tollen Italiener, in Bogenhausen (was immer das ist). Du hast doch Zeit, oder?“
Hm, das durchkreuzt meine Pläne fürs Wochenende. Ich hatte mir viel vorgenommen. Wollte zwei Tage sehr intensiv auf der Terrasse sitzen, Wein trinken, essen, lesen, schlafen, schreiben, nachdenken. Aber ich weiß eh, dass sie nicht lockerlassen wird.
„Hm, ok, wann meinst Du denn?“
„So gegen 12.30 Uhr. Ist dir doch recht, wenn wir noch jemanden mitbringen?“
Alarmglocken! Ich ahne Schlimmes und bin voll in die Falle getappt.
„Äh, nur ein Bekannter von uns, er ist, äh, allein derzeit.“ Pause „Ein ganz Netter!“ schiebt sie noch nach.

Das übliche Spiel. Seit wir uns über die Arbeit kennen gelernt haben, waren wir ein paar Mal aus, sie hat mir ein wenig die mir unbekannte Stadt gezeigt und ich habe sie und ihren Freund ein paar mal am Sonntag zum Essen eingeladen. Und irgendwann hat sie beschlossen, einen Mann für mich zu finden. Gegen meinen Willen, aber das stört sie nicht.

Samstagmorgen. Ich habe wenig geschlafen, die ganze Woche schon, aber ich könnte die Welt umarmen. Ich trödle beim Frühstück, trinke unmengen Caffè, schaue aus dem Fenster. Bis mir einfällt, dass ich um 12.30 Uhr verabredet bin. Eine unmögliche Zeit, da hab ich normalerweise gerade so den aperitivo verdaut. Aber mir wurde erklärt, dass in Deutschland die Küche mittags nicht so lange offen hat. Warum auch immer. Ich habe keine Lust auf Mister Unbekannt, der mir heute wieder vorgestellt wird. Ich mag ohnehin keine arrangierten Dates, kann er nett sein, wie er will.
Ich überlege, was ich anziehe, Mittlerweile kompensiere ich diese „Verkupplunsdates“ mit wechselnden Rollen. Heute wäre mir nach der arroganten Römerin oder der schusseligen Landpomeranze. Ich bewundere die Frauen in Rom. Sie haben es perfektioniert, sich die aufdringlichen italienischen Männer vom Hals zu halten. Sie kleiden sich elegant, sie schaffen eine Aura um sich, die unüberwindbar ist, sie haben diesen Blick, der vernichtend und milde zugleich ist, kurz, sie sind Göttinnen. Aber auch verdammt anstrengend, diese Aura aufrecht zu erhalten. Ich entscheide mich für ein cremefarbenes Kostüm, rosefarbene Seidenbluse und meine größte Sonnenbrille, die ich habe.

Plötzlich fällt mir ein, ich bin ja in Deutschland, ich sollte also pünktlich sein. Okay, pünktlich werde ich nicht mehr schaffen, aber, hm, sagen wir, noch einigermaßen.
Ich fahre mit dem Lift ins Untergeschoss, steige aus, sehe eine Katze, zwei Frauen, wundere mich kurz, sehe plötzlich eine winzige Maus – und dann trifft mich fast der Schlag. Die beiden Weiber fangen an zu schreien wie am Spieß und ich bekomme einen Anflug von Kopfschmerzen. Die Maus quetscht sich unter der Türe zur Tiefgarage durch, die Frauen stehen zitternd da, die Katze schaut blöde. Oh Mann. Ich schließe die Türe zur Tiefgarage auf, die Maus drückt sich ängstlich an die Wand, wenn ich jetzt einfach gehe, wird die Katze sie erwischen, oder sie bekommt von dem Geschrei einen Herzinfarkt. Die Maus starrt mich an, ihr Herz rast, sie pumpt wie verrückt. Scheiße. Ich überlege kurz, greife mir ein Stück Pappkarton, scheuche die Katze weg und treibe die Maus die Treppe nach oben. Sie springt tapfer von Stufe zu Stufe, die letzten schafft sie kaum noch, dann kommt die Katze zurück und die Maus springt die ganze Treppe wieder in einem Satz zurück und quetscht sich wieder unter der Türe zur Garage durch. Jetzt langt’s. Ich gehe in den Keller, hole einen Blumentopf, jage das Tier gut 5 Minuten, bis sie müde ist, dann endlich kann ich den Topf über sie stülpen, den Karton drunter schieben und die kleine Maus in den Nachbargarten aussetzen.

Im Restaurant komme ich mit einer halben Stunde Verspätung an. Julia und Kurt sehe ich schon von der Straße aus, als ich meinen Smart parke, Mister Unbekannt sitzt mit dem Rücken zur Straße. Die Begrüßung ist wie immer übersichtlich zurückhaltend, anders als ich das von zu Hause kenne, aber das weiß ich inzwischen ja schon. Mein Date steht steif auf und gibt mir die Hand, ich mustere ihn kurz durch meine Sonnenbrille, die ich unhöflicherweise auflasse und vergesse seinen Namen sofort wieder. Gut, wir sitzen draußen, ich kann also rauchen. Schlecht, wir sitzen draußen, ich kann also nicht ab und zu zum rauchen verschwinden.
Ich erzähle die Geschichte mit der Maus und der Typ versucht beeindruckt zu tun, ich merke aber ganz genau, dass er nicht begreift, warum man sich wegen einem Tier so viel Mühe macht. Die drei haben schon eine Flasche Wasser auf dem Tisch, kein Wein. Ich schaue mich um, münchner Chic, wohin man blickt. Nur teure Autos am Straßenrand, zwei Frauen kommen in einem Porsche, finden einen Parkplatz direkt vorm Lokal, schauen erfolgsheischend in die Runde. Ich beginne mich unwohl zu fühlen. Ich esse lieber in kleinen Trattorien, wo der Wirt selber kocht und keine Speisekarte ausliegt, weil man gesagt bekommt, was heute gut ist.

Der Kellner kommt. Ein Italiener. Begrüßt uns auf italienisch, ich gebe mich vorerst nicht zu erkennen. Er fragt die Getränke ab, und alle bestellen sofort. Ich strahle ihn an, sage ihm, dass ich noch nicht weiß, was ich essen werde und daher natürlich nicht weiß, was ich trinken möchte. Dann frage ich ihn, was er empfehlen kann. Antwort: „Bei uns ist alles gut.“ So so.
Ich klapp die Karte auf. Dachte ich mir schon. Stinknormales Saltimbocca: € 22,90, Seezunge: € 26,90, Scampi vom Grill: € 28,90. Die Weinempfehlung der Woche, die Flasche fast 25 Euro. Ich kenne den Wein, der kostet im EK keine sechs Euro.
In Italien gibt es einen schönen Spruch, der geht ungefähr so: Nach einem harten Tag lässt du dich abends in die Obhut eines verständnisvollen Wirts fallen. Ok, ich werde mal versuchen, mich in die Obhut dieses Kellners fallen zu lassen. Mister Date schlägt vor, zum Essen noch den Wein der Woche zu nehmen, ich lächle ihn an und sage ihm, dass ich lieber einen offnen Wein möchte. Dann bestelle ich mir das Menü, sagenhaft günstig für € 19,90, eine Vorspeise, Pasta, als Hauptgericht Straccetti, also Rindfleischscheiben.
Julia schwärmt inzwischen meinem Date vor, wie gern ich esse, wie gut ich koche, wie ALLEINE ich bin, das betont sie in jedem zweiten Satz. Er erzählt irgendetwas von seiner Arbeit, was wohl beeindruckend ist, aber leider seine Wirkung verfehlt, weil ich eh nicht zuhöre. Wir sitzen in der Sonne, die drei fangen an zu schwitzen, mir ist etwas kühl und ich überlege, wie schön der Sonntag werden wird.
Meine Pasta sind Ravioli mit einer Soße aus Sahne, Schinken, Erbsen, sie tragen den Namen des Lokals, sind aber stinknormale Supermarktnudeln, dazu völlig überwürzt, viel zu viel Pfeffer – regulärer Preis außerhalb des Menüs: völlig überteuert. Ich stochere lustlos darin rum und schütte mir viel zu viel vom Rotwein rein. Die anderen loben das Essen, das Ambiente, die Gegend, erklären mir, das dies Bogenhausen sei, und das man hier halt noch „gutes Publikum“ habe – was immer ich mir darunter vorzustellen habe. Der Parmesan fehlt, der Rotwein ist viel zu warm, der Typ viel zu langweilig, meine Laune sinkt immer weiter. Der Kellner wuselt zwischen den Tischen, macht einen auf total beschäftigt und hat keinerlei Auge für die Wünsche seiner Gäste. Ich winke ihm kurz zu, warte bis er vor mir steht und in seinem deutsch-italienisch, dass er besonders gespreizt einsetzt, gelangweilt fragt, was ich will. Ich lächle ihn an und dann schwalle ich ihn auf italienisch zu, sage ihm, dass seine Nudeln nicht schmecken, sein Wein zu warm ist und er den Parmesan gar nicht mehr bringen braucht und die Vorspeise mitnehmen soll. Das alles sage ich lächelnd, so dass meine Begleiter denken, ich freue mich. Als er den Teller beleidigt mitnimmt, schauen sie mich fragend an, und ich erkläre, dass ich noch Platz für den Hauptgang lassen will.
Dann erzählt mein Date, wo er dieses Jahr schon war und wo er noch hin will und was ich davon halten würde, und ob ich da schon gewesen bin. Ich spiele gelangweilt mit meinem Handy, strahle ihn an, tue interessiert – und setze einen Hilferuf an meine Timeline bei Twitter ab.
Um mir die Zeit zu vertreiben, gehe ich zur Toilette. Im Restaurant ist es leer, alle sitzen draußen, in der Sonne. Na ja, theoretisch, denn inzwischen wurde die riesen Markise ausgefahren, denn den Gästen ist das bisschen Sonne natürlich schon viel zu heiß. Ich frage zwei Kellner auf deutsch, wo die Toiletten sind, bekomme zur Antwort, es gibt keine und beide lachen sich kaputt. Ich lächle zurück, und sage dann auf italienisch, dass ich mir das bei diesem Laden schon gedacht habe. Sie starren mich an und dann kommt ein kleiner Mann hinter der Bar vor, begrüßt mich, lächelt, fragt mich, woher ich komme und wir unterhalten uns eine ganze Weile. Ich erzähle ihm, woher ich bin, warum ich hier bin und wir tauschen wehmütig unser Heimweh nach zu Hause aus. Er fragt mich, wie das Essen war und als Italienerin sage ich ihm natürlich nicht, dass es mies war, sondern suche nach Ausflüchten, was er natürlich merkt. Und so landen wir in der Küche. Ich liebe Restaurantküchen. Diese Hektik, dieser Trubel, dieser Lärm. Als Kind war ich oft bei meinem Onkel im Restaurant, habe den Köchen zugesehen, von Ihnen gelernt, diese Aufregung genossen. Sein Koch ist Sizilianer, ein dicker gemütlicher Mann mit riesen Bauch und großem Schnurrbart. Ich erzähle ihm von seinen Nudeln und er brüllt einen Aushilfskoch zusammen, hört sich genau an, was mir nicht geschmeckt hat, erklärt mir entschuldigend, dass er sich an den hiesigen Geschmack anpassen muss, erzählt mir von seinem Zuhause und schenkt mir einen Grappa ein. Ich erzähle von Onkel Carlo, von dessen Restaurant, das ich so liebe. Ich frage ihn, was er mit den Straccetti macht und wir diskutieren eine Weile. Zartrosa, das ist klar. Bratkartoffeln? Ich frage ihn, ob er mich umbringen will. Ruccola mit in Scheiben geschnittenem Parmesan, ok. KEIN Balsamico drauf, unmöglich. Wir diskutieren, jeder verteidigt seine Anschauung, wir nähern uns vorsichtig an einen Kompromiss heran. Die Gewürze? Knoblauch? Nein, die deutschen Gäste mögen das nicht so sehr. Mir egal, ich schon. Schließlich einigen wir uns auf eine Zubereitung. Zum Abschied küsse ich ihn auf die Wange und gehe zurück zum Tisch. Mein ungewolltes Date schaut irritiert, wo ich so lange war. Vermutlich denkt er, meine Verdauung sei etwas durcheinander. Mir egal, ich grinse vor mich hin. Mein Handy summt unentwegt, meine Timeline reagiert auf den Hilferuf, einer bietet sogar an, mich da raus zu holen. Ich muss lächeln.
Dass mein Gericht völlig anders ist, als auf der Karte, merkt keiner, sie schaufeln ihre Bratkartoffeln in sich rein und loben das Essen.
Mein Ausflug in die Küche hat scheinbar den Zeitplan ins Wanken gebracht, denn mein Date will schon bezahlen. Ich bestelle ungerührt einen Caffè und einen Limoncello und fühle mich zum ersten Mal ein bisschen Wohl.

Wir gehen jetzt noch Kaffeetrinken, teilt mir Julia mit. Aha, ich trinke doch gerade Kaffee, denke ich, aber sie meint diese Kaffee und Kuchen Sache, die ich noch nicht richtig durchblickt habe. Man isst morgens mehr als man kann, dann schaufelt man zum – viel zu frühen – Mittagessen tonnenweise Sättigungsbeilagen in sich rein, um danach sofort riesen Tassen Kaffee zu trinken und Torten dazu zu essen. Nur um dann um 19.00 Uhr schon wieder zu Abend zu essen. Ein tödlicher Kreislauf.

Fahr doch mit Ralf, ordnet Julia an, er kann dich später zu deinem Auto zurückbringen. Toll, ich fahre also mit Ralf zu Julia. Ralf ist toll. Ralf fährt Porsche. So denkt zumindest vermutlich Ralf. Ich steige also in seinen Wagen zudem er mir galant (affig) die Türe aufhält, dann springt er selber jugendlich sportlich rein, schiebt sich die RayBan zurecht und lässt den Motor an. Beim Einlegen des Gangs spreizt er den kleinen Finger ab und berührt damit wie unabsichtlich meinen Schenkel. Ich trage keine Strümpfe, was sich nicht gehört, zu so einer Einladung, aber ich bin in solchen Dingen ein kleiner Anarchist und die Berührung seines Fingers auf meiner nackten Haut ist unangenehm und ich unterdrücke den Impuls, ihm eine zu knallen und rutsche stattdessen ganz nach rechts in Richtung Türe. Ralf raucht nicht und daher bin ich gemein und räche mich, indem ich mir eine Zigarette anzünde, und als er mich anstarrt und überlegt, ob die Bitte, nicht zu rauchen, seine Chancen bei mir verschlechtern könnte (nein, den er hat eh keine), frage ich ihn schon ganz nett, wo denn der Aschenbecher sei. Aber den nutzt er als Lager für Pfefferminzbonbons, wohl damit sein Atem gut riecht, wenn er wieder mal seinen kleinen Finger beim Schalten ausfährt. Also öffne ich das Fenster und der Windzug verteilt die Asche im ganzen Auto. Wasn Pech.

Kaffeetrinken. Es ist wie befürchtet Filterkaffee, eine riesen Tasse, dazu gibt es Torte, Schwarzwälder Kirschtorte, wie ich inzwischen weiß, ein riesen Stück. In Deutschland ist alles groß und viel. Das ist mir schon oft aufgefallen. Man trinkt keinen Schluck Espresso, sondern einen ganzen Eimer Kaffee, Süßes ist nicht eine Kleinigkeit zum Kosten, sondern ein ganzer Teller voll, Wein ist nicht ein Schluck im Glas, sondern gleich randvoll eingeschenkt.

Wir sind in Ralfs Wohnung und er macht sofort den Fernseher an und zeigt uns Urlaubsbilder. Gefühlt sehe ich tausende Bilder von Ligurien, Toscana, Amalfiküste. Dazu erklärt mir Ralf Italien. Ich bekomme gesagt, wo ich UNBEDINGT hinmüsse, wo es schön sei, was ihn genervt hat und wie man sich wo zu verhalten habe. Irgendwie scheint er immer noch nicht begriffen zu haben, dass ich aus diesem Land stamme. Oder schlimmer, er glaubt, es besser zu kennen, als ich. Ich habe meine Schuhe ausgezogen und die Füße hochgezogen, auf seiner Designercouch, was ihn auch schon wieder zu irritieren scheint. Langsam werde ich müde, so müde, ich lege den Kopf nach hinten und schließe die Augen, denke an die kleine Bar am Meer, in der ich genau jetzt so gerne wäre, an die Wellen, höre die Möwen ihre spitzen Schreie ausstoßen, lächle bei dem Gedanken, wie schön es ist, nach einem langen Mittagessen in der Sonne zu dösen, stelle mir vor, wie ich einem bestimmten Menschen all diese profanen schönen und wundervoll einfachen Sachen zeige. Und von dem ich weiß, dass sie ihm gefallen würden.

Tag 8 und Abschied

Ich sitze allein am großen Tisch in der Münchner Wohnung und starre aus dem Fenster. Vor einer Woche war ich mit meiner Familie am Meer beim großen Ostermenü, jetzt ist das alles wieder weit weg. Wieder habe ich diese verhasste Reise gemacht, wie beim letzten Mal. Die letzte Nacht hatte ich in meinem Haus am Meer verbracht, war morgens nochmals an den Strand gelaufen, ich schließe die Augen und lasse nochmals meine Gedanken und den Tag davor an mir vorbeiziehen.

Der letzte aperitivo bei Paolo in meiner Bar. Ich starre in mein Glas und Paolo redet auf mich ein, was er alles für die bevorstehende Saison ändern wird und ich nicke hin und wieder, völlig abwesend, ich höre ihm gar nicht zu. Als ich aufspringe, hastig zahle und zu meinem Wagen gehe, schaut er mir verwirrt nach, dann drehe ich nochmals um, nehme ihn kurz in den Arm, drücke ihm einen Kuss auf die Wange und gehe endgültig, bevor er meine Tränen sehen kann.

Ich fahre in die Hügel, zu unserem Hof, und als ich ankomme, schlagen wie immer sofort die Hunde an und mein Vater kommt aus dem Haus. Mir war nie aufgefallen, dass er schon so gebückt geht und seine Schritte nicht mehr ganz so federn, wie früher, aber vermutlich wollte ich das auch nie sehen.

Wir küssen uns und ich habe mich lange auf dieses Gespräch vorbereitet und möchte ihm so vieles sagen und ihm erklären, warum ich nicht mehr fort will und wie es mir geht, so weit weg, und wie ich es hasse, in einer großen Stadt zu leben, wie ich denke, dort zu ersticken, wenn ich nicht mein Meer sehen kann und die Hügel und das weite Land, in dem ich groß geworden bin.

Wir gehen nicht ins Haus sondern er will etwas mit mir laufen, und so steigen wir den Hang hinter dem Haus hinauf. Der schmale Pfad ist jetzt im Frühjahr schon zugewachsen und man reißt sich an den Dornenranken manchmal etwas die Haut auf und es ist schwierig, die Steigung zu schaffen, ohne pausenlos über Wurzeln zu stolpern. Ganz oben aber belohnt uns der Blick. Von hier sieht man in die höheren, schon schroffer werdenden, Hügel, man sieht viele Weinberge und Felder, ein Großteil davon gehört zu unserem Hof. In die andere Richtung kann man bis hinunter zum Meer sehen, das meist etwas im Dunst liegt, so dass das Blaugrau des Himmels oft mit dem Meer verschmilzt. Heute jedoch ist der Blick klar und der Horizont weit draußen auf dem Meer bildet eine scharfe Kante zum Wasser.
Wir sprechen lange nichts, schauen nur in die Ferne und ich denke an die vielen Male zurück, die wir hier gesessen sind, als ich klein war und viele Fragen hatte, die ich pausenlos gestellt habe. Als ich größer war, und die Fragen noch mehr wurden, die man ab einem gewissen Alter aber nicht mehr zu stellen wagt, und an die vielen Gespräche mit meinem Vater an diesem Ort.
Ich erinnere mich plötzlich genau an diesen Morgen, als ich von oben kam und meinen Vater mit einem Bekannten in der Küche angetroffen hatte, und als da die Idee geboren wurde, ins Immobiliengeschäft einzusteigen, mit mir als halbe tedesca (deutsche), die sich um die ausländischen Kunden kümmern könnte. Und an mein Studium, das mir ermöglicht wurde, obwohl ich die Einzige war, die Interesse hatte, von uns Kindern, irgendwann den Hof weiter zu führen. Und daran, wie ich für ein oder zwei Monate nach Deutschland sollte, um neue Partner zu finden. Und an den „todsicheren“ Tipp von Paolo, dem Makler, als mein Vater sich an einer deutschen Firma beteiligt hat. Und dass wir nun – unfreiwillig – über 40 Häuser besitzen, die der Geschäftsführer dieser Firma nach und nach kaufte – aber nie bezahlt hat.
Und dann erzählt mir mein Vater die Geschichte, wie er mit knapp zwanzig Jahren die Nachricht bekam, dass sein Bruder verunglückt sei, und er, der sich gerade ein neues Leben aufgebaut hatte, in Sizilien, mit seiner deutschen Frau, die er gegen jeden Widerstand geheiratet hatte, um Hilfe gebeten wurde, zurück zu kommen, in sein Elternhaus, in die Emilia, um den Hof zu retten. Und wie es war, zurück zu kehren, dorthin, wo ihn alle verstoßen hatten. Und wie viel Arbeit es gekostet hatte, den runtergewirtschafteten Hof wieder Stück für Stück rentabel zu machen, mit der tedesca, meiner Mutter, an seiner Seite, die lange nicht akzeptiert wurde. Ich schaue auf die Felder ringsum, die Weinberge, all das Land, das ich eines Tages bestellen werde, auf die Ställe, die Tiere, um die ich mich dann kümmern werde, die Olivenbäume, die ich irgendwann ernten werde, und plötzlich wird mir klar, dass es in Ordnung ist, wenn etwas weh tut, dass es in Ordnung ist, wenn man etwas eine Weile nicht gern macht, aber ich erkenne auch, dass es manchmal Umwege geben muss, vielleicht auch, weil man dann Dinge wirklich erst zu schätzen lernt, weil man die oberflächliche Betrachtung ablegt und den tieferen Sinn erkennt. Außer mir und meiner Mutter spricht keiner bei uns Deutsch. Wer also sollte den Job machen. Mir wird klar, dass es eine Generation nach mir geben wird, für die wir etwas schaffen müssen, gerade auch in einem Land, in dem man nichts zu erwarten hat, außer dem, was einem die eigene Familie gibt.
Ich weiß, dass dieser unabdingbare Familienzusammenhalt schwer nach zu vollziehen ist, aber bei uns gibt es keine soziale Absicherung, kein Fangnetz. Wer fällt, der fällt tief. Italien war die meiste Zeit seiner Geschichte zerbrochen in einzelne Provinzen. Die einheitliche Sprache, das „Hochitalienisch“, wenn man so will, wurde erst durch das Fernsehen geschaffen. Noch heute versteht ein Sizilianer einen Venezianer nicht, wenn sich nicht beide auf eine dialektfreie Sprache einigen. Unsere Geschichte, unsere Politik, unsere Lebensart, all das hat uns zu misstrauischen Individualisten gemacht. Ohne das soziale Netz der Groß-Familie hat man kaum eine Überlebenschance.

Wir sitzen, bis die Schatten lang werden und treten kurz vor Einbruch der Dunkelheit den Rückweg an.
Auf dem Weg zurück ans Meer ist mein Kopf leer. Etwas zu verstehen, etwas entschieden zu haben, das bedeutet noch lange nicht, auch damit umgehen zu können.

Ich wache auf und habe einen klebrigen Geschmack im Mund. Die Sonne steigt gerade aus dem Meer und ich laufe an den Strand. Es wird Regen geben, die Wolken haben schon diese violette Farbe und auf dem Wasser tanzen kleine Schaumkronen, die den nächsten Sturm ankündigen. Ich stehe lange am Leuchtturm, der Geschmack meiner Tränen vermischt sich mit dem salzigen Duft der Brise, die vom Meer herzieht. Ich kann mich nicht losreißen, friere, weine, zittere. Irgendwann murmle ich „ciao, amore„, dann drehe ich mich um und gehe zurück, um zu packen.

Tag 7 Abend und Tag 8

Gestern Abend haben mich meine Freunde zu einem Abschiedsessen in eine Pizzeria ausserhalb der Stadt eingeladen. Die italienische Küche wird ja oft auf Pizza reduziert, aber eine wirklich gute Pizza ist ein Kunstwerk. Natürlich taugt sie auch nur etwas, wenn sie aus dem Steinofen kommt, mit echtem Feuer. Nicht aus einem Schamottofen, oder gar aus dem Backofen, nein, es muss ein Feuer im Ofen gebrannt haben. Das ist auch der Grund, warum so viele Touristen mittags fassungslos in einer Pizzeria stehen, und nicht begreifen, dass es gar keine Pizza gibt. Warum? Weil der Ofen erst für das Abendgeschäft angeheizt wird, zweimal am Tag ist zu aufwändig. Anders als in Deutschland trinken wir zur Pizza auch prinzipiell keinen Rotwein, sondern Bier. Ein seltenes Vergnügen, kostet Bier bei uns doch ein Vermögen. Größere Gruppen lassen sich das Bier übrigens im Literkrug bringen und verteilen es dann wie Wein in die Gläser. Für Deutsche eine Unsitte, aber wir haben diese Trinkgewohnheit vom Wein übernommen.
Übrigens, wenn ihr in Italien Essen seid, ignoriert ruhig die Weinkarte. Jedes Restaurant bietet auch offene Weine an, bestellt einfach un quarto (ein Viertel) oder un mezzo (einen halben Liter) rosso (rot) oder bianco (weiß). Bei Weißwein unterscheidet man den „stillen“ Wein, fermo, oder den prickendeln, frizzante. Diese offenen Weine kosten den Bruchteil einer Flasche und sind in der Regel direkt vom Bauern um die Ecke.

Als ich wieder zu Hause war, hat es angefangen zu regnen und die ganze Nacht geschüttet, als Bauerntochter freut mich sowas, die Pflanzen brauchen das Wasser dringend. Und wieder mußte ich an München denken, an die Nächte, in denen ich dem Rauschen des Regens gelauscht habe, und mir dabei vorgestellt habe, es sei das Meer.

Der heutige Tag gehörte ganz mir. Ich habe auf das Frühstück bei Mario verzichtet und bin die Küste in Richtung Norden hoch gefahren. In Casal Borsetti habe ich dann am Strand gefrühstückt und bin die kleinen Orte an der Küste entlang gefahren. Nach Casal Borsetti kommt lange Zeit kein Ort, hier beginnt das Po-Delta und die Landschaft ist so gar nicht typisch italienisch, es ist durch die Flußadern so feucht hier, dass die Vegetation fast einem Dschungel gleicht, Hier gibt es sogar ganze Laubwälder, die bei uns im südlicheren Italien eher selten sind, weil es zu trocken ist. An einem schönen Strand habe ich dann einige Stunden mit Baden und faul in der Sonne liegen verbracht – und mit sehr viel Nachdenken.

Mittags habe ich ein kleines Restaurant am Strand gefunden. Ich war zuerst ganz alleine im Lokal und habe mir nach einer Portion Spaghetti mit Venusmuscheln noch Tintenfisch und Garnelen am Spieß vom Grill bestellt. Dann kam ein deutsches Paar und setzte sich an den Nebentisch. Sie haben versucht, irgendetwas zu bestellen, aber der Kellner konnte kein Wort deutsch und das Paar kein Wort italienisch, und als er immer wieder sagte, er wolle Spaghetti mit Fleischsouce bin ich ganz hippelig geworden. Ich habe mir schon vor Jahren abgewöhnt, mich bei so etwas einzumischen, zu lange muss ich danach immer Fragen beantworten, warum ich beide Sprachen akzentfrei spreche, wo ich lebe usw., aber irgendwie haben mich die beiden gerührt, im letzten kleinen Kaff, ausserhalb der Saison, völlig fertig von der Hitze und hungrig. Also hab ich sie gefragt was sie möchten und sie überzeugt, dass es Spaghetti Bolognese nicht wert sind, als Hauptgericht gegessen zu werden und den beiden wohl das Menü ihres Lebens bestellt. Ich hoffe, sie haben inzwischen alles verdaut und können sich wieder rühren.

Der letzte aperitivo für einige Zeit bei Paolo war heute nicht so entspannt wie sonst, zu sehr hat mich das bevorstehende Gespräch mit meinem Vater beschäftigt, mit meiner Zukunft und mit meiner morgigen Abreise.

Ich bin noch zu aufgewühlt von diesem Gespräch und zu aufgeregt wegen der morgigen Abreise, darum kann ich darüber noch nicht schreiben. Ich bin danach zurück in mein Haus am Meer gefahren, ich möchte morgen früh nochmal an den Strand, bevor ich fahre, mich von meiner großen Liebe verabschieden, von meinem Land und vom Meer.

Tag 6 Nacht und Tag 7

Gestern Nacht waren wir in einem Club in Cervia, endlich mal wieder ausgehen und tanzen, das habe ich fast ein halbes Jahr lang nicht gemacht. Dafür habe ich auch echt fiese Blasen an den Füßen bekommen, aber das wars mir wert. Da wir Einheimischen die überteuerten Touristenclubs meiden, sind wir es gewohnt, teilweise die halbe Nacht zu fahren um in die größeren Städte zu kommen, sei es nach Bologna, Modena, oder, ganz verrückt, die gut 200 Kilometer bis nach Rom. Cervia ist nur ca. 20 Minuten entfernt, und da noch keine Saison ist, sind auch die Badeorte noch okay.
Ich habe keinen Vergleich zu deutschen Clubs, da ich in München nur ab und an in einem Restaurant war, aber ich habe in Deutschland öfter betrunkene Jugendliche gesehen. Alkohol ist bei uns eigentlich kein großes Thema, wir dürfen schon in jungen Jahren Wein probieren und lernen ganz gut, mit Alkohol umzugehen. In Italien ist es unüblich, angetrunken zu sein, in den meisten Restaurants bekommt man auch immer nur ein Glas auf den Tisch, so ist man gezwungen, das obligatorische Wasser abwechselnd zum Wein zu trinken. Ich weiß, ich kenne die Geschichten von den betrunkenen Italienern auf dem Oktoberfest, aber wir können in erster Linie mit Wein umgehen, Bier ist nicht so verbreitet bei uns. Und die gleichen Leute würden sich hier Zuhause nie so gehen lassen. Nun, auf der Tanzfläche ist mir Stefano wieder begegnet, und er war nicht angetrunken, sonder sehr betrunken. Und weil ich auch ein kleines Miststück sein kann, habe ich darauf geachtet, dass er sieht, dass ich mit vielen Männern getanzt habe und immer wenn er mich beobachtet hat, habe ich mich bemüht, mit meinem jeweiligen Tanzpartner besonders viel Spass zu haben. Ein Scheissspiel, ich weiß, aber irgendwie hat er mich so verletzt, dass ich nicht anders konnte.

Heute morgen war ich nach einer sehr kurzen Nacht um sechs Uhr bereits wieder am Strand, bin am Ufer entlang gelaufen, habe die Luft genossen und als mir klar wurde, dass ich mein geliebtes Meer übermorgen wieder verlassen muss, auch wieder ein paar Tränen vergossen.

Bevor ich in unser Büro gegangen bin, war ich wie jeden morgen Frühstücken. Italiener Frühstücken nicht wirklich. Ich war in München zweimal zum „Brunch“ eingeladen. Brunch, das kannte ich nicht, klingt komisch, dachte ich mir, war auch komisch, musste ich dann feststellen. Man ißt am Vormittag allerlei Sachen, so dass man zum Mittagessen nicht mehr essen kann, weil einem kotzübel ist, von all dem Zeug am frühen Vormittag.
Nein, ich trinke wie jeder Italiener morgens 3 – 4 espressi, dann geht man in eine Bar, bestellt einen weiteren espresso und ißt dazu ein frisches Hörnchen, die gibt es pur, mit Pudding oder Marmelade gefüllt. Wenn man möchte, kann man dieses „Frühstück“ auch ein zweites Mal am Vormittag wiederholen. Alternativ darf es auch ein cappuccino sein. Der cappuccino ist ein Frühstückskaffee, weil er richtig satt macht. Übrigens, wer sich als Hardcore-Tourist outen will, der bestellt fleißig nach dem Mittagessen, oder gar nach dem Abendessen, einen cappuccino. Das kommt einer tödlichen Beleidigung gegenüber dem Koch gleich. Man sagt ihm damit, dass sein Essen entweder so schlecht, oder so wenig war, dass man nicht satt geworden ist, und daher einen sättigenden Frühstückskaffee braucht. Cappuccino trinkt man nur Vormittags, ansonsten gibt es nur Caffè, also den klassischen Espresso.

Dann war ich in unserem Büro. Schön war es, Paolo wieder zu sehen, den ich seit ich klein bin, kenne, und bei dem ich vor vielen Jahren nach der Schule und schon während dem Studium gearbeitet habe. Mittlerweile gehört die Firma ihm und meinem Papa je zur Hälfte. Nicht so schön war, Sabrina kennenzulernen. Sie spricht etwas deutsch, und macht jetzt zum Teil meinen Job, nämlich für deutschsprachige Kunden zu dolmetschen. Und macht mich somit hier ein Stück entbehrlicher, was meinen Rückkehrplänen eher entgegenarbeitet. Und obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe, es nicht zu finden, war sie mir auch noch sympathisch.
Ich habe dann ein wenig erzählt, wie wir im Büro in Deutschland arbeiten, wie unsere Terminplanung aussieht, dass – außer mir – alle ab 8.00 Uhr morgens anwesend sind, dass wir Montag Vormittag und Freitag Nachmittag ein Meeting abhalten (bei dem ich meist fehle), morgendliche Verspätungen nicht geduldet werden, in den Meetings Fragenkataloge abgearbeitet werden, Anruferlisten zu führen sind und vieles mehr. Paolo hat sich vor Lachen auf die Schenkel geklopft. Als ich dann erzählt habe, dass es praktisch keine Mittagspausen gibt, sondern von acht Uhr bis siebzehn Uhr durchgearbeitet wird, und Mittagessen aus einem Sandwich besteht, das man nebenbei am Schreibtisch ißt, stand ihm das blanken Entsetzen im Gesicht.
In Italien arbeitet man bis ca. 13.00 Uhr. Dann geht man Essen, entweder nach Hause, oder in ein Restaurant. Vor halb vier – frühestens! – erwartet einen keiner zurück im Büro. Auch würde niemand auf die Idee kommen, einen Geschäftsanruf in dieser Zeit zu tätigen, man hat also wirklich seine Ruhe und versäumt nichts. Ich arbeite in Deutschland sehr viel von zu Hause aus, weil mich diese Büroatmosphäre in den Wahnsinn treibt. Aber als ich täglich nach meiner „italienischen“ Mittagspause zig Nachrichten auf meiner Mailbox hatte, habe ich diesen Rhythmus aufgegeben, es war einfach zu nervig, dann alles aufzuarbeiten.
Dafür arbeiten wir in Italien natürlich länger, der Feierabend beginnt später, die Kinder sind länger auf und man bekommt auch um zehn Uhr Abends noch etwas zu Essen, eben ein ganz anderer Tagesablauf.

Heute Nachmittag war ich ein paar Häuser ansehen. Wir verkaufen alte Ruinien, Rustici, also Bauernhäuser an Kunden, die diese dann wieder restaurieren und meist als Ferienhaus nutzen. Manche Häuser kaufen wir auch selbst und sanieren sie, um sie dann fertig weiter zu verkaufen. Ich vermesse dieses Häuser, fotografiere sie und mache die Planungen für den Umbau, als geometra bin ich auch berechtigt, Baupläne bei der comune (Gemeinde) einzureichen und genehmigen zu lassen. Es war wundervoll, wieder einmal in den alten Häusern herumzusteigen und sich durch Gestrüpp zu kämpfen. Manche dieser Häuser stehen seit Jahrzehnten leer, sie sind schwer zu finden, haben teilweise keine Hausnummer und einige erreicht man nur mit einem Allrad, wenn die Zufahrt nicht mehr existiert.

Auf dem Rückweg nach Hause war ich noch kurz in Ravenna, im historischen Zentrum und bin in eine der vielen Kirchen gegangen. Ich liebe diese Ruhe, die Zeit für ein paar Gedanken bietet. Aus dem Kloster hörte man die Mönche beim nachmittäglichen Gebet singen, und ich habe eine Münze in den Kirchenbrunnen geworfen, um mir etwas zu wünschen.
In Ravenna ist eines der schönsten Cafes, das ich kenne, das „Caffè Corte Cavour“, die Außenplätze sind in einem romantischen Innenhof und der Besitzer stellt dort auch seine Gemälde aus. Woran ich mich erst wieder gewöhnen musste, sind die aufdringlichen italienischen Männer, ich hatte fast vergessen, wie sie sich benehmen. In Deutschland kann man als Frau gehen, wohin man will. Eventuell bekommt man ein kurzes Lächeln, einen zurückhaltenden Blick, aber selten mehr. In Italien wird man als Frau ständig angesprochen, man bekommt Bemerkungen hinterhergerufen, eindeutige Angebote unterbreitet. Dagegen hilft nur der „Römerinen Blick“, ständig gelangweilt, desinteressiert und arrogant durch die Gegend zu laufen, die obligatrische Sonenbrille, die das halbe Gesicht bedeckt, tut ihr Übriges. Perfektioniert haben das die Frauen in Rom. Ich habe noch nirgends auf der Welt Frauen getroffen, die diese Rolle der unnahbaren, gelangweilten und desinteressierten Frau so perfekt speielen wie dort.

Meine Aufenthalt neigt sich dem Ende zu, heute Abend haben mich meine Freunde zu einem traditionellen Pizzaessen eigeladen, morgen bin ich nocheinmal auf unserem Hof. Paolo, mein Papa und ich müssen reden, ich kann meine Rückkehr nach München besser etragen, wenn ich weiß, wie lange ich noch dort bleiben werde. Wenn wir keine vernünftige Lösung finden, werde ich ausbrechen. Wenn es sein muss, arbeite ich lieber als Bedienung in einem Strandcafe, Hauptsache ich darf am Meer sein.

Tag 6

Nachdem ich gestern mit der Familie den Ostersonntag verbracht hatte, waren heute meine Freunde dran. Ich hatte ja erzählt, dass ich das bereits im Februar geplante Menü über den Haufen geworfen hatte, nach dem wir in den letzten Tagen dieses neue Restaurant besucht hatten, und sich auch noch herausgestellt hatte, dass ich die Betreiber kenne. Ein Restaurant, das jeden Yachthafen schmücken würde, ganz in weiß, die Terrassen rundherum in dunklem Holz, das Ganze keine zehn Meter vom Ufer entfernt. Das le Vele liegt zwischen zwei Orten, die zu den Lidi, den Stränden, von Ravenna gehören, zwischen Lido Adriano und Lido di Dante. Lido di Dante ist ein Geisterort, er besteht nur aus Ferienhäusern, ausserhalb der Saison ist dort kein Mensch. Das Interessante ist, dass hier ein Nationalpark beginnt, zu diesem Park gehört ein fast 10 Kilometer langer Strand, der unter Naturschutz steht. Naturschutz heißt, er darf nicht bebaut und nicht bewirtschaftet werden, sehr wohl aber zum Baden benutzt werden. Hier kann man Strand pur erleben, hier werden keine Muscheln weggerecht und kein Treibholz entfernt. Man muss durch eine dicke Schicht Muscheln ins Wasser, es gibt keine Wellenbrecher und nach einem Sturm werden hier ganze Bäume angeschwemmt und der Natur überlassen. Leider sieht man auch, was auf dem Meer sonst noch so alles über Bord geht, meistens Abfall, manchmal sieht man an den angeschwemmten Stücken aber auch, dass da wohl ein Boot den Sturm nicht geschafft hat.

Wir waren einige Leute und hatten einen Tisch direkt am Fenster. Wenn man hinaus gesehen hat, war das kleine Stück Strand zwischen dem Restaurant und dem Wasser gar nicht zu sehen, so dass man das Gefühl hatte, direkt auf dem Meer zu sein.
Auch heute gab es wie gestern ein vorgegebenes Menü, man kann nur zwischen Fleisch oder Fisch wählen, theoretisch, denn niemand würde wohl auf die Idee kommen, hier Fleisch zu essen.
Es gab zwei antipasti, einmal warme Tintenfischstücke in einer Limonensoße, mit kleinen Kartoffelstückchen, dann eine kalte Portion Miesmuscheln, traditionell in Knoblauch- Weißweinsud. Dann eine Portion Tagliatelle mit Meeeresfrüchten. Hier musste ich wie immer eine Diskussion mit dem Koch führen. Bei uns in der Emilia wird jeder Sugo (also die Souce) mit Tomaten zubereitet, das nennt sich in rosso (rot), außer bei Spaghetti mit Venusmuscheln, aber selbst da habe ich es schon erlebt. Eine Region weiter, die ich sehr liebe, in Le Marche (den Marken) ist die Zubereitung ohne Tomaten verbreitet, das nennt sich dann in bianco (weiß). Die Grundrezepte sind fast gleich, Olivenöl, Weißwein, Knoblauch, Kräuter, nur eben ohne Tomaten. Kurz und gut, ich habe eine weiße Souce bekommen.
Nach dem üblichen Sorbet gabs dann noch fritierten Fisch, mit Garnelen, Tintenfischringen, ganzen Gamberitini zum selber knacken und halben Krabben, zum auspuhlen. Fritiert heißt hier übrigens nicht, dass man das ganze in die Friteuse kippt und in Fett ertränkt, sondern klassisch, also in kochendem Olivenöl ausbäckt, was wesentlich bekömmlicher ist und auch nicht so reinhaut.
Die Krönung waren die spiedini, die Spieße vom Grill, mit Tintenfisch und Garnelen.

Mit Dessert, Caffè und Amaro (Amaro bezeichnet den „Schnaps“ nach dem Essen) waren wir fast vier Stunden im Restaurant. Statt Grappa habe ich einen Limoncello bekommen, das ist ein Zitronenlikör. Die Flasche wird im Eisfach aufbewahrt, man muss ihn eisgekühlt trinken. Es war selbstgemachter, und man hat die Sonne aus den Zitronen Siziliens förmlich herausgeschmeckt.

Wie alle Italiener stehe ich in ständigem Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden, per Telefon, SMS, E-Mail, und das quasi rund um die Uhr, daher wissen natülich auch alle, wie ich mich in München gefühlt habe. Als wir nach dem Essen faul im Sand lagen, kamen die ersten Fragen, wie es in Deutschland so sei, was mir dort nicht gefalle, warum ich es dort so schrecklich finde. Aber das ist ein Mißverständnis, ich finde Deutschland nicht schrecklich oder schlimm. Im Gegenteil, es ist ein wunderbares Land, so sauber, so sicher (ich habe dort nirgends vergitterte Fenster an den Häusern gesehen), Zusagen werden eingehalten, alles funktioniert, es gibt ernst zu nehmende Politiker, die Leute sind höflich, Termine werden eingehalten. Was mich immer gewundert hat, ist, dass ich in Deutschland eigentlich niemanden getroffen habe, der gern dort zu leben scheint, niemanden, der zufrieden ist, oder Glück ausstrahlt, oder Stolz ist, auf sein Land. Das habe ich bis heute nicht kapiert. Wir Italiener platzen schon vor Stolz über unser Italien, in dem so viel im Argen liegt, hätten wir ein Land wie Deutschland, wir würden vermutlich ausflippen.
Nein, es ist nicht Deutschland, dass es mir so schwer gemacht hat, es ist die Situation, dass ich mich nicht umsehen konnte, mir ein Plätzchen aussuchen konnte, an dem ich mich dann niederlasse. Es ist die Situation, dass ich einfach plötzlich in München war, und dass ich dachte, ich bleibe 1 oder 2 Monate, und dann gehe ich wieder heim. Und nun ist daraus ein halbes Jahr geworden, und wie es aussieht, wird noch mindesten ein weiteres halbes Jahr dazukommen.
Und dann musste ich plötzlich an die vielen Tränen denken, die ich in München schon vergossen habe, wenn ich abends alleine in dieser viel zu großen Wohnung sitze, und an die vielen Nächte ohne Schlaf, an die Momente, wenn ich Nachts auf die Terrasse gegangen bin, und gelauscht habe, ob ich irgendetwas höre, das mir vertraut ist, oder wie ich mich gefreut habe, wenn Sturm war, oder wenn es geschüttet hat, wie ich dann trotz größter Kälte ein Fenster geöffnet habe und mir vorgestellt habe, ich höre das Meer, das da so rauscht – all das fiel mir plötzlich wieder ein, und trotz dem guten Essen, dem vielen Wein, der Sonne heute am Strand wurde mir auf einmal so kalt und ich bekam Angst, in ein paar Tagen wieder genau da weiter zumachen, wo ich vor einer Woche aufgehört hatte.
Und sie haben mich alle in den Arm genommen und mich getröstet und dann bin ich trotz des kalten Wassers schwimmen gegangen und habe das Salz geschmeckt und obwohl ich fast erfroren bin, habe ich mir vorgestellt, dass ich einem Meer aus Tränen schwimme – und das hat mich irgendwie getröstet.

Tag 5 mit Abend

Heute gehts zum Ostermenü. Ich werde ja immer wieder gefragt, wie man ständig soviel essen kann, ohne furchtbar fett zu werden. Ich glaube, der Unterschied liegt in unserer Eßkultur. Wir haben meist hohe Temperaturen und essen daher natürlich viel leichter als nördlichere Länder. Und in Italien sind Beilagen zum Essen unüblich. Man kann ohne weiteres Fleisch oder Fisch ohne alles bestellen, das ist völlig normal. Will man Beilagen, findet man diese separat auf der Karte. Ohne diese Sättigungsbeilagen reduziert sich natürlich die Kalorienmenge gewaltig. Übrig bleibt Fisch, Fleisch, Gemüse – in der Regel nur mit Olivenöl gebraten oder gegrillt. Dazu gibts noch ein paar Tricks, wie z.B. ganz wichtig: Hände weg vom Brotkorb. Und ab und zu einfach mal das Abendessen weglassen, wenn man ohnehin das Mittagessen bis in den Nachmittag ausgedehnt hat, ergibt sich das von selbst.

Wir waren heute mit der ganzen Familie in einem meiner Lieblingsrestaurants zum großen Ostermenü, das Lokal war brechend voll. Unser Tisch war mit fast 20 Personen einer der größeren Familientafeln. Vera, die Wirtin, hat mich abgeküßt und ich musste wieder etwas heulen, wie das ja schon die ganzen Tage so geht.
Es gab zwei verschiedene Antipasti, ich kenne das deutsche Wort dafür nicht, also eigentlich die Vorspeise zur Vorspeise. Zuerst Miesmuscheln in Knoblauch-Weißweinsoße und danach Tintenfischringe (unpaniert). Dann kamen die beiden eigentlichen Vorspeisen, zuerst Pasta mit Meeresfrüchten und danach ein Risotto mit Muschelfleisch.
Um für den Hauptgang gerüstet zu sein, gibts dann dazwischen traditionell ein Sorbet. Das ist dann der Punkt, an dem spätestens jeder das erste mal stöhnt. Die beiden Hauptgerichte waren zuerst eine Portion fritierter Meeresfrüchte und dann noch eine gemischte Platte mit gegrilltem Fisch. Dazu unmengen von eisgekühltem Frizzante. So ein Essen kann man natürlich nicht schnell hinter sich bringen, denn natürlich unterhalten wir uns alle wild durcheinander, erzählen uns die neuesten Geschichten und so vergeht die Zeit, während man dazu langsam ißt.
Nach dem Hauptgericht ging ich nach draußen, um zu rauchen, und während ich in Gedanken an einer Mauer lehne, steht plötzlich Stefano vor mir. Er sieht wie immer blendend aus, seine schwarzen Locken glänzen noch mehr als sonst, er trägt ein weißes Hemd zur schwarzen Hose und grinst mich schief an. Ich habe mich die ganzen Tage schon vor dieser Begegnung gefürchtet und merke, wie mir die Knie weich werden. Er fragt mich, wie es mir geht und ich werde unsicher und merke wie mir der Schweiß ausbricht. „Und, wie ist es in Deutschland?“, schiebt er dann grinsend hinter her, und ich denke an unsere letzte Nacht und seine Vorwürfe und die SMS, mit der unsere Verlobung gelöst hat und bekomme auf einmal wieder dieses Gefühl, ihm wehtun zu wollen, und ich sage ihm, dass er recht hatte, und dass ich jetzt einen Freund dort habe – was gar nicht stimmt – aber er glaubt es und seine Augen funkeln plötzlich und dann nennt er mich puttana (Hure), er spuckt mir dieses eine Wort förmlich ins Gesicht und dreht sich um und lässt mich stehen und ich bin ganz erstaunt, weil ich merke, dass es mir fast nicht mehr weht tut, zumindest viel weniger, als ich gedacht hätte.

Nach dem Dessert, dem Grappa und dem Caffè verabschiede ich mich, ich fahre nicht zurück mit in die Hügel, ich bleibe am Meer, denn am Ostermontag steht das zweite Menü an, diesmal mit Freunden, in einem Restaurant, das ich vor wenigen Tagen erst kennengelernt hatte, direkt am Strand.

Ich liege am Nachmittag in meinem Schlafzimmer auf dem Bett, draußen tobt das Leben, als mein Handy klingelt, es ist Stefano. Aber ich habe keine Lust, mit ihm zu sprechen und klicke ihn weg. Nachdem dieses Spiel einige mal hin und her geht und er nicht aufgibt, schalte ich in den Flugzeugmodus und schlafe ein.

Gegen sieben Uhr bin ich verabredet, aber ich komme erst um halb acht an, und sitze mit vielen meiner Freunde beim aperitvo. Alle waren heute mit Ihren Familien beim Ostermenü, so essen wir alle fast nichts und begnügen uns mit etwas Wein.

Danach fahren wir die Küste hoch, ich möchte heute in meine Bar, ich habe schon einmal davon erzählt, diese kleine Bar direkt am Hafen, in der ich immer das Gefühl habe, die Zeit wird angehalten, und man klinkt sich für eine Weile aus der Welt aus. Wir fahren mit mehreren Autos und bevor wir in das Lokal gehen, bummeln wir noch etwas am Pier entlang. Der eigentliche Hafen ist weiter im Land, der Industriehafen von Ravenna, und das Pier ist auch kein schickes Hafenpier, sondern einfach alt, vergammelt und dreckig. Aber ich mag diesen Ort so gerne und nachdem wir noch ein paar Fischern zugesehen haben, die Ihre Boote für die Nacht fertig machen, in der sie wieder auf See fahren, suchen wir uns einen Platz in der Bar, wo wir für Stunden reden und alle die Zeit vergessen. Es ist Claudio, der irgendwann völlig übermüdet zum Aufbruch drängt. Aber ich will noch nicht nach Hause und obwohl mich meine Freunde nicht zurücklassen wollen, kann ich Ihnen doch irgendwie klar machen, dass ich noch ein paar Minuten bleiben will – ich hatte das von Anfang an ohnehin vor.

Und dann sitze ich allein an diesem vertrauten Ort und lasse den Blick schweifen und mir fallen die vielen Abende und Nächte wieder ein, die ich hier schon gewesen bin, manchmal besonders glücklich, manchmal besonders traurig, aber immer irgendwie in einer besonderen Stimmung. Und so sitze ich in Gedanken versunken hier, und als ich irgendwann dann zahle und gehe, ist es so spät, dass die Motorfähre nicht mehr fährt und ich muß einen riesen Umweg fahren, bis ganz nach Ravenna rein, zur ersten Brücke, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass manchmal Umwege nötig sind, um die sonst so selbstverständlichen Dinge erst wirklich schätzen zu können.

Tag 3 Abend und Tag 4 mit Abend

Das Fest am Strand ist wunderschön, wir lachen viel, trinken Wein und tanzen bis spät in die Nacht. Ein Feuerwerk am Meer ist etwas ganz besonderes, die vielen Farben die sich auf dem Meer spiegeln, versetzen mich jedesmal in eine ganz besondere Stimmung. Zwischendurch gehe ich ein wenig am Strand entlang und betrachte die Küstenkulisse. Die Lichter der einzelnen Orte sind aufgereit und die weiter entfernten flimmern etwas. Es gibt kaum ein Bild, dass ich so sehr mit dem Somer verbinde, wie diese Lichter, die sich ganz weit in der Ferne langsam verlieren.

Sehr spät fahre ich zu unserem Haus in den Hügeln. Ich kenne die Strecke auswendig, so oft bin ich sie gefahren. Die ganze Zeit habe ich einen kleinen Fiat vor mir und als wir aus dem Ort kommen, überhole ich ihn trotz durchgezogener Linie. Prompt blinken hinter mir die Blaulichter einer Streife auf und ich hoffe, es ist normale Polizei und keine Carabinieri. Aber ich habe Pech, sie setzen sich vor mich und als ich angehalten habe, kommt einer der beiden auf meinen Wagen zu. Ich habe in Deutschland ein paar Sendungen gesehen, über Polizeikontrollen in Deutschland und mich immer gewundert, wie sich die Autofahrer gegenüber den Polizisten verhalten haben. In Italien sollte man das lieber lassen, bei den Carabinieri gleich zweimal. Praktisch ist es so, dass man in Italien, egal was man tut, immer gegen irgendein Gesetz verstößt. Wir haben soviele Gesetze, die kein Mensch kennt oder versteht. Ich habe gleich mehere Probleme, ich war zu schnell, es war Überholverbot und komme von einer Strandparty mit viel Wein. Also grüße ich höflich, während er unbeeindruckt meine Papiere verlangt. Fieberhaft überlege nach einem Aufhänger, um ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Mein Auto wurde in Deutschland gekauft und ich habe ein deutsches Kennzeichen, da es auf eine Firma von uns in Deutschland zugelassen ist. Also gebe ich ihm statt des Fahrzeugscheins meinen italienischen Pass. Er stutzt kurz und fragt mich mißtrauisch, was ich in einem deutschen Auto mache. Also erzähle ich ihm, dass ich lange nicht hier war, zu meinen Eltern will, zu spät dran bin, meine Mama sich sicher schon Sorgen macht und er fragt mich, wie es in Deutschland sei, wie das Wetter dort ist, und dann erzähle ich ihm von dem neuen Restaurant am Strand und als wir zehn Minuten geplaudert haben, gibt er mir nur auf den Weg, ich solle meine Mama anrufen, und etwas langsamer fahren. Italien eben.

Obwohl ich wenig geschlafen habe, stehe ich früh auf. Ein Bauernhof ist kein Feriencamp und ich gehe in den Stall, miste aus, füttere die Tiere und frage Papa, was heute zu tun ist. Ich repariere einen Zaun, wir reinigen die Futtersilos nach dem Winter und dann fahre ich mit dem Traktor in die Weinberge. Die Stöcke gehören überprüft, hier und da etwas ausgeschnitten, auf Schädlinge untersucht. Es ist herrlich, mit den Händen zu arbeiten, sich schmutzig zu machen und zu sehen, was man geleistet hat. Plötzlich denke ich an Deutschland, dort habe ich etwas kennengelernt, dass ich so bisher nicht kannte. Dieses Gefühl, am Montag morgen fast durchzudrehen, weil soviel in so kurzer zeit zu tun ist, sich der Hektik zu beugen, unsinnige Terminvorgaben ein zu halten, dieses Gefühl, wenn sich der Magen verkrampft, weil man drei Dinge gleichzeitig zu muss. In der Landwirtschaft lernt man Gelassenheit, eine Pflanze wächst nicht in einem Tag, die Natur hat eigene Regeln, das wichtigste ist, Geduld und Zeit zu haben. Und plötzlich zittern meine Hände, als ich daran denke, wie ich mich die letzten Monate gefühlt habe.

Mittags grillen wir verschiedene Fleischsorten. Ich habe Leute kennengelernt, die fertig mariniertes Fleisch gegrillt haben, auf einem Grill, den sie mit Spiritus angeheizt haben, und dann zum Schluß nochmals irgendwelche Soßen aufs Fleisch gekippt haben. Wir grillen traditionell auf Holzfeuer in einem gemauerten Kamin, das Fleisch wird vorher in Olivenöl eingelegt, mit ein paar Kräutern und einem Hauch Knoblauch, wenn es fertig ist noch kurz gesalzen, basta. Das Einzige was man dann schmeckt, ist das Fleisch. Und natürlich Gemüse, ich liebe gegrilltes Gemüse, Zuchini, Auberginen, Tomaten, Paprika, Fenchel, alles kurz angegrillt, ist ein Traum.

Am Abend kamen Gäste aus dem Süden, mein Papa hat seine Wurzeln auf Sizilien. So haben wir den Nachmittag damit verbracht, die Nudeln zu machen und verschiedene Soßen vorzukochen und Papa war lange im Weinkeller, um seine Familie mit möglichst gutem Wein zu beeindrucken. Unglaublich, aber wir sind tatsächlich so vernünftig, heute etwas weniger zu essen, denn die nächsten beiden Tage werden ziemlich heftig werden. Am Ostersonntag gehen wir zum ersten der beiden Ostermenüs ans Meer, die ganze Familie.

Und dann steht auch noch ein sehr ernstes Gespräch an, denn ich will hierbleiben, ich will nicht mehr zurück nach München.

Tag 2 Abend und Tag 3

Am Abend sitze ich wie immer bei Paolo in der Bar zum aperitivo und beobachte die Schlange an Autos, die sich in den Ort quält. Die Deutschen denken immer, ihre Urlaubsorte sehen das ganze Jahr so aus, wie sie es im Juli oder August kennen gelent haben, alle Cafes und Restaurants in Betrieb, alle Läden bis 22.00 Uhr geöffnet und halligalli jeden Tag. Das ist gar nicht so, es lebt sich auch direkt am Meer recht ruhig. Die Italiener haben nicht ständig Urlaub, und Schulferien gibt es an Ostern gerade mal vier Tage, das wars. Die großen Ferien sind dafür von Mitte Juni bis Mitte September. Die Eltern haben in der Regel zwei Wochen im August, öffentliche Kinderbetreuung gibt es nicht wirklich, daher sind bei uns die Familien so wichtig. Ohne Opa und Oma läuft nichts.
Ostern ist eine große Ausnahme, das feiern wir fast so wie Weihnachten. Verbringt man Weihnachten Zuhause bei der Familie, ist Ostern ein kleiner Saisonauftakt für den bevorstehenden Sommer. Jeder, und ich meine wirklich JEDER Italiener versucht, an Ostern ans Meer zu fahren. Da wir wenige Feiertage haben, oder besser gesagt, da fast jeder Feiertag am darauffolgenden Wochenende gefeiert wird, und somit alle arbeiten müssen, bietet Ostern hier eine Ausnahme. Der Karfreitag ist normaler Arbeitstag, aber Ostermontag ist frei. Circa eine Woche vor Ostern erwachen alle Badeorte aus dem Winterschlaf, die Pools werden befüllt, die Hotelzimmer geschrubbt, überall wird gehämmert, gesägt, geschraubt. Die Straßen werden gereinigt, Lichterketten montiert, alles für dieses eine lange Wochenende am Meer. Die ersten Glücklichen kommen am Donnerstag, die meisten jedoch reisen am Freitag nach Stunden im Stau bis nach Mitternacht noch an.
Dafür wird Ostern dann zweimal gefeiert, mit einem großen Menü am Sonntag und einem kleineren Menü am Montag. An diesen beiden Tagen bekommt man in ganz Italien kein normales Essen in Restaurants, es gibt nur Ostermenüs, je nach Restaurant ab fünf Gängen aufwärts. Plätze muss man frühzeitig reservieren, je nach Lokal am besten schon im Februar, will man noch einen Platz.

Ich habe immer wieder erlebt, wie sich Touristen die Augen gerieben haben. War gerade noch jede Bar geschlossen, so ist am Osterwochenende plötzlich alles in Betrieb – um danach wieder im Tiefschlaf zu versinken. Warum? Ganz einfach, die Italiener kommen erst wieder im August, und die ersten Deutschen haben erst zu Pfingsten wieder Schulferien.
So saß ich in meiner Bar und sah amüsiert zu, wie die Italiener ihr Italien stürmen. Wir sind laut, wir kommen meist mit der gesamten (Groß)Familie in Gruppen ab 10 Personen, jeder hängt am Handy, die Kinder kommandieren ihre Eltern herum und es herrscht ein solcher Lärmpegel, dass die meisten Nicht-Italiener die Flucht ergreifen. Einzig unser Tagesablauf rettet die wenigen Touristen. Kein Italiener würde je auf die Idee kommen, vor halb neun ein Abendessen auch nur in Erwägung zu ziehen. Wenn man mir in Deutschland, die wenigen Male die ich aus war, regelmässig gesagt hat, die Küche habe schon zu, kann man in Italien auch um 22.00 Uhr ohne Probleme noch ein mehrgängiges Menü bekommen.
Nachdem mir Freunde am Abend noch ein Restaurant gezeigt hatten, dass weit ausserhalb in den Hügeln gelegen war, bin ich erst nach drei Uhr ins Bett gekommen.
Am morgen wurde ich geweckt, sehr unsanft, wobei ich nicht sagen kann, ob es die Kreissäge vom Nachbarn, der Dampfstrahler vom Bademeister oder die Straßenreinigung gewesen ist. So etwas wie Ruhezeiten gibt es in Italien nämlich auch nicht.

Am Morgen war ich dann bei meiner „Nonna“ (Oma) Francesca, sie ist nicht meine richtige Oma, aber seit ich denken kann, nenne ich sie Nonna. Sie stammt aus Apulien und hat mir von dort Oliven mitgebracht. Eine ganz spezielle Sorte, sie sind grün, ein Grün, dass ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, so schön, dass sie fast zu schade zum Essen sind.

Mittags war ich bei Freunden, die letztes Jahr ein Restaurant direkt am Strand eröffnet haben. Ganz in weiß, es steht an einem Stück freiem Strand, und das Gebäude bildet einen wundervollen Kontrast zum tiefblauen Himmel und dem Meer. Außen herum sind die Terrassen in dunklem Holz angelegt. Eine Außentreppe führt aufs Dach, das als große Sonnenterrasse genutzt werden kann. Ich habe mir eine Auswahl verschiedener Fische grillen lassen, eine Seezunge, Tintenfisch, Garnelen und einen Anglerfisch. Noch vor dem Dessert habe ich gedankich meine Resrvierung für Ostermontag storniert und mir hier einen Platz reserviert, am gleichen Tisch, mit Blick direkt aufs Meer.

Als ich nach Hause zurück gefahren bin, rief mich eine Freundin an, um mich am Abend zu einer Strandparty einzuladen, mit Musik, Tanz und Feuerwerk. „Es ist Karfreitag“, habe ich ihr gesagt. „Na und?“, kam die Antwort, das Lokal gehört dem Bruder ihres Vaters. Ihr Vater ist Bürgermeister in dieser Provinz. Italien eben.

Ich werde nach der Party noch in die Hügel fahren, auf unseren Hof, dort bleibe ich bis Sonntag Mittag, dann fahren wir zum ersten Ostermenü zusammen ans Meer.
Ich werde Nachts wieder das Fenster offen lassen, die Zikaden haben Paarungszeit und singen die ganze Nacht das Lied des ewigen Sommers.

Tag 1 Abend und Tag 2

Am Abend fahre ich in die Hügel zu meinem Elternhaus. Es ist schön, in die Hügel hinter Ravenna zu kommen. Die Wiesen sind sattgrün, teilweise sind die Felder bereits das erste Mal in dieser Saison abgeerntet. Im August, wenn in Nordeuropa die Saison noch läuft, ist es bei uns längst zu heiß und die Landschaft bereits wieder erdig braun und verbrannt.

Die letzte Steigung, die letzte Kurve, dann fahre ich durch das steinerene Tor und ein paar unserer Hunde begleiten bellend die letzten Meter bis zum Platz vor dem Hof. Meine Eltern warten schon draußen, und das Spiel vom Vortag wiederholt sich, umarmen, abküssen, heulen.
Natürlich haben wir jeden Tag telefoniert, natürlich wissen sie alles haarklein, aber dennoch muss ich nochmal alles erzählen, jede Einzelheit berichten und werde immer wieder geherzt und abgeküsst.

Unter dem Vordach des Haupthauses ist die große Tafel gedeckt und ich weiß, dass bestimmt seit zwei Tagen alles mögliche vorbereitet wurde. Vom Teig für die Nudeln fatto in casa, über die Salate, Beilagen, Fleisch, und Nachspeisen. Die Tafel ist für mindestens 20 Leute eingedeckt, die ganze Familie kommt, um mich zu begrüßen. Wir essen bis weit nach Mitternacht, es gibt unendlich viele Vorspeisen, Nudeln, natürlich, mit verschiedenen Soßen, danach kalte Fleisch- und Wurstplatten, als Hauptgericht Wildschweinragout in Rotweinsoße, das ich liebe, unzählige Desserts und natürlich Wein ohne Ende.

Als um zwei Uhr morgens die letzten Gäste gegangen sind, stehe ich in meinem Zimmer am Fenster und atme die Luft der Wälder und der Weinberge ein – eine erdige, würzige Luft, wie ich sie sonst noch nirgends gerochen habe. Ich lasse das Fenster auf, es ist zwar noch kalt nachts, aber ich freue mich so, die vertrauten Geräusche zu hören, das rauschen der Blätter, die Tiere, den Duft, all das habe ich in München so vermisst, wo ich nur die Geräusche der Großstadt vor meinem Fenster hatte.

Am Morgen wache ich früh auf und sehe weit am Horizont die Sonne aus dem Meer tauchen. Das Meer selbst ist nicht zu erkennen, der Morgendunst lässt den Horizont mit der Wasserkante verschmelzen, während die Sonne wie ein Feuerball daraus auftaucht.

Ich laufe draußen in die Weinberge und klettere, begleitet von zwei Hunden, den steilen Pfad nach oben. Von hier sieht man wundervoll auf unseren Hof und die sanft abfallenden Hänge bis hinunter zum Meer.

Das Frühstück nehme ich unter dem Vordach ein, Espresso und Hörnchen, die meine Mutter frisch gebacken hat. Es ist immer noch ganz still, ein paar Vögel zwitschern, in der Ferne bellt ein Hund. Ich betrachte die alte Natursteinfassade, den alten Pizzaofen, den Pool, der nicht mehr befüllt wird, seit wir Kinder aus dem Haus sind und weiß, dass ich eines Tages hierher zurückkehren werde.

Zu Mittag bin ich mit Freunden in Casal Borsetti verabredet, so fahre ich die Küste entlang und bedauere, dass ich mein Cabrio in München gelassen habe, die Sonne brennt bereits hochsommerlich und fast jedes Bagno hat bereits für den Osteransturm geöffnet.
Casal Borsetti ist ein kleines Dorf, das die Kette der Orte an der Küste Richtung Norden abschließt. Nachdem man durch das mondäne Marina di Ravenna gefahren ist, muss man mit der Motorfähre den Kanal überqueren, der das Meer mit dem Industriehafen von Ravenna verbindet, danach durchquert man Marina di Romea und nach einer Weile Niemandsland erreicht man Casal Borsetti.
Direkt am Strand treffen wir uns in einem kleinen Fischrestaurant direkt am Pier. Meine Lieblingsvorspeise, Spaghetti mit Venusmuscheln, ist schnell bestellt, beim Hauptgericht dauert es länger, ich lehne verschiedene Vorschläge ab und schließlich einigen wir uns auf Tintenfisch und Garnelen vom Grill, aber wir können uns über die Zubereitung nicht einigen und diskutieren endlos. Das ausländische Paar am Nebentisch wird schon ganz nervös, weil sie auch gerne bestellen wollen, aber der Wirt ignoriert sie und versucht mich von seinem Rezept zu überzeugen. Wir verständigen uns schließlich, und als er sich dem Nachbartisch zuwendet, gehen die Gäste wütend aus dem Lokal. Daraufhin grinst er mich an, zuckt mit den Schultern und ich weiß wieder, was mir so gefehlt hat.
Wir essen bestimmt zwei Stunden und dann gehe ich nach draußen, um zu rauchen und setze mich auf eine Mauer in die Sonne und plötzlich ist es da, dieses Gefühl, wenn sich die Seele ganz vom Körper löst, man keinerlei Unwohlsein mehr verspürt, einfach nur im hier und jetzt ist, rundum zufrieden, zufrieden, einfach nur da zu sein. Ein Gefühl, dass mir in Deutschland völlig verloren gegangen war.

Wir laufen über den Strand und dann sehen wir den Anglern am Pier zu. Sie haben noch nichts gefangen, ausser ein paar mickrigen Sardinen, aber zwei von ihnen diskutieren bereits lautstark das beste Rezept, um den Fang am Abend zuzubereiten.

Als ich zurück zu meinem Haus am Meer komme, muss ich mich schon durch die ersten Staus kämpfen, ganz Italien verbringt Ostern am Meer, aber dazu erzähle ich morgen mehr.

Ich bin zum Aperitifo bei Paolo verabredet, danach gehts zum Abendessen in ein Restaurant auf dem Land, das ich noch nicht kenne.